16 Sachsen seit dem Aahre 1827
Dresden, well man für die Wünsche der Bürger zu wenig zur Erhöhung der Fest-feier that, und in Leipzig, weil man sie hemmte, unglückliche Störungen ein, undin beiden Städten wurde das Benehmen der Behörden kleinlichen Rücksichten undeiner dem Hofe dargebrachten Schmeichelei zugeschrieben. In Dresden führte einMisverständniß zu einem Auflaufe müssiger Volkshaufcn, .der durch die Polier,und die Besatzung unterdrückt wurde, wobei falsche Maßregeln in der Anwendungder bewaffneten Macht und Ausschreitungen einzelner Soldaten eine lange nach-wirkende Erbitterung erzeugten. (S. Dresden im Jahre 1830.) InLeipzig wurde bei ähnlichen Bewegungen bei der Anwendung der policeilichenMacht ein Unschuldiger tödlich verwundet, und der Gang der eingeleitetenUntersuchung, deren Ergebnisse unbekannt blieben, trug dazu bei, den schon frü-her aufgereizten Unmuth gegen die Policeibehörde z» erhöhen. In den erstenMonaten nach diesen Ereignissen herrschte in beiden Städten ein« lebhafte Aufre-gung, welche durch die Kunde von den Juliustagen und ihren Folgen gesteigertwurde. In Dresden war die dumpfe Gährung noch drohender als in Leipzig, weilim Mittelpunkte der Staatsverwaltung die örtlichen Veranlassungen der Verstim-mung und Unzufriedenheit mit dem tiefer liegenden Grund des Übels leichter inVerbindung gebracht werden mochten, und selbst auch das Gerücht geschäftigerwar, auf diese Verbindung hinzuweisen. Dies zeigte sich im Beginn wie bei demFortschritt der Bewegung. Spottbildcr und Drohschristen gegen hochgestellteStaatsbeamte, welche der öffentlichen Meinung als die Gegner verbesserter Ein-richtungen galten, unter dem Volke verbreitet, aufrührische Aufrufe an den Stra-ßenecken, in nächtlicher Stunde angeheftet, schienen längere Zeit vor dem AuS-bruche auf heimliche Aufregungen hinzudeuten, und selbst die Policei soll vergeben«auf die Gefahr hingewiesen haben. Die obersten Staatsbehörden waren in blin-der Sicherheit, bis die furchtbaren Ereignisse sie aufstörten.
Betrachten wir den Gang der Begebenheiten, so «ritt klar hervor, daß nir-gend in Sachsen, wo Unruhen ausbrachen, an einen gewaltsamen Umsturz derVerfassung gedacht wurde und, so viel wir bis jetzt übersehen können, lag selbst anden Orten, wo die ersten Bewegungen vorbereitet zu sein schienen, kein tiefer po-litischer Plan zum Grunde, und noch weniger wird der Unbefangene eine Aufre-gung von Außen behaupten, oder gar in dem Bestreben, die Beispiele des Auslan-de« nachzuahmen, eine Erklärung der Ereignisse suchen, wa« freilich von Manchengeschah, die keinen Grund zu Beschwerden sehen wollten. Wenn auch in derHauptstadt Einwirkungen auf die handelnde Volksclasse stattgefunden haben unddie Aufreger Andere als die Zerstörer gewesen sein mögen, so war doch dort wie in an-dern Städten die erste Bewegung, die Empfänglichkeit für Aufreizungen in örtlichenAngelegenheiten gegründet; Abwehr des nächsten Drucks, hier gegen die Policei,die man als eine bürgerfeindliche Anstalt betrachtete, dort gegen Mitglieder derörtlichen Behörden oder andere Beamten gerichtet, über welche man sich beschwerte.Überall finden wir die Ursachen der Unzufriedenheit in der Verwaltung der nächstenheimatlichen Interessen, aber je allgemeiner diese Ursachen waren, desto mehrmußte sich die Wirkung jener Bewegungen endlich auf die ganze StaatSeinrichtungausdehnen. WaS ein besonnener Beobachter jener Ereignisse ') den BürgernDresdens und LeipzigS zurieft „Ihr habt die Bewegung dieser Tage nicht frevel-haft herbeigerufen, aber als sie euch riefen, habt ihr die Zeit verstanden und demVaterlande nicht gefehlt", bewährt« sich in jenen Städten und überall im Lande.Bei der allgemein herrschenden Gährung der Gemüther konnte auch eine unbedeu-tende Störung, die bei ruhiger Bolksstimmung ohne wichtige Folgen gebliebensein würde, den Ausbruch herbeiführen. Die Posse eines Polterabends, wobei
>) Karl von Eteinbach (Presissor Hase in Jena), „Sachsen und seine Hoffnun-gen" (Leipzig lSZV).