292 A. Augustinus Bekenntnisse.
Herzigkeit vor meinen Augen ist. Denn erbarmens-würdig werd' ich verstrickt, und erbarmend lösest du,zuweilen ohne daß ichs fühle, weil ich unversehenssiel, zuweilen mit Schmerzen, weil ich schon anhang-lich ward.
Hiezu kömmt noch eine andre weit gefahrlichereArt von Versuchung. Denn neben jener Begierlichkeitdes Fleisches, die sich in der Ergötzung aller Sinn'und Genüsse zeigt, und wodurch ihre Diener, weit sichentfernend von dir, zu Grunde gehen, befindet sichauch in der Seel' eine gewisse vorwitzige Begier, —nicht durch Körpcrsinn Fleischeslust zu erhaschen, son-dern — durch den Sinn Neues zu erfahren, bemän-telt vom Namen: Erkenntniß und Wissen. Da siein dem Drange zum Erkennen besteht, die Augen aberdas vorzüglichste Werkzeug zum Erkennen sind, sonannte Augenbegierlichkeit sie das göttliche Wort.Zwar auf Augen bezieht sich allein Sehen: doch wirbedienen uns auch dieses Ausdrucks bei den übrigenSinnen, wann wir sie zum Erkennen anwenden.Denn wir sagen nicht: höre, wie das schimmert! noch:rieche, wie das glänzt! noch: schmecke, wie das fun-kelt! noch: fühle, wie das hell ist! Bon dem Allenaber braucht man: Sehen. Man sagt nicht allein:Sieh, wie es leuchtet! was nur die Augen empfindenkönnen; sondern auch: Sieh, wie es tönt! Sieh, wiees riecht! Sieh, wie es schmeckt! Sieh, wie es hartist! Drum wird allgemein die Sinnenerfahrung, wiegesagt, Augenbegierlichkeit genannt, weil das Geschäftdes Sehens, das vorzugsweise den Augen eigen ist,