Druckschrift 
Vierter Band (1834) S bis Z
Entstehung
Seite
599
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Talleyrcmd 589

Thron in Englands Freundschaft zu finden, eine Freundschaft, die zugleich al-lein es vermochte, auf die öffentliche Meinung in Frankreich zurückzuwirken, dievermögende Classe hinsichtlich des durch die Revolution erschütterten Credits zuberuhigen und den europäischen Frieden, trotz den Ereignissen in Belgien, aufrechtzu erhalten. Ludwig Philipp sah ein, daß der Krieg sein und Frankreichs Schicksalaufs Spiel setzen müsse, darum wählte er den Staatsmann, der dieselbe Überzeu-gung hatte, indem er wol auch für sein eignes Vermögen besorgt war, und dessenName schon den Cabinetten, wie der französischen Nation selbst, Achtung undVertrauen einflößte, zu seinem Botschafter an dem britischen Hofe. So erhieltFürst T. in seinem 76. Jahre (imSept. 1830) die Loose Frankreichs in seineHand. Ludwig Philipp hörte auf seinen Rath und stand von jetzt an fortwährendmit ihm in dem vertrautesten Briefwechsel, sodaß der Fürst unmittelbar mit demKönige verhandelte und nur der Form nach dem Minister des Auswärtigen unter-geordnet war. Die Nation wurde mit der Aussicht beschäftigt, daß der Fürst ei-nen Handelstractat zwischen Frankreich und England abzuschließen ermächtigt sei.Nächstdem ging T.'s Politik dahin, außer England noch Ostreich mit Frankreichzu verbinden. Für diesen Zweck sollte der Marschall Maison, als französischerBotschafter, in Wien wirken. Hier stellten sich aber große und mit jedem Jahreneue Schwierigkeiten entgegen; die vorzüglich durch die Ereignisse in Italien undin der Schweiz erzeugt wurden. Selbst in England war das Ministerium Wel-lington Aberdeen gegen die neue Ordnung der Dinge eingenommen. Vor Allemgalt es also Zeit zu gewinnen. T. durchschaute nämlich die Lage und die Stärkeder Parteien in England; er konnte daher den Sieg des Whigismus voraussehen;in diesem Falle aber war er ebenso gewiß, daß ein Ministerium der Whigs die Reformdes Parlaments befördern und seinen eigenen Stützpunkt, Europa gegenüber, inder engern Verbindung mit Frankreich suchen müsse. Mithin war unter einemsolchen Ministerium die Friedenspolitik beiden Mächten gleich nothwendig.

Das völkerrechtliche Herkommen, europäische Fragen gemeinschaftlich zu be-rathen, bot damals allen Parteien die Gelegenheit dar, über die vom König derNiederlande in der belgischen Sache angesprochene Vermittelung der Wirten in ei-ner Conferenz der Minister der fünf Höfe zu verhandeln. Diese nahm bereits am4. Nov. 1830 ihren Anfang. Dadurch wurde Aufschub gewonnen. Unterdessengingen T.'s Erwartungen in Erfüllung Schon am 16. Nov. 1830 trat dasMinisterium Grcp (Palmecston, Brougham, Durham, Althorp u. s. w.) andie Spitze der Reformpartei. Bald erhielt T. auf den Gang der Verhandlungeneinen überwiegenden Einfluß. Lord Grep und Palmerston gingen auf die Ansich-ten des französischen Cadinets ein und aus Vermittlern wurden England undFrankreich Schiedsrichter. In dieser thätigen Rolle gefiel sich die französische Na-tion, und Belgiens von den übrigen Mächten anerkannte Unabhängigkeit war «inRiß in die wiener Verträge, welche den Franzosen so verhaßt waren. T.'s diplo-matischer Triumph mußte Ludwig Philipp's Thron befestigen. (Vergl. Londo-ner Conferenz.) Daß dieser fernblickende Staatsmann jedoch die später be-schlossene Vermählung des Königs der Belgier mit der Tochter des Königs derFranzosen gutgeheißen habe, wird nicht behauptet. Nachdem die Hauptsache inLondon festgesetzt war, kehrte der Fürst im Sommer 1832 nach Paris zurück,wo er in Ludwig Philipp's Vertrauen so hoch stand, daß nichts ohne ihn bespro-chen und gethan wurde. Auch jetzt hieß es wieder, daß man ihn zum Premier-minister bestimme. Allein es ist nie davon die Rede gewesen. T. ist kein Mannfür die Kammern; er konnte nie aus der Tribune aus dem Stegreife Redenhalten. Er begnügt sich damit, bei allen Vorfällen seinen Rath und seine An-sicht mitzutheilen, überdies hielt ihn eine Krankheit von Geschäften ab, und erfand Ruhe und Erholung anf seinem Landsitze. Als er hergestellt war, trat er im