TN! Aurelius Augustinus Aus dem Lateinischen übersetzt Adolf Eröningev Zweite Auflage, vervollständigt mit der Uebcrsetzung des 11. bis 1Z. Buches. Ll> ü n ch r r, in der Theissingschcn Buchhandlung. ^ V > KiGK>G In demselben Berlage ist erschienen: Christlich - metaphysische Betrachtungen von Nicolas Malebranche. llaeo est vita aeterna, ut cognoscanr ll'e solum Oeum verum et guem misisti lesvm Liikizrvsi. //, L. Aus dem Französischen. 1842. Gr. 8. (XXIV u. 258 Seit.) Geh. 1 Nthlr. Für alle diejenigen, welche sich nur einigermaßen mit Philosophie beschäftigen, bedarf Malebranche, der gefeierte französische Metaphysiker des 17. Jahrhunderts, keiner weitern Empfehlung: es genügt, den Namen dieses Schriftstellers und eines Werkes von ihm zu nennen und die Herausgabe der vorliegenden mit Geschmack, Fleiß und Genauigkeit gearbeiteten Uebersetzung seiner « Betrachtungen », welche die erste in deutscher Sprache ist, anzukündigen, um einer günstigen, ja freudigen Aufnahme derselben gewiß zu sein, um so mehr, da das Original selten und auf dem Wege des Buchhandels gar nicht mehr zu beziehen ist. Weil indessen der Titel des Buches manchen abschrecken könnte, dem die Bekanntschaft mit diesem Werke nicht minder erfreulich und nützlich sein möchte, so glauben wir noch davon sagen zu dürfen, daß es trotz seines tiefen und umfassenden Inhaltes dennoch allgemein verständlich abgefaßt ist und allen denen nicht genug empfohlen werden kann, welche mit dem Geiste der christlichen Mystik und den obersten leitenden Princi- picn eines h. Augustinus, Bonaventura, Tauler, Thomas a Kempis, Franz von Sales u. a. vollkommen vertraut zu werden und den eigentlichen Schlüssel zu ihren Schriften zu erhalten wünschen. So wird der einfache Fromme, wie der Theolog und Philosoph für Geist und Herz aus diesem Buche reichliche, kraftvolle Nahrung schöpfen und gewiß den Augenblick segnen, wo er zuerst mit demselben bekannt wurde. A. Augustinus Bekenntnisse. Aurelius Augustinus B e k e N N t n i s s e. Aus dem Lateinischen übersetzt - «on Adolf Gröninger. Zweite Auflage. Münster, in der Theissingschen Buchhandlung. l 8 4 l. Erstes Buch. ^roß bist du, o Herr, und sehr preiswürdig; groß ist deine Kraft und deiner Weisheit sind keine Schranken. Und loben will dich der Mensch, ein Theil deiner Schöpfung! der Mensch, seine Sterblichkeit mit sich herumtragend, mit sich herumtragend das Zeugniß seiner Sünde, das Zeugniß, daß du, o Gott, den Stolzen widerstehst! Und dennoch loben will dich der Mensch, ein Theil deiner Schöpfung! Du aber erweckst ihn, daß er Freude hat, dich zu loben: denn für dich schufst du uns, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir. Gib mir, o Herr, daß ich wiff und erkenne, ob man dich eher anrufen als loben, und ob man dich eher erkennen als anrufen möge? Doch wer ruft dich an, dich nicht erkennend? Denn, dich nicht erkennend, ruft er vielleicht das unrechte Wesen an. Oder willst du vielmehr angerufen sein, auf daß man dich erkenne? Aber wie werden dich die anrufen, die an dich nicht glauben? Und wie glauben, ohne einen Verkünder? Und loben werden den Herrn, die ihn suchen. Denn die Suchenden werden ihn finden, und die Findenden ihn loben. Dich anrufend such' ich dich, und an dich glaubend ruf ich dich an: denn du bist uns verkündet. Mein Glaube, A. Augustinus Bekenntnisse. , den du mir gabst, ruft dich an, o Herr, den du mir einflößetest durch deines Sohns Menschwerdung, durch die Lehren deines Verkünders. Und wie werd' ich meinen Gott anrufen, ihn, meinen Gott und Herrn? Denn in mich selbst werd' ich ihn rufen, wenn ich ihn anrufe. Und wo ist der Ort in mir, wohin mein Gott kommen möge? Wohin mag Gott kommen in mir? Gott, der Himmel schuf und Erde? Herr mein Gott, ist wohl etwas in mir, das dich fasse? Himmel und Erde, die du schufst, und worin du mich schufst, fassen sie dich? Ohne dich wäre nicht, was ist: fasset darum dich, was ist? Weil auch Ich bin, was bitt' ich, daß du kommest in mich, da ich nicht wäre, wärst du nicht in mir? Nicht in den Abgründen bin ich, und doch bist du dort. Stieg' ich hinab in die Tiefe, du bist da. Darum wär' ich nicht, mein Gott, durchaus nicht wär' ich, wärst du nicht in mir. Oder wär' ich vielmehr nicht, wär' ich nicht in dir, aus dem, durch den, und in dem alle Dinge sind? Ja, o Herr, ja, so ist es! Wohin ruf' ich dich, da ich in dir bin? Oder von wannen kommst du in mich? Denn wohin wandet' ich außerhalb Himmel und Erde, daß von dorther mein Gott in mich kommen möge, der da sagte: Himmel und Erde füll' ich? Fassen denn Himmel und Erde dich, weil du sie füllst? Füllst du sie, und bleibt etwas übrig, weil sie dich nicht ganz fassen? wo bleibt jenes, was übrig bleibt von dir, nachdem du Himmel und Erde gefüllt hast? Hast du es nicht noth, daß etwas dich umfaßt, der du alles umfassest, weil du das, was du füllest, . umfassend füllest? Denn nicht Gefäße, gefüllt von dir, enthalten dich: zerbrechen sie; du wirst nicht ausgegossen. Und wirst du ausgegossen über uns, nicht darnieder drückst du, sondern richtest uns auf; nicht verstreust du, sondern sammelst uns. Aber der du Alles füllst, bist du es ganz, der es füllt? Wenn Jegliches dich nicht ganz zu fassen vermag, faßt es einen Theil von dir? und faßt Jegliches denselben Theil? Faßt den einzelnen Theil das Einzelne, den größern das Größere, den kleinern das Kleinere? Ist also irgend einer deiner Theile größer, einer kleiner? Oder bist du allenthalben ganz, und fasset nichts dich ganz? Was also bist du, mein Gott? — Was, als der Herr, mein Gott! Denn wer ist Gott, als der Herr? Oder wer ist Gott, als unser Gott? Größter, Bester, Machtigster, Barmherzigster und Gerechtester! Verborgenster und Gegenwartigster! Schönster und Stärkster! Ständig und unbegreiflich; unwandelbar, Alles wandelnd; nie neu, nie alt; Alles erneuend, und veralten lassend die Stolzen, und sie Wissens nicht; immer thä- tig, immer ruhig; sammelnd und nie bedürfend; erhaltend und erfüllend und beschützend; erschaffend, und ernährend und vollendend; suchend, ohne daß dir mangelt! Du liebst ohne Hitze; eifrig bist du, und doch sicher; dich reuet, unh dich schmerzet nicht; du zürnst, und bist ruhig. Deine Werke wandelst du, aber nicht deinen Rathschluß. Du nimmst auf was du findest, und verlierst nie. Nie bedürfend erfreuest du dich des 8 A. Augustinus Bekenntnisse. Gewinnes; nie habsüchtig forderst du Wucher ein. Dir wird geliehen, auf daß du zum Schuldner werdest; und wer hat, was nicht dein ist? Schulden bezahlst du, niemanden schuldig; schenkst Schulden, nichts verlierend. Was red' ich von dir, mein Gott, mein Leben, meine heilige Süße? Und wie redet einer, der von dir redet? Und wehe denen, die schweigen von dir: denn die Stummen werden redend. Wer verleiht es mir, zu ruhen in dir? wer ver- leihts mir, daß du kommst in mein Herz, und es erfüllest, auf daß ich mein Böses vergesse, und dich, mein einziges Gut, umfange? Was bist du mir? Erbarme dich, daß ich rede! Was bin ich dir, daß du mir befiehlst, dich zu lieben, und, gehorch' ich nicht, zürnst und drohest großes Elend? Ist jenes denn gering, wenn ich dich nicht liebe? O bei deiner Er- barmniß sage mir, Herr mein Gott, was du mir seist! Sage meiner Seele: Dein Heil bin ich! So sage, daß ich es höre. Siehe die Ohren meines Herzens vor dir, o Herr: eröffne sie, und sage meiner Seele: Dein Heil bin ich! Nacheilen werd' ich dieser Stimme, und dich finden. Verbirg nicht vor mir dein Angesicht. Laß mich sterben, auf daß ich es seh', und nicht sterbe. Eng ist das Haus meiner Seele: auf daß du hineinkommen mögest, erweitr' es du. Baufällig ist es: besser' es aus. Makeln hat es, die deinen Augen mißsallen; ich bekenn' und weiß es. Aber wer reinigt es? Wen ruf' ich, außer dir? Von meinen verbor- Erstes Buch. 9 genen Mangeln reinige mich, Herr, und Fremdes rechne deinem Knechte nicht an. Ich glaub' und vertraue; daum red' ich; Herr, du weißt es! Hab' ich dir nicht eingestanden wider mich meine Missethat, mein Gott, und hast du nicht verziehen die Bosheit meines Herzens? Nicht im Gerichte streit' ich mit dir, der du die Wahrheit bist; und ich will mich nicht selbst tauschen, aus daß meine Ungerechtigkeit sich nicht belüge. Nicht im Gerichte streit' ich mit dir: Denn wenn du die Missethaten zurechnest, wer wird bestehen? Aber laß mich dennoch reden vor deiner Barmherzigkeit, mich Staub und Asche. Laß mich dennoch reden: denn sich! es ist deine Barmherzigkeit, und nicht ein verlachender Mensch, wozu ich rede. Auch du verlachst mich vielleicht: aber umwendend erbarmst du dich mein. Denn was ist es, wovon ich reden will, Herr mein Gott, als daß ich nicht weiß, wie ich herkam in dieses — wie nenn' ichs? — sterbliche Leben oder lebende Sterben? Und es umsing mich die Hülfe deiner Erbarmungen: so hört' icks von meines Fleisches Eltern, wodurch du mich bildetest in der Zeit: denn ich erinnere mich deß ja nicht. Da empfing mich die Hülfe der Menschenmilch. Aber die Mutter nicht, und die Ammen nicht, füllten die Brüste sich selbst: sondern du, o Herr, gabst mir durch sie die Nahrung meiner Kindheit, gemäß deiner Anordnung, aus dem rings bis auf den Boden der Dinge verbreiteten Neichthum. Du gabst mir auch, nicht mehr zu verlangen, als du gabst, 10 A. Augustinus Bekenntnisse. und meinen Ernährern, mir gern zu geben, was du ihnen gabst. Denn aus Neigung wünschten sie zu geben, was durch dich ihnen in Uebcrflusse verliehen war. Denn gut ward es ihnen, was mir gut aus ihnen ward, welches nicht aus ihnen, sondern durch sie ward. Nur aus dir, mein Gott, wird alles Gute, und aus Gott wird alles mein Heil. Dies erkannt' ich hernach, als du zu mir riefst durch alles das, was du verleihst außen und innen. Denn vorher wüßt' ich nur zu saugen, fand Behagen am Erfreulichen, und weinte bei Schmerzen meines Fleisches, und weiter nichts. Darauf begann ich zu lächeln, erst schlafend, dann auch wachend. So ist es mir erzählt, und ich glaub' es, weil wir dies auch an andern Kindern sehn: denn an mir erinner' ich mich deß nicht. Und sieh! Allmählig suhlt' ich, wo ich war, und meine Wünsche strebt' ich denen zu zeigen, wovon ich die Erfüllung verlangte, und vermocht' es nicht: denn jene waren inwendig, und diese außer mir, und durch keinen Sinn konnten sie eingehn in mein Inneres. Daher Gebärden und Töne, Zeichen meiner Wünsche, Wenige und nur solche, deren ich fähig war: denn anpassend waren sie nicht. Und gehorchte man mir nicht, weil man mich nicht verstand, oder weil es schaden konnte, so ward ich unwillig, daß mir die Größern nicht unterthan sein, und die Freien nicht dienen wollten, und rächte mich an ihnen durch Weinen. Daß so Kinder sein, Hab' ich von Kindern, so viele ich deren sah, gelernt, und daß ich so war, lehrten mich jene Ver- standlosen besser, als meine verständigen Ernährer. Erstes Buch. II Und siehe! meine Kindheit ist abgestorben, und ich lebe. Du aber, o Herr, du lebst stets, und an dir stirbt nichts ab: und vor dem Anfange der Zeiten, und vor allem, was man vor nennen kann, warst du, und warst Gott, und der Herr Alles, was du erschufst; und in dir ruht die Ursache aller unsteten Ding', und aller wandelbaren Ding' Ursprung bleibt unwandelbar, und alles Vernunftlosen und Vergänglichen Quell bleibt ewig. Sage mir, deinem Unterworfenen, o Gott, ein Erbarmender deinem Erbarmungbedürfenden, sage mir, ob einem schon abgestorbenen Alter meine Kindheit folgte? Ist es jenes, was ich unter dem Herzen meiner Mutter verlebte? Denn auch hierüber hört' ich Einiges, und machte Bemerkungen von schwangern Frauen. Doch was vor dieser Zeit, o Gott, meine Süße! War ich irgendwo? irgend etwas? Denn ich habe ja keinen, dcrs mir sagte: Vater und Mutter Vermochtens nicht, nicht die Erfahrung Anderer, nicht mein Gedachtniß. Verlachst du mich Fragenden, und befiehlst du, daß ich dich lobe wegen jenes, was ich weiß, und mich dir bekenne? Ich bekenne dir, Gott des Himmels und der Erde, dich lobend wegen meines Ursprungs und meiner Kindheit, deren ich nicht gedenke. Du gabst dem Menschen, von andern auf sich zu schließen, und aus den Worten der Weiber Vieles von sich für wahr anzunehmen. Denn auch damals war und lebt' ich, und die Zeichen, womit ich meine Empfindungen Andern verkündete, lernt' ich am Ende meiner Kindheit. — Woher solch ein Geschöpf, als von dir, Herr? Ist 12 A. Augustinus Bekenntnisse. jemand der Künstler, sich selbst zu machen? Und entsteht anderswoher eine Ader, wodurch Sein und Leben in uns umherwallt, als aus dir, Herr, unserm Schöpfer, dem Sein und Leben kein Unterschied ist, weil das höchste Sein und das höchste Leben Du selbst bist? Denn du bist der Höchste, und wirst nicht verändert. Der heutige Tag vergeht nicht in dir: und doch vergeht er in dir, weil Alles das in dir ist. Denn welche Bahn würde durchwandelt, ordnetest du sie nicht? Und weil deine Jahre nicht abnehmen, sind deine Jahr' ein heutiger Tag. Und wie viele unsrer und unsrer Väter Tage verflossen in deinem heutigen, woraus sie ihre Bestimmung erhielten, und irgend eine Art von Dasein hatten: und wie viele andere werden verfließen, ihre Bestimmung erhalten, und eine Art von Dasein haben? Du aber bist stets derselbe, und alles Morgige und Künftige, und alles Gestrige und Vorhergehende thust du heut, thatst du heut. — Was liegt daran, wenns jemand nicht versteht? Er freue sich, wann er spricht: was ist das? Er freue sich, und finde dich lieber beim Nichtfinden, als daß er es finde, ohne dich zu finden. Höre mich, Gott! Wehe den Sünden der Menschen. Und ein Mensch spricht dies, und du erbarmst dich sein: denn Ihn schufst du, aber die Sünd' in ihm schufst du nicht. Wer erinnert mich der Sünden meiner Jugend? Denn keiner ist ja rein von Sünden vor dir, auch das Kind nicht, dessen Leben auf der Erd' Ein Tag ist. Wer erinnert mich ihrer? Jedes kleine Kind vielleicht, woran ich das sehe, was ich an Erstes Buch. 13 mir vergaß? Worin also sündigt' ich damals? Etwa wann ich weinend nach der Brust gierte? Denn giert' ich jetzt eben so, nicht zwar nach der Brust, sondern nach meinem Alter schicklicher Speise, so verlacht' und tadelte man mich mit allem Rechte. Damals beging ich also Tadelnswürdiges. Aber weil ich den Tadelnden nicht verstehen konnte, wars gegen Sitt' und Vernunft, mich zu tadeln. Denn aufwachsend verlernen wir jenes von selbst, und werfen es von uns. Keinen Vernünftigen sah ich, der etwas reinigend das Gute mit hinwegwirft. Wars auch etwa zu seiner Zeit etwas Gutes, weinend zu begehren, auch was uns schädlich wäre? in heftigen Unwillen auszubrechen über die nicht un- terthänigen freien und großem Menschen, und über jene die uns erzeugten? Schläge, so viel es in unsrer Macht ist, weit Klügern zu versetzen, die nicht dem Wink unsers Wunsches gehorchen, weil man jenem Befehle nicht gehorcht, wo Gehorchen nachtheilig wäre? — so ist die Schwäche der Kinderglieder unschuldig, nicht der Kindersinn. Ich sah und erfuhr es an einem eifernden Knaben: sprechen könnt' er noch nicht, aber blaß mit zürnendem Blicke schaut' er auf seinen Milchbruder. Wer weiß das nicht? Die Mütter und Ammen sagen, daß sie jenes aussühnen: auf welche Art, weiß ich nicht. Oder will mans auch Unschuld nennen, wenn das Kind, schwimmend im Ueberfluß am Quelle der Milch, seinen hülfebedürftigen und nur mit dieser einzigen Nahrung erhaltbaren Genossen nicht dulden will? Aber nachgebend erträgt 14 A. Augustinus Bekenntnisse. man dies, nicht weils nichts oder unbeträchtlich Ware, sondern weil es sich bei zunehmenden Jahren verliert. Man kann sich hierin fügen: aber doch ist das.nem- liche nicht ruhig zu ertragen an einem Bejahrten. Du, Herr mein Gott, der du Leben gabst dem Kinde, und einen Leib, dem du Sinne verliehest, den du aus Gliedern zusammenfügtest, dessen Gestalt du schmücktest, und den du zu seiner ganzen Erhaltung mit jeglichem Streben des Belebten ausstattetest: Du befiehlst mir, hierin dich zu preisen, dich zu erkennen, und deinen Namen zu rühmen, Höchster! Denn, v Gott, du bist allmachtig und gut, und hast geschaffen, was keiner schaffen kann, als du Einziger, von dem Alles herkömmt, du Schöngestalteter, der du Alles gestaltet, und Alles nach deinem Gesetz ordnest! Dies Alter daher, o Herr, das durchlebt zu haben ich mich nicht erinnere, worüber ich dem Aufschluß Andrer glaube, und worauf ich nur von andern Kindern schließe, (obwohl der Schluß sehr richtig ist) mag ich nicht beizählen dem Leben, was ich jetzt lebe. Denn in Rücksicht des Dunkels des Bergessens ist es jenem gleich, was ich in dem Leibe meiner Mutter verlebte. Wenn ich in Sünden empfangen bin, und in Sünden meine Mutter in ihrem Leibe mich nährte, wann, ich bitte dich, mein Gott, wann, Herr, wann war Ich, dein Diener, unschuldig? Aber sieh, ich lasse jene Zeit. Und was ist sie mir, da ich deren Spur verlor? , Kam ich nicht aus der Kindheit fortschreitend ins Knabenalter, oder kam dies nicht vielmehr in mich, der Kindheit folgend? Auch verging diese nicht, (denn Erstes Buch. 15 wohin wäre sie gegangen?) und doch war sie nun nicht mehr. , Denn ich war nicht mehr ein sprachloses Kind, sondern ein redender Knabe war ich. Deß erinner' ich mich; und wie ich reden lernte, erkannt' ich hernach. Denn nicht Ältere lehrten mich, Worte mir einprägend nach gewisser geordneter Lehrart, wie hernach bei den Studien: sondern ich lernt' es durch meinen Verstand, den du, mein Gott, mir gabst, wann ich durch mancherlei Seuszer und Tön', und mancherlei Gliederbewegung die Gefühle meines Herzens ausdrücken wollte, damit meine Wünsch' erfüllt würden. Denn ich vermochte nicht, was ich wollte; noch enthielt mein Gedachtniß, wie ichs verlangen sollte. Wann man ein Ding benennte, und zugleich mit dem Laute dahin sich wandte, so bemerkt' ichs, und behielt, daß das Ding so benennet würde, wie der Laut war, da man es zeigen wollte. Daß man aber das wollte, erhellt' aus den Bewegungen des Körpers, die gleichsam die Naturlaute aller Völker sind, ausgedrückt durch Antlitz und Augenwink, und durch Gebärden der übrigen Glieder, und durch den Ton der Stimme, die des Gemüthes Regung in Rücksicht auf Begehren, Haben, Verwerfen und Handeln anzeigt. So saßt' ichs allmahlig, wie die oft gehörten Worte, bei verschiedenen Nedäußerungen verschiedentlich geordnet, gewisser Dinge Zeichen wären, und erklärte, meinen Mund zu diesen Zeichen biegend, meine Wünsche. So macht' ich denen, die um mich waren, die Zeichen meines zu erklärenden Willens kund; und schritt weiter in des menschlichen Lebens stürmischen Verein, 16 A. Augustinus Bekenntnisse. abhangend von der Eltern Befehle, und dem Wink Älterer. Gort, mein Gott! Welche Beschwerden erfuhr ich und welchen Spott, als Lebensregeln, und Gehorsam den Ermahnenden, mir Knaben vorgeschrieben wurden, damit ich blühete in dieser Welt, und hervorragte in wortprangenden Künsten, die der Mcnschen- ehr' und dem unwesentlichen Reichthume dienen! Zur Schule schickte man mich, zu erlernen Wissenschaften, deren Nutzen ich Armer ja nicht erkannte: und geschlagen ward ich, war ich faul im Lernen. Denn so gesiels den Älteren, und viele, von uns jenes Alter durchlebend, hatten uns mühsame Wege bereitet, die mit verdoppelter Arbeit und Qual zu durchwandeln uns Adamskindern auferlegt war. Wir fanden aber Menschen, o Herr, die zu dir flehten, und lerntern von ihnen, wie wir nach unscrm Vermögen erkennen möchten, daß du ein großes Wesen warst, das uns, obwohl nicht unscrn Sinnen erscheinend, erhören und zu Hülfe kommen könnte. Denn als Knabe begann ich, zu dir zu flehn, meiner Hüls und Zuflucht, und zu deiner Anrufung löseten sich die Knoten meiner Zunge. Ein Kleiner fleht' ich zu dir mit nicht kleiner Bewegung, daß ich in der Schule nicht möchte geschlagen werden. Und erhörtest du mich nicht, wie es mir zur Besserung war, so verlachten sie mich, die Ältern und selbst die Eltern, die mir doch nichts Böses wünschten, über die empfangenen Streiche, die damals mein großes schmerzliches Uebel waren. Gibt es einen so großen Geist, der dir mit Erstes Buch. 17 solcher Neigung anhangt? Gibt es Einen, (ich rede nicht von einer gewissen Hartsinnigkeit, die eben das bewirkt) dessen fromme Anhänglichkeit an dich so groß ist, daß er Folter und hakige Kolben und andere derlei Werkzeuge, um deren Abwendung man rings auf der Erde mit großer Angst dir fleht, so gering acht', und jene verlache, die sie so äußerst fürchten, wie unsere Eltern über die Strafen lachten, wozu unsere Lehrer uns vcrurtheilten? Und nicht weniger fürchteten wir diese, baten nicht weniger, um ihnen zu entgehn: und fehlten dennoch, indem wir weniger schrieben, lasen, oder studirten, als man von uns forderte. Denn nicht an Gedächtniß mangelt' es, o Herr, oder an Verstand, wie du beides uns verliehst für jenes Alter: aber es erfreuet' uns, uns satt zu spielen; und das ward an uns von Denen gerügt, die ein Gleiches tha- ten. Doch Geschäfte nennt man die Spielereien Älterer: treiben aber Kinder sie, so strafen die Ältern: und keiner erbarmt sich, nicht jener, noch dieser, noch beider. Oder heißt es irgend ein richtigdenkender Schiedsrichter gut, daß man mich schlug, weil ich ein Knabe mit dem Balle spielt', und ich durch dieses Spiel an der schnellern Erlernung jener Wissenschaften gehindert ward, womit ich erwachsen noch schandlicher spielte? Nicht anders betrug sich der, welcher mich schlug: ward er von seinem Mitlehrer in irgend einem Streitlein überwunden, so quälte Gall' und Neid ihn mehr, als mich, wann mein Mitspieler beim Ballspiel mich übertraf. Und dennoch sündigt' ich, Herr mein Gott, Ordner und Schöpfer aller Natur, nur nicht Ordner der 18 A. Augustinus Bekenntnisse. Sünde! Herr mein Gott, ich sündigte, handelnd gegen der Eltern Gebot und der Lehrer. Denn guten Gebrauch könnt' ich hernach von den Wissenschaften machen, deren Erlernung, aus welcher Absicht immer, die Mcinigen betrieben. Nicht aus Wahl des Bessern war ich ungehorsam, sondern aus Neigung zum Spiel, aus Begier, der stolze Sieger im Wettstreit zu sein, und mit erdichteten Märchen meine Ohren zu kitzeln, auf daß sie desto lüsterner würden, so wie mit gleich gefahrlicher Neugier immer mehr und mehr meine Augen sich hefteten auf das Wesen und die Spiele Älterer, wobei sie aber in solcher Würd' erscheinen, daß fast Alle ihren Kindern ein Gleiches wünschen: und dennoch leiden sie willig, daß ihre Kinder geschlagen werden, wenn sie durch jenes Wesen abgehalten werden von den Wissenschaften, wodurch sie zu ahnlichem Wesen emporkommen sollen. Siehe dies mit Erbarmung an, o Herr! und befreie uns, die wir dich jetzt anrufen: auch die dich nicht anrufen, befreie, damit sie dich anrufen, und du sie befreien mögest. Ein Knabe schon hatt' ich gehört von dem ewigen Leben, uns verheißen durch die Erniedrigung deines, unsers Herrn und Gottes, Sohns, der zu unserm Hochmut!) herabstieg; und bezeichnet ward ich mit dem Zeichen seines Kreuzes, und besprengt mit seinem Salze, schon von meiner Mutter Leib an, die stat auf dich vertraute. Du sahst, Herr, wie ich einst, noch Knabe, geplagt und geangstet ward von Magenschmerzen, dem Tode nah. Du sahst, mein Gott, denn mein Hüter Erstes Buch. 19 schon warst du, mit welcher Bewegung und welchem Glauben ich die Taufe deines, meines Gottes und Herrn, Gesalbten heischte von der Frömmigkeit meiner Mutter, und der Mutter unsrer Aller, deiner Kirche. Und eilig schon sorgte die Mutter meines Fleisches, (denn sehr lag mein ewiges Heil ihr am keuschen Herzen), daß ich in die heilbringenden Geheimnisse eingeweiht, und durch sie abgewaschen würde, dich, Herr Jesus, bekennend zur Nachlassung der Sünden: aber bald war ich hergestellt. Verschoben ward daher meine Reinigung, gleichsam als wars nothwendig, mich noch zu besudeln, lebt' ich ferner; indem nach jener Abwaschung größer und gefahrlicher die Schuld der Verbrechen erscheinen würde. So waren wir jetzt glaubig, ich, meine Mutter und das ganze Haus, nur der Vater nicht, der dennoch nicht die Kraft der mütterlichen Frömmigkeit dahin schwachen konnte, daß ich so wenig an Christus glaubte, als er. Denn sie überzeugte mich, daß du mein Gott mehr mein Vater warst, als jener; und du halfst ihr darin den Mann überwinden, dem sie, die bessere, gehorsam war, weil sie dadurch deinem Gebote gehorsam war. Ich bitte dich, mein Gott, ich möchte wissen, wenn - du es. auch möchtest, ob zu meinem Besten damals meine Taufe aufgeschoben ward, und dadurch gleichsam die Zügel der Sünde nachgelassen oder nicht nachgelassen wurden? Weßhalb schallt es noch jetzt von hier und von dort in unsere Ohren: Laßt ihn, er thue, was er will, denn er ist noch nicht getaust! Und doch 2lZ A. Augustinus Bekenntnisse. in Rücksicht auf des Körpers Heil sagen wir nicht: Laßt ihn, werd' er doch mehr verwundet, denn er ist noch nicht geheilt? Wie viel besser also, ich wäre sogleich geheilt durch meinen und meiner Mutter Betrieb, auf daß das empfangene Heil meiner Seele sicher war' unter deinem Schutze, den du mir verliehen hattest! Wahrlich besser! Aber wie viele und welche Fluthen von Versuchungen drohten mir nach dem Knabenalter! Sie kannte meine Mutter schon, und wollte lieber den Thon, woraus ich nachher gestaltet werden sollte, als das vollendete Bild ihnen überlassen. Im Knabenalter selbst, wo man weniger für mich fürchtete, als im Jünglingsalter, liebt' ich das Studiren nicht; ich hassete es, dazu gedrangt zu werden. Und doch ward ich gedrängt, und mir geschah wohl: aber ich that nicht wohl; denn ich lernte nicht, als gezwungen. Denn keiner thut unwillig wohl, obgleich es gut ist, was er thut. Auch die mich drängten, thaten nicht wohl: aber Mir geschah wohl durch dich, mein Gott/ Denn jene sahen auf keinen andern Nutzen dessen, was sie mich zu lernen zwangen, als nur die unersättliche Begier nach reicher Bedürftigkeit zu sättigen und nach schändlicher Ehre. Du aber, dem un- scrs Hauptes Haare gezählt sind, bedientest dich des Jrrthums Aller, die mich zum lernen hielten, zu meinem Nutzen, und meines Jrrthums, der ich nicht lernen wollte, zu meiner Strafe: denn ich war der Strafe nicht unwürdig, ein so kleiner Knabe und so großer Sünder! So thatst du mir wohl durch Uebelthuende, und vergaltest mir Sünder, wie ichs verdiente. Denn Erstes Duck. du willst, und so ist es: jeder ungeordnete Geist ist sich selbst Strafe. Was aber die Ursache war, weßhalb ich die griechische Sprache haßte, die man mich Knaben lehrte, ist mir noch jetzt nicht ganz hell. Denn sehr liebU ich die lateinische; nicht in sofern als hierin die ersten Lehrer, sondern als jene, die man Grammatiker nennt, mir Unterricht gaben. Denn darin Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen war mir nickt weniger lastig und peinlich, als alles Griechische. Und woher dies, als aus der Sund' und Eitelkeit des Lebens? Weil ich Fleisch war, und ein Hauch, verwehend und nicht zurückkehrend! Weit besser und von sicherem Nutzen waren doch diese ersten Anfangsgründe, (denn diesen hatte und habe ichs zu verdanken, daß ich lese, was ich Geschriebenes finde, und selbst schreibe, was ich will) als jene, die mir die Irren eines gewissen Aeneas ins Gedachtniß prägten, meiner eignen Irren vergessend; die mich Dido's Tod beweinen ließen, weil sie sich aus Liebe tödtete, wahrend ich es, daß ich dabei dir, mein Gott, abstarb, mit trocknen Augen ertrug, ich Elender! Denn wer ist elender als der Elende, der sich nicht seiner selbst erbarmt? der Dido's Tod betrauert, den sie aus Liebe zu Aeneas starb, aber nicht den eignen Tod betrauert, den er starb aus Mangel an Liebe zu dir? Gott, Licht meines Herzens, und innere Speise dem Munde meiner Seele, und die Kraft, die sich meinem Geist und dem Innersten meines Denkens vermahlt, Ich liebte dich nicht! Ich lebt' in Untreue 32 A. Augustinus Bekenntnisse. gegen dich, und dem Untreuen scholls ringsher: Recht so! denn die Freundschaft dieser Welt ist Untreue gegen dich; und Recht so! sagt man, damit der Mensch sich schäme, wenn er nicht also ist. Und ich beweinte dieß nicht; sondern ich beweinte der Dido Selbstmord, mich selbst mordend, da ich dich verließ, und Erde hinsank zur Erde. Und verbot mans mir, Jenes zu lesen, so trauert' ich, weil ich nicht lesen durfte, weß- halb ich trauerte. Solchen Unsinn hielt ich für feineres und nützlicheres Studium, als schreiben und lesen lernen. Aber nun schreie, mein Gott, in meiner Seele, und deine Wahrheit sage mir: Es ist nicht also! Es ist nicht also! Das erste Studium ist weit besser! Denn sieh, ich bin bereiter, Aeneas Irren zu vergessen und alles diesesglcichen, als das Schreiben und Lesen. Doch es hangen Tücher an den Schwellen grammatischer Schulen: aber die bedeuten nicht so sehr die Würde der Kunst, als die Decke des Jrrthums. Nicht schreien gegen mich mögen die, welch' ich jetzt nicht fürchte, da ich dir bekenne, was meiner Seele gefallt, mein Gott, und weile bei der Rüge meiner bösen Weg', auf daß ich deine guten Wege liebe. Nicht schreien gegen mich mögen die Verkaufer der Grammatik, noch ihre Kaufer: denn wenn ich sie frage, obs wahr sei, wie's der Dichter sagt, daß Aeneas einst gen Karthago kam, so werden die Ungelehrten antworten, sie wüßtens nicht; die Gelehrten es aber geradezu leugnen. Doch frag' ich, mit welchen Lettern man Aeneas Namen schreibe, antworten Alle, die dies er- Erstes Buch. 23 lernten, richtig, gemäß jener Uebereinkunft, wodurch die Menschen jene Zeichen annahmen. Frag' ich ferner, was man zu größerm Nachtheile dieses Lebens vergesse, Lesen und Schreiben, oder jene Dichtermärchen; wer sieht nicht, was jeder antworten werde, der nicht seiner ganz vergaß? Ich Knabe sündigt' also, da ich jene Eitelkeiten mehr, denn das Nützlichere liebte, oder vielmehr jene liebte, dieses haßte. Nun aber war: Eins und eins ist zwei, zwei und zwei sind vier, mir ein widriges Geleier: aber die süßeste Freude meiner Eitelkeit, ein hölzernes Roß voll von Bewaffneten, und Trojas Brand, und Kreusas Schatten. Warum haßt' ich die griechische Grammatik, die das nemliche sang? Denn auch Homerus webte mit Feinheit derlei Märchen, und voller Süße sind seine Eitelkeiten: doch mir Knaben war er bitter. Ich glaub' auch, daß es griechischen Knaben eben so gehe mit Virgilius, wann sie ihn so zu ftudiren gezwungen wexdcn, wie ich Homerus, nemlich mit beschwerlicher Anstrengung. Denn die Beschwerlichkeit, eine ganz fremde Sprache zu erlernen, besprengte mit Galle alle die griechischen Süßigkeiten erdichteter Märchen. Denn ich kannte die Worte nicht: und mit grausamen Schrecken und Strafen drängte man mich heftig, sie zu erlernen. Zwar auch kannt' ich einst als unmündiges Kind nicht die lateinischen; aber ich lernte sie durch Anhören ohne die geringste Furcht und Plage, unter dem Kosen der Ammen, und dem Scherz' Anlächlen- der, und der Fröhlichkeit Schäkernder. Ich erlernte 24 A. Augustinus Bekenntnisse. sie ohne lästigen Drang, weil mich schon mein Herz drängte, meine Gedanken kund zu geben, und weil dies nicht möglich war, wenn ich nicht einige Wort' erlernte, nicht von Lehrenden sondern von Redenden, in deren Ohren ich hinwieder hineintönte, was ich fühlte, So erhellt es deutlich, daß freie Wißbegier mehr Kraft zum Erlernen geb', als furchtbarer Zwang. Aber den Strom jenes hemmt dieser durch deine Anordnung, o Gott, durch deine Anordnung von der Ruthe der Lehrer bis zu den Versuchungen der Märtyrer! Durch deine Anordnung mischt sich heilsame Bitterkeit ein, uns zurückrufend von der verderblichen Fröhlichkeit, worin wir von dir wichen. Erhör', o Gott, meine Bitte, damit meine Seele nicht erlieg' unter deiner Zucht, und ich nicht ablasse in Bekennung deiner Erbarmnisse, wodurch du mich rettetest von allen meinen bösesten Wegen, auf daß du mir süß werdest von allen Verführungen, denen ich folgte, und ich dich inniglich lieb', und deine Hand umfasse aus ganzem meinen Herzen, und sie mich bewahre vor aller Versuchung bis zum Ende! Denn siehe, Herr mein Fürst! dir diene, was ich als Knabe Nützliches erlernte; dir diene, was ich red' und schreib' und les' und zähle. Als ich Eitles erlernte, züchtigtest du mich, und die Sünden meiner Ergötzungen an diesem Eiteln vergabst du mir. Denn ich lernte dadurch viele nützliche Worte: aber man kann sie auch in nicht- eiteln Dingen erlernen; und das ist der sichere Weg, den die Knaben wandeln sollten! Erstes Buch. 25 Aber wehe dir, Strom der Menschensitte! Wer wird dir widerstehen? Wie lange wälzest du Hevas Söhne ins große furchtbare Meer, was selbst jene kaum durchwandern, die Schiffe bestiegen? Las ich nicht in dir von einem donnernden und ehebrcchendm Jupiter? Und doch könnt' er beides nicht, sondern man erdacht' es, um Anlaß zu haben, wirklichen Ehebruch nachzuahmen, unter Kuppelei eines falschen Donnerers. Wer aber der Mantellehrer hörts mit unerzürntem Ohre, wann ein Mensch, aus demselben Staube gebildet, ruft: So ersanns Homerus, und übertrug Menschliches auf Götter: besser wars, das Göttliche auf uns! — Aber richtiger sagt man: Er ersann es zwar, aber so, daß er schandlichen Menschen Göttliches beilegte, auf daß sie nicht schandlich erschienen, und der, welcher also handelte, nicht verruchten Menschen, sondern himmlischen Göttern nachgeahmt zu haben schiene. Und dennoch, höllischer Strom, schwimmen auf dir die Menschenkinder, und geben Geschenke, daß fies erlernen; und ein wichtiges Ding ist es, wann öffentlich im Forum darüber gehandelt, und im Angesichte der Gesetze über die GeHalter neben jenen besondern Geschenken entschieden wird! Und du rauschest in deine Steine, und rufst: Hier lernt man Worte! Hier erwirbt man Beredsamkeit, bei Ueberzeugung Anderer, und beim Bortrag eines Gutachtens höchst nöthig! Ja doch! kennten wir denn etwa nicht die Worte: Goldner Regen, und Schooß, und Arglist, und Zinnen des Himmels, und andere Worte, die dort (Terenl. Kast. III. 5.) 2 26 A Augustinus Bekenntnisse geschrieben sind, wenn Terentius nicht einen jungen Taugenichts aufführte, der sich Jupitern zum Vorbild der Unzucht nahm, als er eine Tafel an der Wand sah, worauf gemalt war, wie Jupiter in Danas's Schooß einen goldnen Regen gesandt, und so das Weib durch Arglist getauscht haben soll? Und lese, wie ihn dies zur Wollust ermuntert gleichsam nach himmlischer Lehre. Und welch ein Gott! so spricht er: der die Zinnen des Himmels mit lautem Donner erschüttert! Und ich Menschlein sollte das nicht thun? Ich thats, und mit Freuden. Nicht im geringsten lernt man durch diese Schändlichkeit leichter die Worte; sondern durch diese Worte wird man nur mit der Schändlichkeit inniger bekannt. Die Worte selbst, auserwählte und kostbare Gefäße, beschuldig' ich nicht; sondern den Wein des Jrrthums, der in ihnen von berauschten Lehren uns zugetrunken wird. Und tranken wir nicht, so schlug man uns; und auf einen nüchternen Richter uns berufen durften wir nicht. Und dennoch, mein Gott, in dessen Angesichte jetzt meine Erinnerung mit Wahrheit besteht, lernte ichs mit Freuden! Ich Armer ergötzte mich daran, und ward deßhalb ein Knabe genannt von guter Hoffnung. Laß mich auch etwas sagen, mein Gott, von meinem Verstände, deinem Geschenke, zu welchen Thor- beiten er von mir gcmißbraucht ward. Denn ein Geschäft ward meinem Geiste vorgelegt, wozu mich belohnendes Lob und Vorzug, oder Furcht vor Strafe genug antrieb: nemlich die Worte herzusagen der zür- Erstes Buch. 27 nenden und traurenden Juno, du sie den Teukrerkönig nicht von Jtalia abholten konnte; Worte, die ich nie die Juno sagen gehört hatte. Aber man zwang uns, der Dichtungen Spur irrend zu folgen, und so etwas in ungebundener Rede zu sagen, was der Dichter in Versen gesagt hatte. Und jenes ward am meisten gelobt, wo der Würde der dargestellten Person, ihrem Zorn und Schmerzen gemäß, die ahnlichste Leidenschaft hervorschien, und mit den passendsten Worten umkleidet war. Wozu mir das, o mein wahres Leben, mein Gott? Wozu meiner Vorlesung der Beifall vor so vielen Gleichaltrigen und Mitvorlesern? Siehe, wars nicht alles Rauch und Wind? Gabs denn nichts Anders, um Verstand und Zunge zu üben? Deinem Lobe, Herr, deinem Lobe in deinen Schriften hatte die Palme meines Herzens geweiht, und nicht hingerissen sein sollen durch das Leere der Possen, eine schandliche Beute des Vergänglichen. Denn nicht auf Eine Art opfert man den abtrünnigen Engeln. Was Wunder aber, daß ich so hineinsank in die Eitelkeiten, und mich abwandte von dir, o Gott, da man mir zur Nachahmung Menschen vorstellte, die, kam in Erzählung einer ihrer nicht üblen Handlungen ein Barbarismus oder Solöcismus vor, durch Tadel beschämt wurden, aber, redeten sie von ihren Ausschweifungen nur in reinen schicklichen Ausdrücken ausgeführt und zierlich, des Lobes sich rühmen konnten? Du siehst dies, Herr, und schweigst, bist langmüthig und sehr barmherzig und wahrheitliebend! Wirst du 2* 28 A. Augustinus Bekenntnisse. stets schweigen? Und rettest du aus diesem ungeheuren Abgrunde die Seele, die dich sucht, und dürstet nach deinen Freuden, und deren Herz dir sagt: Ich habe gesucht dein Angesicht; dein Angesicht, o Herr, will ich suchen? Denn weit von deinem Angesicht halt' ich gewandelt in dunkler Betäubung. Denn nicht mit den Füßen und Räume durch-, wandernd geht man von dir, oder kömmt zurück zu dir. Und jener dein jüngerer Sohn, schafft' er sich Pferd' oder Wagen oder Schisse, und entfloh im Flug', oder reisete er mit wechselndem Fuße, damit er in fremdem.Lande lebend, vergeudete, was du dem Reisenden mitgabst? Ein liebreicher Vater da du mitgabst, dem kehrenden Dürftigen noch liebreicher! — In üppiger Betäubung wandelt er! Denn das ist in dunkler Betäubung, und das ist weit von deinem Angesichte. >. Schau, Herr Gott, und mit Geduld, wie du stets schaust, wie achtsam der Menschen Kinder das befolgen, was einmal bei Lettern und Sylben von denen angenommen ward, die ehedem redeten: und was von dir auf ewig fürs ewige Heil angenommen ist, vernachlässigen sie; so daß der, welcher die alten Regeln jener angenommenen Laute weiß und lehrt, wenn er gegen die Grammatik mit Auslassung des ch Mens sagte, mehr den Menschen mißfällt, als wenn er gegen dein Gebot den Menschen haßt, da er doch selbst ein Mensch ist. Gerad' als ob man den gebüßten Menschen schandlicher schätzte, als den Haß selbst, den man gegen ihn hat; oder als ob man durch Ver- Erstes Buch. 29 folgungen einen Andern mehr verderbte, als man sein eigen Herz durch Feindschaft verderbt! Und sicher gibts kein wahreres Wissen, als das Gewissen, das da sagt, man thue das einem Andern, was man selber nicht wolle. Wie bist du gehcimnißvoll, wohnend in den Höhen in Stille, einziger großer Gott, nach unwandelbarem Gesetze strafende Blindheit schickend auf unerlaubte Begier! Wenn der Mensch der Beredsamkeit Ruhm sucht, und dasteht vor dem richtenden Menschen, umgeben von Menschenmenge, mit dem grausamsten Hasse seinem Feinde nachstellend, — wie sehr hütet er sich nicht vor dem Sprachfehler: unter die Menschen statt unter den Menschen! Ob er aber durch seine Wuth einen Menschen aus den Menschen vertilge, davor hütet er sich nicht. Solche Sitten umgaben mich armen Knaben, und dieser Kampfplatz wars, wo ich mehr einen Barbarismus fürchtete zu sagen, als ich mich hütete, wann ich ihn sagte, die, so keinen sagten, zu beneiden. Ich sag' und bekenne dicß, worin ich von Jenen gelobt ward, denen gefallen mir gute Aufführung hieß. Denn ich sah nicht den Abgrund der Schande, worin ich verworfen war vor deinen Augen. Denn was war diesen schandlicher, denn ich, da sie mit Mißfallen auf mich schauten, weil ich durch unzahlbare Lügen den Erzieher betrog und den Lehrer und die Eltern, aus Liebe zum Spiel, aus Begier Gaukeleien zu sehn, und aus thörichtem Bestreben, sie nachzuahmen? 30 A. Augustinus Bekenntnisse. Naschereien auch beging ich aus dem Keller und von dem Tische der Eltern, entweder aus Lüsternheit des Gaumens, oder um Geschenke zu haben für Knaben, die ihr Spiel, was sie ebensowohl ergötzte, mir dennoch verkauften. In diesem Spiel erhaschte ich oft den Sieg durch Betrug, selbst von eitler Sucht nach Vorrang besiegt. Aber warum litt ichs an Andern nicht, und schimpfte heftig, ertappte ich sie darauf, was ich ihnen doch selbst that? und wenn man mich ertappte, und auf mich schimpfte, wüthete ich eher, als ich nachgab. Ist dies die Kinderunschuld? Nein, sie ist es nicht, Herr! Herr, sie ist es nicht! Denn dies eben ist es, was von Erziehern und Lehrern, von Nüssen und Kügelchen und Sperlingen zu Obern übergeht und Fürsten, zu Gold, Beute, Sklaven. Dies alles geht in der Folge bei erwachsenen Iahren über auf Größeres, wie der Ruthe größere Strafen folgen. In der kleinen Leibesgestalt der Kinder also stelltest du, unser König, das Bild der Dcmuth dar, als du sprachst: Ihnen ist das Reich der Himmel! Aber dennoch sei dir Dank, Herr, dir, vortrefflichstem und besten Schöpfer und Beherrscher des Ganzen, unserm Gotte, wenn du mich auch hattest nur Knabe sein lassen! Denn ich war; und schon damals lebt' und fühlt' ich, und trug Sorge meiner Wohlfahrt, — ein Merkmal der verborgenen Einheit, woraus ich entstand; aus innerm Antrieb sorgt' ich für die Unverderbheit meines Sinnes, und selbst in jeder Kleinigkeit liebt' ich Wahrheit. Ich wollte nicht be- Erstes Buch. trogen sein; mein Gedachtniß war stark; ich nahm zu an Beredtheit; Freundschaft that mir wohl; ich stoh Schmerz, Verachtung, Unwissenheit. Was ist in solchem Geschöpfe nicht wunderbar und preiswürdig. Und das sind alles meines Gottes Gaben, (nicht ich selbst gab sie mir) und gute Gaben, und dies alles Ich! Gut ist also, der mich schuf, und er selbst ist mein Gut, und ich jauchze ihm wegen alles Guten, auch dessen, was an mir Knaben ward. Denn darin sündigt' ich, daß ich nicht in ihm, sondern in seinen Geschöpfen mich selbst, und Genuß, Erhabenheit, Wahrheit suchte, und so in Schmerz, Verwirrung, Jrrthum hinabstürzte. Dank dir, meine Süßigkeit, meine Ehr' und meine Zuversicht, mein Gott! Dank dir für deine Gaben. Aber du erhalte sie mir! so wirst du mich erhalten, und vermehrt und vervollkommnet wird, was du mir gabst; und ich sclbstwcrde mit dir sein, weil du mir gabst, damit ich es sei. Zweites Buch. -^ch will gedenken meiner begangnen Schandthaten und der fleischlichen Vcrderbniß'meiner Seele; nicht weil ich sie liebe, sondern auf daß ich Dich liebe, mein Gott! Aus Liebe deiner Liebe thu ichs, mir vorstellend meine schandlichen Weg' in der Bitterkeit meines Nückdenkens, damit du mir süß werdest, nie tauschende Süßigkeit, selige sichre Süßigkeit! und mich sammlend aus der Zerstreuung, die mich in Stücke zerriß, als ich von dir Einem auf Vieles gewandt darnieder sank. Denn in der Jugend brannte ich nach Sättigung in irdischen Dingen, und verwilderte in mancherlei lichtloser Liebe; und es verging meine Gestalt, und ich verdarb vor deinen Augen, Mir gefallend, und zu gefallen strebend den Augen der Menschen. Und was wars, was mich erfreut', als lieben und geliebt werden? Aber es fand nicht statt jenes Verhältniß des Gcmüths zu Gemüth, der lichtvollere Pfad der Freundschaft: sondern Nebel entstiegen der schlammigen Fleischesbegier und der Quelle des Jünglingsalters, und umwölkten und- verfinsterten mein Herz, damit die Heiterkeit der Liebe mir ununterscheid- bar wäre von dem Dunkel der Wollust. Verwirrt durcheinander war mir beides, und es riß mein schwaches Alter durch die Irren der Begierden und stürzte Zweites Buch. 33 mich in den Schlund der Schändlichkeit. Schwerer hing dein Zorn über mir, und ich wüßt' es nicht. Ich ward bemakelt unter dem Kettengeklirr meiner Sterblichkeit, der Strafe für meiner Seele Stolz. Und ich wich immer mehr von dir, und du duldetest es; und ich warf mich umher, und ergoß mich, und zerfloß, und verging in meinen Ausschweifungen, und du schwiegst. O meines langsamen Schritts! Damals schwiegst du, und ich ging immer weiter von dir in mehrere und mehrere unfruchtbare Samen der Schmerzen mit stolzer Verworfenheit und ruheloser Ermattung. Wer hatte meine Mühseligkeit geendet, und nutzbar gemacht die flüchtigen Reize des Neuen, und seinen Süßigkeiten Grenzen gesteckt, damit bis zum Ufer der Ehe die Fürthen meines Alters hinanwogten, da in jenem nicht die Ruhe sein konnte, die mit dem Zwecke des Kindcrerzcugens sich befriedigt, wie es dein Gesetz vorschreibt, o Herr, der du auch die Sprößlinge unsrer Sterblichkeit bildest, und eine sanfte Hand aufzulegen vermagst zur Linderung der Dörner, die du aus deinem Paradies ausschlössest! Denn nicht weit von uns ist deine Allmacht, auch wann wir weit sind von dir. — Gewiß hatt' ich dann den Laut, der aus deinen Wolken herabtönt, achtsamer gehört: Trübsal des Fleisches aber werden solche haben! Doch ich schone eurer! Und: Gut ist es dem Menschen, kein Weib anzurühren! Und: Wer ohne Weib ist, denkt dessen, was Gottes ist, und wie er Gott gefalle; wer 2** 34 A. Augustinus Bekenntnisse. ober im Bande der Ehe lebt, denkt dessen, was der Welt ist, und wie er dem Weibe gefalle. Diese Stimmen also hätt' ich achtsamer gehört, und, mich wegreißend des Himmelreichs wegen, hätt' ich Glücklicher deine Umarmungen erwartet: Aber ich Unglücklicher verbrauste, folgend dem Treiben meines Hanges, verließ dich, und übertrat alle deine Schranken: doch entging ich deinem Strafgerichte nicht. Wer der Sterblichen entgeht ihm? Denn stets warst du da, erbarmungsvoll schreckend, und mit bitterer Rüge meine unerlaubte Lust besprengend, auf daß ich strebte, mich rügelos zu erlustigen. Und nichts, wo ich das könnte, fand ich, außer dich, Herr, außer dich, der du Mühe mischest in dein Gesetz, und schlägst, um zu heilen, und tödtest, auf daß wir nicht sterben fern von dir. Wo war ich, wie weit verbannt von den Freuden deines Hauses lebt' ich in jenem -sechszebntcn Jahre meines Fleisches, als der Wollust Wahnsinn über mich das Zepter erhielt, und ich beide Hände ihr reichte, ihr, die sich muthwillig für erlaubt ausgibt durch der Menschen Schändlichkeit, aber verboten ist durch deine Gesetze? Nicht wars die Sorge der Meinigen, den Stürzenden aufzunehmen in die Ehe: ihre Sorge wars nur, daß ich eine treffliche Rede halten und dadurch überreden lernen möchte. Und zwar wurden in jenem Jahre meine Studien unterbrochen, als mir, gckehrr aus Madaura, in welche benachbarte Stadt ich der Wissenschaften und der Redekunst halber gereiset war, zu einer wettern Reise Zweites Buch. 35 nach Karthago das Nöthige bereitet ward, was ich mehr dem Hochdenken als dem Wohlstande des Vaters verdankte, eines sehr geringen thagastischen Bürgers.— Doch wem erzähl' ich dies? Nicht Dir, mein Gott, sondern vor dir erzähl' ichs meinem Geschlechte, dem Geschlechte der Menschen, wie Vielen oder Wenigen auch diese meine Schrift in die Hände fallen möge. Und wozu dies? dazu, daß ich und jeder, der dies liest, erkenne, aus welcher Tiefe zu dir zu rufen sei. Und was ist näher deinen Ohren, als ein bekennendes Herz, und ein Leben, das nach dem Glauben ist? — Denn wer pries nicht damals meinen Vater, daß er über die Kräfte seines Vermögens auf den Sohn wandte, so viel zu einer weiten Reise der Wissenschaften halber nöthig war? Denn viel reichere Bürger thaten das nicht für ihre Kinder. Jndeß kümmert' es nichts den Vater, wie ich erzogen würde, oder wie züchtig ich lebte, wenn ich nur Beredtsamkeit mir erwürbe, oder vielmehr dich verlöre, mich entfernend aus deiner Zucht, o Gott, der du bist einzig, wahr und gut, Herr deines Ackers, meines Herzens. Als ich aber in jenem sechszehnten Jahre, von aller Schule befreit aus häuslicher Noth, in Muße begann bei meinen Eltern zu fem, überwuchsen mein Haupt die Dörner der Lüste, und keine ausrottende Hand war da. Ja, sogar als der Vater mich zum - Jüngling geworden und voll ruheloser Jugcndkraft im Wade sah, meldete er es, gleich als freuet' er sich schon auf künftige Enkel, froh der Mutter, froh in der Trunkenheit, worin die Welt dich ihren Schöpfer vergessen 36 A. Augustinus Bekenntnisse. und statt deiner deine Geschöpft geliebt Hut, trunken vom unsichtbaren Wein ihres verkehrten und niedrigen Willens. Aber schon hattest du in der Mutter Brust deinen Tempel begonnen, und den Anfang deiner heiligen Wohnung. (Denn Jener war noch Katechumen, und zwar seit kurzem.) Deßhalb frohlockte sie nur mit frommem Zittern und Schaudern, und fürchtete für mich, obwohl ich noch nicht glaubig war, die verkehrten Wege, worauf jene wandeln, die dir den Rücken zuwenden und nicht das Antlitz. Wehe mir! Wag' ichs zusagen, daß du schwiegst, mein Gott, da ich weiter von dir ging? Wirklich, schwiegst du mir dämals? Und wessen, als dein, waren'die Worte meiner Mutter, deiner Glaubigen, die du in meine Ohren riefst? Aber keins stieg herab in mein Herz, daß ich es befolgte. Denn sie gab sich Mühe, und heimlich, wie ich mich erinnere, ermahnte sie mich, daß ich keine Unzucht beginge, und vorzüglich, daß ich nicht ehebrache mit irgend Eines Gattin. Weiberermahnungen schienen mir diese, denen zu gehorchen ich mich zu schämen hatte. Aber deine warens, und ich wüßt' es nicht: und ich glaubte du schwiegest, und bloß sie redete, durch welche du mir nicht schwiegest: und in ihr wardst du verachtet von mir, von mir, ihrem Sohne, dem Sohne deiner Magd, deinem Knechte. Doch ich wüßt' es nicht, und eilte mit solcher Blindheit, daß ich mich schämte, meinen Gleichaltrigen an Schande nachzustehn, wann ich hörte, wie sie sich ihrtr Fehler rühmten, und desto mehr rühmten, je schändlicher sie waren. Und ich handelte nicht bloß Zweites Buch. um der Lust des Handelns, sondern auch des Lobes willen. Was anders ist des Tadels Werth, als der Fehler? Ich, um nicht getadelt zu werden, fehlte desto mehr; und wo Gelegenheit mir mangelte, den übrigen Unglücklichen gleichzuthun, log ich gethan zu haben, was ich nicht that, damit ich nicht verworfner schiene, je unschuldiger ich war, und nicht niedertrachtiger, je züchtiger ich war. Siehe, mit solchen Gefährten durchwandelt' ich Babylons Weg', und wälzte mich in ihrem Kotbe, wie in Spezerei und köstlichen Salben. Und auf daß ich desto fester an ihrem Busen hangen möcht', umfing mich der unsichtbare Feind, und verführte mich, weil ich verführbar war. Denn auch nicht die Mutter meines Fleisches, die zwar schon entflohn war aus Babylons Schlund, aber zaudernder war im Uebrigen, sorgte, so sehr sie mich auch ermahnt hatte, wirklich genug für meine Züchtigkeit, und hielt es, dem zufolge, was sie von ihrem Manne gehört hatte, jetzt für äußerst schädlich und in der Folge gefährlich, mich in die Bande ehelicher Liebe zu führen, wofern sie vorher meine Lüste nicht zügeln konnte. Sie sorgte deß nicht, weil sie fürchtete, durch die Last eines Weibes meine Hoffnung zu unterdrücken: nicht jene Hoffnung, die sie auf dich für die Zukunft hatte, sondern die Hoffnung der Wissenschaften, woran beide Eltern so sehr hingen: Der Bater, weil er von dir fast nichts, von mir Eitles dachte; die Mutter, weil sie jene gewöhnliche Studien nicht allein für nicht schädlich, sondern 38 A. Augustinus Bekenntnisse. auch einigermaßen förderlich hielt, um zu dir zu gelangen. Denn so scheints mir, wann ich, so viel ich kann, das Betragen meiner Eltern überdenke. Auch ward zu jeder Freude der Zaum ohne mäßigende Strenge mir nachgelassen bis zu den wilcesten Ausschweifungen. Und in allen war dicker Dunst, mir verbergend, mein Gott, die Heitre deiner Wahrheit, und meine Bosheit schoß wie aus Fett hervor. Diebstahl bestraft dein Gesetz, o Herr! und das Gesetz, was eingeschrieben ist in die Herzen der Menschen, selbst nicht durch die Bosheit auslöschbar. Denn welcher Dieb ertragt geruhig den andern? Auch nicht der Reiche den durch Armuth gedrungenen Dieb. Und mir gelüstete es, Diebstahl zu begehen; und ich beging ihn, durch keine Armuth gedrungen noch Noth, sondern aus Verachtung der Gerechtigkeit und aus Lust zur Bosheit. Denn ich stahl, was ich in Ucberfluß hatt', und besser noch. Auch nicht der Sache wollt' ich genießen, deren ich durch Diebstahl begehrte: nein, nur des Diebstahls selbst und der Sünde. Ein Birnbaum stand in der Nachbarschaft unsers Weinbergs, schwer von Obste, was aber nicht durch Gestalt, nicht durch Geschmack verführend war. Dies abzuschütteln und wegzutragen gingen wir schändlichen Jünglinge hin um Mitternacht, (so lange hatten wir der abscheulichen Sitte gemäß im Spielhause geweilt) und nahmen ungeheure Lasten mit hinweg, nicht zum Schmause, sondern um sie, nachdem wir etwas davon genossen, den Säuen vorzuwerfen, nur damit wir das ausrichteten, was uns darum gefiel, weils unerlaubt war. Zweites Buch. 39 Siehe mein Herz, o Gott, siehe mein Herz, dessen du dich erbarmtest in der Tiefe des Abgrunds! Siehe, mein Herz sage dir nun, was es dort suchte, damit ich ohne Lohn böse war', und keine Ursache wäre meiner Bosheit, als Bosheit. Schandlich war sie, und ich liebte sie, liebte mein Verderben, liebte meine Fehler; nicht das, weßhalb ich fehlte, sondern meine Fehler selber liebt' ich, ich schandliche Seele, mich stürzend von deiner Grundveste herab in Zerrüttung, nichts Gutes, nur Schande begehrend. Ein reizendes Aeußeres haben schöne Körper, und das Gold, und das Silber, und Allerhand. Und in Berührung des Fleisches gefallt sanftes Anfügen am meisten, und so entspricht jedem übrigen seine eigne Modifikation des Körpers. Auch zeitliche Ehr', und die Macht, zu gebieten und zu herrschen, haben ihre Anmuth, woher auch der Durst nach Nach' entspringt. Aber um Alles dies zu erlangen, soll man nicht hinwegwandeln von dir, und den Weg deines Gesetzes nicht verlassen: Und das Leben, was wir hier leben, hat seine Lockungen durch eine gewisse Anmuth, und sein Verhaltniß zu allem unfern irdischen Schönen. Auch der Menschen Freundschaft in liebem Band ist süß ob der Vereinigung mehrerer Gemüther. In allem diesem und seines Gleichen wird gesündigt, wann wir durch ungemäßigte Hingebung, da sie die niedrigsten Güter sind, das Bessre und Höchste vernachlässigen, Dich, unfern Gott und Herrn, und deine Wahrheit, und dein Gesetz. Denn auch jene haben ihre Freuden, aber nicht wie du, mein Gott, der Alles gemacht hat:. 49 A. Augustinus, Bekenntnisse. denn in dir ergötzt sich der Gerechte, und, du bist die Freude derer, die gerades Herzens sind. Wann daher die Frag' ist, aus welcher Ursach' eine Unthat geschehen sei, so pflegt man der Antwort keinen Glauben beizumessen, bis es erscheint, daß eine Begierde nach solchen Gütern, die wir eben die niedrigsten nannten, da war, oder eine Furcht, derlei zu verlieren. Denn sie sind schön und anmuthig, obwohl gegen die höhern und beseligenden Güter verworfen und niedrig, Menschenmord beging er. Warum? Er liebte des Ermordeten Weib, oder Gut; oder er wollte rauben für Lebensunterhalt; oder er fürchtete, Ähnliches durch ihn zu verlieren; oder, beleidigt, entbrannt' er zur Rache. Beging er Menschenmord ohne Ursache, bloß aus Lust am Morde? Wer glaubt' es? Denn Jener wüthende grausame Mensch, der bös und grausam war ohne Lohnabsicht, hatt' er nicht den Zweck, daß seine Hand' und sein Sinn, wie er sagte, nicht durch Muße erstarrten? Woher dies? warum also? daß er ncmlich durch jene Uebung, nach eingenommener Stadt, Ehre, Gewalt und Reichthum erwürb', und frei wäre von Gesetzcsfurcht, und seinem mißlichen Zustand, bei der Armuth an eignem Vermögen und dem Bewußtsein seiner Laster, Selbst Katilina also liebte seine Laster nicht, sondern das, weshalb er sie beging. Was also liebt' ich Elender in dir, Diebstahl, nachtliche Schandthat meines sechszehnten Jahrs? Denn schön warst du nicht, da du Diebstahl warst: oder bist du auch nur etwas, daß ich zu dir rede? Zweites Buch. 41 Schön war das Obst, das wir stahlen, denn es war deine Schöpfung, Schönster Aller, Schöpfer Aller, guter Gott, größtes Gut, und mein wahres Gut! Schön war das Obst: aber das war es nicht, dessen meine elende Seele begehrte, denn ich hatte Besseres in Menge. ^Zch schüttelt' es ab bloß um zu stehlen. Denn das abgeschüttelte warf ich hinweg, allein des Frevels freudevoll genießend. Und was auch des Obstes in meinen Mund kam, die Unthat war die Würze. Und jetzt, Herr mein Gott, frag' ich, was mich beim Diebstahl ergötzte: und sieh: es ist gar keine Schönheit darin. Ich sage nicht: keine Schönheit in Rücksicht auf Geradheit und Klugheit; sondern auch nicht in der Vorstellungskraft des Menschen, und dessen Gedachtniß und Sinnen und Körperleben. Keine solche, wie die Schönheit in den Gestirnen, prachtvoll, jedes an seiner Stelle; und wie jene auf der Erd' und im Meere, voller Leben, wo Gebornes dem Sterbenden folgt. Auch nicht wie eine gewisse dunkle Scheinschönheit in tauschenden Fehlern. Denn auch die Hoffart ahmt Hoheit nach, da du Einziger erhaben bist, o Gott, über Alles. Und der Ehrgeiz, was sucht er, als Ehr' und Ruhm, da du Einziger zu ehren bist vor Allen, und ruhmwürdig in Ewigkeit? Die Grausamkeit der Machtigen will gefürchtet sein: doch wer ist zu fürchten, als Gott, der Einzige? Seiner Macht, was kann ihr entrissen, verheimlicht werden? Wann, oder wo, oder wie, oder von wem? Und das Liebkosen der Muthwilligcn verlangt geliebt zu sein: aber 42 A. Augustinus Bekenntnisse. nichts ist liebkosend als deine Liebe; keine heilsamere Liebe, denn jene zu deiner Wahrheit, schon vor Allem und lichtvoll. Und Neugier gibt sich das Ansehn der Wißbegier, da du Alles vollkommen weißt. Selbst Unwissenheit und Thorheit wird durch die Namen Einfalt und Unschuld verschleiert: denn mehr Einfalt, als in dir, findet sich nicht. Was aber ist unschuldiger, als Du, da deine Werke den Bösen zuwider sind? Und Trägheit scheint nach Ruhe zu streben: doch wo ist wahre Ruhe außer dem Herrn? Schwelgender Aufwand wünscht Sättigung und Ucberfluß genannt zu werden: du aber bist Fülle, und unversi'egender Quell unverderblicher Süßigkeit. Verschwendung spannt aus den Schatten der Freigebigkeit: aber der Volleste Geber alles Guten bist Du. Geiz will Vieles besitzen: und du besitzest Alles. Neid streitet um Vorzug: was ist Vorzüglicher, denn Du? Zorn sucht Rache: wer rächt gerechter, als Du? Der Furchtsame erschrickt vor Ungewohntem und Unvermuthetem. was der geliebten Sache zuwider ist, und sucht Sicherheit: aber was ist Dir ungewohnt, was unvermuthet? Oder wer treunt dich von dem, was du liebst? oder wo ist außer dir feste Sicherheit? Der Traurige härmt sich ab über verlorne Dinge, woran sich seine Begier ergötzte: denn er wollte, daß ihm nichts genommen würde, wie Dir nichts genommen werden kann. So ist die Seel' ungetreu gegen dich, wo sie sich abwendet von dir; sie sucht außer dir Reinheit und Klarheit, die sie nicht findet, sie kehre denn zurück zu dir. Verkehrt ahmen jene dich nach, die sich weit von Zweites Buch. 43 dir halten, und sich erheben gegen dich. Aber auch so dich nachahmend zeigen sie, daß du der Schöpfer seist aller Natur, und sich nichts finde, um völlig sich von dir abzuwenden. Was also liebt' ick in jenem Diebstahl, und worin ahmt' ich meinen Herrn fehlend und verkehrt nach? Gcfiels mir etwa, gegen das Gesetz wenigstens durch heimlichen Trug zu handeln, da ichs durch offene Gewalt nicht vermochte, damit ich Gefangner eine unvollkommene Freiheit nachahmte, ungestraft Unerlaubtes ausübend, mich erfreuend der dunkeln Aehnlichkeit der Allmacht? Sieh, ein Knecht der seinem Herrn entflicht, und nach Schatten hascht! O Berdcrbtheit! o Ungeheuer des Lebens und Tiefe des Todes! könnt' Unerlaubtes gefallen, bloß weils unerlaubt war? Wie vcrgelt' ichs dem Herrn, daß mein Gedächt- niß sich dieses erinnert, und meine Seele sich dessen nicht fürchtet? Ich will dich lieben, o Herr, und dir danken, und deinem Namen bekennen, weil du mir so viele böse schändliche Thaten erlassen hast. Deiner Gnade verdank' ichs, und deiner Barmherzigkeit, daß du meine Sünden aufgelöst hast, wie Eis. Deiner Gnade verdank' ichs, was ich Böses unterließ: denn was könnt' ich nicht thun, da ich auch ohne Lohn- absicht den Frevel liebte? Und Alles, ich bekenn' es, hast du mir erlassen, was ich Uebels aus mir selbst that, und was ich, geführt von dir, nicht that. Wer der Menschen wagts, wann er seiner Schwachheit gedenkt, seine Keuschheit und Unschuld eignen Kräften beizumessen, um dich weniger lieben zu dür- 44 A. Augustinus Bekenntnisse. fen, gleichsam als bedürft' er weniger deiner Barmherzigkeit, die die Sünden denen verzeiht, die sich zu dir bekehren? Denn wer, gerufen von dir, deiner Stimme folgt', und jenes mied, was er in meinen Bekenntnissen von mir selbst liest, der verlache mich nicht, daß ich Kranker bei jenem Arzte Heilung fand, der ihm verlieh, nicht zu erkranken, oder vielmehr, weniger zu erkranken. Und daher lieb' er dich eben so, ja noch mehr, da er durch den, wodurch er mich aus der Betäubung so vieler Sünden errettet sieht, sich von der Betäubung so vieler Sünden bewahrt steht. Welcher Frucht genoß ich Elender aus dem, dessen Erinnerung mich jetzt beschämt, vorzüglich aus jenem Diebstahl, wobei ich nur den Diebstahl liebte, da er selbst nichts war, und ich seinerhalb nur desto elender? Und dennoch hatt' ich allein ihn nicht begangen, wenn ich meine damalige Lage mir vorstellte; allein hatt' ich ihn durchaus nicht begangen. Also liebt' ich auch die Gefährtschaft Jener, womit ich ihn beging. Nicht also liebt' ich nichts Anders, als den Diebstahl: und wiederum nichts Anders, weil auch jene nichts ist. Wo ist hier die Wahrheit? Wer lehrt sie mich, als der, welcher mein Herz erleuchtet, und scheidet meine Schatten? Was ist, was mir in den Sinn kam zu erforschen, zu untersuchen und zu betrachten? Wenn ich damals das Obst liebte, was ich stahl, und sein zu genießen begehrte, so könnt' ichs auch allein, wenn, die Bosheit begehn, genug war, meine Lust zu stillen, und ich entzündete nicht durch das Anreiben der Mitschuldigen den Reiz meiner Be- Zweites Buch. 45 gier. Aber nicht nach jenem Obste strebte meine Lust, sondern sie lag in der That selbst, und das Mitsündigen meiner Gesährten forderte sie. Worin bestand jenes Streben meines Gemüths? Gewiß, schändlich war es äußerst, und wehe mir, daß es in meinem Gcmüthe war! Aber worin bestand es? Wer durchschaut die Verbrechen? Ein Gelächter gabs als kitzelte man unser Herz, da wir Die betrogen, die sich deß von uns nicht versahn, und denen unsre That so sehr ungewünscht war. Warum nun erfreut' es mich, daß ich die That nicht allein beging? Vielleicht, weil keiner so leicht allein lacht? Keiner zwar so leicht: aber auch Einsamen, ohne daß jemand anders gegenwartig sei, überkömmt zuweilen das Lachen, wann etwas gar Lächerliches den Sinnen oder dem Geiste sich darbeut. Doch ich, Ich hätt' es nicht allein ge- than, allein hätt' ichs durchaus nicht gethan. Siehe, . vor dir liegt, mein Gott, das lebendige Andenken meiner Seele! Allein hätt' ich jenen Diebstahl nicht begangen, wobei mir nicht gefiel, was ich stahl, sondern nur das Stehlen, was mich allein nie ergötzen würde. O gar zu feindselige Freundschaft! Verführung der Seele! unerklarbare Begier, spielend und scherzend zu schaden! Freud' an fremdem Verlust, ohne allen eignen Gewinst, ohne alle Rachsucht! — Aber es heißt: Gehn wir, thun wirs! Und dann schämt man sich, nicht unverschämt zu sein. Wer löst den so äußerst verflochtnen verschlungenen Knoten? Schandvoll ist er: auf ihn merken will ich nicht, nicht sehen. Auf dich will ich sehn, Gerech- 46 A. Augustinus Bekenntnisse. tigkeit und Unschuld, schön, und geschmückt mit herrlichem Licht und unendlicher Sättigung. Denn tiefe Ruhe ist bei dir, und unsiörbares Leben. Wer eingeht in dich, geht ein in die Freude seines Herrn; und er wird nicht Furcht haben, und sich trefflich befinden beim Trefflichsten. Ich wandte mich hinweg von dir, und verirrte mich, mein Gott, zu sehr abweichend in der Jugend von deiner Standigkeit, und ich ward mir ein Land der Dürftigkeit. Drittes Buch. -xHch kam nach Karthago, und rings umrauchte mich das Gewirr ausschweifender Liebe. Noch liebte ich nickt, und wünschte zu lieben; und bei meinem geheimen Bedürfniß haßt' ichs, nicht noch mehr zu bedürfen. Ich suchte, was ich lieben möchte, wünschend zu lieben, und haßte meine Sicherheit, und einen Weg ohne Fallstricke. Denn Mangel hatt' ich an innerer Speise, die du selbst bist, mein Gott, und mich hungerte nicht darnach; sondern ich war ohne Verlangen nach unvergänglicher Nahrung: nicht, weil ich damit erfüllt war, sondern je leerer, je ekler. Und deßhalb wars meiner Seele nicht wohl! Elend und geschwürvoll warf sie sich außer sich, begierig gerieben zu werden von sinnlicher Berührung: Aber von Berührung Beseelter: sonst fände ja keine Liebe statt. Lieben und geliebt werden war mir süßer, wann ich zugleich der Liebenden Körper genoß. Der Freundschaft Ader beschmutzt' ich also mit dem Unflath der Fleischesbegier, und ihren Glanz verdunkelt' ich mit schnöder Geilheit. Und dennoch, schandvoll und ehrlos, that ich fein und gesittet in der Fülle meiner Eitelkeit. — Auch stürzt' ich hin in die Liebe, wie ick es wünschte. Mein Gott, meine Barmherzigkeit, mit welcher Gall', und wie gütig hast du diese Süßigkeit mir besprengt! Denn 48 A. Augustinus Bekenntnisse. ich ward geliebt, und kam heimlich in den Bund des Genusses, und freudig ließ ich mick fesseln in elender Umarmung, auf daß ich geschlagen würde mit glühenden eisernen Ruthen der Eifersucht und des Argwohns und der Furcht und des Zorns und des Zanks. Schauspiele der Bühne rissen mich hin, voller Bilder meines elenden Zustands, voller Zunder für meine Brunst. — Warum wünscht der Mensch dort betrübt zu werden beim Anblicke des Bejammernswürdigen und Traurigen, was er doch selbst nicht leiden möchte? Und doch will der Zuschauer Betrübniß empfinden, und die Betrübniß ist seine Wollust. Was ist es, als eine bewcinenswürdige Thorheit? Denn desto mehr wird jemand gerührt, je weniger er von den dargestellten Leidenschaften frei ist: und fühlt er selbst Unglück, so pflegen wirs Elend, fühlt er es mit Andern mit, Mitleiden zu nennen. Aber was ist es denn, das Mitleiden bei tauschenden Theatergeschichten? Denn nicht zur Hülfleistung wird der Zuhörer aufgefordert, sondern bloß eingeladen zur Betrübniß; und er lobt desto mehr den Schauspieler, je mehr er betrübt wird. Und wenn die alten oder erdichteten Unglücksfalle so dargestellt werden, daß der Zuschauer nicht betrübt wird, so geht er mit Widerwillen und Schimpfen hinweg. Wird er aber betrübt, so bleibt er, achtsam, und weint mit Behagen. Thranen also werden geliebt und Betrübniß? Und gewiß wünscht doch jeder Mensch, freudig zu sein. Und da es keinem gelüstet, selbst zu leiden, gelüstet es uns doch, mitleidend zu sein. Weil dies nicht ohne Betrübniß sein Drittes Buch. 49 kann, so liebt man, und nur allein darum, die Be- trübniß. Und das bewirkt jene Ader der Freundschaft. Aber wohin geht ihr Weg, wohin fließt sie? warum fallt sie in den Strom siedendes Pechs, in die wilde Gluth garstiger Brunst, in welche sie sich wandelt durch eigne Hinneigung, abgewandt und entflohn von ihrer himmlischen Heitre? Verwerflich also wäre Mitleiden? Keineswegs. Also zuweilen soll man Betrübniß lieben. Aber hüte dich vor Unreinheit, meine Seele! Unter dem Schutze meines Gottes, des Gottes unsrer Bater, des Preiswürdigen, des Hocherhabenen in alle Ewigkeit, hüte dich vor Unreinheit! Denn auch jetzt bin ich nicht mitleidenslos: aber damals in den Theatern freut' ich mich mit den Liebenden, wenn sie durch Schandtaten zum Genüsse gelangten, obwohl es nur tauschendes Schauspiel war. Verloren sie sich aber einander, so trauert' ich mitleidig mit: und doch freute mich beides. Jetzt aber bemitleid' ich den mehr, wer sich in Schandtaten erfreut, als wer Schweres erduldete verderblicher Wollust halber, und des Verlustes elender Glückseligkeit. Dies ist das wahre Mitleiden: aber nicht in ihm erfreut sich die Betrübniß. Denn obwohl es der Liebe Pflicht gutheißt, über den Unglücklichen sich zu betrüben: so wünscht man doch, lieber keine Ursache zur Betrübniß zu haben, wann man wahrhaft mitleidend ist. Es müßt' ein übelwollendes Wohlwollen geben, was nicht sein kann, wenn der wahrhast und aufrichtig Mitleidige Leidende wünschte, um Mitleiden fühlen 3 50 A. Augustinus Bekenntnisse. zu können. Einige Betrübniß ist also gutzuheißen, keine zu lieben. Denn dies bist du, o Herr und Gott, der du die Seelen liebst, und, von keiner Betrübniß erreicht, weit reineres und unwandelbareres Mitleiden hast, als wir. Und wer anders vermag das? Doch ich Elender liebte damals die Betrübniß, und strebte nach ihr, wann bei fremdem und falschem und vorgegaukeltem Unglücke desto mehr mir der Schauspieler gefiel, und desto mehr mich hinriß, je mebr Thränen er mir entpreßte. Was Wunder aber, wenn ein unglückliches Schaf, von deiner Heerde verirrt, und sich entziehend deiner Obhut, mit haßlicher Räude bemakelt ward?' Daher die Liebe der Betrübniß: nicht solche, die mich inniglich durchdränge, (denn ich wünschte nicht zu erdulden, was ich sah) sondern deren Darstellung mich gleichsam auf der Oberflache rieb, worauf aber, wie auf Zcrkratzung mit Nageln, entzündeter Geschwulst und Fäulniß und scheußlicher Eiter folgte. Solch ein Leben, wars ein Leben, mein Gott? Und von weitem umschwebte mich deine getreue Barmherzigkeit. In mancherlei Bosheit versenkt' ich mich, und folgte gottlosem Borwitze, welches mich, dich verlassend, in die tiefste Tiefe stürzt', und in Anhänglichkeit an den bösen Geist, dem ich meine bösen Thatcn opferte: und in Allem schlugst du mich. Ich wagt' es sogar an Tagen deiner Feier Fleischesbegier zu hegen innerhalb den Mauern deines Tempels, und zu schaffen Früchte des Todes. Deßhalb schlugst du mich mit schweren Strafen, doch nicht nach meinem Drittes Buch. 51 Verdienst, o übergroße Barmherzigkeit! Mein Gott, meine Zuflucht vor den schrecklichen Bösewichtern, worunter ich umherschweifte mit erhabnem Haupte, weit mich wendend von dir, meine Wege liebend und nicht die deinen, liebend flüchtige Freiheit! Dann hatten auch dort jene Studien, die man ehrenvolle nennt, sich beziehend auf Streitigkeiten im Forum, ihre Lockung, daß ich mich darin hcrvorthate, um so rühmlicher, je betrüglicher. So groß ist der Menschen Blindheit: sie rühmen sich sogar der Blindheit! Und einer der ersten war ich in der Redner- schul', und voll Hoffart frohlokt' ich, und schwoll auf vor Stolz; obwohl weit gemaßigster, das weißt du, Herr! und ganz entfernt von den Verwüstungen, die die Verwüster anrichteten, (denn dieser böse teuflische Namen war gleichsam das Merkmal seiner Sitte) worunter ich lebte voll unverschämter Scham, daß ich ihnen nickt gleich war. Und ich war mit ihnen, und erfreute mich ihrer Freundschaft, immer verabscheuend ihre Verwüstungen, womit sie frech der blöden Scham Unerfahrner nachstellten, die sie durch Tauschungen untergruben, und dann daran ihre boshafte Freude weideten. Nichts ist teuflischen Handlungen ahnlicher, als dies: was war also wahrer, als ihr Name: Verwüster? Selbst sind sie völlig vorher verwüstet und verderbt, so verlacht und verführt von heimlich tauschenden Geistern, wie sie selbst andre zu verlachen lieben und zu tauschen. Unter diesen studirt' ich in jenem ungesetzten Alter die Bücher der Beredsamkeit, worin ich aus verdamm- 3* 52 A. Augustinus Bekenntnisse. sicher windiger Absicht, nur der menschlichen Eitelkeit zu fröhnen, hervorzuragen strebte. Und nach der gewöhnlichen Lehrordnung kam ich an ein gewisses Buch eines gewissen Cicero, dessen Sprache fast alle bewundern, nur nicht also dessen Herz. Aber das Buch selbst enthalt eine Anmahnung zur Philosophie, und ist Hortensias benannt. Dies Buch nun wendete meine Neigung um, und wendete zur dir, o Herr, mein Gebet, und wandelte meine Wünsch' und Begierden. Werthlos ward mir schnell alle eitle Hoffnung: und mit unglaublichem Herzensdrang begehrt' ich der Weisheit Unsterblichkeit: und ich stand schon auf, um zu dir zurückzukehren. Denn nicht um meine Sprache zu verfeinern, — was ich aus meiner Mutter Kosten in meinem neunzehnten Jahre dort erkaufen sollte, indem der Bater bereits vor zwei Jahren gestorben war, — nicht um meine Sprache zu verfeinern, benutzt' ich jenes Buch: nicht Redekunst, sondern Überredung dessen, was es sprach, schöpft' ich daraus. Wie brannt' ich, mein Gott, wie brannt' ich, vom Irdischen zu dir zurückzufliegen! Und ich wußte nicht, was du mit mir vorhattest. Denn bei Dir rst Weisheit! Die Liebe zur Weisheit aber hat den griechischen Namen Philosophie, wodurch mich jenes Werk anfeuerte. Es gibt deren, die durch die Philosophie verführen, mit großem lockendem ehrvollem Namen ihre Jrrthümer beschönigen und schminken: und fast alle, die damals oder vorher dahin gehörten, werden in jenem Buche kennbar gemacht und bezeichnet; auch zeigt sich dort die Heilbringende Ermahnung deines Drittes Buch. Geistes durch deinen guten und frommen Diener Paulus: Sehet zu, daß euch niemand betrüge durch die Philosophie und lose Verführung nach der Lehre der Menschen und nach den Satzungen dieser Welt, und nicht nach Christus: denn in Ihm wohnt alle Fülle der Gottheit leibhaftig. Mir waren damals (du weißt es, Licht meines Herzens!) diese apostolischen Lehren zwar noch nicht bekannt: das aber allein ergötzte mich in jener Anmah- nung, daß sie nicht auf dies' oder jene Sekte, sondern auf die lautre Weisheit selbst hinwies, daß ich sie liebt' und erforscht' und erlangt' und festhielt' und umfinge. Heftig ward ich aufgereizt durch jene Lehren, und angefeuert und entbrannt. Und nur das kümmerte mich bei allem dem Feuer, daß sich Christus Name dort nicht fand. Denn diesen Namen, gemäß deiner .. Barmherzigkeit, o Herr! diesen Namen des Heilands deines Sohns hatte mein junges Herz schon mit der Mutter Milch unschuldvoll eingesogen, und bewahrt' ihn in seinem Innern: und was ohne diesen Namen war, wars noch so gelehrt, ausgefeilt und aufklarend, nie riß es mich ganz dahin. Ich beschloß daher meinen Geist zu wenden auf die heiligen Schriften, damit ich sähe, was sie waren. Und sieh! ich erblickte Dinge, nicht offenbar dem Hoffartigen noch enthüllt den Kindern, sondern im Beginn unscheinbar, im Fortgang erhaben und von Geheimnissen umschleiert: und Ich war Der nicht, welcher in sie dringen konnte, oder den Nacken beugen zu ihrem Schritte. Denn nicht wie ich jetzt rede, fühlt' ich, als ich jene Schrift las: 54 A. Augustinus Bekenntnisse. sondern unwürdig schien sie mir, wann ich sie mit Ciceros Würde verglich. Denn meiner Aufgeblasenheit widerstand ihre Art, und meine Spahkraft drang nicht in ihr Inneres. Doch sie wars, die mit den Kleinen wachst: ich aber verschmäht' es, der Kleinen Einer zu sein, und geschwollen vor Stolz schien ich mir groß. Daher siel ich unter Menschen voll prunkendes Unsinns, fleischliche, redselige, in deren Munde Fallstricke des Teufels waren und ein klebriger Leim, gebildet aus der Mischung von Sylben deines Namens, und des Namens unsers Herrn Jesus Christus, und des Trösters, des heiligen Geistes. Alle diese Namen wichen nicht aus ihrem Mund: aber nur Laute warens und Zungenschall: ihr Herz war des Wahren leer. Und sie sprachen: Wahrheit und Wahrheit! Und manche sagten mir von ihr, und nirgends war sie in ihnen. Sondern Falschheiten redeten sie, nicht nur von dir, der du wahrhaft die Wahrheit bist; sondern auch von den Anordnungen in dieser Welt, deinen Schöpfungen, wo ich auch jenes, was Philosophen Wahres darüber sagten, Übergehn mußt' aus Liebe zu dir, mein bester Bater, du Schönheit alles Schönen! O Wahrheit, Wahrheit! Wie sehnte sich auch damals das Innerste meines Gemüthes nach Dir, als hausig und vielfach dein Name mir vorgetönt ward mit bloßer Stimm' und in vielen Ungeheuern Büchern! Dies waren die Schüsseln, worin sie mir, nach dir hungernd, Sonn' und Mond vorsetzten, deine schönen Werke, aber doch nur deine Werke, nicht Du, und Drittes Buch. 55 nicht die vorzüglichem Werke! Denn deine geistigen Werke sind die vorzüglichem vor jenen körperlichen, obwohl leuchtend und himmlisch. Aber auch nicht nach jenem Vorzüglichem, sondern nach dir selbst, o Wahrheit, worin kein Wandel ist, und keines Augenblicks Beschattung, hungert' und durstete mich: und vorgesetzt wurden mir in jenen Schüsseln blendende Gebilde. Besser wars noch, jene Sonne zu lieben, die wenigstens unsern Augen wahr ist, als jene Falschheiten, wobei unsre Augen den Geist tauschen. Und doch aß ich daraus, weil ich in ihnen dich glaubte; begierig zwar nicht, weil du meinem Munde nicht schmecktest, wie du bist: Denn jene leere Dichtungen waren nicht Du, und mich nährten sie nicht, erschöpften mich vielmehr. Essen im Schlaf ist sehr ahnlich dem Essen der Wachenden: nur werden die Schlafenden nicht erquickt, denn sie schlafen. Aber sie waren dir auf keine Weis' ahnlich, o Wahrheit, wie du jetzt zu mir gesprochen hast: denn es waren körperliche Vorspielungen, falsche Körperlichkeiten, denen an Gewißheit jene wahre Körper vorgehn, die wir mit fleischlichen Augen sehn, sein es himmlische, sein es irdische. Mit Thier und Gevögel sehn wir sie; und zuverlässiger sind sie, als wenn wir jene uns einbilden. Und wiederum ist in ihrer Einbildung mehr Zuverlässigkeit, als wenn wir Größeres und Unendliches aus ihnen schließen, was durchaus nichts ist, so wie jenes Eitle war, womit ich damals genährt ward, und nicht genährt ward. 56 A. Augustinus Bekenntnisse. Aber du, meine Liebe, worin ich vergeh' auf daß ich stark sei! Du bist nicht jene Körper, die wir sehn, obwohl am Himmel; noch bist du, die wir dort nicht sehn: weil du sie erschufst, und deine größten Schöpfungen immer nicht Du sind. Wie weit also entfernt bist du von jenen meinen Einbildungen, eingebildeten Körpern, die gar nicht sind! Zuverlässiger sind die Vorstellungen von Körpern, die sind, und zuverlässiger, als diese, die Körper selbst, die aber nicht Du sind. Auch bist du die Seele nicht, die das Leben der Korper ist. Daher ist besser das Leben der Körper und zuverlässiger, als die Körper selbst. Aber du bist das Leben der Seele, Du das Leben des Lebens, selbst lebend und unwandelbar, o Leben meiner Seele! Wo warst du denn Mir damals, und wie weit? Und wie weit von dir wandelt' ich, auch ausgeschlossen von den Schoten der Säue, die ich mit Schoten nährte! Wie viel besser waren die Märchen der Grammatiker und Dichter, als diese täuschenden Schlingen! Denn Vers' und Gedicht' und die fliehende Medea sind sicher nützlicher, als die fünf bunt ausgeschmückten Urstoffe wegen der fünf Höhlen der Finsternisse, die ganz und gar nicht sind, und den Glaubenden zu Grunde richten. Denn Vers' und Gedichte halt' ich wie wahre Zukost. Besang ich auch die fliehende Medea, so hielt ichs doch nicht für wahr, und hört' ich sie besingen, so glaubt' ichs nicht: jenes aber glaubt' ich. Wehe, wehe! Durch welche Schritte ward ich hinabgezogen in die Tiefe des Abgrunds! Mich härmend und ängstigend ob dem Mangel der Wahrheit, Drittes Buch. 57 als ich dich, mein Gott, (denn dir bekenn' ichs, der du dich meiner erbarmtest, auch des Nichtbckenncnden!) als ich dich nicht nach der Erkenntnißkrast meines Geistes, worin du mich den Thiercn vorragen lassen wolltest, sondern nach dem Sinne des Fleisches suchte! Du aber warst innerlich, als mein Innerstes, und höher, als mein Höchstes. Ich tras auf jenes freche Weib, die, gemäß Salomons Spruch, auf einem Stuhle sitzt vvrdcrThüre, sprechend; esset hier fröhlich verborgnes Brod, und trinkt verstohlnes süßes Wasser! — Sie verführte mich: denn sie fand Einen, der außer sich in dem Auge seines Fleisches wohnte, und nur über das sann, was er mit diesem Auge verschlang. Denn anders wüßt' ich nichts von Jenem, was ist. Und es prickelte mich gleichsam, mich thörichten Betrügern hinzugeben, wann sie mich fragten: woher das Böse? und ob Gott umschlossen wäre von körperlicher Form, und Haare hätt' und Nägel? und ob Gerechte zu nennen waren, die mehrere Weiber zugleich hätten, und Menschen erschlügen, und Thier' opferten? Dadurch ward ich Unkundiger verwirrt; und abweichend von der Wahrheit schiens mir, ich wandelte zu ihr, weil ich nicht wußte, daß das Böse nichts wäre, als Abwesenheit des Guten, eine solche, daß dessen gar nichts da ist. Was sollt' Ich erblicken, dessen Blick mit den Augen nur auf Körper, mit dem Geiste nur auf Einbildungen ging? Und ich wußte nicht, daß Gott ein Geist wäre, dem keine Glieder sich ausdehnten in Läng' und Breite, und der keine Masse hatte, weil. Masse kleiner ist in 3 ** 58 A. Augustinus Bekenntnisse. ihren Theilen, als in ihrem Ganzen; und ist sie unendlich groß, so ist sie in einem durch gewissen Raum bestimmten Theile kleiner, als in ihrer Unendlichkeit. Auch ist sie nicht allenthalben ganz, wie ein Geist, wie Gott. Und was das war' in uns, worin wir Gott glichen, und ob mit Recht in der Schrift wir nach Gottes Ebenbilde geschaffen genannt werden könnten, war mir ganz und gar unbekannt. Und ich kannte nicht die wahre innere Gerechtigkeit, die nicht nach Gewohnheiten urtheilt, sondern nach dem richtigsten Gesetze des allmachtigen Gottes, durch welches die Ordnung der. Zeiten und Tage für Zeiten und Tage bestimmt ward; welches allenthalben und stets selbst war, nicht hier so, und anderwärts anders; nach welchem gerecht waren Abraham und Isaak und Jakob und Mopses und David, und alle Jene, gelobt vom Munde Gottes. Aber ich sah sie ungerecht beurtheilt von Unwissenden, die nach menschlicher Art urtheilten, und alle Lebensweise des menschlichen Geschlechts nach ihrer Weise abmaßen: Gleich als wenn jemand, unkundig, welche Bewaffnung jeglichem Gliede gebühre, mit dem Stiefel das Haupt sich decken, und mit dem Helm sich beschuhen wollte, und murrte, daß es sich nicht wohl anfügte; oder als wenn an selbigem Tage, wann von den nachmittaglichen Stunden an Handlungsstille bekannt gemacht ist, Jemand unwillig wäre, daß er nichts feil haben dürfte, da es doch am Morgen erlaubt war; oder in selbigem Haus etwas einen Sklaven ausrichten sähe, was man dem, der die Becher besorgt, nicht auftragt; oder jemanden etwas bin- Drittes Buch. 5g ter dem Stalle thun sähe, was beim Tisch unerlaubt ist, und darüber ärgerlich würde, daß nicht alles gleich wäre, da es doch dieselbe Wohnung, und dasselbe Gesind' ist: — Also sind diejenigen, die unwillig werden, daß in jenen Zeiten den Gerechten erlaubt war, was in diesen nicht erlaubt ist, und daß Gott nach den Zeitumstanden Jenen anderes und anderes Diesen gebot, indem sie beide derselben Gerechtigkeit dienten; daß sie es sehen müssen, wie im nämlichen Menschen und am nämlichen Tag' und im nämlichen Hause dies dem einen und das dem andern Gliede schicklich, und dann nach einer Stund' unerlaubt sei, was seit langem erlaubt war; und daß in diesem Winkel zugelassen oder geboten sei, was in jenem mit Recht verboten und bestraft werde. Ist Gerechtigkeit abwechselnd und wandelbar? Das nicht: aber die Zeiten, denen sie vorsteht, zehn nicht gleiches Schritts: denn sie sind Zeiten. Weil aber die Menschen, deren Leben kurz ist auf der Erde, nicht mit ihrem Sinne vermögen, die Eigenheiten zu vereinen voriger Jahrhunderte und andrer Völker, die sie nicht aus Erfahrung kennen, mit jenen, die sie kennen: hingegen im nemlichen Körper, oder Tag' oder Hause leicht sehen können, was jeglichem Gliede, welcher Zeit, welchen Theilen und Menschen etwas schicklich sei; so sind jene ihnen anstößig; diesen unterwerfen sie sich. Dies wüßt' ich damals nicht, und merkte nicht darauf; und allenthalb siels in meine Augen, und ich sah es nicht. Lieder sang ich ja, und durfte nicht nach 6<1 A. Augustinus Bekenntnisse. Willkühr die Versfüße stellen, sondern anders bei anderem Sylbenmaaß, und in selbigem Sylbcnmaaße nicht allenthalben jeden Fuß. Und die Kunst selbst hatte nicht Anderes anderswo, sondern Alles zugleich. Aber ich sah nicht, wie die Gerechtigkeit, der die guten und heiligen Menschen dienten, weit vortrefflicher und erhabner Alles in sich faßte, was Gott gebot, und in keinem Theile sich veränderte, und doch in verschiedenen Zeiten nicht Alles zugleich, sondern das Eigentümliche verordnete und geböte. Und ich Blinder tadelte die frommen Vater, die nicht allein die Gegenwart so verlebten, wie es Gott befahl und ihnen eingab, sondern auch die Zukunft, wie Gott sie ihnen offenbarte, vorhersagten. Ist es zuweilen oder irgendwo Unrecht, Gott zu lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seel', aus ganzem Sinn', und seinen Nächsten zu lieben, wie sich selbst? Darum sind die Schandtaten gegen die Natur allenthalben und stets zu verabscheuen und zu bestrafen, wie jene der Sodomiter. Wenn auch alle Menschen derlei begingen, so wären sie auch alle des nämlichen Lasters schuloig nach Gottes Rathschlusse, gemäß dem die Menschen nicht so gebildet sind, daß sie auf jene Weis' einander genießen sollten. Selbst der Verein, worin wir mit Gott leben sollen, wird verletzt, wenn die Natur, deren Schöpfer er ist, durch der Wollust Ausschweifung besudelt wird. Verbrechen aber gegen die Sitten der Menschen sind nach der Sitten Verschiedenheit zu meiden, damit die Übereinkunft der Drittes Buch. 6t Bürgerschaft oder des Volks, durch Gewohnheit oder Gesetz bestätigt, durch keine Ausschweifung eines Bürgers oder Fremden verletzt werde. Denn aller Theil ist haßlich, der sich dem Ganzen nicht anschickt. Gebietet aber Gott etwas gegen Sitt' und Übereinkunft gewisser, seis auch nie unter ihnen geschchn, so ist es zu befolgen; und ist es unterlassen, nachzuholen; und ist es nicht eingeführt einzuführen. Denn es ist dem König erlaubt in der Stadt, wo er herrscht, etwas zu gebieten, was keiner vor ihm noch jemals er selbst gebot, wobei Gehorsam nicht der Bürgcrgesellschaft zuwider, vielmehr Ungehorsam.ihr zuwider ist, (indem der allgemeine Verein einer menschlichen Gesellschaft ist, ihren Königen zu gehorchen:) wie vielmehr muß man Gott, dem Herrscher über alle seine Schöpfung, in dem, was er gebietet, ohne Zweifel unterthan sein? Denn wie unter den Gewalten menschlicher Gesellschaft die höhere der Niedern zum Gehorsam vorgesetzt ist, so Gott Allen. Eben so .bei Verbrechen, wo Begier zu schaden ist, seis durch Schmach, seis durch Unbild' und beides entweder aus Rache, wie dem Feinde der Feind; oder um von Jemanden Vortheil zu erhaschen, wie der Rauber dem Reisenden; oder Übclem auszuweichen, wie dem, den man fürchtet; oder durch Neid, wie dem Glücklichern der Unglücklichre, oder der Beglückte dem, wovon er gleiche Beglückung fürchtet, oder über dessen gleiche Beglückung er sich barmt; oder aus bloßer Lust zu fremdem Übel, wie die Zuschauer bei Fechtern, oder wie Spötter oder Verlacher der Menschen. A. Augustinus Bekenntnisse. Dies sind die Hauptverbrechen, hervorsprossend aus der Begier zu herrschen, zu schauen und zu empfinden, entweder aus einer, oder aus zweien oder allen dreien zugleich. Und bös' ist es, zu leben gegen drei und sieben, den Psalter von zehn Saiten, deine zehn Gebote, höchster und lieblichster Gott! Aber welche Schandthat wider dich, den nichts bemakelt? Oder welches Verbrechen gegen dich, dem nichts schaden kann? Aber das rächst du, was die Menschen wider sich begehen, indem, wann sie gegen dich sündigen, sie Böses zugleich ihrer Seele thun, und ihre Bosheit sich selbst belügt, entweder verderbend und umkehrend ihre Natur, die du schufst und ordnetest, oder Verliehenes unmaßig gebrauchend, oder nach Nichtverlihenem strebend zu unnatürlichem Gebrauche. Oder sie sind schuldvoll, wüthend gegen dich mit Gemüth und Wort, und sich sträubend gegen den Stachel, oder indem sie, die Gränzen der menschlichen Gesellschaft überschreitend, frech sich erfreun in besondern Vereinigungen oder Trennungen, nachdem es gefällt oder mißfällt. Und so geschieht es, wenn man dich verläßt, Quell des Lebens, einziger und wahrer Schöpfer und Lenker des Gesammten, und mit heimischem Stolz einzelnes falsches liebt! Voll demüthigcr Frömmigkeit nur kehrt man deßhalb zu dir zurück, und du befreist uns von böser Gewohnheit, und gnädig bist du bekennenden Sündern, und erhörst das Seufzen der Gefesselten, und lösest die Bande, die wir uns selbst anlegten, wenn wir nicht mehr gegen dich erheben die Hörner Drittes Buch. 63 falscher Freiheit, aus Geiz, mehreres zu haben, und mit Gefahr, alles zu verlieren, da wir unser Selbsteignes mehr lieben, als dich, das Gut Aller. Aber unter den Schandthaten und Verbrechen und so vielen Bosheiten giebt es Sünden zum Nutzen, die von richtig-.urtheilenden zwar getadelt werden nach der Regel der Vollkommenheit, aber gelobt wegen der Hoffnung zur Frucht, wie aufgrünende Saat. Und einige sind Schandthaten oder Verbrechen ahnlich, aber dennoch keine Sünden, weil sie weder dich beleidigen, unfern Herrn und Gott, noch den gesellschaftlichen Verein; indem dadurch etwas der Zeit gemäßes zum Gebrauche des Lebens sich verschafft wird, ohne daß man sagen könn', es gescheh' aus Habbegier; oder indem mit rechtmäßiger Gewalt um zu bessern gestraft wird, ohne daß man sagen könn', es gescheh' aus Begier zu schaden. Viele Thaten daher, die den Menschen rügewürdig scheinen, werden von dir gutgeheißen, und vieles von Menschen Gelobte wird von dir verdammt; indem sich oft ganz anders das Auffallende der That verhält, und anders des Handelnden Gemüth und die verborgenen Zeitverhältnisse. Wann du aber etwas völlig Ungewöhnliches und Unerwartetes befiehlst, wenn du es auch einst verbotest, wer zweifelt, (obwohl du die Ursache des Befehls zur Zeit verschweigst, und obwohl es dem Verein einiger Menschen widerstrebe) daß man gehorchen müsse, wenn gerecht jene Gesellschaft der Menschen ist, die dir dient? Aber selig sind, die wissen, du habest befohlen. Denn in Allem gehorchen deine Diener, so- 64 A. Augustinus Bekenntnisse. wohl in gegenwärtiger That, als in Vorhersagung der Zukunft. Dieser Ding' unkundig verlacht' ich deine heiligen Diener und Propheten: und was that ich anders, da ich sie verlachte, als mich verlachenswürdig machen vor dir, indem ich allmählig zu solchen Possen gelangte, daß ich glaubte, die Feige weine beim Abbrechen, und die Mutter, der Baum, vergieße Thränen? Wenn ein Heiliger diese Feige, abgebrochen durch fremdes, nicht durch eignes Vergehn, genösse, so würd' er sie vermischen mit seinen Eingeweidcn, glaubt' ich, und Engel aushauchen durch sie, ja sogar Theilchen Gottes, wahrend er beim Gebete seufzt' und athmcte, welche Theilchen des höchsten und wahren Gottes verschlossen geblieben waren in jener Frucht, wenn sie nicht durch Zahn und Magen des auserwahltcn Heiligen ausgelöst waren. Und ich Elender glaubte, daß mehr Barmherzigkeit den Früchten der Erde zu erweisen war', als den Menschen, um dercnthalb jene wachsen: denn bat' um etwas ein Hungernder, der kein Manichäer wäre, wie mit Tod zu betrafen wäre der Bissen, den man ihm reichte. Und du reichtest deine Hand herab aus der Höh', und aus dieser tiefen Finstcrniß errettetest du meine Seele, als zu dir für mich meine Mutter, deine Gläubige, weinte, heißer als sonst Mütter Leichname beweinen. Denn sie sah meinen Tod durch den Glauben und den Geist, den sie aus dir hatte, und du erhörtest sie, und verschmähetcst nicht ihre Thränen, die herabträufelnd die Erde feuchteten unter ihren Augen Drittes Buch. 65 an jeder Stelle, wo sie betete: und du erhörtest sie. Denn woher anders jener Traum, wodurch du sie tröstetest, so daß sie glaubte, ich lebte bei ihr, und säße bei ihr zu Haus am nemlichcn Tische, was sie schon nicht mehr zugeben wollte, aus Widerwillen und Abscheu gegen die Lasterungen meines Jrrthums. Denn sie sah sich stehn auf einem geraden hölzernen Brett, und auf sich zukommen einen glänzenden freudigen und lächelnden Jüngling, da sie selbst traurig war und gebeugt vor Gram. Als er geforscht hatte nach der Ursach ihrer Traurigkeit und ihrer taglichen Thränen (um zu trösten, nicht aus Neugier) und sie geantwortet, sie bejammere mein Berderbniß; hieß er sie ruhig sein, und ermahnte sie, aufzumerken, und zu schauen: wo sie wäre, wär' auch ich! Als sie aufmerkte, sah sie mich bei ihr stehn auf demselben Brette. — Woher dies, als nur weil deine Ohren sich ihrem Herzen zuneigten, Allmachtiger, Bester, der du so für jeden Einzelnen sorgst, als hättest du nur für ihn allein zu sorgen, und so für Alle, wie für den Einzelnen? Daher auch dies: als sie mir ihr Gesicht erzahlte, und ich es dahin zu deuten strebte, daß sie nicht zweifeln sollte, sie würde das werden, was ich war, sprach sie schnell ohne Zögern: Nein, nein! mir ward nicht gesagt: wo er, da auch du! sondern: wo du, da auch er! — Ich bekenne dir, wies meine Erinnerung darbeut, (was ich schon öfter sagte) daß auf mich diese deine Antwort durch die wachende Mutter mehr Eindruck machte, — indem die so nah liegende falsche Auslegung sie nicht verwirrt', und sie so schnell sah, 66 A. Augustinus Bekenntnisse. was zu sehn war, welches ich, ehe sies sagte, sicher nicht sah, — als ihr Traum selbst, wodurch dem frommen Weibe die noch entfernte Freude, zum Trost in dem gegenwartigen Kummer, so lange vorher gewcis- sagt ward. ,Denn es wahrte fast noch neun Jahre, daß ich mich in dem Schlamme des Abgrunds und in den Finsternissen der Falschheit, oft mich zu erheben strebend, aber desto tiefer hineingestoßen, herumwalzt', in- deß jene keusche fromme maßige Wittwe, dergleichen du liebst, zwar mit lebendigerer Hoffnung, aber darum im Weinen und Seufzen nicht träger, nicht aufhört' in jeder Stunde des Gebetes über mich zu dir aufzujammern. Und ihre Bitten gelangten vor dein Angesicht: und mich ließest du dennoch umgeben sein um und um von jenem Dunkel. Und du gabst indeß noch eine andre Antwort, wie ich mich erinnere. Denn vieles übergeh' ich, weil ich zu jenem eile, was mir mehr am Herzen liegt, dir zu bekennen; auch auf vieles besinn' ich mich nicht mehr. Eine andre Antwort also gabst du durch deinen Priester, einen Bischof, erzogen in deiner Kirch', und bewandert in deinen Büchern. Als jenes Weib diesen bat, daß er mit mir sich unterreden möcht' und widerlegen meine Jrrthümer, und mich ablehren das Bös', und lehren das Gute; (denn er that dies, wenn er sattsame Anlage dazu vorfand,) schlug er es ab, und sehr weislich, wie ich es hernach einsah. Denn er antwortete, ich wäre noch ungelehrig, weil ich noch aufgeblasen wäre von der Neuheit jener Ketzerei, und mit Drittes Buch. manchen spitzfindigen Fragen schon viele in die Enge getrieben hatte, wie sie es ihm auch erzahlt hatte. Aber laß ihn, sprach er; bitte bloß den Herrn für ihn: selbst wird er durch Lesen es finden, wie groß jener Jrrthum sei und jene Gottlosigkeit. — Zugleich erzahlt' er ihr, er selbst war' als Knabe von der verführten Mutter den Manichaern übergeben, und er hatte nicht allein fast alle ihre Bücher gelesen, sondern auch abgeschrieben; und es war' ihm hernach von selbst offenbar geworden, ohne Jemandes Widerlegung und Beweis, wie sehr jene Sekte zu fliehen war', und er wäre geflohen. Als er dieses gesagt hatt', und jene noch nicht sich beruhigen wollte, sondern noch mehr in ihn drang, und inständig bat, und heftig weint', aus daß er mich säh' und mit mir redete, ward er halb unwillig, und sprach: Geh hinweg von mir! So wahr du lebst, unmöglich kann das Kind Dieser Thränen zu Grunde gehen! — Oft sagte sie mir bei unfern Gesprächen, dies wär' ihr gewesen, wie ein Laut vom Himmel. Viertes Buch. <^Hn jener neunjährigen Zeit, vom neunzehnten bis zum acht und zwanzigsten Jahre meines Alters wurden wir verführt und verführten, betrogen und betrügend auf mancherlei Wegen, öffentlich durch die sogenannten freien Künste, heimlich unter falschem Namen der Religion; dort stolz, hier abergläubig, allenthalben eitel; einerseits trachtend nach des Volks nichtigem Weifalle bis zu Theatergeklats ^, und heftigen Wettstreiten, und kämpfend um weibische Kranze, und Schauspielpossen, und Zügellosigkeit der Begierden: Anderseits aber begierig, gereinigt zu werden von diesen Makeln, da wir denen, die man Auserwahlte und Heilige nennt, Speisen darbrachten, um daraus in der Werkstatt ihres Magens Engel und Götter zu unsrer Befreiung zu bereiten. Und solchem hing ich nach, und that derlei mit meinen, durch mich und mit mir betrogenen Freunden. Mögen sie mich verlachen die Hoffartigen, noch nicht zu ihrem Heile hingeworfen und niedergebeugt von dir, mein Gott: dennoch bekenn' ich dir meine Schande zu deinem Lobe! Laß mich, ich bitte dich, und verleihe mir, durchzugehn in gegenwärtiger Erinnerung die Umwege meines Irrthums, und dir Lob- Viertes Buch. 69 opfer darzubringen. Denn was bin ich mir ohne dich, als ein Führer zum Abgrund? Oder ist mir anders wohl, als wann ich deine Milch trink', und deiner genieße, der unvergänglichen Speise? Und welch ein Mensch ist jeder Mensch als Mensch? Aber mögen uns die Starken und Gewaltigen verlachen: wir Schwachen und Armen bekennen dir. Ich lehrt' in jenen Jahren die Redekunst, und verkaufte siegende Geschwätzigkeit, selbst besiegt durch Gelüste. Dennoch wünscht' ich, Herr, du weißt es! gute Schüler zu haben, was man gute nennt; und ohne böse Tauschung lehrt' ich sie Tauschungen, nicht, um deren sich einst gegen den Unschuldigen zu bedienen, sondern für den Schuldigen. Und du, o Gott, sahst von weitem meinen Glauben, wankend auf schlüpfrigem Pfad, und flimmernd unter vielem Rauche, wie ich ihn bei meinem Unterrichte den Liebhabern der Eitelkeit darstellte, und den Forschern nach Lügen, ich selbst ihr Genosse. In jenen Jahren unterhielt ich Eine, zwar nicht mir verbunden durch gesetzmäßige Ehe, nur aufgespürt durch wilde klugheitslose Gluth; aber doch nur Eine, deren Bett ich getreu war: wobei fürwahr mein eignes Beispiel mir bewies, welcher Unterschied wäre zwischen ehelichem Verein, eingegangen um Kinder zu zeugen, und dem Vertrage geiler Liebe, wo Kinder unerwünscht sind, obwohl die Gebohrnen uns sie zu lieben nöthigen. Auch Folgendes erinner' ich mich: Als ich mich auf einen theatralischen Wettstreit eingelassen hatte, 70 A. Augustinus Bekenntnisse. ließ mich ich weiß nicht welcher Wahrsager fragen, wie viel ich gäbe, daß ich siegte: und ich antwortete, derlei schandliche Geheimnisse verabscheuend und verfluchend, daß ich, wenn auch ein ewig goldner Kranz mein Lohn wäre, doch keine Fliege für meinen Sieg tödten lassen würde. Denn Thiere wollt' er bei seinen Opfern tödten, und er schien mir zu jener Ehre die Beihülfe des Teufels zu versprechen. Aber dies Böse verschmäht' ich nicht aus Liebe zu dir, Gott meines Herzens: denn ich wußte nicht zu lieben; bloß Körperglanz zu lieben wüßt' ich. Denn die Seele, die solchen Thorheiten anhängt, ist sie nicht untreu gegen dich, und vertraut auf Falschheit, und weidet die Winde? Freilich! ich wollte für mich den Teufel nicht opfern lassen, denen ich mich selbst durch jenen Aberglauben opferte! Denn was ist es anders, die Winde weiden, als Jene weiden, das heißt, irrend ihnen Lust sein und Gelächter? Ich hörte deshalb nicht auf, Betrüger, Mathem atiker genannt, zu Rathe zu ziehen, als ob sie keine Opfer darbrächten, und keine Gebete um Eingebungen an irgend einen Geist richteten, welches beides der christliche und wahre Glaube mit Recht verwirft und verdammt. Denn gut ist es, dir zu bekennen, o Herr, und zu sagen: erbarme dich meiner! heile meine Seele, weil ich dir gesündigt habe. Und gut, nicht deine Nachsicht zu mißbrauchen als Erlaubnis zur Sünde, sondern des Herrn Stimme zu gedenken: Siehe! du bist gesund geworden; jetzt sündige nicht, auf daß dir nicht Ärgeres widerfahre. Viertes Buch. 71 Wie streben jene, unser ganzes Heil zu untergraben! Vom Himmel her, sagen sie, ist dir unaus- weichbar der Sünden Quell! Und: Venus bewirkte das, oder Saturnus oder Mars! — Schuldlos soll nemlich der Mensch sein, er Fleisch und Blut und stolze Fäulniß; zu beschuldigen aber des Himmels und der Gestirne Schöpfer und Walter. Und wer ist der, als du, unser Gott, die Süßigkeit und der Ursprung der Gerechtigkeit, der du einem Jeden vergiltst nach seinen Werken, und ein zerschlagnes und demüthiges Herz nicht verachtest? Es lebte damals ein Mann von Geist, sehr erfahren und berühmt in der Heilkunde, der als Prokonsul mit seiner Hand den erstrittnen Kranz meinem Haupt aufgesetzt hatte, dem Ungesunden, aber auch nicht als Arzt. Denn jener Krankheit Heiler warst Du, der du den Stolzen widerstehst, aber Gnade verleihst den Demüthigen. Doch auch bei diesem Greise warst du mir etwa fern, oder hörtest du auf, an meiner Seele zu heilen? Denn als ich ihm Vertrauter geworden war, und seinen Reden, ohne Wörterschmuck durch des Inhalts Reiz angenehm und zu hören würdig, aufmerksam und bestandig horchte; da ersah er aus unserm Gespräche, daß ich die Bücher der Nati- vitatsteller schätzte; und er ermahnte mich väterlich und wohlwollend, sie hinwcgzuwerfen, und nicht Fleiß und Mühe, die ich zu nützlichen Dingen nöthig hätt', auf jene Eitelkeit umsonst zu verwenden; und er sagte mir, er hätte diese falsche Kunst erlernt, weil er in seinen ersten Jahren entschlossen gewesen wäre, durch 72 A. Augustinus Bekenntnisse. sie seinen Lebensunterhalt zu erwerben; und da er bereits den Hippokrates verstanden, hätt' er auch wohl zugleich jene Kunst verstehen können, dennoch hernach sie bloß darum verlassen, und zur Heilkunde sich gewendet, weil er jene als höchst falsch erkannt, und als ein ehrlicher Mann nicht im Betrüge der Menschen seinen Unterhalt suchen wollte. Aber du, sprach er, verstehst genugsam die Redekunst, um dich durch sie unter den Menschen sortzulhelfcn; doch diese tauschende Kunst triebst du nur aus freier Lust, nicht aus Roth des Vermögens; wie viel mehr mußt du nun meinem Urtheil über jene glauben, da ich sie so von Grund aus zu erlernen strebte, daß ich durch sie allein Lebensunterhalt gewinnen wollte? Als ich ihn fragte, woher aber, daß so vieles Wahre durch jene Kunst ausgesagt würde? antwortete er, so gut ers konnte, nemlich, das geschähe durch die rings in der Natur verbreitete Macht des Zufalls. Denn wenn sich auf den Blattern eines Dichters, der ganz etwas anders sang und im Sinn hatte, aufgeschlagen um Rath zu holen, oft ein mit der Frage wunderbar zutreffender Bers fände, so müßte man nicht darüber erstaunen, wenn aus der menschlichen Seele durch irgend einen höhern Antrieb, unwissend was in ihr geschähe, etwas nicht absichtlich sondern zufällig hervortönte, das ganz des Fragenden Geschäft' und That anpaßte. Dies thatst du mir kund durch ihn, und was ich weiter selbst erforschen sollte, zeichnetest du so meinem Geiste vor. Damals aber konnte weder Jener, noch Viertes Buch. 73 mein gcliebtester Ncbridius, ein braver und sehr einsichtiger Jüngling, der alles das Deutungswesen verlachte, mich überreden, dies von mir zu werken, weil mir die Deuter glaubwürdiger als sie schienen, und ich noch keinen einzigen sichern Beweis, wie ich ihn suchte, gefunden hatte, woraus unwidersprechlich mir erhellte, daß das, was sie Wahres aussagten, von ungefähr und durch Zufall, und nicht durch die Kunst des Sterndeutens ausgesagt wäre. In jenen Zeiten, wo ich zuerst begann, in meiner Geburtsstadt zu lehren, halt' ich durch die Gleichheit der Studien einen sehr theuren Freund erworben, mir gleichaltrig, und blühend, wie ich, in der Blüthe der Jugend. Als Knabe war er mit mir aufgewachsen, und zur Schule gegangen, und mein Spielgenosse gewesen. Aber er war noch nicht so mein Freund, daß mans wahre Freundschaft nennen konnte. Denn es giebt keine wahre, als wenn du sie knüpfest unter denen, die dir anhangen mit einer Liebe, die ausgegossen ist in unsrc Herzen durch deinen heiligen Geist, der uns gegeben ist. Aber süß war sie überdiemaßen, angefacht durch das Feuer gleicher Studien. Denn auch vom wahren Glauben, der in dem Jünglinge noch nicht fest und dauerhaft begründet war, hatt' ich ihn abgewendet zu den abergläubischen schädlichen Possen, wegen welcher meine Mutter um mich jammerte. Nun irrte mit mir dieser Mensch im Geist, und meine Seele konnte nicht sein ohne Ihn. Und siehe! Du, hcrandrohend dem Rücken derer, die dich fliehn, Gott der Rache zugleich und Quell der Erbar- 4 74 A. Augustinus Bekenntnisse. mungen, der du uns zu dir bekehrst yuf wunderbare Weisen! Siehe, du nahmst hinweg den Menschen' aus diesem Leben, da er kaum Ein Jahr verlebt hatt' m meiner Freundschaft, mir süß vor allen Süßigkeiten jenes meines Lebens. Wie erzahlt ein Einziger die Wohlthaten, die er an sich Einzigem erfuhr? Was thatst du damals, mein Gott, und wie unerforschlich ist die Tiefe deiner Urtheile! Denn als jener am Fieber siechte, lag er lange sinnlos in Todesschwciß. Und da man verzweifelte an ihm, ward er unwissend getauft, ohne daß es mich kümmerte; und ich glaubte, das, was ich ihm eingeflößet, würde seine Seele behalten, und muthmaßte nicht, was in des Unwissenden Körper geschah. Weit anders aber war es. Denn er besserte sich, und ward gesund. Sobald ich nun mit ihm reden konnte (und ich könnt' es sogleich, als er es konnte: denn ich wich nicht von ihm; zu sehr hingen wir an einander) wollt' ich lachen mit ihm, als ob auch er über die Taufe lachen sollte, die er bei völliger Sinnlosigkeit empfing, wie mans ihm erzahlt hatte. Doch er entsetzte sich vor mir als einem Feind, und ermahnte mich mit wunderbarer ungewohnter Freimütigkeit: ich müßte, wollt' ich sein Freund sein, derlei Red' unterlassen. Ich aber, erstaunt und verwirrt, verbarg alle meine Bewegungen, auf daß er desto eher genäse, und durch der Gesundheit Kräfte wieder tüchtig würde, mit sich nach meinem Belieben handeln zu lassen. Doch er, entrissen meiner Thorheit, auf daß er bei dir aufbewahrt würde zu meinem Tröste, Viertes Buch. 75 hatte nach einigen Tagen in meiner Abwesenheit neue Fieberanfall', und starb. Jammer verfinsterte mein Herz, und was ich sah, war todt. Und mein Vaterland war mir zur Last, und mein vaterliches Haus war mir ein unbegreifliches Elend. Und was ich mit ihm getheilt hatte, war mir ohne ihn zu schrecklicher Plage geworden. Rings suchten meine Augen ihn, und fanden ihn nicht; und ich hastete alles, weil ich ihn nirgend fand. Und nichts mehr konnte mir sagen: sieh, er kommt! so wie bei seinem Leben, wann er abwesend war. Und ich war mir selbst ein Rathsel geworden, und fragte meine Seele, warum sie traurig war', und warum sie so sehr mich verwirrte? Und nichts wußte sie mir zu antworten. Und sprach ich: hoff' auf Gott! so gehorchte sie nicht, und mit Recht, weil wahrer und besser der Mensch, der ihr so theuer und nun verloren war, als das Gebilde, worauf sie hoffen sollte. — Nur das Weinen war mir süß, und es war mir nun statt der Freuden meines Geistes mit meinem Freunde. Und jetzt, o Herr, ist jenes vorbei, und die Zeit hat meine Wunden gelindert. Kann ich hören von dir, der du die Wahrheit bist, und meines Herzens Ohr deinem Munde zuwenden, daß du mir sagest, warum Weinen Unglücklichen süß sei? Hast du, obwohl überall gegenwartig, weit von dir unser Elend geworfen? Und du bleibst in dir: uns aber treiben Erfahrungen umher: und dennoch, flehten wir nicht zu deinen Ohren, so bliebe nichts übrig von unsrer Hoffnung. Woher also die süße Frucht aus der Bitterkeit 7(i A. Augustinus Bekenntnisse. unsers Lebens: Scnszen und Weinen und Ächzen und Gebeugt sein? Ist es durum süß, weil wir hoffen, du hörest uns? Das ist Bitten angemessen, da ihnen Verlangen gehört zu werden beiwohnt. Wars aber daS bei dem Schmerzen über das Verlorne und bei der Trauer, die damals meine Seel' einnahm? Ich hoffte ja nicht, ihn wieder lebend zu machen, noch sucht' ich das durch meine Thrancn: ich trauerte nur und weinte. Denn elend war ich, und hatte meine Freude verloren. Oder ist das sonst so bittre Weinen dann süß, wann uns jenes alles anekelt, dessen Genuß uns vorher ergötzte, und den wir jetzt verabscheu»? Warum red' ich aber jenes? Denn es ist nicht Zeit zu untersuchen, sondern dir zu bekennen. Elend war ich, und jeder ist elend, dessen Geist gefesselt ist durch Anhänglichkeit an fremde Geschöpfe; und zerrissen wird er, verliert er sie: und dann fühlt er das Elend, worin er schon war, eh er sie verlor. So wars mir zu jener Zeit, und ich weinte bitterlich, und mir that die Bitterkeit wohl. So war ich elend, und ein elendes Leben selbst war mir lieber als mein Freund. Denn obwohl ich es zu andern wünschte, wünscht' ich doch nicht, es mehr zu verlieren, als ihn. Und ich weiß nicht, ob ich es für ihn verlieren mochte, wie man von Orestes und Pylades erzahlt, (wenns keine Erdichtung ist) die für einander zugleich sterben wollten, weil, nicht zugleich zu leben, ihnen verhaßter war, als der Tod. Aber ich weiß nicht, welche Empfindung in mir diesem widersprach: heftig war in mir des Lebens Überdruß, aber auch des Todes Furcht. Viertes Buch. 77 Ich glaube, je mehr ich jenen Freund liebte, desto mehr haßt' und scheut' ich den Tod, der Ihn mir raubte, als meinen grausamsten Feind; und ich wähnte, bald würd' er alle Menschen hinwcgraffcn, da er es jenen konnte. Genau so wars in mir, wie ich mich erinnere. Siehe mein Herz, mein Gott, schaue mein Inwendiges, daß ich mich dessen so erinnere, o meine Hoffnung, der du mich reinigst von der Unreinheit solcher Gefühle, ziehend meine Augen auf dich, und von den Stricken meine Füße befreiend. Denn ich wunderte mich, daß die übrigen Sterblichen lebten, da der, den ich als unsterblich geliebt hatte, gestorben war; und noch mehr wundert' ich mich, daß ich noch lebte nach dem Tode dessen, der mein anderes Ich war. Schön sagte Jemand von seinem Freunde: Halste meiner Seele! Denn ich fühlt' es, daß meine Seel' und seine Seele nur eine Seele war in zwccn Leibern; und darum war mir das Leben ein Scheusal, weil ich nicht zur Hälfte leben mochte. Und darum vielleicht fürchtete ich den Tod, damit nicht jener ganz stürbe, den icb so innig geliebt hatte. O der Unwissenheit, die die Menschen nicht menschlich zu lieben weiß! O des thönchten Menschen, der Menschliches mit Ungeduld ertragt, wie ich damals that! Deßhalb ängstcte ich mich, seufzte, weinte, war verwirrt, ohne Nuhe, ohne Überlegung. Ich trug meine Seel' umher, zerrissen und blutig; und daß ich sie umhertrug war ihr zuwider: und wie ich sie beruhigte, fand ich nicht. Nicht in lieblichen Hainen, 78 A. Augustinus Bekenntnisse. nicht bei Spiel und Gesang, nicht in süßduftenden Lauben, nicht bei prachtigen Gastmalern, nicht in der Wollust des Schlafgemachs und des Lagers, nicht bei Büchern und Gedichten ruhete sie. Alles ekelte, selbst das Licht; und was nicht Er war, war widrig und verhaßt, außer Thrancn und Seufzen. Denn nur in ihnen war einige wenige Ruhe. Könnt' aber diesen meine Seele nicht nachhangen, so drückte sie schwere Last des Elends, die nur du, o Herr, leichtern und heben konntest. Ich wußte das: doch mocht' ichs nicht, und vermocht' es nicht, weil du mir nichts Standiges warst und Festes, wann ich deiner gedachte. Denn nicht du warst es: sondern ein eitles Gebild' und mein Jrrthum war mein Gott. Führt' ich dahin meine Seel', auf daß sie ruhete, so stürzte sie ins Leere, und siel zurück auf mich: und ich blieb mir übrig, eine unglückliche Stelle, wo ich nicht sein, und wovon ich nicht Hinweggehn konnte. Denn wohin flöhe mein Herz vor meinem Herzen? Wie flöh ich vor mir selbst, ohne daß ich mir folgte? Und doch floh ich aus mei-- nein Baterlande. Denn weniger suchten ihn dort meine Augen, wo sie ihn nicht zu sehen gewohnt waren: und aus Tagaste kam ich nach Karthago. — Die Zeiten stehn nicht still, noch walzen sie sich müßig unfern Sinnen vorbei. Wunderbares wirken sie auf unser Gemüth. Siehe! sie kamen und vergingen von Tage zu Tag, und kommend und vergehend führten sie mir andre Gestalten und andre Vorstellungen herbei, und allmahlig überdeckten sie durch die vorigen Arten der Freude die Spur des entweichenden Viertes Buch. 79 Schmcrzens. Aber es folgten, zwar nicht neue Schmerzen, doch Quellen neuer Schmerzen. Denn wie hatte mich so leicht und so in meinem Innersten jener Schmerz durchdrungen, als nur, weil ich meine Seel' in eine Sandwüste gestoßen chatte, den Sterblichen liebend wie einen Unsterblichen? Denn vorzüglich aufmunternd für mich und erquickend waren nun die Tröstungen neuer Freunde, mit welchen ich jenes liebte, was ich statt Deiner liebte: und dies war ein fabelhaftes Wesen, und eine lange Lüge, durch deren un- achten Kitzel unser Geist, dessen Ohren lüstern waren, verdorben ward. Aber dieses Märchen erstarb nicht in mir, wann einer meiner Freunde starb. Vielerlei mehreres wars, was dabei das Gemüth festhielt: zusammen reden und lachen, und einander gefallig sein; zugleich süßredende Bücher lesen; zugleich scherzen und einander Höflichkeiten bezeigen-, zuweilen sich widersprechen ohne Haß, wie oft ein Mensch sich selbst, und dann eben durch den feinen Widerspruch die Eintracht würzen; einander sich etwas lehren, oder lernen von einander; mit Sehnsucht nach Abwesenden verlangen, die Kommenden aufnehmen mit Freudigkeit; und mit diesen und ahnlichen Dingen, die Hervorgehn aus dem Herzen liebender und geliebter Freunde durch Mund, durch Zunge, durch Augen, und durch tausend gefallige Gebärden gleichsam mit Zunder die Gemüther zusammen treiben, und aus mehreren Eins machen: — das ist es, was man an Freunden schätzt, und so schätzt, daß des Menschen Gewissen sich schuldig fühlt, liebt man den 80 A. Augustinus Bekenntnisse. Wiedergebenden nicht, oder liebt man den Liebenden nicht wieder, ohne etwas von ihm zu verlangen, denn Zeichen seines Wohlwollens. Daher jene Wehklag' und der finstre Schmerz wann jemand stirbt; daher Ängstigung des Herzens, weil die Süßigkeit in Bitterkeit sich wandelte, und Tod der Lebenden, weil die Gestorbenen ihr Leben verloren Selig, wer Dich liebt, und den Freund in dir, und den Feind wegen deiner! Er allein verliert nichts Liebes, dem Alle lieb sind in Jenem, der nicht verloren wird. Und wer ist dieser, als unser Gott, Gott, der Himmel und Erde schuf, und sie erfüllt, weil er sie erfüllend schuf? Dich verliert keiner, der dich nicht verlaßt.- und der dich verlaßt, wohin geht, wohin flieht er, als von dir dem Gütigen, zu dir dem Erzürnten? Denn wo findet er nicht dein Gesetz ihm zur Strafe? Und dein Gesetz ist die Wahrheit, und die Wahrheit bist Du. Herr der Hcerschaaren, wend' uns zu dir, und zeig' uns dein Antlitz: und wir sind errettet! Denn wohin sich wende des Menschen Seele, stets warten Schmerzen ihrer, anderwärts als in dir, auch wenn es schöne Dinge sind, woran sie hangt außer dir und außer sich. Auch diese waren nicht, waren sie nicht durch dich; sie entsteh» und vcrgehn, und ihr Entsteh» ist ihres Daseins Beginn; und sie wachsen, um ver- vollkommt zu werden, und vcrvollkommt werden sie alt, und vergchn: denn Alles wird alt und vergeht. Also wenn sie entsteh» und ins Dasein sireben, je schneller sie dann aufwachsen zum Sein, je mehr eilen sie zum Nichtsein. Das ist ihre Bestimmung. Nur Viertes Buch. 81 dieß hast du ihnen angewiesen, weil es Theile der Dinge sind, die nicht alle zugleich sind: sondern abgehend und sich folgend machen sie das Ganze aus, dessen Theile sie sind. Siehe! also erscheint unsre Rede durch Laute: denn die Rede wird kein Ganzes sein, wenn das eine Wort nicht vergeht, nachdem es seinen Theil getönt hat, auf daß das andre nachfolge. Meine Seele lobe dich darob, o Gott, Schöpfer Aller! aber möge sie nicht an derlei kleben durch den Leim körperlicher Liebe. Denn es geht, wohin Andres ging, — ins Nichtsein, und es zerreißt die Seele mit verderblichen Begierden, weil sie sein will und zu ruhen liebt in dem, was sie liebt. In jenem aber ist keine Ruhe, weil es nicht standig ist: es flieht, und wer folgt ihm mit dem Sinne des Fleisches, oder wer erfasset es, auch wenns gegenwartig ist? Denn langsam ist der Sinn des Fleisches, weil er Sinn des Fleisches ist: und er selbst ist seine Beschrankung. Hinlänglich ist er zu Anderem, wozu er gemacht ist: dazu aber ist er nicht hinlänglich, daß er festhalte, was von seinem bestimmten Anfange fortlauft bis zum bestimmten Ende. Denn in deinem Worte nur, wodurch es erschaffen ist, vernimmt es den Befehl: von daher und bis dahin! Sei nicht eitel, meine Seel', und werde nicht taub am Ohre deines Herzens vor dem Tumult deiner Eitelkeit! Vernimm auch Du! Das Wort selbst ruft dir, zurückzukehren! Und bei ihm ist ein Aufenthalt unstörbarer Ruhe, wo die Liebe stets Gegenliebe 82 A. Augustinus Bekenntnisse. findet, so lange sie selbst bleibt. Siehe! Jenes vergeht, auf daß Anderes folg', und aus allen seinen Theilen das Gesammte hienieden bestehe. Vergeh' ich irgendwo? spricht das Wort Gottes. In ihm sei deine state Wohnung; ihm vertrau an, was du von ihm hast, durch Tauschungen ermüdete Seele! Der Wahrheit vertrau an, was in dir ist von der Wahrheit, und nichts wirst du verlieren; und wieeer aufblühn wirst du aus deiner Vcrderbniß, und geheilt werden von aller deiner Erschlaffung, und was an dir verloren ist, wird ersetzt und erneut, und innig wieder zu dir vereint werden; und es wird nicht wieder von dir weichen, sondern bei dir staudig sein und bleiben, wie Gott immer standig ist und bleibt. — Wie folgst du Verkehrte deinem Fleische? Dieses, bekehrt, folge Dir! Was du durch das Fleisch fühlst, sind Theile, und du erkennst das Ganze nicht, dessen Theile sie sind: und doch erfreuen sie dich. Aber wenn das Ganze zu umfassen tauglich wäre der Sinn deines Fleisches, und dieser nicht selbst nur für Theile des Ganzen mit Recht beschrankt zu deiner Strafe; so würdest du doch wollen, daß alles in der Gegenwart Daseiende vorüberging', auf daß Alles, dir größern Genuß schaffte. Denn auch was wir reden, hörst du durch jenen Sinn des Fleisches: und du willst ja nicht, daß die Sylben bleiben, sondern daß sie vorbeifliegen, auf daß andre kommen, und du das Ganze vernehmest. So ist alles, woraus etwas besteht: nicht zugleich ist Alles da, woraus es besteht. Mefl)r erfreut Alles, als das Einzelne, wenn Alles empfunden wer- Viertes Buch. 83 den kann. Weit besser aber ist Der, der Alles schuf, und Der ist unser Gott; er vergeht nicht, ihm folgt nichts. Gefallen Körper dir, so lobe Gott aus ihnen, und auf ihren Schöpfer wende deine Liebe, damit du nicht durch das, was dir gefallt, Ihm mißfallest. Gefallen Seelen dir, so liebe sie in Gott, weil auch sie wandelbar sind, und nur auf Gott gewandt standig werden; sonst gingen sie, und vergingen. In Ihm also liebe sie, und reiße mit dir zu ihm, so viele du deren vermagst, und sag' ihnen: Diesen laßt uns lieben, Diesen! Er schuf dieses, und ist nicht weit! Denn er schuf nicht, und ging hinweg: sondern aus ihm ist es in ihm. Siehe, da ist er, da findest du die Wahrheit! Im Innersten des Herzens ist er; aber das Herz irrte von ihm. Geht in eur Herz, Sünder, und hangt dem an, der euch schuf! steht bei ihm, und ihr werdet stehn. Ruht in ihm, und ihr werdet ruhn. Wohin geht ihr in Verwildrung, wohin geht ihr? Das Gute, was ihr liebt, ist von ihm; aber nur so weit ihrs liebt in ihm, ist es gut und süß. Aber bitter wirds euch mit Recht sein, weil ihr, ihn verlassend, mit Unrecht liebt, was von ihm ist. Was wandelt ihr noch immer und immer beschwerliche und mühvolle Wege? Dort ist keine Ruhe, wo ihr sie sucht. Sucht wie ihr sucht: dort ist sie nicht, wo ihr sucht! Ein seliges Leben sucht ihr im Bezirke des Todes: dort ist es nicht. Wo ein seliges Leben, wo kein Leben ist? Und Er, unser Leben selbst, stieg herab, und erduldete unfern Tod, und erschlug ihn durch seines Lebens 84 A. Augustinus Bekenntnisse. Überfluß. Und es donnerte sein Zuruf, zurückkehren sollten wir zu ihm in jene Stille, von bannen er herabstieg zu uns, kommend zuerst in den jungfraulichen Leib, wo er sich vermahlte mit Menschennatur, mit sterblichem Fleisch, auf daß es nicht immer sterblich wäre, drauf hervorgehend wie ein Bräutigam aus seiner Kammer, und wie ein Riese freudig, die Bahn zu durchlaufen. Denn er zauderte nicht, sondern lief, rufend durch Worte, Thaten, Tod, Leben, Hinabsteigen, Hinaufsteigen, — rufend, daß wir zurückkehrten zu ihm. Und er ging aus unfern Augen, auf daß wir in unser Herz kehrten, und ihn fanden. Denn er ging hinweg, und sieh! er ist hier. Er wollte nicht langer unter uns sein, und er verließ uns nicht. Denn von dort ging er hinweg, wo er nie abwesend war, weil durch ihn die Welt erschaffen ist. Und er war in dieser Welt, und kam in diese Welt, um die Sünder zu retten. Ihm bekennt meine Seele, damit er sie heile, weil sie Ihm sündigte. Kinder der Menschen, wie lange noch widerspenstiges Herzens? Da das Leben herabkam, wollt ihr nicht hinaufsteigen und leben? Aber wie fliegt ihr hinauf, da ihr in der Höhe seid, und euer Haupt bis an den Himmel strecktet? Steigt herab, auf daß ihr aufsteigt, und aufsteigt zu Gott! Denn ihr stürztet, aufsteigend gegen ihn. Sag' ihnen dies, o Seele, damit sie weinen im Thale des Weinens; und so reiße sie mit dir zu Gott: Denn aus seinem Geiste sagst du ihnen dies, wenn du es sagst brennend im Feuer der Liebe. Viertes Buch. 85 Dies wüßt' ich damals nicht, und ich liebte niedrigeres Schönes, und sank in den Abgrund, und sprach zu meinen Freunden: lieben wir etwas anderes, als das Schöne? Was also ist schön? Und was ist Schönheit? Was ist es, was uns reizt in den Dingen, die wir lieben, und uns mit ihnen vereint? Ware nicht Anstand in ihnen und gefallige Form, so würden sie uns keineswegs anziehn. Und ich bemerkt' und sah, daß in den Körpern etwas gleichsam Ganzes und deßhalb Schönes war', ein Anderes aber, was deßhalb gefiele, weils zu etwas schicklich wäre, wie z. B. eines Körpers Theil zu dessen Ganzem, oder ein Schuh zum Fuß, und dergleichen. Und diese Betrachtung sprudelt' in meinem Geist' aus dem Innersten meines Herzens; und ich schrieb Bücher vom Schönen und Schicklichen, ich glaube zwei oder drei: du weißt es, o Herr, mir entfiel es. Denn wir haben sie nicht mehr, sondern sie verloren sich, ich weiß nicht wie. Was ist es aber, was mich antrieb, Herr mein Gott, daß ich jene Bücher dem römischen Redner Icherius (Hierius) zuschrieb, den ich nicht von Angesicht kannte, sondern als einen Mann liebte, dessen Gelehrtheit weit berühmt war, und wovon ich einige Worte gehört hatte, die mir gefielen? Wohl vorzüglich deßhalb gefielen sie mir, weil sie andern gefielen, die ihn lobpriesen, erstaunt, daß ein Syrer, zuerst gelehrt in griechischer Beredsamkeit, darauf auch in der lateinischen ein vortrefflicher Lehrer ward, und er so kundig wäre der Dinge, die ins Fach der Weisheit gehörten. Man lobt und liebt — den Abwesenden. 86 A. Augustinus Bekenntnisse. Geht etwa aus dem Munde des Lobenden in das Herz des Hörers diese Liebe? nein! Sondern Ein Liebender entzündet den Andern. Alsdann liebt man den Gelobten, wann man glaubt, daß nicht aus trugvollem Herzen der Lobende spreche, daß heißt, wann er mit Liebe lobt. So liebt' ich denn damals die Menschen nach der Menschen Urtheil, nicht aber nach dem deinigcn, mein Gott, das keinen trügt. Aber warum wünscht' ich, daß sie nicht gelobt würden, wie treffliche Wagenlenker, wie unter dem Wolke berühmte Thierkampfer, sondern ganz anders, und so wie ichs mir selbst wünschte, gelobt zu sein? Nicht aber wollt' ich gelobt und geliebt, wie Schauspieler, obwohl ich sib selbst lobt' und liebte, sondern lieber verborgen sein, als so bekannt, lieber gehaßt, als so geliebt. Wie wirken auf Eine Seele die Beweggründe so verschiedner Liebe? Was lieb' ich an einem andern, welches ich, haßt' ich es nicht zugleich, nicht verabscheu» und von mir stoßen würde, da wir doch beide Menschen sind? Denn obgleich man ein gutes Roß liebt, ohne eins sein zu wollen, könnte mans auch; so kann man dies nemliche doch nicht vom Schauspieler sagen, der unser Ncbenmensch ist. Also lieb' ich im Menschen, was ich zu sein hasse, da ich selbst Mensch bin? Ein ungeheurer Abgrund ist der Mensch, dessen Haar' auf dem Haupte von dir, o Herr, gezahlt sind, und nicht vermindert werden ohne dich: und doch sind seine Haar' eher zahlbar, als seine Leidenschaften und die Regungen seines Herzens. Viertes Buch. 87 Doch jener Redner war einer aus denen, die ich so liebte, daß ich ein solcher zu sein wünschte: und mich irrte der Stolz, und jeder Wind trieb mich umher, und gar verborgen ward ich geleitet von dir. Und woher weiß ich, und woher bekenn' ich es dir mit Sicherheit, daß ich jenen mehr liebte wegen der Liebe der Lobenden, als wegen der Dinge selbst, weßhalb man ihn lobte? Weil ich, wenn dieselben ihn nicht gelobt, sondern getadelt, und tadelnd und verachtend dasselb' erzahlt hatten, nicht für ihn eingenommen und nicht aufgereizt wäre. Und doch waren darum die Dinge nicht anders, und jener Mann selbst nicht anders, sondern bloß die Gesinnung der Erzahlenden anders gewesen. Siehe, wie die schwache Seel' am Boden liegt, die noch nicht hangt an der Stan- digkeit der Wahrheit! Wie die Luft der Sprach' aus der Brust der Meinenden gehaucht wird, so treibt und wendet es sie, drangt sie hin und zurück, und verdunkelt das Licht ihr; und sie sieht die Wahrheit nicht. Und siehe! sie ist vor uns. Und etwas Großes schiens mir, wenn meine Red' und meine Studien jenem Manne bekannt würden; wie sein Beifall mich mehr anfeuern, so würde sein Tadel mein Herz verwunden, das eitel war und entfernt von deiner Standigkeit. Und doch sah ich mit Freud' auf mein ihm zugeschriebenes Buch vom Schönen und Schicklichen, und bewunderte die Darstellung meiner Bemerkungen ohne einen Lobenden. Aber den Grund dieses so wichtigen Theils deiner Schöpferkunst durchschaut' ich noch nicht, Allmachtiger, der du allein 88 A. Augustinus Bekenntnisse. Wunderbares schaffst! Und mein Geist hielt sich an körperlichen Formen, und, durch Beispiele von Körpern unterstützt, nannt' ich Schön, was durch sich selbst, und Schicklich, was durch sein Verhaltniß zu Etwas gefiele. Und ich wandte mich zur Natur des Geistes, und die falsche Meinung die ich vom Geistigen hatte, ließ mich das Wahre nicht sehn. Und es fiel in meine Augen die wirkliche Kraft des Wahren: doch schwankend wandte meine Seele sich weg vom Unkörperlichen zu Umrissen und Farben und schwellenden Größen. Und weil ich sie in dem Geiste nicht wahrnehmen konnte, glaubt' ich auch, meinen Geist nicht wahrnehmen zu können. Und da ich in der Tugend den Frieden liebt', im Laster die Zwietracht haßte; so bemerkt' ich eine gewisse Einheit in jener, Theilung in diesem; und in jener Einheit schien mir der vernünftige Geist und die Natur der Wahrheit und des höchsten Guten zu sein; in jener Theilung aber glaubt' ich Elender eine ich weiß nicht welche Substanz des unvernünftigen Lebens und die Natur des höchsten Bösen, die nicht allein eine Substanz, sondern wirkliches Leben, und dennoch nicht von Dir war', o Gott, wovon Alles ist. Und jene nannt' ich Monas, gleichsam einen geschlechtlosen Geist, und diese Dyas, heftige Begier zu Ausschweifungen, Vergnügen im Laster — und wußte nicht, was ich sagte. Denn ich wußte noch nicht, und hatt' es nicht erkannt, daß weder das Bös' eine Substanz, noch unser Geist das höchste unwandelbare Gute wäre. Denn wie es Übel- Viertes, Buch. 89 thaten sind, wenn die wirkende Gcmüthsbewcgung ungeordnet ist, und stolz und ungestüm aufbraust, und Schandthaten, wenn jener Seelenrciz, woraus körperliche Lust' entstehn, ungemaßigt ist: also bemakeln Jrrthümer und falsche Meinungen das Leben, wann der vernünftige Geist selbst ungeordnet ist, wie er damals in mir war, da ich nicht wußte, wie ich ihn mit anderm Licht erleuchtete, auf daß er der -Wahrheit thcilhaftig würde, weil er selbst nicht die Wahrheit ist. Denn du wirst erleuchten meine Leuchte, Herr, mein Gott! wirst erleuchten meine Finstensiß: und aus deiner Fülle haben wir All' empfangen. 'Denn du bist das wahrhafte Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, der da kömmt in diese Welt, weil in dir kein Wandel ist, noch eines Augenblicks Verdunklung. Aber ich strebte zu dir, und ward zurückgestoßen, damit ich den Tod schmeckte, weil du den Stolzen widerstehst. Was aber Stolzer, als daß ich mit wunderbarer Unweisheit behauptete, von Natur war' ich das, was du bist. Denn da ich wandelbar war, und dies schon daraus erhellte, daß ich freilich darum weise zu sein begehrte, um aus einem schlechten Menschen ein besserer zu werden; so wollt' ich doch lieber dich für wandelbar halten, als mich für etwas anders, als dich. Dcßhalb ward ich zurückgestoßen, und du widerstandest meinem windigen Nacken; und ich dachte mir körperliche Formen, und ich Fleisch beschuldigte das Fleisch, und, ein wandelnder Geist, kehrt' ich nicht zu dir, und wandelnd wandelt' ich in 9t) A. Augustinus Bekenntnisse. Jenes, was nicht ist weder in dir, noch in mir, noch im Körper. Und nicht deine Wahrheit schuf dies, sondern meine Eitelkeit bildet' es aus Körpern; und ich redete zu deinen Kleinen, deinen Getreuen und meinen Mitbürgern, wovon ich unwissend mich entfernte. Warum, sprach ich geschwatziger Thor, warum irrt die Seele, geschaffen von Gott? Und ich wollte nicht Hinwider gefragt sein: warum also irrt Gott? Und ich stritt mehr dafür, daß deine unwandelbare Substanz gezwungen irrt'/als daß ich gestand, die meinige wäre wandelbar, von selbst vom rechten Wege gewichen, und irrte zur Strafe. Und ich war ungefähr sechs oder sieben und zwanzig Jahr' alt, als ich jene Bücher schrieb, mich herumtreibend mit Körpervorstellungen, die meines Herzens Ohren betäubten, womit ich horcht' auf deinen innersten Einklang, o süße Wahrheit, und nachsann über das Schöne und Schickliche, und begehrte, ständig zu sein und dich zu hören, und mich zu freuen mit Freude über die Stimme des Bräutigams, und ich vermocht' es nicht, weil mich die Stimmen meines Irrthums hinwegrissen, und das Gewicht meiner Hoffart in den Abgrund zog. Denn du gabst meinen Ohren nicht Freud' und Wonne, noch wurden fröhlich meine Gebeine, die noch nicht gedemüthigt waren. Und was nutzt' es mir, daß ich, ungefähr in meinem zwanzigsten Jahr, als mir gewisse Schriften des Aristoteles, die man die zehn Kategorien nennt, in die Hände kamen, und deren unter diesem Na- Viertes Buch. 91 mm ein Karthagischer Redner, mein Lehrer, mit vor Stolz geschwollenen Backen erwähnte, so wie Andre, die man sür Gelehrte hielt, begierig darüber wie auf ich weiß nicht was Großes und Göttliches Hersiel, sie allein las und verstand? Als ich über sie mit jenen sprach, welche kaum durch die Hülfe der gelehrtesten Lehrer, die nicht allein mündlich erklarten, sondern auch manches im Sande vorzeichneten, sie verstanden zu haben bekannten; so konnten sie nichts anders sagen, als was ich schon für mich selbst daraus erkannt hatte. Und deutlich genug schienen mir jene Bücher zu reden von Substanzen, wie z. B. der Mensch ist; und was in ihnen wäre, wie z. B. die Gestalt des Menschen, wie sein Wuchs, wie viele Füße hoch, und wem er verwandt, wessen Bruder, oder wo er ansässig, oder wann er geboren, oder ob er stehend, oder sitzend, oder beschuht oder bewaffnet ist; oder'ob er etwas thut oder leidet: und was alles in diesen neun Arten, wovon ich einige Beispiel' angab, oder selbst in Einer Substanzart ohne Zahl erscheint. Was nutzte mir dies, da es sogar schadete, indem ich dich, mein Gott, den wunderbar einfachen und unwandelbaren, in der Meinung, daß jene zehn Prädikamente alles, was wär', umfasseten, so mir zu denken wagte, als wenn auch du deiner Groß, und Schönheit Subjekt wärst, und daß diese an dir wären, wie an einem andern Subjekte, wie an Körpern, da du doch deine Größ' und deine Schönheit selbst bist, ein Körper aber nicht in so weit groß und schön ist, in wie weit er Körper ist, weil er. 92 A. Augustinus Bekenntnisse. wenn er weniger groß und weniger schön wäre, nichtsdestoweniger Körper wäre. Falschheit war», was ich von dir gedachte, nicht Wahrheit; Erdichtungen meines Elends, nicht Grundvesten deiner Seligkeit. Denn du wolltest, und so geschah es in mir, daß die Erde Disteln und Dörncr mir trüg', und ich mit Arbeit mein Brod gewänne. Und was nutzet' es mir, daß ich alle Schriften über freie Künste, während ich selbst ein schandlicher Sklav böser Begierden war, allein las und verstand, so viel' ich deren lesen konnte? Und ich freute mich ihrer, und wußte nicht, woher das Wahre und Gewisse in ihnen käme: Denn den Rücken hatt' ich gegen das Licht, und gegen das Beleuchtete das Antlitz; daher war mein Antlitz, womit ich das Beleuchtete sah, selbst unbeleuchtet. Was ich von der Kunst zu reden und abzuhandeln, was ich von den Ausmessungen der Figuren, und von der Musik und von den Zahlen ohne viele Beschwerd' und ohne eines Menschen Zuthun begriff, weißt du, Herr mein Gott, weil auch die Geschwindigkeit des Begriffs und der Scharfsinn der Entwickelung deine Geschenke sind: aber ich opferte sie dir nicht auf. Dcßhalb dienten sie mir nicht zum Nutzen, vielmehr zum Schaden, weil ich einen so guten Thcil meiner Substanz in eigner Gewalt zu haben begehrte. Und meine Stärke hielt ich nicht zu dir, sondern reisete in fernes Land, auf daß ich sie verpraßt' in Hurerischen Begierden. Denn was nutzte mir eine gute Sache, da ich sie nicht gebrauchte? Denn ich merkt' es nicht, daß jene Viertes Buch. 93 Wissenschaften selbst von Fleißigen und Scharfsinnigen nur sehr schwer erlernt würden, wenn ich ihnen nicht darüber Erklärungen gab, wobei stets jener der trefflichste war, der am schnellsten meinen Erklärungen folgte. Aber was nutzte mir dies, da ich glaubte, daß du, Herr mein Gott, du die Wahrheit, ein leuchtender unermeßlicher Körper wärst, und ich ein Stück von jenem Körper? Übermäßige Verkehrtheit! Aber so war ich! Auch crröth' ich nicht, mein Gott, dir deine Barmherzigkeit an mir zu bekennen, und dich anzurufen, wie ich damals nicht erröthete, meine Läst- rungen den Menschen zu bekennen, und zu bellen wider dich. Was also nutzte mir damals mein für jene Lehren so geschärfter Verstand, und was, daß ich so viele knotenvolle Bücher ohne menschlichen Beistand entknotete, da ich schändlich und mit lasterhafter Häßlichkeit irrete in der Lehre der Frömmigkeit? Und was schadete deinen Kleinen der weit langsamere Verstand, da sie nicht von dir wichen, auf daß sie befiedert würden, gesichert im Neste deiner Kirche, und die Flügel der Liebe nährten mit der Azung des wahren Glaubens? O Herr, unser Gott! laß uns hoffen in deiner Flügel Umschattung; und beschütz uns, und trag' uns. Du wirst auch die Kleinen tragen, und wirst sie tragen bis zum Greisesalter, weil unsre Stärke, wenn Du sie bist, Stark' ist, ist sie aber die unsre, Schwäche. Bei Dir lebt immer unser Gut, und, davon weggewandt, sind wir verkehrt. Nun laß uns zurückkehren, 94 A. Augustinus Bekenntnisse. Herr, auf daß wir nicht zu Grunde gehn, weil ohne Mangel in Dir unser Gut lebt, was du selbst bist; und wir werden nicht Angst haben, daß der Ort, wohin wir zurückkehren, verschwunden sei, wahrend wir uns hinwegwandten: denn in unsrer Abwesenheit stürzte unsre Wohnung nicht ein, deine Ewigkeit. Fünftes Buch. ^imm auf das Opfer meiner Bekenntnisse von der Hand meiner Zunge, die du erschufst, und erwecktest, deinem Namen zu bekennen; und mache gesund alle meine Gebein', und sie müssen sagen: Herr, wer ist dir gleich? — Sie lehrt dich zwar nicht, was in dem vorgeht, der dir bekennt, weil auch ein verschlossenes Herz dein Auge nicht ausschließt, und vor der Menschen Harte deine Hand nicht zurückweicht: sondern du durchdringst sie, wann du willst, dich erbarmend oder strafend; und keiner ist, der sich berge vor deinem durchdringenden Feuer. Aber meine Seele lobe dich, auf daß sie Dich lieb', und bekenne dir deine Barmherzigkeit, auf daß sie dich lobe. Es stockt und schweigt in deinem Lobe nicht die gcsammte Schöpfung; nicht der Laut jedes Menschen durch den Mund, der zu dir gewandt ist, noch die Thier' und anderes Erschaffne durch den Mund jener, die sie betrachten: auf daß unsre Seele ausstehe zu dir aus ihrer Erschlaffung, und, sich stützend auf jenes, was du schufst, zu dir übergehe, der du es so wunderbar schufst: und dort ist Erholung und wahre Starke. Mögen sie gehn und fliehen von dir, die Unruhigen und Ungerechtenz du siehst sie und durchschauest 96 A. Augustinus Bekenntnisse. die Schatten: und sich! Alles ist schön um sie her, und sie selbst sind haßlich. Und was schadeten sie dir, oder worin verunehrten sie deine Herrschast, die gerecht und unangetastet ist, vcn des Himmels Schöpfung bis heut? Denn wohin slohn sie, fliehend voll deinem Antlitz? oder wo findest du sie nicht? Aber sie flohn, auf daß sie dich, der sie sieht, nicht sahen, und so verblendet dennoch auf dich trafen, weil du nichts verlassest, was du schufst; daß sie auf dich trafen, die Ungerechten, und mit Recht gestraft würden, — sich entziehend deiner Gelindigkeit, und treffend auf deine Strenge, — und in ihre Plage stürzten. Sie wissen wohl nicht, daß du allenthalben bist, Du, den kein Raum umfaßt, und stets gegenwartig bist auch denen, die weit fliehen von dir. Mögen sie sich also bekehren, und dich suchen, weil nicht, wie sie dich ihren Schöpfer verließen, also auch Du deine Schöpfung verließest. Bekehren sie sich, und suchen dich: und siehe! du bist in ihrem Herzen, im Herzen derer, die dir bekennen, und sich in deine Arme werfen, und an deinem Busen weinen nach ihren mühsamen Wegen; und du Milder trocknest ihre Thranen, auf daß sie desto mehr weinen, und sich erfreuen in Zähren: denn Du, o Herr! nicht ein Mensch, Fleisch und Blut, sondern Du, o Herr! der du sie schufst, erquickest und tröstest sie. Und wo war ich, als ich dich suchte? Du warst vor mir: Ich aber war sogar von mir selbst gewichen, und fand Mich nicht, wie viel weniger Dich? Fünftes Buch. 67 Reden will ich im Angesichte meines Gottes von jenem neun und zwanzigsten Jahre meines Alters. Nach Karthago war ein gewisser manichäischer Bischof gekommen, mit Namen Faustus, ein großer Strick des Teufels; und viele verwickelten sich darin durch die Lockungen seiner süßen Rede, die auch Ich zwar liebte, aber doch unterschied von der Wahrheit jener Dinge, die zu erlernen ich begierig war: ich sah nicht darauf, in welchem Gefäße der Sprache, sondern Was zum BeHufe der Wissenschaft dieser bei jenen vielgenannte Faustus zur Speise mir vorsetzte. Denn vorher war mir schon der Ruf zu Ohren gekommen, daß er in allen angcschncn Wissenschaften höchst erfahren, und sehr geschickt in den freien Künsten wäre. Und weil ich viele Schriften der Philosophen gelesen, und sie im Gedächtnisse behalten hatte; verglich ich einiges davon mit jenen langen Fabeln der Ma- nichäcr: und der Wahrheit am gemäßcsten schien mir das zu sein, was jene gesagt hatten, die bloß vermögend waren, die Natur des Geschaffenen zu erforschen, obwohl sie dessen Herrn nicht fanden. Denn du bist groß, o Herr, und schaust auf die Demüthigen, und kennst die Stolzen von ferne. Du nahest nur denen, die zerschlagenes Herzens sind, und die Hoffärtigen finden dich nicht, nicht wenn sie auch mit neugierigem Scharfsinne die Sterne zählen und den Sand, und die Bezirke der Gestirn' ausmesscn, und aufspüren ihre Bahnen. Denn durch ihren Geist erforschen sie dies, und den Verstand, den du ihnen gabst: und Vieles fanden sie, und sagten viele Jahre vorher der Sonn' 93 A. Augustinus Bekenntnisse. und des Mondes Finsternisse, an welchem Tage, zu welcher Stund', und in welcher Größe sie eintreffen würden; und ihre Berechnung trog nicht, und es geschah, wie sie vorhersagten. Und sie schrieben feste Regeln darüber, die man anjetzo liest, und daraus man vorhersagt, in welchem Jahre, welchem Monate des Jahrs, an welchem Tage des Monats, und zu welcher Stunde des Tags, und in wie weit Mond oder Sonne werden verfinstert werden: und es geschieht, wie man vorhersagt. Es wundern sich und erstaunen die Menschen, die solches nicht wissen; und es frohlocken Jen', und man erhebt sie, die es wissen. Und, durch gottlose Hoffart entweichend und sich entziehend deinem Lichte, sagen sie für die Zukunft der Sonne Versinstrung vorher, und ihre eigne in der Gegenwart sehn sie nicht. Denn nicht mit Gottseligkeit forschen sie, woher sie den Verstand haben, durch den sie jenes erforschen. Und finden sie, daß Du es warst, der sie schuf, so ergeben sie sich dir nicht, auf daß du erhalten möchtest, was du schufst; und so wie sie sich selbst bildeten, sterben sie dir ab, und trotzen dir mit ihrem Hochfahren, wie das Gevögel; und mit ihrer Neugier, durchwandelnd die verborgensten Pfade des Abgrunds, wie die Fische des Meers; und mit ihren Sinnlichkeiten, wie das Vieh des Feldes, auf daß du, o Gott, ein fressendes Feuer, ihre todten Sorgen verzehrst, und sie unsterblich erquickest. Aber sie kennen nicht den wahren Weg, dein Wort, wodurch du jenes schufst, was sie zahlen, und sie selbst, welche zahlen, und den Sinn, womit sie Fünftes Buch. 99 sehn, was sie zahlen, und den Verstand, womit sie zahlen: und deiner Weisheit isi keine Zahl. Er selbst aber, der Eingeborne, ist uns Weisheit geworden und Gerechtigkeit und Heiligung; und er ist gezahlt unter uns, und entrichtete Tribut dem Kaiser. Sie kennen den Weg nicht, wie sie von sich zu ihm hinabsteigen und durch den sie zu ihm hinaufsteigen. Sie kennen diesen Weg nicht, und glauben, erhaben und leuchtend zu sein, wie die Gestirn', und siehe! Sie sind zur Erde gestürzt und ihr unweises Herz ist verdunkelt. Und vieles Wahre sagen sie von deiner Schöpfung; aber die Wahrheit, der Schöpfung Urheberin, suchen sie nicht voll Frömmigkeit, und finden daher sie nicht. Oder finden sie sie, und erkennen Gott, so ehren sie ihn nicht, danken ihm nicht, wie Gott gebührt; sondern werden eitel in ihren Gedanken, und nennen sich weise, sich zueignend, was dein ist: und so streben sie noch mit der verkehrtesten Blindheit, dir zuzueignen, was ihrer ist, nemlich Lügen auf dich überzutragen, der du die Wahrheit bist, und zu wandeln die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes zur Ähnlichkeit mit dem Bilde des vergänglichen Menschen, und des Gevögels, und der vierfüßigen und der kriechenden Thierc, und kehren deine Wahrheit zur Lüg', und ehren die Schöpfung mehr, und dienen ihr mehr, als dem Schöpfer. Vieles aber, was sie Wahres sagten von der Schöpfung, behielt ich; und ich erkannte die Begründung der Zahlen und der Ordnung der Zeiten, und der Gestirne sichtbares Zeugniß; und ich verglich die- 5* Ivo A. Augustinus Bekenntnisse. ses mit den Reden des Manichaers, der von diesen Sachen Vieles mit so weitläuftiger Schwatzhaftigkcit schrieb: und ich erkannte nicht die Begründung, weder der Sonnenwende, noch der Nachtgleiche, noch der Finsternisse, noch von etwas anderem, wie ichs aus den Büchern irdischer Weisheit erlernt hatte. Dort hieß man mich glauben: und doch stimmt' es mit den durch Zahlen und meine Augen begründeten Verhaltnissen nicht überein, sondern war sehr davon verschieden. Gefallt dir, Herr, Gott der Wahrheit, Der schon, der jener Dinge kundig ist? Unglücklich ist der Mensch, der jener allerkundig, deiner aber unkundig ist! Glückselig aber der, welcher deiner kundig, obwohl jener unkundig ist ! Der aber deiner und jener zugleich kundig ist, ist nicht wegen des lctztern.glückseliger, sondern dcinethalben allein glückselig, wenn er dich erkennt, und wie Gott verherrlicht, und dir, dankt, und nicht eitel wird in seinen Gedanken. Denn wie jener sich besser befindet, der einen Baum zu besitzen weiß, und wegen dessen Gebrauches dir dankt, (obwohl er nicht weiß, wie viel' Ellen er hoch, oder wie groß seine Ausbreitung sei) als der, welcher ihn mißt, und alle seine Zweige zahlt, doch nicht ihn besitzt, noch dessen Schöpfer erkennt und liebt: So wars thoriKt. zu zweifeln, daß ein trcuglaubiger Mensch, — dem die ganze Welt Reichthum ist, und der, gleichsam nichts habend, Alles besitzt; dem, weil er dir anhangt, Alles unterthan ist, obwohl er nicht einmal den Nordstern kennt, — sich nicht weit besser besind', als der Ausmesser des Himmels, und der Zahler der Gestirn', Fünftes Buch. 101 und der Abwäger der Elemente, welcher aber dein nicht achtet, der du Allem Maaß', Zahl und Gewicht ordnetest! Aber wer bewog dennoch einen ich weiß nicht welchen Manichäer, auch über jenes zu schreiben, ohne dessen Kenntniß man dennoch kundig der Gottesfurcht werden konnte? Denn du sagtest dem Menschen: Siehe, Gottesfurcht ist Weisheit! Dieser könnt' er unkundig sein, obwohl er jener Dinge kundig wäre; da er aber jener unkundig war, und sie mit größter Unverschämtheit zu lehren wagte; so könnt er dieser nicht kundig werden. Denn Eitelkeit ist es, jene irdische Kenntnisse ankündigen; Gottesfurcht aber, dir bekennen. Daher redete Jener, abgewandt zu jenen Dingen, Mancherlei, auf daß er, widerlegt von solchen, die derselben kundiger waren, als ein solcher befunden würde, der in dem, was noch verborgener ist, wenig Kunde besäße. Denn nicht wenig wollt' er sich geehrt wissen, strebend zu überreden, daß der heilige Geist, der Tröster und Bereicherer deiner Gläubigen, in voller Wirkung persönlich in ihm wäre. Wenn er deß- halb über Unwahrheiten vom Himmel, und Gestirnen, und der Sonn' und des Monds Bewegungen betroffen ward, obwohl dies nicht zur Lehre der Rechtgläu- bigkcit gehörte, so erhellte doch genugsam daraus sein gottloses Bestreben, indem er das, was er nicht nur nicht kannte, sondern auch verfälschte, mit so rasender Eitelkeit des Stolzes vortrug, als wenn es ihm von göttlichem Wesen eingegeben wäre. Denn wann ich diesen oder jenen christlichen Bruder von jenen Dm- 102 A. Augustinus Bekenntnisse. gen reden höre, wovon er keine Kenntniß Hut, und Unrichtiges glaubt, so ertrag' ich geduldig seine Meinungen; und ich sehe nicht, was es ihm schade,, da er von Dir, Schöpfer aller, nichts Unwürdiges glaubt, wenn er auch den Zustand und die Beschaffenheit der körperlichen Schöpfung nicht kennt. Aber es schadet ihm, wenn er jenes für ein wesentliches Theil der Lehre der Gottesfurcht halt, und hartnackig zu behaupten wagt, dessen er unkundig ist. Aber auch derlei Schwachheit wird in der Wiege des Glaubens von der Mutter ertragen, der Liebe, bis der Mensch erneut aufstehe zum vvllkommnen Mann, und nicht jeder Lehre Wind ihn herumtragen könne. Wenn Jener aber als ein solcher Lehrer, Meister und Führer derer, die er jenes überredete, zu erscheinen wagte, daß die, so ihm folgten, nicht einem Menschen, sondern deinem heiligen Geiste zu folgen glaubten: Wer würde nicht diese Raserei, wo er falschredend befunden würde, für verabscheuungswürdig und höchst vermeidlich halten? Aber dennoch hatt' ich keine Gewißheit, ob die Abwechselungen langrer und kürzerer Tag' und Nachte, und jene der Nacht und des Tages selbst, und die Finsternisse, und was hieher gehörendes ich in andern Büchern gelesen hatte, nach seinen Reden erklärt werten könnten: Könnten sies, so würd' ich zwar zweifelhaft gewesen sein, ob die Sache sich so verhielt' oder nicht so; aber geglaubt würd' ich seinem Ansehn haben, wegen des Rufs seiner Heiligkeit. Fünftes Buch. 103 > > Und fast diese neun Jahre lang, wahrend ich, unstät im Geiste, jene hört', erwartet' ich mit übermaßigem Verlangen die Ankunft des Faustus. Denn die Übrigen von ihnen, bei denen es sich traf, daß sie der Antwort auf meine über derlei Dinge vorgelegten Fragen mangelten, vertrösteten mich auf Jenen, der mir bei seiner Ankunft in seinen Unterredungen sie auf das Leichteste, und fragt' ich auch noch wichtigeres, völlig befriedigend erklären würde. Als er nun kam, erkannt' ich in ihm einen Mann, angenehm und von holden Worten, und von dem, wovon jene zu reden pflegten, weit süßer schwatzend. Aber was half meinem Durste der zierlichste Besorger kostbarer Becher? Schon waren meine Ohren mit jenen Dingen gesättigt, und sie schienen mir darum nicht besser, weil sie besser, noch darum wahr, weil sie mit Beredsamkeit gesagt wurden, und nicht darum weise seine Seele, weil sein Antlitz einnehmend, und zierlich seine Rede war. Jen' aber, die mich auf ihn vertröstet hatten, waren keine gute Beurthciler von Dingen; und nur darum schien er ihnen klug und weise, weil seine Rede sie ergötzte. Ich lernt' aber eine andre Art Menschen kennen, dcnett auch sogar die Wahrheit verdächtig war, und die nicht mit ihr zufrieden waren, sobald sie in geschmückter und makelloser Rede dargestellt ward. Du aber, mein Gott, hattest mich schon auf wunderbare und verborgene Weisen unterwiesen: und ich glaube, daß es Wahrheit sei, weil du mich unterwiesest; auch ist außer dir kein andrer Lehrer des Wahren, wo und 104 A. Augustinus Bekenntnisse. woher er erscheine. Nun aber hatt' ich von dir gelernt, daß etwas nicht darum als wahr uns einleuchten müsse, weil es mit Beredsamkeit gesagt wird, und nicht darum als falsch, weil ohne Ordnung von den Lippen die Zeichen tönen; wiederum, nicht darum als wahr, weil es schmucklos vorgebracht wird, und nicht darum als falsch, weil zierlich die Red' ist: sondern es sei mit Weisheit und Thorheit, wie mit guten und schlechten Speisen; denn in geschmückten und unge- schmückten Worten, wie in seinen und bäurischen Gefäßen können beiderlei Speisen vorgesetzt werden. Meine Bcgierlichkeit, womit ich jenen Menschen so lang erwartet hatte, ward daher nur durch die Gewandtheit und Lebhaftigkeit seines Vortrags ergötzt, und durch schickliche zum richtigen Ausdrucke so ungezwungen sich darbietende Worte. Ergötzt aber ward ich, und mit Vielen, auch vor Vielen lobt' und erhob ich ihn: doch ungern ertrug ichs, daß ich in dem Gewühle der Zuhörer ihm nicht vortragen könnt' und theilen mit ihm die Sorge meiner Fragen in traulichem Gesprach' und wechselnder Rede. Ich näherte mich daher seinen Ohren mit einigen Freunden, sobald ich Gelegenheit dazu hatt', und es nicht unschicklich war, abwechselnd zu sprechen; und ich trug ver- schiednes vor, was mir am Herzen lag. Und ich fand einen Mann in ihm, unerfahren in allen freien Künsten, außer der Grammatik, und selbst in dieser nur auf gewöhnliche Art. Und weil er einige Ciceronische Reden gelesen hatt', und wenige Bücher des Seneka, und verschiedenes aus Dichtern und aus Werken seiner Fünftes Buch. 105 Sekte, die lateinisch und zierlich geschrieben waren, und weil hiczu des Schwatzens tagliche Übung kam; so hatt' er sich dadurch diese Beredsamkeit erworben, die noch angenehmer ward und verführerischer durch seines Verstandes Gelenkigkeit, lind eine gewisse natürliche Gefälligkeit, — Ist es so, wie ichs mich hier erinnere, Herr mein Gott, Richter meines Bewußtseins? Vor Dir ist offen mein Herz und meine Er- inerung, der du mich damals leitetest mit geheimer Verborgenheit deiner Vorsehung, und meine schandlichen Jrrthümer schon enthülltest vor meinem Angesicht, auf daß ich sie sah' und haßte. Denn als es mir offenbar genug war, daß er unerfahren war' in jenen Künsten, worin ich ihn hervorragend glaubte; begann ich zu verzweifeln, daß er mir über jenes, was mir am Herzen lag, Ausschluß geben könnte, dessen unkundig wohl jemand die wahre Gottesfurcht inne haben konnte, wenn er nur kein Manichäer war. Denn Jener Bücher sind voll langer Fabeln über Himmel und Gestirn' und Sonn' und Mond, welches alles er nach Vergleichung der Zahlverhaltnisse, die ich anderwärts erlernt hatte, nicht genugsam, so sehr ichs wünschte, so mir aufklären konnte, daß ich die Schriften der Manichaer als wahr, oder ihre Meinung der Vorhergefaßten gleich wichtig befunden hätte. — Als ich ihm meine Fragen vorlegte, war er doch bescheiden genug, und wagt' es nicht, die Last aufzufaßen. Denn er wußte, daß er das nicht wüßt', und schämte sich nicht, es zu gestehn. Er war nicht jener Geschwätzigen Einer, deren ich viel' erdul- 5 ^ 106 A. Augustinus Bekenntnisse. det hatte, die mich Jenes lehren wollten, und Nichts vorbrachten. Jener aber Hütt' ein Herz, obwohl nicht zu dir gewandt, doch auch nicht zu unbekannt mit sich selbst. Er war seiner Uncrfahrcnheit sich nicht ganz unbewußt, und wollte sich in keine Wertstreit' einlassen, wo ihm kein Ausgang war, und er nicht leicht abbrechen konnte. Dieserhalb gtsicl er mir schon mehr. Denn schöner ist die Mäßigung einer bekennenden Seele, denn Jenes, was ich zu wissen begehrte: Und ich fand dies an ihm bei allen schwerem und verwickelten Fragen. Da jetzt gneine Liebe zu den Wissenschaften des Manichaers nachließ, und ich immer mehr an den übrigen Lehren verzweifelte, indem über Vieles, das mir am Herzen lag, jener berühmte so schlechte Auskunft gab; so begann ich, mit ihm jene Wissenschaft zu treiben, die er selbst so liebte, und die ich damals zu Karthago die Jünglinge lehrte, und mit ihm gemeinschaftlich zu lesen, entweder was er gern hört', oder was ich seinem Verstände das Angemessenste hielt. Übrigens siel alles mein Bestreben, in jener Sekte mich zu vervollkommnen, völlig weg, sobalv ich jenen Mann genau kannte. Nicht daß ich ganzlich von ibr schied: sondern gleichsam nichts Besseres findend als- das, worin ich bisher verwickelt war, hatt' ich beschlossen. zu ruhen, bis vielleicht etwas Erwahlenswürdige- res hervorschicne. — So hatte dieser Faustus, der vielen eine Schlinge des Todes war, die, welche mich fesselte, schon aufzulösen begonnen wider Willen und Wissen. Denn deine Hände, mein Gott, ver- Fünftes Buch. 107 ließen in der Verborgenheit deiner Vorsehung meine Seele nicht; und von meiner Mutter Herzcnsblut wurden durch ihre Thronen Opfer dir dargebracht, Tag und Nacht: und du führtest mich auf wunderbare und verborgene Weisen. Du thatest dies, mein Gott! Denn vom Herrn werden des Menschen Schritte geleitet, und dessen Wege bestimmt er. Oder wo ist Heil, außer von deiner Hand, die erquickt, was du schufst? Und du führtest mich, daß ich überredet ward, nach Rom zu reisen, und vielmehr dort zu lehren, was ich zu Karthago lehrte. Und wie ich dessen überredet ward, wcrd' ich dir zu bekennen nicht unterlassen, weil auch hierin deine verborgne Vorsehung und deine stets gegenwartige Barmherzigkeit zu preisen ist. Nicht deshalb wollt' ich nach Rom, weil größeren Gewinn und größeres Ansehn mir die Freunde, die mich dazu beredeten, versprachen, obwohl auch das mir nicht gleichgültig war; sondern die größte und fast einzige Ursache war mir damals diese: ich hörte, ruhiger studierten die Jünglinge dort, und sie würden in geordnetem Zwange der Zucht gehalten, liefen nicht in jene Schulen, deren Lehrer nicht der ihrige wäre, nach Belieben frech herein, und es hatte keiner Zugang, dem der Lehrer es nicht gestattete. Zu Karthago hingegen ist die Freiheit der Schüler unerträglich und schrankenlos. Unverschämt stürmen sie herein, und mit fast wüthender Stirne stören sie die Ordnung, die zum besten der Lernenden festgesetzt ist. Manches Beleidigende treiben sie mit wunderbarer Stumpfheit, was 1(13 A. Augustinus Bekenntnisse. die Gesetze straften, wenn nicht Gewohnheit sie schützte. Und noch elender macht es sie, daß sie erlaubt ihre Handlungsweise glauben, die doch nie kraft deines ewigen Gesetzes erlaubt sein wird, und daß sie ungestraft zu handeln wähnen, da sie schon selbst durch die Blindheit, so zu handeln, gestraft sind, und also unvergleichbar Schlimmeres erdulden, als sie selbst ausüben. Diese Sitt' also, die ich, als ich studierte, nicht zur meinigen machen wollte, mußt' ich an andern ertragen, da ich Lehrer war: und deßhalb gesiels mir, dorthin zu gehn, wo derlei nicht geschähe, wie alle, die davon Kenntniß hatten, mich versicherten. Du aber, meine Hoffnung und mein Antheil auf der Erde der Lebenden, du brachtest, um meinen irdischen Aufenthalt zu ändern, zum Heile meiner Seele, jenen Widerwillen in mir gegen Karthago hervor, auf daß ich'von dort weggerissen, und stelltest mir, auf daß ich hierhin gezogen würde, Roms Reize vor durch Menschen, die das tobte Leben liebten, hier Unsinniges treibend, dort Eitles versprechend: und um meinen Wandel zu bessern, bedientest verborgen du dich Jener und meiner Verkehrtheit. Denn die, welche meine Ruhe störten, waren blind vor häßlicher Wuth: und ldie mich zu etwas Anderem einluden, hingen am Irdischen. Ich aber, hier wahres Elend verabscheuend, suchte dort falsche Glückseligkeit. Aber warum ich von hier weg und dorthin ging, daß wußtest du, o Gott! Doch thatest du es mir nicht kund, noch meiner Mutter, die bei meiner Ab- Fünftes Buch. 109 reis' um mich heftig trauert', und mir folgte bis ans Meer. Als sie mich nicht lassen wollt' und ich mit ihr zurückkehren, oder sie mit mir nehmen sollte; tauscht' ich sie sehr, und heuchelte, einen Freund wollt' ich nicht verlassen, bis er mit günstigem Wind' abschiffte. Und ich belog meine Mutter, Jene Mutter! und entkam. — Auch dies vergabst du mir barmher- ziglich, mich, der ich voller schandlicher Makeln war, schützend vor des Meers Gewässern, bis zum Wasser deiner Gnade, das mich abwaschen, und den Erguß der mütterlichen Augen trocknen sollte, womit sie täglich die Erde befeuchtete unter ihrem Antlitze. Und da sie dennoch sich weigerte, ohne mich zurückzukehren, überredete ich sie nur mit Mühe, daß sie an einem Orte, der nah unserm Schiffe war, dem Gedächtnisse des heiligen Cyprianus geweiht, diese Nacht weilte. Doch in dieser Nacht verreist' ich heimlich: Jen' aber blieb zurück, betend und weinend. Und was flehete sie von dir, mein Gott, mit so vielen Thränen, als daß du mich nicht abschissen ließest? Aber Du, weiter vorschauend, und erhörend das Ziel ihrer Wünsche, merktest nicht auf das, um was sie damals stehete, damit du an mir thätest, um was sie stets flehete. Es blies der Wind, und er schwellt' unsre Segel, und entzog unserm Gesichte das Ufer, wo sie des andern Tags tobte vor Schmerz, und mit Klagen und Seufzen deine Ohren erfüllte, die deß nicht achteten, indem du mich durch meine Begierden dahin reißen ließest um diese Begierden zu enden, und ihr irdisches Verlangen mit verdienter Qual der Schmerzen gestraft 119 A. Augustinus Bekenntnisse. ward. Denn sie hatte so gern meine Gegenwart, nach der Mütter Weise, — doch viel lieber, als viele. Und sie wußte nickt, welche Freude du ihr schaffen würdest aus meiner Abwesenheit. Sie wüßt' es nicht: darum weint' und jammerte sie, und war Eva gleich in ihrer Qual, die mit Seufzen suchte, was sie mit Seufzen gebar. Und dennoch, da sie mich des Trugs und der Fühllosigkeit beschuldigt hatte, wandte sie sich wieder zurück, dich um Vergebung für mich anzuflchn, — und ging zu ihrer Wohnung, und Ick nach Rom. Und siehe! dort siel auf mich die Geißel leiblicher Krankheit; und ich wanderte schon zur Unterwelt, beladen außer der Ursündc, wodurch wir All' in Adam sterben, noch mit allem dem Bösen, vielen und großen, das ich gegen dich begangen hatt', und gegen mich, und gegen Andre. Denn noch nichts hattest du mir vergeben in Ehnstus; noch hatte dieser nicht durch sein Kreuz die Feindschaft vertilgt, die ich mir bei dir durch meine Sünden zuzog. Denn wie vertilgt' er sie durch das Kreuz eines Gebildes, wie ich 'ihn mir dachte? So falsch mir daher der Tod seines Fleisches schien, so wahr war Der meiner Seele; und so wahr der Tod war seines Fleisches, so falsch das Leben meiner Seele, die an Jenen nicht glaubte. Das Fieber nahm zu, und ich ging und verging. Denn wohin ging ich, war' ich damals hinweggegangen, als nur in Feuer und Qual, meiner Thaten würdig, nach der Gerechtigkeit deiner Anordnung? Und Jene wußte das nicht; und dennoch betete abwesend sie für mich. Du aber, allenthalben gegen- Fünftes Buch. IN wartig, erhörtest sie, wo sie war; und wo Ich war, erbarmtest du dich mein, auf daß ich wiedererlangte die Gesundheit meines Leibes, selbst noch ungesund im gottlosen Herzen. Denn ich verlangte nicht in jener so großen Gefahr deine Tauf, und besser war ich als Knabe, da ich sie von der mütterlichen Frömmigkeit begehrte, wie ich schon gesagt und bekannt habe. Sondern ich wax aufgewachsen in größere Schand', und thöricht verlacht' ich die Rathe deiner Heilung, Dich, der du mich jetzt nicht doppeltes Todes sterben ließest. Ware mit solcher Wunde das Herz der Mutter geschlagen, unheilbar war' es gewesen. Denn ich vermags nicht auszudrücken, wie sehr ihr Denken auf mich gerichtet war, und um wie viel größer ihr Kummer war, mit welchem ihr Geist für mich kreißete, als jener, womit sie mich im Fleische 'gebar. Dcßhalb seh' ich nicht, wie sie geheilt wäre, wenn ein solcher Tod die Eingeweid' ihrer Liebe durchdrungen hatte. Und zu wem waren die so brünstigen Gebete gerichtet, und so öftere, ohne Unterbrechung? Zu keinem als zu Dir! Aber solltest du verachten, Gott der Erbarmungen, das zerschlagene und demü- thige Herz einer keuschen und.züchtigen Wittwe, die oft Almosen gab, deine Heiligen ehrt' und ihnen diente, und keinen Tag vorbeiließ ohne zu opfern auf deinem Altar? die zweimal im Tage, des Morgens und des Abends ohne Unterbrechung zu deiner Kirche kam, nicht zu eitcln Erzählungen, und Plaudereien alter Weiber; sondern auf daß sie Dich hört' in deinen Reden, und du sie in ihren Gebeten. Solche Thranen, 112 A. Augustinus Bekenntnisse. womit sie nicht um Gold und Silber bot, noch um ein wandelbares vergängliches Gut, sondern um das Heil der Seel' ihres Sohns, solltest du, durch dessen Gnade sie so war, solltest du sie verachten und zurückweisen von deiner Hülse? Mit Nichten, Herr! Nein! sondern du warst voll Huld, und erhörtest, und tha- test nach der Ordnung, wie du zu thun vorbestimmt hattest. Ferne wars, daß du sie trogst in ihren Erscheinungen und in deinen Antworten, (deren einiger ich gedacht und andrer nicht gedacht habe) die sie in glaubigem Herzen verwahrt' und stets betend dir wie deine Handschrift vorwies. Denn du lassest dich herab, weil unendlich deine Barmherzigkeit ist, denen, welchen du alle Schuld erlaßt, noch durch deine Versprechungen selbst Schuldner zu werden. Also, du errettetest mich aus jener Krankheit, und ließest gesunden den Sohn deiner Magd, für jetzt am Leib, auf daß du ihm künftig besseres und sicheres Heil verliehest. Und ich war auch damals zu Rom in Verbindung mit jenen falschen und tauschenden Heiligen, nicht nur mit ihren Hörern, (worunter auch Der war, in dessen Haus ich erkrankt' und genas) sondern auch mit Jenen, die sie Auserwahlte nennen. Denn an- noch schien es mir, daß nicht wir es waren, die sündigten, sondern daß ich weiß nicht welche andre Natur sündigt' in uns; und es erfreute meinen Stolz schuldlos zu sein, und, hatt' ich etwas Böses gethan, nicht zu bekennen, daß ich es gethan hatt', auf daß du meine Seele heiltest, indem sie Dir sündigte: sondern Fünftes Buch. 112 es gefiel mir, sie zu entschuldigen, und ich weiß nicht was anders anzuklagen, das in mir und nicht Ich wäre. Indessen war alles ganz Ich, und nur meine Gottlosigkeit hatte mich mit mir selbst entzweit; und die Sünde war um so unheilbarer, da ich selbst kein Sünder zu sein wähnte, und scheußlich die Bosheit, lieber mich über dich, allmächtiger Gott, zu meinem Werderben, als dich über mich zu meinem Heil erheben zu wollen. So hattest du damals noch keine Wache gesetzt meinem Mund, und keine Pforte der Enthaltsamkeit an meine Lippen, auf daß mein Herz nicht hinneigte zu boshaften Worten, die Sünden zu entschuldigen durch Menschen, die gottlos handeln: und deßhalb war ich noch vereint mit den Auserwählten Jener. Aber dennoch schon verzweifelnd, durch jene falsche Lehre zur Wahrheit zu gelangen, war ich in ihr, mit der ich, so lang' ich nichts Besseres fände, zufrieden zu sein beschlossen hatte, nun kalter und nachläßiger. Auch entstand in mir der Gedanke, daß jene Philosophen, die man Akademiker nennt, klüger als die Übrigen gewesen wären, weil sie glaubten, man müßt' an Allem zwifeln, und behaupteten, dem Menschen wäre nichts erfaßbar. Denn dies schien auch mir offenbar ihre Meinung zu sein, wie man sie gewöhnlich von ihnen glaubt, obwohl ich sie noch nicht ganz verstand. Auch enthielt ich mich nicht, jenen meinen Bewirther zu tadeln wegen seines zu großen Glaubens, den ich in ihm an die fabelhaften Dinge fand, wovon 114 A. Augustinus Bekenntnisse. der Manichaer Bücher voll sind. Jndeß pflog ich doch mit Jenen engere Freundschaft, als mit anderen Menschen, die dieser Ketzerei anhingen. Ich' vertheidigte sie nicht mehr mit der vorigen Hitze: aber ihre Freundschaft (denn Rom birgt ihrer Bicle) machte mich trag, Anderes zu forschen: Vorzüglich da ich verzweifelte, in deiner Kirche, Herr des Himmels und der Erde, Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, das Wahre finden zu können, wovon mich jene abgewandt hatten. Und sehr schandlich schien es mir, zu glauben, du hattest Gestalt des menschlichen Fleisches, und die körperlichen Umrisse unsrer Glieder umgranzten dich. Doch weil ich, meinen Gott denkend, nichts anders als Körpermassen zu denken wußte, (denn mir schien das nichts zu sein, was nicht derlei war) so war dies die größte und fast einzige Ursache meines unvermeidlichen Jrrthums. Denn dies veranlaßte mich, auch eine gewisse körperliche Substanz des Bösen zu glauben, die eine haßliche und unförmliche und rauhe Masse hatte, welche sie Erde nannten, oder eine dünne und feine wie die Lustmasse, welches böse Wesen als durch jene Erde verbreitet sie sich einbildeten. Und weil eine gewisse Frömmigkeit mich glauben hieß, daß der gute Gott keine böse Natur erschaffen hatte, dacht' ich mir zwei sich cntgegenstrebende Massen, unendlich beide; doch die böse kleiner, die gute größer: und aus diesem giftigen Quell flössen meine übrigen Gottlosigkeiten her. Denn da mein Geist sich sehnte,- zum katholischen Fünftes Buch. 1k5 Glauben Zuflucht zu nehmen, ward ich auch hier zurückgestoßen-, denn der katholische Glaube war nicht der, wofür ich ihn hielt. Und frömmer schien ich mir, wenn ich dich, mein Gott, dessen Erbarmungen gegen nnch ich bekenne, von allen übrigen Seiten unendlich dachte, (obwohl ich von Einer, wo dir die Masse des Bosen entgegengesetzt war, dich beschrankt zu bekennen gezwungen war) als wenn ich dich von allen Seiten in die Form eines Menschenkörpers beschrankt hielte. Und besser schiens mir, zu glauben, du hattest ' gar kein Böses erschaffen, was mir Unwissendem nicht allein eine Substanz, sondern auch eine körperliche schien, weil ich unter einem Geiste nichts zu denken vermocht', als einen feinen Körper, der dennoch durch gewissen Raum ausgedehnt wäre, — als zu glauben, es wäre durch Dich die Natur des Bösen, so wie ich sie glaubte. Selbst unfern Heiland, deinen eingebor- ncn Sohn, wähnt' ich auf diese Art, von deiner leuchtenden Mass' abgegeben zu sein zu unserm Heile, so daß ich nichts von ihm glaubt', als was meiner Eitelkeit bcgreifflich war. Eine solche Natur also, hielt' ich dafür, könnte nicht von der Jungfrau Maria geboren werden, ohne daß sie mit dem Fleische vermischt würde. Diese Vermischung aber ohne Bcmakelung war mir unvorstellbar. Ich scheute daher, ihn im Fleische geboren zu glauben, auf daß ich nicht-gezwungen war', ihn im Fleische bemakelt zu glauben. Hier werden deine Geistig-gläubigen liebreich lächeln über mich, wenn sie diese Bekenntnisse lesen: aber ich war wirklich so! 116 A. Augustinus Bekenntnisse. Was ferner Jen' in deinen Schriften getadelt hatten, ließe sich, glaubt' ich, nicht vertheidigen; doch wünscht' ich zuweilen, mit einem jener Bücher vollkommen kundigen Mann über die einzelnen Stellen mich zu unterreden, und zu hören, was er darüber dachte. Denn schon zu Karthago hatten die Reden eines gewissen Helpidius, die er öffentlich gegen die Manichäer hielt, Eindruck auf mich gemacht, wann er solche Stellen aus den Schriften vorbrachte, denen man nicht leicht widersprechen konnte: und grundlos schien mir dann die Antwort Jener. Doch gaben sie diese nicht leicht öffentlich, sondern uns insgeheim; sie sagten nemlich, daß die Schriften des neuen Testaments verfälscht waren, ich weiß nicht von welchen, die der Juden Gesetz dem christlichen Glauben beimischen wollten: und dennoch zeigten sie selbst keine unverfälschte Abschrift vor. — Aber gefesselt und erstickt drückten mich bei meinen Körpervorstellungen jene Massen nieder, worunter keuchend ich die helle einfache Luft deiner Wahrheit nicht einathmen konnte. Fleißig hatt' ich nun das Geschäft begonnen, weßhalb ich nach Rom gekommen war, nemlich die Redekunst zu lehren: und zuerst sammelt' ich einige in mein Haus, denen und durch welche ich bekannt zu werden ansing. Und sieh! ich fand verschiedenes zu Rom, was ich zu Karthago nicht zu erdulden hatte. Denn daß in der That dort jene Stürmereien wilder Jünglinge keine Statt hatten, deß ward ich bald überzeugt. Aber unversehns, um den Lohn dem Lehrer nicht zu zahlen, vereinen sich mehrere Jünglinge, und Fünftes Buch. 117 begeben sich zu einem Andern, — Brecher der Treue, denen vor Gcldesliebe Gerechtigkeit ungeschützt ist. Und mein Herz haßte solche, obwohl nicht mit gutem Hasse. Denn vielleicht haßt' ich sie mehr um Jenes, was ich durch sie zu erdulden hält', als weil sie etwas thatcn, was jedem unerlaubt war. Dennoch schandlich sind solche gewiß, und untreu gegen dich sind sie, lieben vergängliche Lust und kothigen Gewinn, wovon beim Angreifen die Hand besudelt wird, und umfassen die vorbeieilende Welt, und verachten dich, der da bleibt und zurückruft, und der untreuen Mcnschcnseele verzeiht, wann sie kehrt zu dir. Und jetzt hass' ich solche, als schlechte verkehrte Menschen, obwohl ich sie als zu Bessernde liebe, auf daß sie dem Gelde die Lehre, die sie hören, vorziehn, dieser aber Dich, o Gott, die Wahrheit und die Fülle des gewissen Guten, und der reinste Friede. Damals wollt' ich sie vielmehr deß- halb nicht dulden, weil sie böse waren in Rücksicht auf mich, als weil ich sie gut wünscht' in Rücksicht auf dich. Da man nun aus Mailand nach Rom an den Stadtprafektus um einen Lehrer der Redekunst für Me Stadt schickte, auch öffentliche Erlaubniß dazu er- tbcilt war, so sucht' ich selbst diese Stelle durch jene von den Eitelkeiten der Manichaer Trunknen, (da ich doch nur hinwegsollt', um ihrer los zu werden: aber sie, wie ich, wußtens nicht) daß ich auf gehaltne Pro- bcrcde vom damaligen Prafektus Symmachus auserlesen und hingeschickt wurde. 118 A. Augustinus Bekenntnisse. Und ich kam nach Mailand zum Bischof Ambrosius, diesem, wie allenthalben bekannt ist, vortrefflichen Manne, deinem frommen Verehrer, dessen Reden damals die Blume deiner Frucht, und die Freude deines Ols, und deines Weines nüchternen Rausch unermü- det deinem Wolke darreichten. Zu diesem aber ward ich unwissend geführt von Dir, daß ich wissend zu Dir geführt würde durch Ihn. Er empfing mich vaterlich, dieser Mann Gottes, und bischöflich erfreut' er sich meiner Überkunft. Und ich begann ihn zu lieben, jetzt zwar noch nicht als den Lehrer des Wahren, woran ich ganzlich in deiner Kirche verzweifelte, sondern als den Mann, der mir wohlwollte. Und fleißig hört' ich seine Reden vor dem Wolke, nicht in der Absicht wie ich sollte, sondern nur um seine Beredsamkeit zu prüfen, ob sie seinem Rufe gemäß, ob sie größer oder geringer war', als von ihm gelobt ward. Achtsam hing ich an seinen Worten, der Sachen aber war ich unbekümmert, und verachtete sie: mich ergötzte nur die Süße der Rede, die freilich inhaltreicher, aber in Rücksicht des Vortrags nicht so erfreuend und hold war, als jene des Faustus. Übrigens war unter den Sachen gar keine Wergleicbung: dieser schwankte unter manichaischen Jrrthümern umher, jener lehrte wahres Heil. Aber weit ist das Heil von den Sündern, deren einer ich damals war: doch nähert' ich mich allmählig, und wüßt' es nicht. Denn wahrend es mich nicht kümmerte, zu fassen, was er sagte, sondern ich nur ausmerkte, wie er es sagte, (welche leere Sorge mir, da ich schon verzwei- Fünftes Buch. 119 felte, daß zu Dir dem Menschen ein Weg offen stunde, noch zurückgeblieben war) so kamen doch zugleich mit den Worten, die ich liebte, auch die Sachen in meinen Geist, die ich vernachlaßigte: denn ich konnte beide nicht trennen. Und da ich'mein Herz öffnete, aufzunehmen,-was er schön sagte, kam zugleich das hinein, was er Wahres sagte, obwohl nur stufenweise, denn anfangs scbien mir, daß jenes schon vertheidigt wer-- den könnte, und daß Einer den katholischen Glauben, für den, wie ich ehedem glaubte, sich nichts gegen den Widerspruch der Manichaer sagen ließe, erweisen wollte, hielt ich jetzt nicht mehr für unverschämt, vorzüglich weil ich oft eine und andre Dunkelheit der alten Schriften erklaren hörte, wo mir vorher, da ich sie nach dem Buchstaben nahm, der Geist getödtct ward. Nafl) Aufhellung der meisten Stellen jener Bücher also tadelt' ich jetzt meine Verzweiflung, worin ick glaubte, daß den Verächtern und Verlachern des Gesetzes und der Propheten auf keine Weise widerstanden werden könnte. Dennoch um den katholischen Weg zu wandeln, schien mir dieses nicht genug, daß er seine gelehrten Bekenner haben konnte, die mit mancherlei Gründen und nicht unvernünftig die Einwürfe beantworteten: eben so wenig schienen darum verdammungswürdig Jene mir, weil die Verthcidi- gungsgründe gleich standen. Deny ich sah zwar den katholischen Glauben als nicht besiegt an, aber darum noch nicht als Sieger. Nun aber strengt' ich den Geist an, ob ich etwa durch sichre Beweise die Manichaer der Falschheit über- 120 A. Augustinus Bekenntnisse. zeugen könnte. Könnt' ich nur eine geistige Substanz denken, so war sogleich ihr ganzes Lehrgebäude zertrümmert, und aus meinem Geist vertilgt: aber ich könnt' es nicht. Daß indeß von dem Körper dieser Welt und von aller Natur, die des Fleisches Sinn erfaßt, die meisten Philosophen weit richtiger dachten, fand ich bei weitcrem Nachdenken und Vergleichen immer mehr und mehr. Also nach der Akademiker Weise, wie man von ihnen glaubt, zweifelnd an Allem und zwischen Allem umhcrschwankend, beschloß ich zwar, die Manichaer verlassen zu müssen; und es schien zu jener Zeit meines Zweifelns mir unrecht, in dieser Sekte zu bleiben, der ich schon verschiedene Philosophen vorzog: aber auch diesen Philosophen, da ich bei ihnen den Namen Christus des Heilbringenden nicht fand, wollt' ich auf keine Weise die Heilung meiner ermatteten Seel' anvertraun. Ich beschloß daher, so lange Katechumcn in der katholischen Kirche, zu bleiben, die mir meine Eltern empfohlen hatten, bis etwas Gewisses hervorschiene, wohin ich meinen Lauf richten möchte. Sechstes Buch. meine Hoffnung von meiner Jugend auf! Wo warst du mir, und wohin warst du gewichen? Oder hattest Du mich nicht geschaffen, und mich unterschieden von den vierfüßigen Thieren und von dem Gevögel des Himmels? Einen Weiseren hattest du mich geschaffen, und ich wandelte durch Finsterniss' und schlüpfrige Pfad', und suchte dich außer mir, und fand nicht den Gott meines Herzens. Und ich war gesunken in die Tiefe des Meers, und hoffnungslos verzweifelt' ich, das Wahre zu finden. Nun war zu mir die Mutter gekommen, stark in Gottesfurcht, mir folgend zu Land und zu Wasser, und in aller Gefahr dir vertrauend. Denn auch in des Meeres Fahrlichkeiten tröstete sie die Schiffer selbst, (wovon unerfahrne Bereiser der Tiefe sonst in ihrer Verwirrung pflegen getröstet zu werden) und versprach ihnen unverletzte Überkunft, weil Du ihr dies in einem Gesichte versprochen hattest. Und sie fand mich in großer Gefahr, verzweifelnd an Erkundung der Wahrheit. Aber dennoch, als ich ihr gesagt hatte, jetzt war' ich zwar nicht Manichaer, aber auch nicht katholischer Christ, brach sie nicht, als hörte sie etwas Unerwartetes, in lautes Frohlocken aus, obwohl sie nun be- 6 t I - 122 A. Augustinus Bekenntnisse. ruhigt war über jenen Theil meines Elends, wcßhalb sie über mit) als einen Tobten um Erweckung zu dir weint', und mich darbrachte auf der Bahre ihrer Gedanken, aus daß du sprachst zu dem Sohne der Witt- we: Jüngling! ich sage dir, steh aus! — und er auflebt', und zu reden begann', und du ihn seiner Mutter zurückgabst. Nicht also in tobendes Frohlocken brach ihr Herz aus, als sie hörte, daß schon so viel von dem geschehn wäre, weßhalb sie taglich zu dir flehte, — daß ich nemlich zwar noch nicht zur Wahrheit gelangt, doch der Falschheit entrissen wäre. Sondern weil sie überzeugt war, du würdest auch das Übrige verleihn, da du das Ganze versprochen hattest, antwortete sie mir sanftmüthig aus vertrauenvollem Busen, sie glaubt' m Christus, daß sie, ehe sie aus diesem Leben wanderte, mich als einen katholischen Glaubigen erblicken würde. Dieses mir: Dir aber, Quell der Erbarmungcn, häusigre Bitten und Thranen, auf daß du deine Hülfe beschleunigtest, und erleuchtetest meine Finsternisse. Und sie ging unablässig zur Kirch',' und hing am Munde des Ambrosius, schöpfend aus dem Bo,rn des springenden Wassers fürs ewige Leben. Sie liebt' aber diesen Mann wie einen Engel Gottes, weil sie erkannte, daß ich durch ihn bereits zu jenem unsteten Gewoge geführt war, worin sie meinen Übergang von Krankheit zur Gesundheit während steigender Gefahr, wie in jenem verschlimmerten Zustande, den die Ärzte nennen, erwartete. Sechstes Buch. 123 Da sie also zu den Gedächtnißstellen der Heiligen, wie's in Afrika gebräuchlich war, Mus und Brvd und Wein hinbracht', und vom Thürhüter zurückgewiesen ward, so nahm sie dies, als sie erfuhr, der Bischof hätt' es verboten, mit solcher Frömmigkeit und mit solchem Gehorsam auf, daß ich mich selbst wunderte, wie sie so willig vielmehr alsbald ihre Gewohnheit verdammt', als nach dem Grunde des Verbots forschte. Denn nicht Weinbegier trieb sie, noch reizte sie Liebe des Weins zum Hasse des Wahren, wie viele Manner und Weiber, welche Ermahnungen zur Nüchternheit anekeln, wie Berauschte wassergemischter Trank. Sondern wann sie einen Korb mit den zuvorzukostenden und drauf zu vcrtheilcnden Opferspeisen herbeigebracht hatte, nahm sie um etwas zum Ehrenkosten zu haben, nur ein einziges für ihren nüchternen Gaumen gemischtes Becherchen; und wann viele auf solche Art zu ehrende Gedachtnisse Verstorbener vorhanden waren, so trug sie dies einzige mit umher, um sich des nem- lichen allenthalben zu bedienen, und theilte diesen nicht nur sehr mit Wasser gemischten, sondern auch sehr laulichten Wein mit andern Anwesenden zu kleinen Theilcheru denn Frömmigkeit suchte sie dort, nicht sinnlichen Genuß. Da sie also erfuhr, daß dies von dem trefflichen Preeigcr und Vorsteher der Frömmigkeit (dem Biscbofe) verboten war, selbst denen, die es nüchtern verrichteten, damit Trunkenbolden nicht Gelegenheit zum Rausche gegeben würd', und weil derlei ganz wie Todtenopfer im Geiste des heidnischen Aberglaubens wäre; so enthielt sie sich sehr gerne davon, und 6* 124 A. Zlugustinus Bekenntnisse. lernte bald, statt des Korbes voll irdischer Früchte einen Wuscn voll reinerer Gesinnungen den Gedachtnissen der Märtyrer darbringen, auf daß sie, wie viel sie vermöchte, den Dürftigen gab', und so die Theilnehmung an des Herrn Leib gefeiert würde, durch dessen Leidens Nachfolge die Märtyrer hingeopfert wurden und gekrönt. Aber dennoch scheint mir, Herr mein Gott, und so glaubt mein Herz hiervon in deinem Angesichte, meine Mutter wäre wohl nicht so leicht von dieser Gewohnheit abgestanden, hätt' ein andrer sie verboten, den sie nicht wie Ambrosius liebte, welchen sie meines Heiles wegen äußerst liebte, so wie er auch sie, wegen ihrer so gottesfürchtigen Gesinnungen, womit sie, glühend im Geiste für gute Werke, die Kirche besuchte. Oft, wann er mich sah, brach er aus in ihr Lob, und wünschte mir Glück, daß ich eine solche Mutter hätte, ohne zu wissen, welchen Sohn sie, der da zweifelte an allem diesem, und auf keine Weise glaubte, des Lebens Glück könnte gefunden werden. Und ich erseufzte noch nicht im Gebet, daß du mir zu Hülfe kämst; sondern gespannt zum Forschen und unruhvoll im Untersuchen war mein Geist. Und in Ambrosius selbst sah ich einen für die Welt glücklichen Mann, da ihn so viele Gewaltige ehrten: nur seine Ehelosigkeit schien mir beschwerlich. Welche Hoffnungen aber er hegte, und wie er gegen die Versuchungen eigner Vortrefflichkeit zu ringen, und welchen Trost er hatt' in Widerwärtigkeit, und welcher Mund n seinem Herzen war, womit er die schmackhaften Freuden deines Brodes genoß, wüßt' ich nicht, und Sechstes Buch. . 125 Hütt' es nicht erfahren: auch Er kannte meine Be- drängniß nicht, noch die Grube meiner Gefahr. Denn nicht erfragen von ihm, was ich wollte, könnt' ich, wie ichs wollte, indem Schaaren geschäftiger Menschen, deren Schwachen er aufzuhelfen strebte, mich von seinem Ohr und Mund ausschlössen: und wahrend der kurzen Zeit, daß er nicht unter diesen war, erquickt' er den Leib mit nöthigem Unterhalt, oder mit Lesen den Geist. Doch wann er las, gingen die Augen über das Blatt, und das Herz forschte den Sinn: Stimm' aber und Zunge ruhctcn. Ost, wann wir bei ihm waren, (denn keinem wars verboten, hineinzukommen; und den Kommenden anzumelden war nicht Sitte) sahn wir ihn so schweigend lesen, und nie anders. Wir saßen dann in tiefer Stille, (denn wer wagt' es, eine solche Aufmerksamkeit zu stören?) und gingen hinweg; und wir muthmaßten, er wollte wahrend der wenigen Zeit, die er zur Erholung seines Geistes gewann, ermüdet vom Geräusche fremder Angelegenheiten, nicht auf etwas anders gewandt sein; oder vielleicht verhüten, daß, wenn der Schriftsteller, den er laut läse, sich etwa dunkel ausdrückte, er nicht gcnöthigt wäre, dies dem achtsamen Zuhörer zu erklären, oder deßhalb über andre schwerere Fragen zu reden, und durch solche Verwendung der Zeit wenigere Schriften durchzulesen, als er wollte, — obwohl auch die Erhaltung seiner Stimme, die sehr leicht erstumpfte, gerechte Ursache seines stillen Lesens sein konnte. Aus welcher Absicht er es auch that, sicher that der Mann es aus einer guten. 126 A. Augustinus Bekenntnisse. Doch gewiß, ich hatte keine Gelegenheit, das, was ich wünschte, von diesem deinem so heiligen Orakel, seinem Herzen, zu erforschen, außer wenn etwas kurz gefaßt werden konnte. Denn viele Muße war noth, um meine Bedrängniß vor ihm auszuschütten; und die fand ich nicht. An jedem Tage des Herrn hört' ich ihn abhandeln vor dem Volke das Wort der Wahrheit; und mehr und mehr wards mir bestätigt, daß alle die Knoten listiger Verläumdung, die jene unsre Betrüger gegen die göttlichen Bücher schürzten, aufgelöst werden könnten. Da ich aber erfuhr, wie jenes, daß nach deinem Ebenbilde der Mensch von dir geschaffen wäre, deine Söhn' im Geiste, die du aus der katholischen Mutter durch deine Gnade wiedergeboren werden ließest, nicht so verständen, als wenn sie durch diese Menschenform dich umgränzt glaubten und sich vorstellten; so errö- thet' ich, (obschon ich von der Beschaffenheit einer geistigen Substanz nicht das Geringste, nicht das Entfernteste einmal ahndete) voll Freude, daß ich so viele Jahre lang nicht gegen den katholischen Glauben, sondern gegen die Dichtungen^ sinnlicher Vorstellungswei- sen gebellt hatte. Darin nemlich war ich verwegen gewesen und gottlos, daß ich Jenes, was ich durch Forschen zuerst hätte kennen lernen sollen, als ver- dammlich gescholten hatte. Denn Du, Höchster und Mächtigster, Verborgenster und Gegenwärtigster, dem nicht einige Glieder größer sind und andre kleiner, sondern der du allenthalben ganz, und von keinem Raum umschlossen bist! Du bist freilich jene Körper- Sechstes Buch. 127 form nicht: dennoch schufst du den Menschen nach deinem Ebenbild',.und sieh! vom Kopfe bis zu den Füßen umschließt Raum ihn. Da ich daher nicht wußte, wie dies dein Bild bestand, und nun eifrig forschte, wie man darüber glauben sollte, nicht mehr aber mit Spott den Vorwurf machte, als glaubte man es so, wie ichs vorher wähnte; so nagte jetzt um so heftiger an meinem Innersten die Sorge, was ich als gewiß annehmen sollte, je mehr ick mich schämte, getäuscht und betrogen durch die Verheißungen der Sicherheit, mit'kindischer Unbesonnenheit und Muthwillen so vieles unsichre als sichres geschwätzt zu haben. Denn daß es falsch war, ward hernach mir klar. Sicher dennoch wars, daß es unsicher war, und von mir einst für sicher gehalten ward, da ich durch blinde Beschuldigungen deinen katholischen Glauben anklagte, den ich zwar noch nicht als wahrheitlehrend erkannt Halle, der aber aucb das nicht lehrte, weßhalb ich ihn anklagte. Darum schämt' ich mich, und wandte meinen Sinn, und freute mich, mein Gott, daß deine einzige Kirche, der Körper deines Eingcbornen, worin mir Kinde schon der Namen Christus vertraut ward, nicht kindischen Possen anhing, auch dies nicht in ihrer gesunden Lehre hatte, daß sie Dich, Schöpfer Aller, in einen Raum, obwohl den größten und weitesten, doch ringsbegranzten, unter menschlicher Glieder Gestalt einengte. Und ich freute mich auch, daß mir die alten Schriften des Gesetzes nicht mehr mit jenem Auge zu lesen dargelegt wurden, wobei sie zuvor ungereimt mir 128 A. Augustinus Bekenntnisse. erschienen, und ich deine Heiligen beschuldigte, als Wenn sie also dachten: wirklich aber dachten sie nicht also. Und sroh hört' ichs, wann Ambrosius oft in seinen Reden sagte zum Volk, und aufs dringendste als Regel empfahl: Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig! Was nach dem Buchstaben Verkehrtheit zu sein schien, enthüllt' er vom geheim- nißvollen Schleier, und erklart' es nach dem Geist, und sagte nichts, was mir anstößig, obwohl er solches sagte, von dessen Wahrheit ich noch nicht überzeugt war. Denn ich hielt mein Herz zurück vor allem Weifall, irre zu gehen fürchtend: und mich brachte das Hinschwanken noch mehr in Irre. Denn ich wollte dessen, was ich nicht sah, so gewiß werden, wie ich gewiß war, daß drei und sieben zehn sind. Denn so unsinnig war ich nicht, zu glauben, auch dies könnte nicht einmal begriffen werden: aber deutlich wie dies wollt' ich auch das Übrige begreifen, seis etwas Körperliches, das meinen Sinnen nicht gegenwartig war', oder etwas Geistiges, worüber ich anderes als Körperliches zu denken nicht vermochte. Und ich war geheilt, sobgld ich glaubte, und gereinigt die Scharfe meines Geistes gerichtet ward auf deine immerbleibende nirgendermangelnde Wahrheit. Aber wie es zu geschehen pflegt, daß man nach einem schlechten Arzte sich scheut, einem guten sich anzuvertrauen, so wars mit der Krankheit meiner Seele, die nicht anders als durch Glauben geheilt werden konnte, und, um nicht falsch zu glauben, die Heilung ausschlug, und deinen Händen widerstand, der du die Arznei des Glaubens Sechstes Buch. 129 bereitet, und sie ausgegossen über die Krankheiten der Erd', und ihr so große Kraft verliehen hast. Aber auch so schon schien mir die katholische Lehre vorzüglich; und ich fand, daß sie bescheidener und völlig arglos verlangte, das zu glauben, was nicht bewiesen ward, (seis unbeweisbar in Rücksicht des Objekts oder Subjekts) wogegen bei jenem durch kecke Versprechungen der Kenntniß die Leichtgläubigkeit betrogen, und drauf manches äußerst märchenhafte und ungereimte ihrem Glauben aufgedrungen wird. Darauf überzeugtest du mich allmahlig, ».Herr, mit sanfter erbarmender Hand mein Herz rührend und bereitend, — da ich überdachte, wie unzahlbares ich glaubte, was ich nicht sah, noch bei dessen Ausübung ich zugegen war, so manches in der Völker Geschichte, so manches von Stellen und Städten, was ich nicht sah, so manches den Freunden, so manches den Ärzten, so manches diesem und jenem Menschen, wo wir glauben müßten, oder zu jedem Geschäft in diesem Leben unfähig waren; endlich wie unerschütterlich ich an die Eltern glaubte von denen ich gezeugt war, was ich nicht wissen könnt', ohn' es von andern zu hören: — daß nicht die, so deinen Büchern glauben, welche du unter fast allen Völkern in so großem Ansehn begründet hast, sondern jene, die ihn nicht glauben, der Schuld zu zeihen waren, und daß ich es nicht achten , müßte, wann man mir etwa sagte: Woher weißt du, daß jene Bücher von des einzigen wahren und wahrhaftigen Gottes Geiste dem Menschengeschlecht verkündet sein? Und dies mußt' ich vorzüglich glauben, 130 A. Augustinus Bekenntnisse. weil ja alle die verfänglichen Streitfragen, nebst so vielem, was ich von sich widersprechenden Philosophen gelesen hatte, mich nicht dahin bringen konnten, je zu glauben, daß Du nicht warst, obwohl ich, was du warst, nicht wußte; oder daß die Leitung menschlicher Angelegenheiten dir nicht angehörte: zwar glaubt' ich dies zuweilen starker, zuweilen schwacher; dennoch glaubt' ichs immer, daß du wärst und Unser Sorge trügst, obwohl ich weder wußte, wie man deine Substanz sich denken sollte, noch welcher Weg führt' oder zurückführte zu dir. Da wir also selbst zu schwach waren, die achte Wahrheit zu finden, und uns dazu Vertrauen auf die heiligen Schriften noth war; so begann ich nun zu glauben, du würdest auf keine Weise diesen Schriften bereits rings auf der Erde so viel Ansehn verliehn haben, wolltest du nicht, daß wir durch sie an dich glauben, und durch sie dich suchen sollten. Denn das, was mir in ihnen als Ungereimtheit anstößig zu scheinen pflegte, schrieb ich, nachdem ich vieles sehr wahrscheinlich erklaren gehört hatte, der Erhabenheit der Geheimnisse zu: und um so vcrehrenswerther, und des heiligen Glaubens würdiger erschien mir jenes Ansehn, da die Schriften Jedem lesbar sind, aber dennoch die Würde ihrer Geheimnisse in tieferem Verstände bewahren, in den klarsten Worten und in der einfachsten Rcdensweis' allen sich darbietend, und die Geistesanstrengung derer übend, die nicht leichtsinniges Herzens sind, auf daß sie alle aufnahmen in ihren menschenfreundlichen Busen, aber wenige zu dir hinübersührten Sechstes Buch. 131 auf engen Wegen, deren Zahl dennoch noch geringer wäre, wenn die Schriften nicht mit solchem Ansehn hervorleuchteten, und die Völker nicht an sich zögen in den Schoost heiliger Demuth. So dacht' ich, und du warst bei mir; ich seufzte, und du hörtest mich; ich wankte, und du leitetest mich; ich ging auf der Welt breitem Weg', und du verließest mich nicht; ich trachtete nach Ehre, Gewinn, Ehe, und du lachtest meiner. Ich erduldete in diesen Begierden die bittersten Beschwerden, und desto gnadiger warst du mir, je weniger du mir süß werden ließest, was nicht Du warst. Siehe mein Herz, o Herr, der du wolltest, daß ich mich dieser Ding' erinnern, und sie dir bekennen sollte! Nun hangt meine Seel' an dir die du aus den Schlingen des Todes befreitest. Wie elend sie war! Und du ließest das Gefühl ihrer Wunde stechend werden, daß sie Alles verließ' und kehrte zu dir, der du über Allem bist, und ohne Den Alles nichts wäre, — daß sie kehrt' und geheilt würde. Wie elend war ich also! Und wie fügtest du es so heilsam, daß ich mein Elend fühlt' an jenem Tage, da ich mich bereitete zum Lobe des Imperators zu sprechen, vieles dabei zu lügen, und den Beifall selbst derer zu erwerben, die es als Lügen erkannten. Derlei Sorgen ath- mete mein Herz, und es brannt' im Fieber verzehrender Gedanken, als ich durch eine Gasse Mailands ging, und einen armen, wie ich glaube, betrunknen Bettler bemerkte, der lustig und freudig war. Und ich seufzt', und sprach mit den Freunden, die bei mir waren, von den vielen Mühseligkeiten unsrer Thorhcit, 132 A> Augustinus Bekenntnisse. indem wir mit allen solchen unsern Entwürfen, denen ich jetzt nachging, unter dem Stachel der Begierden schleppend die Last meiner immer sich mehrenden Un- glückseligkeit, nichts anderes wollten, als zum sichern Wohlsein gelangen, worin uns, die wir vielleicht nie dazu gelangten, dieser Bettler schon zuvorgekommen wäre. Denn was jener mit wenigen und erbettelten Pfenningen erreicht hatte, darnach strebt' ich auf so mühseligen Krümmungen, nach dem Wohlsein nem- lich zeitlicher Glückseligkeit. Denn wahre Freude hatt' er nicht: ich aber suchte mit meiner Ehrsucht eine weit falschere. Und gewiß war jener lustig, ich angstlich; sicher er, ich zitternd. Und früge mich jemand, ob ich lieber froh sein oder fürchten möchte? Dann antwortet' ich: froh sein. Und wiederum, srüg' er, ob ich lieber ein solcher sein möchte, wie Jener, oder ein solcher, wie Ich damals war? So wählt' ich mich selbst, umdrängt von Sorg' und Angst. Aus Verkehrtheit, nicht Wahrheit! Denn deßhalb dürft' ich nicht mich ihm vorziehn, weil ich gelehrter war, indem mir das keine Freude schaffte: sondern gefallen wollt' ich nur damit den Menschen; nicht dadurch sie belehren, nur gefallen. Deßhalb auch zerschlugst du mit dem Stabe der Zucht meine Gebeine. Drum hinweg von meiner Seele, die da sagen: ein Unterschied ist, weßhalb man sich freue: Jener Bettler freute sich des Weintrinkens; du wünschtest der Ehre dich zu freuen! Welcher Ehre, Herr? Der, so nicht in dir ist. Denn wie jenes nicht wahre Freud' ist, so war dies nicht wahre Ehre, und verkehrte nur Sechstes Buch. 133 mehr meinen Geist. Jener verdaute seinen Rausch wieder dieselbe Nacht: ich aber war mit dem meinen schlafen gegangen, und wieder mit ihm aufgestanden, und ging noch so schlafen, und stand noch so auf, siehe wie viele Tage noch! Ein Unterschied aber ist, weßhalb man sich freue: das weiß ich, und die Freude glaubiger Hoffnung ist unvergleichbar anders, als jene Eitelkeit: aber auch damals war Unterschied zwischen uns. Jener nemlich war glücklicher, nicht nur weil Freudigkeit ihn durchdrang, wahrend Sorgen mich zerfleischten; sondern auch weil er Wein sich erworben hatte durch seine guten Wünsche, ich aber des Stolzes Befriedigung durch Lügen suchte. — Vieles dieser Art sprach ich zu meinen Freunden, und merkte oft darauf, wie mir dabei war', und ich fand, mir war' übel, und das schmerzte mich, und ich verdoppelte so das Übel. Und lächelte mir ein glücklicher Zufall, so verdroß es mich, ihn zu ergreifen, weil er fast verschwand eh' ich ihn festhielt. Oft klagten wir Freunde zusammen über dies, und vorzüglich redete ich davon vertraut mit Alypius und Nebridius, deren erster mein Landsmann war, entsprossen von den Vornehmsten unsrer Stadt, und jünger als ich, denn er hatte meine Vorlesungen gehört, sowohl, da ich in jener meiner Geburtsstadt, als d'a ich zu Karthago lehrte. Und er liebte mich sehr, weil ich ihm gut und gelehrt schien, und ich ihn, wegen seiner großen Anlage zur Tugend, die schon bei seinem nicht großen Alter hervorleuchtete. Der Wirbel aber der Sitten zu Karthogo, wo man auf Gaukel- 134 A. Augustinus Bekenntnisse. spiele so erpicht ist, Hütt' ihn in die Thorheit der Cir- cusspiele gerissen. Und da dieß ihn elend herumtrieb, ich aber dort die Redekunst in öffentlicher Schule lehrte, hört' er mich noch nicht, wegen einer zwischen mir und seinem Vater entstandenen Feindschaft. Und ich erfuhr, daß er den Circus so zu seinem Verderben liebte; und heftig schmerzt' es mich, daß ich einen solchen hoffnungsvollen Jüngling verlieren sollte, oder wohl gar verloren hatte. Doch ihn zu ermahnen, oder auf irgend eine Art mit Strenge zurechtzuweisen, war keine Gelegenheit, weder dem Rechte des Lehrers, noch dem Wohlwollen der Freundschaft: Denn ich glaubt', er dachte von mir, wie sein Vater: aber so war er nicht. Er begann, ohne auf seines Vaters Willen zu achten, mich zu grüßen, kam in meine Schule, hört' etwas, und ging wieder weg. Nun aber wars meinem Gedachtnisse entfallen, mit ihm zu reden, auf daß er so vortreffliche Anlagen nicht verderben ließ' in eitler Spiele blinder schandlicher Lust. Doch Du, Herr, der du über alles waltest, was du erschufst, vergaßest desjenigen nicht, der unter deinen Kindern ein Vorsteher deiner Geheimnisse (Bischof) werden sollt'; und damit seine Besserung als Dein Werk erkannt würde, bewirktest du sie zwar durch mich, aber ohne daß ichs wußte. Denn eines Tages, als ich an gewöhnlicher Stelle saß, und gegenwartig meine Schüler waren, kam er, grüßte, saß, und achtet' auf das, was abgehandelt ward. Und zufallig fand sich in der Vorlesung, die ich eben in Händen hatte, schicklicher Anlaß, ein Gleichniß von den Circus- Sechstes Buch. 135 spielen zu nehmen, damit das, was ich vortrug, angenehmer zugleich und deutlicher würde, wobei ich mit beißendem Spotte sprach von Jenen, die diese Thor- heit verstrickt hatte. Du weißt, unser Gott, daß ich damals nicht daran dachte, Alypius von dieser Ber- derbniß zu heilen. Dieser aber bezog es auf sich, und glaubt', ich hatte jenes nur um seinetwillen gesagt. Und was ein andrer aufnahm', um mir zu zürnen, das nahm der edle Jüngling auf, um wider sich zu zürnen, und mich desto inniger zu lieben. Denn du hattest vormals schon gesagt, und in deine Schriften gesetzt: Strafe den Weisen, und er wird dich lieben. Ich aber hatt' ihn jetzt nicht gestraft. Du aber bedienst dich aller, der Wissenden und Unwissenden, nach deiner Ordnung, und diese Ordnung ist gerecht. Aus meinem Herzen und meiner Zunge machtest du glühende Kohlen, womit du den hinschwindenden Geist des hoffnungsvollen Jünglings branntest und heiltest. Der verschweige dein Lob, der deine Erbarmungen nicht erkennt: Ich bekenne sie aus dem Innersten meines Herzens. Denn Jener riß sich hervor nach jenen Worten aus so tiefer Grube, die ihn nach seinem Willen verschlang und in elender Lust blendete; und mit Kraft reinigt' er seinen Sinn, und aller Unflath der Circus- spiele siel ab von ihm, und er kam dort nicht wieder. Drauf bracht' er den widerstrebenden Bater dahin, daß ich sein Lehrer würde. Jener gab nach, und gab es zu. Und er begann von Neuem, mich zu hören, und ward mit mir in Irrglauben verwickelt, liebend an den Manichäern den öffentlichen Schein der Enthaltsamkeit, 136 A. Augustinus Bekenntnisse. die er für wahr und aufrichtig hielt: aber sie war trügend und verführerisch, bestrickend köstliche Seelen, die der Tugend erhabne Gründung nicht zu durchschauen wissen, und leicht durch die Außenseite getauscht werden, durch die Außenseite nachgeahmter erheuchelter Tugend. Auch verließ er den irdischen Weg nicht, den die Eltern ihm vorgepriesen hatten, und ging nach Ron, voraus, um das Recht zu erlernen; und hier riß ihn unbegreifliche Lust an Fechterspielen auf sonderbare Art dahin. Denn ihn, welcher vor derlei Ekel empfand und Abscheu, führten einige seiner Freund' und Mitschüler, denen er als sie vom Mittagsmahle kamen, begegnete, mit freundschaftlicher Gewalt, so sehr er sich sträubte, ins Amphitheater am Tag eines solchen grausamen mörderischen Spiels. Er sprach: Wann ihr meinen Leib nach jener Stelle schleppt, und ihn dort hinstellt, könnt ihr alsdann auch meinen Geist und meine Augen auf das Schauspiel wenden? Abwesend werd' ich da sein, und so euch und dem Schauspiele trotzen. — Jene hörtcn's, und führten ihn nichtsdestoweniger mit sich fort, auch vielleicht schon darauf neugierig, ob er seinen Vorsatz ausführen könnte. Als sie ankamen, mietheten sie Platze, so gut si'e's permochtcn; und rings glühete Alles in blutdürstiger Lust. Jener aber schloß die Pforten seiner Augen, und verbot seinem Geiste, Theil zu nehmen an solchem Bösen. Doch ach! hatt' er auch die Ohren verstopft! Denn als einer der Kampfer stürzt', und unendliches Geschrei des Volks erscholl, überwand der Vorwitz ihn, und Sechstes Buch. 137 gleichsam bereit, was er auch sähe zu verachten, und ihm zu trotzen, öffnet' er die Augen: und eine größre Wund' empfing er in seiner Seel', als Jener, den er zu sehen wünscht', in seinem Leib, und elender stürzt' er dahin, als Jener, bei dessen Falle das Geschrei entstand, was in seine Ohren drang, und seine Augen aufschloß, damit geschlagen würd' und niedergeworfen sein Geist, mehr verwegen als stark, und desto schwacher, je mehr er Sich zutraute, was nur Du verleihen konntest. , Denn sobald er das Blut sah, trank er Grausamkeit ein, und er wandte sich nicht hinweg, sondern heftete den Blick hin;, sog Mordlieb', und wüßt' es nicht; und ergötzte sich am Laster des Wettkampfs, und berauschte sich in blutiger Wollust. Und er war nicht mehr, der gekommen, sondern der Menge Einer, zu der er gekommen war, wirklich denen gleich, die ihn herführten. Kurz: er sah, schrie, entbrannte, trug mit sich hinweg die Thorheit, die ihn reizte, wieder Hinzugehn, nicht allein mit Jenen die zuerst ihn hinzogen, sondern auch eher als sie, und wieder andre mit hinziehend. Und dennoch errettetest du ihn davon mit starker erbarmender Hand, und lehrtest ihn, nicht sich, sondern Dir vertrauen: doch erst lang hernach. Diese Geschichte ward niedergelegt in seinem Gedächtnis als Arznei für die Zukunft. Denn auch Jenes, daß du ihn, als er mich hörte zu Karthago, und Mittags im Forum übersann, was er herzusagen hatte, wie sich Schüler zu üben pflegen, von den Hütern des Forum als Dieb ergreifen ließest, hast du, unser Gott, wie ich glaub', aus keiner andern Ursache zuge- 133 A. Augustinus Bekenntnisse. lassen, als daß er, ein so großer Mann in der Zukunft, schon zu lernen begänne, wie nicht leicht der Mensch den Menschen verdammen müßte mit verwegner Leichtgläubigkeit. Er wandelte ncmlich vor dem Tribunal einsam mit Tafel und Griffel, und sieh! ein Jüngling aus der Schüler Zahl, der wirkliche Dieb, heimlich versehn mit einer Art, trat, ohne daß jener es sah, zu den Bleigittern, die an der Wechslerstatte sich befinden, und begann das Blei abzuhauen. Die Wechsler innerhalb hörten den Schall der Axt, wurden aufmerksam, und sandten hin, zu ergreifen, wen man irgends fände. Er aber hörte kolnmen, ließ sein Werkzeug zurück, und ging davon, fürchtend ertappt zu werden. Alypius aber, der ihn nicht hinein, — doch jetzt her- ausgehn, und schnell hinwegeilen sah, wünschte die Ursache zu wissen, ging hinein, und stand und betrachtete voll Verwunderung das gefundene Beil, und siehe! Jene die ausgesandt waren, fanden ihn allein mit dem Eisen in der Hand, von dessen Schalle gereizt sie herkamen. Sie ergriffen, zogen ihn fort, und die versammelten Marktbewohner wünschten ihnen Glück zur Ertappung des offenbaren Diebes; und drauf ward er hinwcggeführt, dem Richter vorgestellt zu werden. Doch dicß war Lehre genug für ihn. Denn schnell kamst du der Unschuld zu Hülfe, deren einziger Zeuge Du warst. Denn da er zur Haft oder Strafe geführt ward, kam ihnen ein Baumeister entgegen, der vorzüglich Aufsicht hatt' über die öffentlichen Arbeiten. Jene freuten sich besonders, ihm begegnet zu sein, indem er auf sie wegen der vom Markte gestohlenen Sechstes Buch. 139 Sachen Verdacht hatte, damit er doch endlich sähe, von wem solches geschähe. Nun aber hatte der Mann oft den Alypius im Haus eines Senators gesehn, den er manchmal besuchte. Er faßte den Schnellerkannten bei der Hand, und führt' ihn aus der Menge; und, fragend nach der Ursache dieses schlimmen Handels, erfuhr er, was vorgefallen war, und hieß dann alles das tobende und dräuende Volk mit ihm gehn. Und sie kamen zu dem Hause jenes Jünglings, der den Diebstahl begangen hatte. Ein Knab' aber stand vor der Thüre, der noch so' klein war, daß er ohne Furcht vor seinem Herrn alles leicht entdecken konnte, indem er ncmlich auf dem Markt hinter ihm gegangen war. Dessen sich erinnernd sagt' es Alypius dem Baumeister. Doch dieser zeigte die Axt dem Knaben, fragend, wessen sie wäre? Unser! sprach der Knab' ohne Zaudern. Auf weitere Fragen erzählt' er das Übrige. So siel nun auf dieses Haus die That, und beschämt ward das Volk, das bereits über ihn triumphirt hatt', und Er, der künftige Ausspender deines Worts, und Entscheider so manches Streits in deiner Kirche, ging erfahrner und belehrter hinweg. Diesen also hatt' ich zu Rom gefunden, und er hing mir an mit festem Bund, und reisete mit mir nach Mailand, sowohl um mich nicht zu verlassen, als auch um die erlernte Redekunde, mehr nach seiner Eltern Wunsch als seinem eignen, auszuüben. Dort zu Rom handelt' er als Beisitzer mit bewunderter Enthaltsamkeit, während er desto mehr jene bewunderte, die das Gold der Unschuld vorzogen. Auch ward 140 A. Augustinus Bekenntnisse. seine Sündhaftigkeit versucht, nicht nur durch den Reiz der Begier, sondern auch durch den Stachel der Furcht. Beisitzer war er nemlich des Aufsehers der italischen Kasse. Nun war daselbst ein machtiger Senator, dem Viele durch Wohlthaten verpflichtet und durch Schrecken unterworfen waren. Er wollte sich ich weiß nicht was seiner Macht halben erlauben, was den Gesetzen gemäß unerlaubt war. Alypius widerstand: Belohnung ward versprochen, er verlachte sie; Drohungen wurden angewandt, er verachtete sie; und alle bewunderten den ungemeinen Geist, der einen so wichtigen Mann, weit und breit berühmt durch unzahlbare Arten zu nutzen und zu schaden, sich nicht zum Freunde wünscht', und als Feind nicht fürchtete. Selbst der Richrer, dessen Rath er war, wollte zwar auch nicht einwilligen, widerstand aber dennoch nicht öffentlich, sondern versicherte, alle Schuld schiebend auf Alypius, daß dieser es nicht zugeben wollt', und gab' er selbst es zu, so würde der seine Stelle niederlegen. — Nur das Einzige hatt' ihn bald verführt, daß er aus Liebe zu den Wissenschaften mit großen Kosten sich Bücher anzuschaffen pflegte. Doch beim Blick' auf die Gerechtigkeit faßt' er bessern Entschluß, und nützlicher schien ihm die Befolgung der Billigkeit, die es verbot, als der Macht, die es erlaubte. Das ist wenig. Aber der in Wenigem getreu ist, ist auch im Großen getreu. Und auf keine Weis' ist eitel, was aus dem Munde deiner Wahrheit hervorging: Wenn ihr in ungerechtem Gute nicht treu wart, wer wird euch das wahrhafte anvertauen? Und wenn ihr in Sechstes Buch. 141 Fremdem nicht treu wart, wer wird euch geben, was euer ist? — Ein solcher war damals jener mein Freund, und er schwankte mit mir in Berathung, welche Lebensweise zu ergreifen wäre. Auch Nebridius, welcher, seine Geburtsgegend nah bei Karthago verlassend, und selbst Karthago wo er so oft war, und das treffliche vaterliche Gefilde verlassend, sein Haus verlassend und die zurückbleibende Mutter, bloß deßhalb nach Mailand gekommen war, um mit mir eifrig zu forschen nach Wahrheit und Weisheit: auch Er seufzte eben so, und schwankte hin und her eben so, ein glückseliges Leben feurig suchend, und streng grübelnd in dunkeln Fragen. Und wir waren drei Dürftige, klagend einander ihre Noch, und erwartend von dir, daß du ihnen Speise gäbest zu seiner Zeit. Und in aller der Bitterkeit, die unfern Welthandlungen deine Barmherzigkeit folgen hieß, schauten wir auf den Zweck, weßhalb wir sie ertrügen: und Finsterniß fanden wir, und seufzend ekelt' uns ihrer, und wir sprachen: wie lange dies? Und oft sprachen wir so, und verließen es dennoch nicht, weil nichts sicheres uns erschien, was wir erfassen möchten, wenn wir jenes verließen. Und mit Verwunderung und Gram überdacht' ichs, welche lange Zeit es wäre vom neunzehnten Jahre meines Alters her, wo mich Liebe zur Weisheit zu befeuern begann, und ich den Vorsatz faßte, so bald ich sie gefunden hatte, alle die leere Aussicht und täuschende Thorheit eitler Begier zu verlassen: und sieh! ich war im dreißigsten Jahr, und steckte noch im nem- lichen Kothe, voll Verlangen, zu genießen des Ge- WUh ' AM' --'Ml'!:- - NssM WU ^ MW ---DW ZM -----i-MA AAW- WsA ZW MM?- - "WA 142 A. Augustinus Bekenntnisse. genwattigen, das mich floh und zerstreute, wahrend ich sprach: Morgen werd' ichs finden! sieh, es wird deutlich werden, und ich werd' es festhalten! Und siehe, Faustus wird kommen und alles erklaren! — O ihr großen Akademiker! Nichts Sichers laßt sich bestimmen für unsre Lebensweise! Aber laßt uns fleißiger suchen und nicht verzweifeln! Siehe, jetzt ist das nicht ungereimt in den geistlichen Büchern, was ungereimt uns schien, und man kann sie anders und in vernünftigem Sinne verstehn. Ich will meine Füße den Weg wandeln lassen, worauf mich Knaben meine Eltern hinsetzten, bis ich die Wahrheit finde. Aber wo sie suchen? Wann sie suchen! Ambrosius hat keine Zeit; zum Lesen haben Wir keine Zeit. Selbst die Bücher, wo sie suchen? woher und wann sie anschaffen? von welchen sie nehmen? Wir wollen die Zeit eintbeilen, Stunden bestimmen fürs Heil der Seele! Große Hoffnung ist entstanden: das nicht lehrt der katholische Glaube, was wir wähnten, und dem wir Eitlen schmähten. Für Unrecht halten es seine Eingeweihten, Gott beschränkt zu glauben in des menschlichen Leibes Gestalt. Und wir zaudern anzuklopfen, daß auch das Übrige eröffnet werde? Die vormittägigen Stunden nehmen die Schüler hinweg. Was thun wir in den übrigen? Warum betreiben wir dann nicht jenes? Aber wann besuchen wir die wichtigen Freunde, deren Unterstützung uns nöthig ist? Wann bereiten wir uns zu Jenem, was die Schüler kaufen? Wann ruhen wir selbst aus, von den Sorgen den Geist abspannend? — Alles vergehe! lassen wir Sechstes Buch. 143 dies Eitle und Leere! Wenden wir uns einzig auf der Wahrheit Erforschung! Dies Leben ist elend, der Tod ungewiß. Wenn er uns plötzlich beschleicht, wie wandern wir von hier? Wo lernen wir, was wir hier versäumten? Oder erwartet uns nicht vielmehr Strafe für die Versaumung? Wie, wenn der Tod selbst alle Sorg' und alles Gefühl hinwegnahm' und endigte? Also auch Danach ist zu forschen! Aber ferne seis, daß es also sei. Es ist nicht umsonst, es ist nicht eitel, daß in solcher Herrlichkeit das Ansehn des christlichen Glaubens ausgebreitet ist durch die ganze Welt. Wie geschähe so vieles und so großes von oben her für uns, wenn durch den Tod des Leibes auch das'Leben der Seele verlösche? Was weilen wir also, der Welt Hoffnungen aufzugeben, und uns ganz dahin zu wenden, Gott zu suchen und ein glückseliges Leben? — Doch warte! Auch anmuthvoll sind jene Dinge, und sie haben eigne nicht geringe Süße. Nicht leicht entzieht sich ihnen der Geist, weil es schändlich ist, zu ihnen wiederzukehren. Siehe! wie ist es schon so viel, irgend eine Ebrenstelle zu erreichen? Und was verlangt man mehr? Und genug haben wir der wichtigen Freund', um nichts anderes als dies, und es mit Eile zu betreiben. Vielleicht erhalt man einen Prasidat, und man nimmt ein Weib mit einigem Geld, auf das unsre Ausgaben uns nicht beschweren: und das ist unsrcr Wünsche Ziel. Viele große Männer, nachahmungswürdige, hatten Weiber, und beflissen sich doch des Studiums der Weisheit. — 144 A. Augustinus Bekenntnisse. Als ich so sprach, trieben wechselnde Winde mein Herz her und hin, und die Zeiten vergingen, und ich zauderte, mich zum Herrn zu bekehren, und verschob von Tage zu Tage, zu leben in Dir, und verschob nicht, taglich in mir selbst zu sterben. Glückseliges Leben liebend, scheut' ich, es aufzusuchen in seinem Sitz, und hinwegfliehend sucht' ich es. Denn gar zu elend glaubt' ich mich, müßt' ich des Weibes Umarmung entbehren; und der Arznei deiner Barmherzigkeil, ,mn diese Schwache zu heilen, gedacht' ich nicht, weil ich sie nicht aus Erfahrung kannte, und wähnte, die Enthaltsamkeit war' ein Werk eigner Kraft, deren ich mir nicht bewußt war, indem ich so thöricht war, daß ich nicht wußte, wies geschrieben steht, keiner könnt' enthaltsam sein als wenn du es verliehest. Und du verliehest es ja, wenn das Seufzen meines Innersten deinen Ohren erklang', und ich in festem Glauben auf dich alle meine Sorge wendete. Sehr ernst rieth Alypius mich ab von der Ehe, weil wir alsdann, wie er zur Ursach angab, auf keine Weise zusammen ungestört der Weisheitsliebe leben könnten, wie wir es schon lange wünschten. Denn er war schon damals äußerst keusch, zum bewundern. Beim Eintritt in die Jünglingsjahre hatt' er der Liebe genossen; aber er klebte nicht an ihr, bereut' und verachtete sie. Und seitdem lebt' er höchst enthaltsam. Ich aber berief mich dagegen auf die Beispiele derer, die auch verehlicht Weisheit gepflogen, und Gott gefällig gelebt hätten, und treu und liebevoll gegen Freunde gewesen wären. Aber von der Geistesgröße solcher Sechstes Buch. war ich weit entfernt, und voll Lust an der Krankheit des Fleisches schleppt' ich in tödtendem Wohlbehagen meine Kette, fürchtend entlastet zu werden; und, als wenn mich der Wunde Berührung schmerzte, wies ich die Worte des guten Raths ab, wie die Hand des Entlastenden. Überdieß redete auch die Schlange selbst durch mich zum Alypius, und streut' ihm auf seinen Weg süße Schlingen durch meine Zung', um seine ehrbaren freien Füße zu verwickeln. Denn wahrend er sich wunderte, wie ich, auf den er nicht wenig hielt, so sehr am Leime der Wollust klebte, daß ich behauptete, so oft darüber Rede war unter uns, auf keine Weis' ein eheloses Leben führen zu können, und mich so verteidigte, wann ich ihn erstaunt sah, daß ich sagte, ganz etwas anderes wäre jenes, was er vorbeieilend und verstohlen genossen, dessen er sich jetzt kaum mehr erinnerte, und was er nun leicht ohne Mühe verachten konnte: und ein anderes die Freuden einer gewohnten Liebe, wofür ich, wenn der ehrende Namen der Ehe noch hinzukäme, stets Achtung haben würde, und darüber müßt' er nicht erstaunen; — begann er selbst nach der Ehe zu verlangen, nicht besiegt vom Reize der Wollust, sondern des Borwitzes. Denn er wünschte zu wissen, sprach er, was jenes wär', ohne das mir mein Leben, welches ihm so gefiel, nicht Leben sondern Strafe schien. Er, dessen Geist frei war von jenen Fesseln, staunte meiner Sklaverei, und unter dem Staunen überkam ihm die Lust, es zu versuchen, und er stand am Rande des Versuches selbst, um vielleicht 7 146 A. Augustinus Bekenntnisse. alsdann in die selbige Sklaverei zu fallen, deren er staunte, weil er einen Bund eingehn wollte mit dem Tode. Und wer die Gefahr liebt, fällt in dieselbe. Denn uns beide reizte nur schwach, was in Leitung des Hauswesens und in Erzeugung und Erziehung der Kinder lobenswürdiges ist. Aber vorzüglich und ohne Maaß plagte mich Gefesselten die gewohnte Befriedigung unzubefriedigender Fleischesbegier, ihn aber zog Verwunderung hin zu den Fesseln. So waren wir, bis Du, .Höchster uns Erde nicht verlassend, der Elenden dich erbarmtest, und auf wunderbare und verborgne Weisen zu Hülfe kamst. Und unablässig ward an meiner Vcrehlichung gearbeitet. Schon hielt ich um ein Weib an; sckon ward es mir versprochen, worunter vorzüglich meine Mutter sich Mühe gab, daß ich, auch verehlicht, abgewaschen würde durch heilbringende Taufe, der sie voll Freude mich taglich nahern sah/erkennend, wie ihre Wünsch' und deine Verheißungen in meinem Glauben erfüllt wurden. Aber obschon sie sowohl auf mein Bitten, als eignem Verlangen gemäß, mit lautem Rufe des Herzens zu dir flehte, daß du ihr in einem Gesicht einiges von meiner künftigen Ehe zeigtest, nie erhörtest du sie. Sie sah einige eitle Gebilde, die ihr menschlicher Geist sich schuf, der dieser Dinge voll war. Und sie erzählte mir das, nicht mit dem Zutrauen, wie sie es pflegte, wann du ihr etwas zeigtest, sondern mit Verachtung. Denn sie unterschied' es, sprach sie, an ich weiß nicht welcher Eigenheit des Gefühls, die sie nicht durch Wort' auszudrücken ver- Sechstes Buch. 147 mochte, was Du ihr enthülltest, und was ihre Seele träumte. Dennoch betrieb mans, und um ein Madchen ward angehalten, die fast noch zwei Jahre bis zu ihrer Mannbarkeit hatte; und weil sie gefiel, ward gewartet. Und ich und viele Freunde rathschlagten zusammen, und beschlossen fast, verabscheuend das tobende Gewirr des Menschenlebens, entfernt von der Meng' in Ruhe zu leben, und in dieser Ruhe das, was wir hatten, zusammenzulegen, und alle nur Eine Familie auszumachen, so daß in der Freundschaft Gleichheit nicht Dieses Diesem und Jenes Jenem gehörte, sondern daß aus Allem Eins würd', und das Ganze dem Einzelnen, und Alles Allen angehörte. Und es schien' uns, daß wir etwa zehn in derselben Gesellschaft sein könnten. Auch sehr reiche waren unter uns, vorzüglich Nomanianus, der mit uns aus der nemlichen Stadt, und von Jugend auf mein vertrautester Freund war, und den der Betrieb seiner wichtigen Angelegenheiten an den Kaiserhof gezogen hatte. Dieser drang sehr auf die Ausführung unsers Vorsatzes; und um so größer war sein Gewicht, da sein betrachtliches Vermögen das der übrigen weit übertraf. Und wir wurden einig, daß zwecn jahrlich als unsre Obern für alles Nöthige sorgen, und die Übrigen in Muße leben sollten. Ader als es uns einfiel, ob die Weiblein wohl damit friedig sein würden, die einige von uns schon hatten, und auch wir noch haben wollten, zersprang uns in der Hand der ganze Vorsatz, den wir so trefflich aussannen: er war zerstückt und ward hinwegge- 7* W sg A. Augustinus Bekenntnisse. orfen. Darauf wieder Seufzen und Klagen, und Nsre Schritte wieder auf breitem vielbewandertem Pfade der Welt: denn vielerlei Gedanken waren in unsren Herzen, dein Rath aber bleibt in Ewigkeit. Und gemäß deinem Rathe verlachtest du das Unsre, und bewirktest das Deine, Speis uns gebend zu gelegner Zeit, und deine Hand öffnend, und unsre Seelen füllend mit Segen. Jndeß wurden meine Sünden vervielfacht, und da ich, als ein Ehchinderniß, meine Beischläferin, woran ich so sehr hing, von meiner Seit' entfernte, ward mein Herz zerrissen und blutete. Und sie kehrte nach Afrika, dir gelobend, keinen andern Mann zu erkennen, und ließ mir einen natürlichen Sohn zurück, den sie mir geboren hatte. Ich Unglücklicher aber, nicht einmal dieses Weibes Nachahmer, ertrug, da ich erst nach zweien Iahren meine Braut erhalten sollte, den Aufschub nicht, weil ich nicht ein Liebhaber der Ehe, sondern ein Sklav der Wollust war, und warb eine andre, die mir freilich wieder nicht Gattin war, um so zu unterhalten und zu verlängern, entweder wie vorher, oder gar zu vergrößern die Krankheit meiner Seel' in ununterbrochner Gewohnheit bis zum Reiche des Ehestandes. Auch heilte jene Wunde nicht, die die Entfernung der erstem geschlagen hatte, sondern nach der Entzündung, und nach schneidendem Schmerzen ward sie faul, und war nur weniger peinlich, aber desto verzweifelter. Dir Lob, dir Preis, Born der Erbarmungen! Ich ward elend, und du kgmst naher! Schon war »l Sechstes Buch. 140 deine Rechte da, mich aus dem Kothe zu reißen und abzuwaschen, und ich wüßt' es nicht. Auch hielt nichts mich zurück von tieferem Sturz in die Wollust des Fleisches, als des Todes und deines künstigen Gerichts Furcht, die zwar nach mancherlei Meinungen sich wandelte, aber nie aus meinem Busen wich. Und ich redete mit meinen Freunden Alypius und Nebridius von dem Wesen des Guten und des Bösen, und erklarte, mein Geist würde dem Epikurus die Palme gereicht haben, rvenn ich nicht geglaubt hatte, daß nach dem Tode das Leben der Seele fortdauerte, und eine Vergeltung des Verdienten wäre, was Epikurus nicht glauben wollte. Und ich fragte: Wenn wir unsterblich waren, und in ewiger Leibeswollust, ohne Furcht sie je zu verlieren, lebten, warum wir denn nicht glückselig waren, und was anders wir denn noch begehrten? Und ich wußte nicht, daß eben dies meines Elends Größe ausmachte, daß ich nicht zu denken vermochte das Licht der Tugend, und der um ihrer selbst willen zu liebenden Schöne, die nicht das Auge des Fleisches sieht, sondern nur das Innerste schallet. Und ich Elender bedachte nicht, aus welcher Ader es mir flösse, daß ich über dieses wirklich so schandliche, so friedlich redete mit meinen Freunden. Und ohne diese Freunde könnt' ich ja nicht glücklich leben ungeachtet meines zu jeder fleischlichen Wollust gestimmten Sinnes; und diese Freunde liebt' ich ohne Eigennutz, und fand daß sie mich wieder liebten ohne Eigennutz. — O welch ein Irrweg! Weh der verwegnen Seele, die da hofft, etwas Besseres zu erfassen, wann sie von 15V A. Augustinus Bekenntnisse. dir gewichen ist! Gekebrt und wiedergekehrt, rückwärts, seitwärts und vorwärts: Alles ist Beschwerde, Du allein Ruhe. Und siehe! Du bist Du, und befreist von elendem Jrrthum, und sührst uns deinen Weg, und tröstest, und sprichst: Eilt, ich leit' euch; und ich führ' euch, und leit' euch hin! Siebentes Buch. oüerlebt war nun meine böse gottlose Jugend, und ich trat in das Mannesaltcr, je älter je eitler, nicht vermögend ein andres Wesen zu denken, als was man mit diesen Augen zu schauen pflegt. Ich dachte dich, o Gott, nicht unter Menschengestalt: Seit ich der Weisheit Einiges zu hören begann, floh ich das immer; und ich sreute mich dies gefunden zu haben in dem Glauben unsrcr Mutter im Geiste, deiner katholischen Kirche: aber wie ich dich anders denken sollte, fand ich nicht. Und dich zu denken, strebt' Ich, ein Mensch, und ein solcher Mensch, Dich höchsten, einzigen und wahren Gott! Und unverwesbar und unverletzbar und unwandelbar glaubt' ich dich aus meines Herzens Grunde, weil ich offenbar einsah, obwohl ich nicht wußte, wie und woher, und versichert war, daß das Verwesbare schlechter war', als das Unver- wesbare; und was nicht verletzt werden kann, zog ich ohne Anstand dem Verletzbaren vor; und was keinen Wandel leidet, erschien mir besser, als das, was gewandelt werden kann. Heftig schrie mein Herz gegen alle meine leeren Einbildungen, und in solchem Einem Momente wollt' ich dann die umdrängende Schaar der Unreinigkeit 152 A. Augustinus Bekenntnisse. hinwegschaffen von der Sehkraft meines Geistes: doch kaum war sie im Augenblicke verschwunden, siehe, so war sie wieder vereint da, und stürzte sich auf mein Sehen, und umwölkt' es, daß ich, obwohl nicht eines Menschcnkörpers Gestalt, doch etwas Körperliches zu denken genöthigt ward, raumerfüllendes, entweder durch die Welt verbreitet, oder auch außerhalb der Welt ins Unendliche ausgedehnt, und dies zugleich unverwesbar und unverletzbar und unwandelbar, was ich dem Werwesbaren und Verletzbaren und Wandelbaren vorzog. Denn wo ich den Raum hinwegthat, schien mir nichts zu sein. Aber so ganz nichts, nicht einmal Leere, wie dort, wo ein Körper aus dem Räume genommen wird, und gar kein Körper bleibt in dem Räume, kein Erden- noch Wasser- noch Luft- noch Himmelskörper, Leere, wie ein raumliches Nichts. Ich also, verstockt im Herzen, und mir selbst nicht einmal erkennbar, glaubte, was sich nickt ausdehnte durch einigen Raum, oder verbreitete oder vereinte oder vergrößerte, oder was derlei nicht faßt' oder nicht fassen könnte, das alles wäre gar nichts. Denn wie meine Augen über Formen zu gehen pflegen, so ging durch ahnliche Bilder mein Herz, und ich sah nicht, daß dieselbe Kraft, womit ich jene Bilder mir schuf, nicht etwas Körperliches wäre, und daß dennoch jene Kraft sie nicht schaffen konnte, wäre sie nicht etwas Großes. So dacht' ich auch Dich, Leben meines Lebens, ausgedehnt durch unendlichen Raum, verbreitet rings durch die ganze Masse der Welt, und außer ihr durchs Unermeßliche ohne Schranken, so daß du in Siebentes Buch. 153 der Erde warst, im Himmel warst, in Allem warst, und Alles von dir umgranzt würde, Du aber nirgends. Wie aber der Lustkörper das Sonnenlicht nicht hinderte, durch ihn herabstrahlen, ihn durchdringend, nicht ihn zerreißend oder zerstückelnd, sondern ihn ganz erfüllend; so glaubt' ich, nicht nur des Himmels und der Lust und des Meeres, sondern auch der Erde Körper und zwar in allen ihren größten und kleinsten Theilen durchdrängest du, um so deine Allgegenwart zu fassen, die mit verborgner Wirkung innen und außen Alles ordnet und lenkt, was du schufst. So wähnt' ich, weil ich nichts Anderes denken konnte: und es war falsch. Denn auf diese Weise würd' in einem größern Theile der Erd' ein größrer Theil von Dir sich befinden, und in einem kleineren ein kleinerer, und alles war' also von dir erfüllt, daß der Elephanten- körper um so mehr faßte von dir, als der des Sperlings, je größer jener war', und je größern Raum er einnahm' und daß du so stückweis' in den Theilen der Welt, in größern mehr, in geringem weniger gegenwartig warst. Das aber bist du nicht. Aber du hattest meine Finsternissen noch nicht erleuchtet. Genug wars mir, o Herr, gegen, jene Betrognen und Betrüger und Geschwätzig-Stummen, weil nicht aus ihnen dein Wort ertönte; genug war jenes, was schon Nebridius zu Karthago behauptete, und uns Alle, die es hörten, erschütterte: Was wollten dir ich weiß nicht welche Geschöpfe der Finsterniß, die sie dir entgegensetzten, anhaben, wenn du gegen sie streiten wolltest? Denn würde geantwortet,^ sie schadeten dir, ' 7 ^ 154 A. Augustinus Bekenntnisse. so wärest du verletzbar und verwesbar. Sagte man aber sie schadeten dir auf keine Weise, so war keine Ursache zum Streite da, zum Streite, wobei ein Theil, ein Glied von dir, oder ein Ausfluß deiner Substanz zusammenträfe mit entgegenstrebendcn Machten und mit nicht von Dir geschaffnen Wesen, und von ihnen es so ergriffen und verschlimmert würde, daß es aus Glückseligkeit in Elend sich kehrt', und Hülfe bedürfte, die es rettete und lösete, und daß dies (jenes Theil) die Seele wäre, dem dein Wort zu Hülfe käme, das freie der Sklavin, das reine der Befleckten, und das unverletzte der flZerletzten, aber auch selbst verletzbar, weil es mit ihr aus der nemlichen Substanz wäre. Wenn man deßhalb Dich wie dn bist, das ist, deine Substanz als unverletzbar ausgäbe, so wäre das alles falsch und gottlos; wenn aber als verletzbar, so wäre das schon von selbst falsch und verdammungswürdig. — Genug war also jenes gegen Jene, um sie auszuspeien aus dem Herzen, weil kein Ausweg für sie da war ohne schreckliche Gotteslästrung des Geistes und der Zunge, während sie derlei dachten von dir und redeten. Aber noch nicht, (obwohl ich unbeflcckbar und unveränderlich und in deinem Theile wandelbar dich unfern Herrn und Gott nannt' und sestiglich glaubte, Dich, der du nicht allein unsre Seelen schufst, sondern auch unsre Körper, und nicht allein unsre, sondern alle Seelen und Körper:) noch nicht faßt' ich klar und deutlich des Bösen Ursache. Was ich auch innner wäre, so sah ich, -man müßt' also nach ihr forschen, Siebentes Buch. 155 daß ich dadurch nickt genöthigt würde, den unwandelbaren Gott wandelbar zu glauben, auf daß ich nicht selbst würde, was ich suchte. Daher sucht' ich sie, versichert, daß es unwahr wäre, was sene behaupteten, und ich floh sie, weil ich beim Forschen, woher das böse, sie erfüllt fand mit Bosheit, indem sie wähnten, deine Substanz vielmehr litte Böses, als die ihrige Böses thäte. Und ich war aufmerksam, auf daß ich sähe, was ich hörte: der freie Wille wär' Ursach, daß wir Böses thäten, und dein gerechtes Urtheil, daß wir litten: — und hell dies zu sehn vermocht' ich nicht. Strebend also, des Geistes Kraft hervorzuzi'ehn aus der Tiefe, stürzte sie wiederum zurück; und oft strebt' ich, und sie stürzte zurück wiederum und wiederum. Denn mich hob es empor, daß ich so sicher wußte, ich hatte freien Willen, als das Leben. Also wollt' ich etwas, oder wollt' es nicht, so war ich höchst sicher. Ich wärs, der da wollt' und nicht wollt', und nichts anders: und daß dort die Ursach meiner Sünde wäre, merkt' ich nun allmählig: was ich aber wider Willen that, schien ich mir mehr zu leiden, als zu thun, und betrachtet' es nicht als Schuld, sondern als Strafe, die ich als nicht ungerecht über mich verhangt, dich gerecht denkend, sofort eingestand. Wiederum aber sagt' ich: Wer schuf mich? nicht mein Gott, nicht allein ein guter Gott, sondern das Gute selbst? Woher also, daß ich das Böse wollt', und das Gute nicht wollt', auf daß ich mit Recht Strafe litte? Wer legte das in mich, und pflanzte in mich die Keime der Bitterkeit, da mein süßester Gott ganz mich schuf? Ist 156 A. Augustinus Bekenntnisse. der Teufel der Urheber, woher der Teufel selbst? Wenn er auch durch den verkehrten Willen aus gutem Engel Teufel ward, woher dann in ihm selbst der böse Wille, durch den er Teufel ward, wofern der ganze Engel von dem besten Schöpfer gut geschaffen ward? In diesen Gedanken ward ich wiederum niedergedrückt und erstickt; aber ich versank nicht bis in jenen Abgrund des Jrrthums, wo keiner dir bekennen wird, indem man wähnt, Du littest vielmehr das Bös, als daß der Mensch es thate. So strebt' ich nun auch das Übrige zu finden, wie ich es schon gefunden hatte, daß besser das Un- versehrbare war', als das Versehrbare, und deßhalb bekannt' ich, daß Du, was du auch warst, unversehr- bar warst. Denn keine Seele konnte je, oder wird je etwas Keffers denken können, als dich, der du das höchste und beste Gut bist. Weil aber höchst wahr und gewiß das Unversehrbare dem Verschrbaren vorgezogen wird, wie auch ich es schon vorzog; so konnten schon meine Gedanken etwas erreichen, das besser war als drfi mein Gott, wenn du nicht unversehrbar warst. Wo ich daher sah, daß das Unversehrbare dem Versehrbaren vorzuziehen wäre, so mußt' ich dich dort suchen, und von dorther forschen, woher das Böse, das ist, die Versehrbarkeit, wäre, die deine Substanz nie ergreifen kann. Denn durchaus keine Versehrbarkeit ergreift unfern Gott, durch keinen Willen, keine Nothwendigkeit, kein Ungefehr, weil es Gott ist, und was er will, gut ist, und er selbst dasselbe Gut ist. Versehrbarkeit aber ist kein Gut. Auch nicht wider Siebentes Buch. 157 Willen wirst du zu etwas genöthigt, weil dein Wille nicht größer ist als deine Kraft. Größer aber war' er, wenn du selbst größer als du selbst wärst.- denn Will' und Kraft Gottes ist Gott selbst. Und was ist Ungefehr Dir, der du alles weißt? Und keine Natur ist da, als weil du sie kennst. Und was schwatzen wir viel, daß Gott nicht versehrbar wäre, da er, war' ers, nicht Gott wäre? — Und ich suchte, woher das Bös', und übel sucht' ichs, und sah in meinem Suchen selbst das Böse nicht. Und ich stellte hin vor den Blick meines Geistes alle Schöpfung, was wir in ihr sehen können, als Erd' und Meer und Luft und Stern' und sterbliche lebende Geschöpfe; und was wir nicht in ihr sehen können, als die Beste des Himmels, und jenseits alle die Engel und geistige Wesen; aber auch diese, als wären sie Körper, ordnete meine Borstellung nach Räumen: und ich bildete mir Eine große Masse, abgetheilt nach den Körperarten deiner Geschöpfe, seis, daß sie wirkliche Körper waren, oder daß ich sie mir so statt Geistern dachte. Und ich bildete sie recht groß, nicht wie sie war, (was ich nicht wissen konnte) sondern wie es genügte, freilich rings endend; dich aber, o Herr, wie allenthalben sie umgebend und durchdringend, doch rings unendlich. Gleich wie wenn allenthalben ein Meer wär', und rings durch unermeßliche Räume bloß unendliches Meer, und einen Schwamm in sich saßte, einen großen, doch endlichen; wo dann dieser Schwamm in allen seinen Theilen erfüllt wäre von dem unendlichen Meere; so dacht' ich deine endliche Schöpfung 153 - A. Augustinus Bekenntnisse. erfüllt von Dir Unendlichem, und sprach: Siehe, das ist Gott! und siehe, was Gott erschuf! Und gut ist Gott, und weit, höchst weit vortrefflicher als Jenes: Aber ein Guter erschuf er dennoch Gutes, und siehe, wie ers umgibt und erfüllt! Wo also das Bosch und woher, und wie kam eshiehcr? Welch' ist seine Wurzel, und was sein Samen? Ist es vielleicht gar nicht? Warum fürchten wir dann und scheuen, was nicht ist? Und fürchten wir grundlos, so ist offenbar die Furcht selbst Böses, die vergebens das Herz erregt und peinigt, und ein so viel größeres Böses, da das nicht ist, was wir zu fürchten hatten und fürchten. Also Ist ein Böses, was wir fürchten, oder Das ist Böses, daß wir fürchten. Woher ist es also, da Gott dies Alles schuf, ein Guter das Gute? Ein größeres zwar und ein höchstes Gut schuf das geringe Gut: aber Schöpfer und Schöpfung, Alles ist gut. Woher ist das Böse? oder woher schuf er es? War die Materie etwa böse, und bildet' und ordnete er sie, aber ließ etwas in ihr, was nicht in Gutes er wandelte? Und warum dies? hatt' er etwa nicht Macht genug, das Ganze zu kehren und zu wandeln, so daß nichts Böses übrigblieb, da er allmachtig ist? Endlich, warum schuf er etwas aus Ihr/ und wirkte nicht lieber durch dieselbe Allmacht, das sie gar nicht da war? Oder konnte sie dasein gegen seinen Willen? Oder, war sie von Ewigkeit her; warum ließ er sie durch so unendliche Zeiträume so sein, und warum gefiels ihm so lange hernach, etwas daraus zu schaffen? Oder, wann er etwas zu schaffen sich plötzlich entschloß, so hatt' er Siebentes Buch. 159 als allmächtig jene vernichten sollen, auf daß er allein da wäre, ganz das wahre und höchste und unendliche Gut. Oder, wenn es nicht gut war, daß der, welcher gut war, nickt auch etwas Gutes schuf und hervorbrächte, so hätf er nach hinweggeschaffter und vernichteter jener Materie, die böse war, eine gute hingestellt, um Alles draus zu schaffen. Denn allmachtig wär' er nicht, könnt' er nicht etwas Gutes hervorbringen ohne Hülfe jener Materie, die er selbst hervorbrachte. Derlei trieb ich umher in meinem unglücklichen Busen, den Todesfurcht und fruchtloses Suchen nach Wahrheit mit schneidender Sorge belastete; aber fest stand in meinem Herzen der Glauben deines Gesalbten, unsers Herrn und Heilandes, in deiner katholischen Kirche. Und ungestaltet war ich zwar noch in Vielem und wankend außerhalb der Lehre Richtschnur; abcr doch verließ mein Geist sie nicht, sondern trank sie täglich ein mehr und mehr. Der Mathematiker tauschende Deutereien und gottlose Narrentheidungen hatt' ich nun auch von mir geworfen. Auch hierüber bekenn' ich dir aus dem Innersten meiner Seele deine Erbarmungen, mein Gott! Denn Du warst es, Du ganz allein: denn welcher Andre ruft uns zurück von dem Tod alles Jrrthums, als Du, das Leben, das nie stirbt, und die Weisheit, die erleuchtet den dürftigen Geist, und selbst des Lichts nickt bedarf, sie, die die Welt lenkt bis zu der Baume flatternden Blättern? Du auch sandtest Rath meiner Halsstarigkeit, womit ich dem Bindicianus widerstand, dem scharfsichtigen Greis, und dem Nebridius, dem 160 A. Augustinus Bekenntnisse. Jünglinge von trefflicher Sinnesart, wovon erstrer mit Heftigkeit behauptete, dieser aber, obwohl mit einigem Zweifeln, oft mir sagt', es gäbe keine solche Kunst, die Zukunft vorauszusehen; oft aber trafen der Menschen Muthmaßungen mit dem Zufalle zusammen, und Linter dem vielen Sagen würde manches Künftige vor- hcrgesagt, wahrend sie selbst davon nichts wüßten, sondern bloß durch vieles Sprechen es trafen. Du sandtest also einen meiner Freunde, der zwar zuweilen die Mathematiker um Rath fragt', und, obwohl er ihrer Wissenschaft wenig verstand, doch aus Neugier, wie gesagt, sie um Rath fragte, und der dennoch etwas wußte was er von seinem Vater gehört zu haben sagt', aber nicht wußte, wie sehr dies jenen Glauben umstürzte. Als demnach dieser Mann, mit Namen Firminus, liberal erzogen, und von feinem Umgang, mich fragte als seiner Vertrautesten Einen, was mir von gewissen feiner Angelegenheiten, worauf seine zeitliche Hoffnung geheftet war, gemäß seiner Konstellation dünkte; ich aber, allmahlig schon zu Ne- bridius Meinung hierin mich neigend, zwar nicht mich weigerte, zu deuten unb zu sagen, wies mir vorkam, doch bemerkte, daß ich schier überzeugt wäre, daß Alles wäre lacherlich und eitel: da erzahlt' er mir, daß derlei Bücher sein Vater leidenschaftlich geliebt, und einen Freund gehabt hätte, den eben dieselbe Neigung trieb; und daß beide mit vereintem Eifer für jene Possen brannten in dem Feuer ihres Herzens: so daß sie sogar bei den Thieren ihres Hauses den Augenblick der Geburt bemerkten, dabei auf die Stellung der Siebentes Buch. 161 Gestirne achteten, und so Erfahrungen für ihre vorgebliche Kunst sammelten. Er sagte mir also, daß er von seinem Vater gehört hatte, wie zur selbigen Zeit^ als mit ihm Firminus die Mutter schwanger ging, auch eine Magd jenes Freundes sich schwanger befand, was ihrem Herrn nicht verborgen bleiben konnte, der auch sogar seiner Hunde Geburt aufs genaueste zu bemerken sorgte. Und es geschah, daß, wahrend jener der Gattin, dieser der Magd, Tag' und Stunden und die kleinsten Theilchcn der Stunden mit behutsamer Aufmerksamkeit zählten, beide zugleich gebaren, so daß sie die nemliche Konstellation bis zur geringsten Kleinigkeit für beide Kinder annehmen mußten, jener für den eignen, dieser für der Magd Sohn. Denn als die Weiber zu kreißen begannen, zeigten jene Beiden sich einander an, was in ihren Hausern vorging, und stellten Leute hin, um sie einander zuschicken und sogleich die Geburten verkündigen lassen zu können, was sie als Herren ihrer Hauser leicht bewerkstelligten. Und nun waren sich, sprach er, beide Boten in gleicher Weite von beiden Hausern begegnet, so daß keiner eine andre Gestirnstellung oder andre Zeittheilchen bemerken konnte. Und dennoch durchlief Firminus, in höherem Stande geboren, angesehenere Wege der Welt, nahm zu an Reichthum, und ward zu Ehren erhöht: Jener Knecht aber, keineswegs erlöst vom Joche seines Standes, diente Herren, wie Firminus, der ihn kannte, sagte. Ich hörte dies und glaubt' es; (denn glaubwürdig war der Erzähler) und alle meine Widersetzlichkeit 162 A. Augustinus Bekenntnisse. siel aufgelöst zusammen. Ich strebte sofort den Fir- minus von jenem Aberglauben zu heilen, indem ich ihm sagt', ich hatte, um aus seiner Konstellation Wahres zu verkündigen, zugleich dort den vornehmen Stand seiner Eltern sehen müssen, den Adel seines Geschlechts, der Eltern freie Geburt, seine würdige Erziehung, und Unterweisung in den Wissenschaften. Aber wenn mich jener Knecht über diese Konstellation, die mit der seinigen völlig gleich wäre, gefragt hatte, so hatt' ich wiederum, um Wahrheit auszusagen, dort seine so niedrige Geburt, sehen müssen, seinen Knechtsstand und das Übrige von dem Borigen weit verschiedene. Wie geschah' es nun,' daß ich aus derselbigen Konstellation Verschiedenes sagen müßte, wollt' ich Wahres sagen, und daß ich Falsches sagte, sagt' ich dasselbe? Ich schloß daraus mit Gewißheit, daß Jenes, was wahr aus den Konstellationen gesagt würde, nicht durch Kunst gesagt würde, sondern durch Zufall, und was falsch, nicht durch Unkunde, sondern durch des Zufalls Trug. Da mir nun so die Bahn gebrochen war, und ich über das Gehörte nachdachte, wandt' ich, auf daß nicht der Thörrichten Einer, die jenes Gewerbe trieben, und die ich nun zu widerlegen und zu verspotten wünschte, mir den Einwurf macht', als wenn Firmi- nus mir, oder ihm sein Vater Falsches erzahlt hatte, meine Betrachtung auf solche, die Zwillinge geboren und gewöhnlich so schnell nacheinander des Mutterleibes entlöst werden, daß die kleine Zwischenzeit, welchen Einfluß sie auch wirklich haben soll, doch für die Siebentes Buch. 163 menschliche Beobachtung wie nichts ist, und nicht durch Zeichen bestimmt werden kann, die der Sterndeuter einseh', um Wahres zu sagen. Und es wird unwahr sein, weil Jener, der auf dieselben Zeichen schaute, ein Gleiches sagen müßte von Esau und Jakob. Aber nicht das nemliche begegnete beiden. Also würd' er Falsches sagen. Oder wollt' er Wahres sagen, so müßt' er nicht dassclb' aus denselben Zeichen sagen. Nicht also durch Kunst sondern durch Zufall würd' er Wahres sagen. Denn Du, o Herr, gerechtester Lenker des Weltalls! Du wirkst verborgener Weis' ohne Wissen des Nachfragenden und der Befragten, daß der Fragende höre, was er hören soll, nach seiner Seele verborgenem Verdienst, und nach der Tiefe deines gerechten Gerichts! Und der Mensch sage nicht zu dir: Was ist dies? oder: Warum dies? Er sag' es nicht, er sag' es nicht: denn er ist ein Mensch! So hattest Du, meine Hülfe, mich befreit von jenen Banden; und nun forscht' ich, woher das Böse? und ich fand keinen Ausgang. Aber du ließest nicht zu, daß dies Gewoge meiner Gedanken mich dem Glauben entriß, daß du warst, und unwandelbar wäre deine Substanz, und daß dein wäre die Sorge und das Urtheil über die Menschen, und daß du in dem Gesalbten, deinem Sohn, unserm Herrn, und in deinen heiligen Schriften, anempfohlen durch deine katholische Kirche,-uns den Weg zeigtest zu jenem Leben, was nach dem Tode fem wird. Dies einmal unerschütterlich festgesetzt in meinem Geist, fragt' ich lechzend: Woher das Böse? Welche Marter meines 164 A. Augustinus Bekenntnisse. kreißenden Herzens, welche Qual, mein Gott! Und deine Ohren Hertens, und ich wüßt' es nicht! Und wahrend ich stillschweigend angestrengt .forschte, war die lautlose Zerknirschung meines Herzens ein starker Ruf an deine Barmherzigkeit. Du wußtest es, was ich litt, und der Menschen keiner. Denn wie viel davon kam wohl durch meine Zunge zu den Ohren meiner Vertrautesten? Erscholl ihnen meiner Seele ganzer Tumult, dem nicht Zeit und nicht mein Mund gewachsen war? Dennoch kam Alles vor dein Gehör, was ich schrie in der Angst meines Herzens; und vor dir war meine Begierd', und meiner Augen Licht war nicht bei mir. Denn inwendig war es, ich aber auswendig. Auch nicht wars in einem Raum; ich aber schaut' auf solches, was Raum' umfassen, und fand keinen Raum zur Ruhe. Auch nahm mich alles das nicht aus, daß ich sagen konnte: Genug ist es! mir ist wohl! Und es ließ mich nicht zurück dorthin, wo mir wohl genug wäre. Denn ich war erhaben darüber, doch niedriger als du, und du, die wahre Freude mir deinem Untergebnen, unterwarfst mir, was du geringer, als ich bin, erschufst. Und das war das rechte Maaß und die Mittelstraße meines Heils, daß ich bliebe nach deinem Ebenbild, und dir dienend den Leib beherrschte. Aber da ich stolz aufstand wider dich, und halsstarrig gegen den Herrn anlief; wuchs auch jenes Geringste über mich, und es drückte mich, und nirgend war Linderung noch Erholung. Schaarweise kam es und dicht gedrangt vor meinen Blick, und Körpervorstellungen kamen vor meine Gedanken; und diese stellten Siebentes Buch. 165 sich mir entgegen, wollt' ich zurückkehren, als sprachen sie: Wohin Unwürdiger, Unreiner? — Und dies war mir erwachsen aus meiner Wunde, weil du erniedrigtest wie einen Verwundeten den Stolzen. Und in meiner Hoffart sondert' ich mich von dir, und meines Antlitzes Aufgeblasenheit schloß meine Augen. Du aber, Herr, bleibst ewig, und nicht ewig zürnst du uns, weil du dich erbarmtest der Erd' und der Asche, und es dir gefiel, vor deinem Angesichte msr wieder Gestalt zu geben aus meiner Mißgestalt. Und du triebst mich umher in meinem Innern, auf daß ich nicht ruhete, bis du hell erschienest meinem inwendigen Blicke. Und so legte sich meine Aufgeblasenheit durch die verborgne Hand deiner Arznei, und meines Geistes verstörte verdunkelte Sehkraft ward heil von Tage zu Tage durch die scharfe Salbe meiner heilsamen Schmerzen. Und um mir nun zu zeigen, wie du den Stolzen widerstehst, aber Gnade verleihst den Demüthigen, und wie große Barmherzigkeit erwiesen wäre den Menschen auf dem Wege der Demuth, da dein Wort Fleisch ward; sandtest du mir durch Jemand, aufgeblasen von unendlicher Hoffart, einige Schriften von Platonikern, aus der griechischen Sprache übersetzt in die lateinische: und darin fand ich, mit denselben Worten zwar nicht,, doch dasselbe mit vielen und vielfachen Gründen behauptet: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dies war im Anfange bei Gott; Alles ist durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht. 166 A. Augustinus Bekenntnisse. Was gemacht ist in ihm, ist das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen, und das Lichr leuchtet in den Finsternissen, und die Finsternisse haben es nicht begriffen. Und des Menschen Seel', obwohl sie Zeugniß gibt vom Licht, ist dennoch nicht selbst das Licht, sondern das Wort Gottes ist es Gott ist das wahre Licht, was erleuchtet jeglichen Menschen, der da kömmt in diese Welt. Und es war in dieser Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht, und die Welt erkannt' es nicht. — Jenes aber: Er kam in sein Eigenthum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf: denen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, da sie an seinen Namen glaubten: las ich dort nicht. Ferner las ich dort: Gott, das Wort, ist nicht aus dem Fleische, nicht aus dem Blute, nicht aus dem Willen des Mannes, . noch aus dem Willen des Fleisches, sondern aus Gott geboren. — Aber: Das Wort ist Fleisch geworden, und hat in uns gewohnt: las ich' dort nicht. Denn ich fand es in jenen Schriften häufig und auf mancherlei Weise gesagt, daß der Sohn sei in Gestalt des Va- ! tcrs, und daß er es für keinen Raub gehalten habe, ! Gott gleich zu sein, weil er von Natur derselbe sei. — Jenes aber: Er hat sich selbst erniedrigt, Knechtsgestalt annehmend, und ward wie andre Menschen, und im äußern Wesen befunden wie ein Mensch. Er de- > müthigte sich, gehorsam werdend bis in den Tod, bis ! in den Tod aber des Kreuzes. Darum weckt' ihn ! Gott empor von den Todten, und gab ihm einen i Namen, der über alle Namen ist, daß in dem Namen l Siebentes Buch. 167 Jesus sich beugen sollten alle Kniee, die im Himmel, auf der Erd', und unter der Erden sind, und alle Zungen bekennen sollten, daß Jesus der Herr sei in der Glorie Gottes des Vaters: das enthalten diese Schriften nicht. Denn: Daß vor allen Zeiten und über alle Zeiten dein eingeborner Sohn unwandelbar mit dir gleichewig bleib', und die Seelen es von seiner Füll' empfangen, daß sie selig sein, und durch die Theilnahm' an die immer für sich bestehende Weisheit geläutert werden, weise zu sein: das steht dort. — Daß er aber in der Zeit für die Gottlosen starb, und du deines einzigen Sohnes nicht schontest, sondern ihn hingabst für uns Alle: das steht dort nicht. Denn du verbargst dies den Weisen, und offenbartest es den Unmündigen, auf daß die Mühseligen und mit Arbeit Belasteten zu ihm kamen, und er sie erquickte, weil er sanftmüthig ist und demüthig von Herzen. Und er führt die Sanftmüthigen in Gerechtigkeit, und er lehrt die Mildem seine Wege, schauend auf unsre Demuth und unsre Mühseligkeit, und vergebend all' unsre Sünden. Die aber aufgeblasen sind, prunkend wie mit erhabnerer Lehre, Hörens nicht, wann er spricht; Lernt von mir, denn ich bin sanftmüthig und demüthig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen ! — Obwohl sie Gott erkennen, ehren sie ihn nicht als Gott, noch danken ihm, sondern gehen irre in ihren Einbildungen, und verfinstert wird ihr unweises Herz. Sich haltend für weise, sind sie Thoren geworden. Und darum fand ich 'auch dort verwandelt die Herrlichkeit de.ner Unverganglichkeit in Götzcngestalt 163 A. Augustinus Bekenntnisse. und mancherlei Gebilde, in Bildern vergänglicher Menschen, und fliegender und vicrfüßiger und kriechender Thiers: nemlich die ägyptische Speise, wodurch Esau seine Erstgeburt verlor — weil die Erstgebornen ein Thierhaupt ehrten statt deiner, und, im Herzen gewandt nach Ägypten, dein Ebenbild, ihre Seele, beugten vor dem Bild eines heufresscnden Kalbes. Dies fand ich dort, und ich aß nicht davon. Denn es gefiel dir, Herr, hinwegzunchmen von Jakob die Schande des Minderseins, auf daß der Größre diente dem Kleinern, und du riefst die Heiden zu deiner Erbschaft. Und ich kam zu dir aus den Heiden, und schaut' auf das Gold, was deinem Willen gemäß dein Volk aus Ägypten hinwegnahm, weil es dein war, wo es auch immer war. Und du sagtest den Athenern durch deinen Apostel: daß wir in dir leben und weben und sein, wie auch einige von Ihnen dies gesagt haben. — Und wirklich von daher kam das Wahre in jene Schriften! Und ich schaute nicht auf die Götzcngestalten der Ägypter, denen sie von deinem Gold opferten, sie, die die Wahrheit Gottes wandelten zur Lüg', und mehr ehrten und dienten dem Geschöpf als dem Schöpfer. Und so ermahnt, zurückzukehren zu mir selbst, trat ich unter deiner Leitung in mein Innerstes: und ich vermochte das, da du mein Helfer warst. Ich trat hinein, und mit dem Auge meiner Seele, wie schwach es auch war, sah ich über diesem Auge meiner Seele, über meinem Geiste, das unwandelbare Licht des Herrn, nicht jenes gemeine, und jedem Fleische Sicht- Siebentes Buch. 169 bare; auch nicht, als wenn es in derselben Gattung größer wäre, weit und weit Heller leuchtend und alles ausgebreitet bescheinend. Nein, so war es nicht: ein andres Licht wars, sehr verschieden von Allem dem. Auch so war es nicht über meinem Geist, wie Ol über dem Wasser, noch wie der Himmel über der Erde: sondern erhabner, weil es mich schuf, und niedriger war Ich, der dadurch erschaffen ward. Wer die Wahrheit kennt, kennt es, und der es kennt, kennt die Ewigkeit. Die Liebe kennt es. O ewige Wahrheit, und wahre Liebe, und geliebte Ewigkeit! Du bist mein Gott, zu dir seufz' ich Tag und Nacht! Und sobald ich dich erkannte, nahmst du mich auf, auf daß ich sähe, daß da wäre, was ich sah', und daß Ich noch nicht wäre, der da sähe. Und einen Wiederschein gabst du der Schwäche meines Gesichts, und strahltest auf mich mit Heftigkeit, und ich zittert' in Lieb' und Schrecken, und ich fand mich weit entfernt von dir, wie hörend aus ferner Höhe die Stimme: Ich bin eine Speise der Starken; wachs', und du wirst meiner genießen! und du wirst mich nicht in dir wandeln, wie die Speise deines Fleisches, sondern du wirst gewandelt in Mir; — Und ich erkannte, daß du züchtigtest den Menschen wegen der Sünde, und wie ein Spinneweb austrocknen ließest meine Seele. Und ich sprach: Ist die Wahrheit nichts, da sie weder in endlichen noch unendlichen Raum verbreitet ist? Und du riefst aus der Ferne: Ich, ich bin es, der ich bin! Und ich hört' es, wie man im Herzen hört, und nun zweifelt' ich ferner nicht mehr. Eher 8 17t> A. Augustinus Bekenntnisse. Hütt' ick daran gezweifelt, daß ich lebt', als daß eine Wahrheit wäre, die durch die Schöpfung erkannt wird. Und ich schaut' auf die Dinge unter dir und sah, daß sie weder ganzlich waren, noch ganzlich nicht waren: daß sie zwar waren, weil sie von dir, aber nicht waren, w>il sie nicht waren was Du bist. Denn das ist wahrhaft, was unwandelbar bleibt. Mir aber ist nützlich und gut, Gott anzuhangen: denn bleib' ich nicht in Ihm, so kann ich auch nicht in Mir bleiben. Er aber in sich bleibend erneut -alles, und du bist mein Herr, weil du meines Guten nicht bedarfst. Und es leuchtete mir ein, daß es Gutes gäbe, was verderblich, und was, wär' es höchstes Gutes, oder durchaus kein Gutes, nicht verderblich wäre. Denn als höchstes Gutes wär' es unverdcrblich; wärs aber durchaus kein Gutes, so könnte nichts daran verdorben werden. Denn Berderbung schadet, und schadet nur durch Minderung des Guten. Also schadet entweder Verderbung nichts, was nicht sein kann, oder, was demnach unleugbar ist, alles was verdorben wird, verliert Gutes. Verlieren Dinge aber alles Gute, so sind sie durchaus nicht mehr: denn würden sie noch sein, und,könnten nicht weiter verdorben werden, so würden sie besser sein, weil sie fortdauernd unverdcrblich da blieben. Und was ist ungeheurer, als zu sagen: Dinge wären besser geworden durch Verlust alles Guten? Also nach Verlust alles Guten werden sie nicht mehr sein. Also so lange sie sind, sind sie gut. Also Alles was ist, ist gut. Und das Übel, nach dessen Ursprung ich forscht', ist keine Substanz, weil es, wär' Siebentes Buch. 17k es eine Substanz, gut wäre. Denn so wärs entweder eine unverderbliche Substanz, und mithin etwas sehr Gutes, oder eine Verderbliche, woran, wäre sie nicht gut, nichts verdorben werden könnte. So sah ich, und so leuchtete mir es ein, daß alles gut sei, was du erschaffen hast, und daß keine Substanz sei, die du nicht erschaffen hast. Und obwohl du nicht Alles gleich erschufst, dennoch ist alles gut, (weil jedes Einzelne gut ist) und Alles zugleich sehr gut, weil du, unser Gott, alles sehr gut erschaffen Haff. Und bei Dir ist durchaus kein Böses, nicht allein bei Dir, sondern bei aller deiner Schöpfung nicht, weil außer Dir nichts ist, was in die Ordnung, die du festsetztest, eindrang' und sie zerstörte. Weil aber Einiges mit Einigem nicht übereinstimmt, halt mans für böse: und ebendasselbe stimmt mit Anderem überein, und ist gut; und zwar in sich selbst gut. Und alles dies, was unter einander nicht übereinstimmt, stimmt mit dem untern Theile der Schöpfung übercin, den wir Erde nennen, die wiederum mit ihrem Himmel voll von Wolken und Winden übereinstimmt. Und ferne seis von mir, zu sagen, nichts anderes wäre da, als Jenes. Und erblickt' ich dies nur allein, so würd' ich zwar Besseres wünschen, aber Dich auch schon wegen dieses allein loben müssen, weil es dich preiswürdig in der Erschaffung der Erde darstellt. Walisisch' und alle Tiefen, Feuer, Hagel, Schnee, Eis und der Sturm, die deine Befehle vollziehen, Berg' und alle Hügel, fruchtbare Bäum' und alle Cedcrn, wilde Thier' und alles Vieh, Gewürm und Gevögel, 8* ! ^ ff .> . !» si ss. Könige der Erd' und alle Wölker, Fürsten und alle Richter der Erde, Jüngling' und Jungfrauen, Greis' und Kinder müssen dich preisen. Da du aber auch in des Himmels Erschaffung gepriesen wirst; da dich, unsern Gott, preisen in der Höh' alle deine Engel; und alle deine Gewalten, Sonn' und Mond, alles Gestirn und Licht, die Himmel der Himmel, und die Wasser über den Himmeln Deinen Namen preisen: Da verlangt' ich nichts Besseres, das Alles zugleich mir denkend: und ich urtheilte richtig, daß zwar das Höhere besser, als das Niedere, aber Alles zugleich besser, als das Höhere allein wäre. Unweise sind die, denen etwas an deiner Schöpfung mißfallt, wie ich es war, da mir Vieles mißfiel, was du erschaffen hast! Und weil es meine Seele nicht wagte, an dir, mein Gott, Mißfallen zu haben, so wollte sie das nicht Dir zuschreiben, was ihr mißfiel. Und deshalb fel sie in den Glauben an zwo Substanzen, und fand keine Ruh, und redete Falschheit. Und wiederumkehrcnd dachte sie sich Gott verbreitet durch unendliche Räume, und wähnte, Du warst es, und räumte dir so ihr Herz ein, und war wieder ein Tempel ihres Götzen geworden, den .du verfluchst. Aber nachdem du meinen Geist ohne mein Wissen erleuchtetest, und meine Augen verschlössest, auf daß sie nicht auf Eitelkeit sähen; fand ich einige Ruh', und meine Thorheit schlief ein. Und ich erwacht' in dir, und erblickte dich unendlich anders, und der Blick war nicht vom Fleische. Siebentes Buch. 173 Und ich schaut' auf Anderes, und sah, daß Dir es ihr Dasein verdankte, und daß alles in dir begränzt war', aber nicht, wie in einem Räume, sondern weil du Alles umfassest mit deiner Hand, der Wahrheit, und Alles wahr ist, in so fern es ist, und keine Falschheit ist, als wann man zu sein glaubt, was nicht ist. Und ich sah, daß nicht allein Alles seinem Räume, sondern auch seiner Zeit gemäß war', und daß du, der einzige Ewige, nicht nach unendlichen Zeiträumen zu wirken begonnen hättest, weil alle Zeiträume, die vergangnen und künftigvergehenden, nicht vergingen noch kämen, als durch deine Wirkung und Ständigkeit. Und ich empfand und erfuhr, es wäre kein Wunder, daß dem ungesunden Gaumen vor dem Brote ekelte, was dem gesunden süß; und daß kranken Augen das Licht verhaßt, was klaren lieblich wäre. Und deine Gerechtigkeit sogar mißfallt den Bösen, geschweige dann die Vipern und das Gewürm, die du dennoch gut erschufst, und übereinstimmend mit dem niederen Theile deiner Schöpfung; und mit diesem stimmen jene Bösen selbst desto mehr überein, je unähnlicher sie dir sind, und mit dem höhern, je ähnlicher sie dir werden. Und ich forschte, was Bosheit wär', und fand keine Substanz, sondern die Verkehrtheit des von dir, o Gott, der höchsten Substanz, zur niedrigsten hinäb- gewandtcn Willens, der sein Inneres hervorwirft und schwillt von aussen. Und ich wunderte mich, daß ich schon Dich liebte, nicht statt deiner ein leeres Gebilde. Doch nicht mit 174 A. Augustinus Bekenntnisse. Beständigkeit genoß ich meines Gottes: sondern deine Schönheit riß mich zu dir hin, und bald riß wiederum meine Schwere mich von dir hinweg, und ich stürzte mit Seufzen in meine Irren zurück: und diese Schwere war Gewohnheit der Fleischeslust. Aber in mir war dein Gedachtmß; und auf keine Weise zweifelt' ich an dem, wem ich anhangen sollte, nur an mir, der ich anhangen sollte. Denn der Leib, der vergänglich ist, belastet die Seel', und die irdische Hülle drückt den Geist nieder, der mancherlei sinnt. Und ungezweiselt wars mir, daß dein unsichtbares Wesen und deine ewige Kraft und deine' Göttlichkeit erkannt würde durch deine Schöpfung. Denn forschend, woher ich die Schönheit irdischer oder himmlischer Körper aner- kännte, und was das wäre, welches mein Urtheil über Wandelbares sogleich lenkte, so daß ich sagte: Dies muß so sein, Jenes nicht so! Forschend demnach, woher ich urtheilte, wann ich also urtheilte, fand ich der Wahrheit unwandelbare und wahre Ewigkeit über meinem wandelbaren Geist. Und so kam ich stufenweise von den Körpern zu der Seele, die durch den Körper fühlt, und dann zu deren innerer Kraft, der des Körpers Sinn das Äussere mitthcilt, was auch von den Thieren gilt. Dann wieder zu der schließenden Kraft, der das zum Urkhcil vorgelegt wird, was die Sinne mittheilten. Diese, auch sich selbst wandelbar findend in mir, erhob sich zu ihrem Verstand, und wandte hinweg ihr Denken von dem Gewohnten, sich entziehend der Schaar leerer Gebilde, auf daß sie das Licht fände, welches ihr leuchtete, damit sie, während sie Siebentes Buch. 175 ohne den geringsten Zweifel rief: Unwandelbares wäre Wandelbarem vorzuzichn, das Unwandelbare selbst erkannte: erkannte sie dies nicht auf einige Weise, so zöge sie es auf keine Weise dem sicher Wandelbaren vor, noch gelangte zu Dem, wovon der Blick im Moment wieder hinwegzittert. Da aber erkannt' ich dein unsichtbares Wesen durch die Schöpfung; aber zu heften den Blick vermocht' ich nicht. Es schlug meine Schwache zurück, und ich sank wieder ins Gewöhnliche, und behielt nur eine sehnsuchtsvolle Erinnerung, gleichsam wie begehrend des Gerochenen, was ich noch nicht kosten könnte. Und ich suchte Mittel, Kraft zu erlangen, die tauglich wäre, dein zu genießen, und fand sie nicht, bis ich den Mittler erfaßt hätte zwischen Gott und den Menschen, den Menschen Jesus Christus, der da Gott über Alles gepriesen wird in Ewigkeit; der da ruft und spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; ihn, der die Speise, deren zu kosten ich unfähig war, dem Fleische mischt, weil das Wort Fleisch geworden ist, auf daß deine Weisheit, wodurch du Alles schufst, unsrer Kindheit Milch würde. Denn ich faßte nicht meinen Herrn Jesus Christus ein Demüthiger den Demüthigen, noch wußf ich es, was seine Erniedrigung mich lehren sollte. Denn dein Wort, die ewige Wahrheit, erhaben über die höchsten Theile deiner Schöpfung, erhebt zu sich, die sich ihr ergeben; in dem Niedern Theil«aber erbaute sie sich ihre demü- thige Wohnung von unserm Staub, um jene, die sich > ihr ergeben sollen, von sich selbst ab- und ihr zuzu- 176 A. Augustinus Bekenntnisse. wenden, heilend ihre Hoffart, und nährend ihre Liebe, auf daß sie nicht aus Selbstvertrauen weiter gingen, sondern vielmehr erniedrigt würden und sahen vor ihren Füßen die erniedrigte Gottheit, angethan mit dem Kleid unsers Fleisches, und müd' und matt sich niederwürfen vor ihr, diese aber sich erhebend sie aufhübe. Ich aber dachte anders, und betrachtete meinen Herrn Jesus Christus wie einen Mann von großer Weisheit, keinem vergleichbar, vorzüglich, da er, wunderbar aus einer Jungfrau geboren, um ein Beispiel zu geben von Verachtung des Zeitlichen zu des Unsterblichen Erlangung, durch göttliche Sorge für uns ein so großes Lehreranschn verdient zu haben mir schien. Welches Geheimniß es enthielt: das Wort ist Fleisch geworden, vermocht' ich auch nicht einmal zu ahnden. So viel erkannt' ich aus dem, was von ihm geschrieben ist, daß, da Christus aß, trank, schlief, wandelte, sich freute, trauerte, redete, dein Wort jenem Fleische nicht anders vereint war, als mit menschlicher Scel' und mit menschlichem Sinne. Dies erkennt jeder, der deines Worts Unwandelbarkeit kennt, die ist) nun erkannte, so weit ichs vermochte: Zweifel halt' ich durchaus nicht mehr darüber. Denn: jetzt die Glieder des Leibes bewegen nach Willkühr, jetzt nicht bewegen; jetzt eines Reizes Eindruck empfangen, jetzt nicht empfangen; jetzt durch Zeichen weise Reden hervorbringen, jetzt stillschweigen: sind Eigenheiten der Wandelbarkeit der Seel' und des Sinnes. Wenn dies falsch von ihm geschrieben wäre, wär' Alles der Lüge verdächtig, und kein Heil des Glaubens bliebe dem Siebentes Buch. 177 Menschengeschlecht in jenen Schriften. Da nun jenes wahr von ihm geschrieben ist, so erkannt' ich in Christus einen ganzen Menschen, nicht allein einen Mcn- schenkörper, oder mit diesem ein Mcnschengefühl ohne Menschenseele, sondern den ganzen Menschen, und glaubt' ihn, ohn' in ihm die Wahrheit selbst persönlich zu sehen, nur wegen der Vortrcfflichkeit seiner menschlichen Natur und seines größern Antheils von Weisheit vor den Übrigen des Vorzugs würdig. Alypius aber hielt es für die Lehre der Katholiken, daß er ein Gott in Menschenfleisch wäre, so daß neben der Gottheit und dem Fleisch in Christus keine andere Seele war': und er glaubte nicht, daß ein menschlicher Geist ihm beigelegt würde; und weil er sich für überzeugt hielt, daß jenes, was von ihm dem Gedachtniß aufbewahrt ist, ein lebendes und vernünftiges Geschöpf voraussetzte, zauderte er, dem christlichen Glauben sich zu nahern. Als er aber hernach erfuhr, daß dies ein Ketzeiirrthum der Apollinaristen wäre, vereint' er sich freudig mit der katholischen Kirche. Ich aber, ich bekenn' es, erkannt' erst etwas spater, wie in dem, das Wort ist Fleisch geworden, die katholische Wahrheit sich von des Photinus Irrlehr' unterschiede. Denn die Angriffe der Ketzer hellen auf, was deine Kirche glaubt, und was die wahre Lehre in sich saßt. Denn es mußten auch Ketzer sein, auf daß die, so bewährt sind, offenbar würden unter den Schwachen. Als ich aber, durch das Lesen jener Bücher der Matoniker angetrieben, die unkörperliche Wahrheit suchte, erkannt' ich dein Unsichtbares durch das, was 178 A. Augustinus Bekenntnisse. erschaffen ist, und wieder zurückgedrängt sah ich, was ich durch die Finsternisse meiner Seele nicht erblicken konnte. Gewiß war ich, du warst unendlich, dennoch nicht ausgebreitet durch endliche oder unendliche Räume; und du wärst wahrhaft, der du immer derselbe wärst, und in keinem Theil und in keiner Bewegung anders oder anders; alles Übrige aber wär' aus dir aus diesem einzigen unumstößlichen Grunde, daß sie sind: gewiß war ich von diesem, aber dennoch zu schwach um deiner zu genießen. Ich schwatzte schon wie ein Kundiger; und sucht' ick nicht in Christus, unserm Heilande, deinen Weg, so war ich kein Kundiger, sondern ein Verlorner. Denn ich sing jetzt an, weise scheinen zu wollen, da ich meine Strafe noch an mir trug; und ich weinte nicht, und ich schwoll auf vor Wissenschaft. Denn wo war jene Liebe, gebaut auf dem Grunde der Demuth, welcher Jesus Christus ist? Oder wie wollten jene Bücher sie mich lehren? deßwcgcn glaub' ich, wolltest du, daß ich, eh ich deine Schriften las, auf diese Bücher gerieth, damit meinem Gedächtniß eingeprägt würde, welcherlei Wirkung sie in mir hervorbrachten, und damit, als ich zahm geworden war durch deine Bücher, und deine sorgenden Finger meine Wunden geheilt hatten, ich erkännt' und einsähe den Unterschied zwischen Anmaßung und Bekenntniß; zwischen denen, die da sehen, wohin man gehen soll, aber nicht sehen, auf welche Weis', und zwischen dem Wege, welcher führt zum seligen Land, nicht nur um es zu sehn, sondern auch zu bewohnen. Denn wenn ich zu- Siebentes Buch. 179 vor durch deine heiligen Schriften unterwiesen war', und du mir süß geworden wärst durch ihre freundliche Bekanntschaft, und ich erst hernach auf jene Bücher gefallen wäre, so hätten sie mich vielleicht von der Grundveste der Frömmigkeit wieder hinweggerissen; oder wär' ich auch in der mir so heilsam eingeflößten Stimmung beharret, so hätt' ich vielleicht geglaubt, man könnte sie sich erwerben, wenn man auch nur jene Bücher allein läse. Begierigst ergriff ich daher die ehrwürdigen Worte deines Geistes, und vor andern den Apostel Paulus: und es verschwand alles, worin er mir vormals sich zu widersprechen, und der Inhalt seiner Rede mit den Zeugnissen des Gesetzes und der Propheten nicht übereinzustimmen schien. Und es erschien mir überall nur Ein Geist in ihren holven Reden, und mich durchdrang zitternde Freudigkeit. Und ich sah und fand, daß das, was ich dort Wahres gelesen hatte, auch hier, doch als Geschenk deiner Gnade, gesagt würde, damit der, welcher sieht, sich nicht rühme, als wenn er es nicht empfangen habe, nicht allein das, was er sieht, sondern auch das Mittel zu sehn; (denn was hat er, das er nicht empfing?) und damit er nicht allein dich, der du stets derselbe bist, zu sehen ermuntert, sondern auch geheilt und tüchtig gemacht werde, dich zu behalten; und damit der, welcher nicht von weitem sehen kann, doch den Weg wandle, um hinzukommen, und seh' und behalte. Denn gefällt dem Menschen auch herzlich Gottes Gesetz nach dem innern Menschen, was macht er mit dem andern Gesetz in seinen Gliedern, M 180 A. Augustinus Bekenntnisse. das dem Gesetze Gottes widerspricht, und ihn gefangen führt unter dem Gesetze der Sünde, was in seinen Gliedern ist? Denn gerecht bist du, Herr: wir aber sündigten, thaten unrecht, handelten gottlos, und schwer ward deine Hand über uns, und mit Recht wurden wir dem alten Verbrecher übergeben, dem Borsteher des Todes, weil unser Wille sich zur Ähnlichkeit mit dem seinigen verführen ließ, durch den er von der Wahrheit abfiel. Welches Mittel nun für den armen Menschen? Wer errettet ihn aus den Banden dieses Todes, als deine Gnade durch Jesus Christus unfern Herrn, den du dir gleichewig zeugtest, und schufst im Anfange deiner Wege, wo der Fürst dieser Welt nichts des Todes würdig fand, den er erschlug, wodurch er die Handschrift löschte, die wider uns war? — Das enthalten jene Schriften nicht. Sie haben nicht die Züge dieser Gottseligkeit, dieThranen des Bekenntnisses; nicht dein Opfer, einen demüthigen Geist, ein zerknirschtes und zerschlagenes Herz; nicht das Heil des Volks; nicht zur Braut die Stadt Gottes; nicht das Unterpfand des heiligen Geistes; nicht den Kelch unsers Lösegeldes. Keiner singt dort: soll meine Seele nicht Gott unterworfen sein? Denn Er ist ja mein Heil, und Er ist mein Gott und meine Hülfe und mein Hort, und ich werde nicht mehr wanken! Keiner hört dort die Stimme des Rufenden: Kommt zu mir, die ihr mit Arbeit beladen seid! — Und sie verschmähen es, von ihm belehrt zu werden, daß er sanstmüthig sei und demüthig von Herzen. Denn du verbargst es den Siebentes Buch. 181 Weisen und Klugen, und offenbartest es den Unmündigen. Und ein anderes ist, von des Waldgebirges Gipfel das Land des Friedens zu schauen, und den Weg dahin nicht zu finden wissen, und vergeblich durch Unwege dahin streben, wo rings Flüchtling' und Überläufer mit ihrem Anführer, dem Löwen und Drachen, auflauern und nachstellen: und ein anderes, den richtig hinführenden Weg halten, der durch des Himmelskönigs Sorge gesichert ist, und wo jene nicht rauben, die die Himmelsschaaren verließen: denn sie meiden ihn, wie eine Marter. — Dies alles drang mir wunderbar tief ins Herz, da ich die Schriften des geringsten deiner Apostel las: und ich betrachtete deine Werke, und schauderte. Achtes Buch. - ^!)^it Dank, mein Gott, will ich mich deiner Erbarmungen erinnern, und sie dir bekennen. Meine Gebeine sind durchdrungen von Liebe zu dir, und sprechen: Herr, wer ist dir gleich? Du zerrissest meine Fesseln, und ich will dir Lobopfer opfern. Wie du sie zerrissest, will ich erzählen, und alle, die dich anbeten, werden sprechen, wann sie dich hören: Gcbcnedeiet sei der Herr im Himmel und auf der Erde! Groß und wunderbar ist sein Name! Es hafteten in meinem Herzen deine Worte; und rings umgabst du mich. Bon deinem ewigen Leben war ich sicher: obschon ich es nur im Rathscl und wie in einem Spiegel sah, so war mir dennoch aller Zweifel an unvergänglicher Substanz, wovon alle Substanz ausginge, benommen; und nicht sicherer von dir, nur fester in dir wünscht' ich zu sein. Wegen meines zeitlichen Lebens schwankte noch alles, und mein Herz bedurfte gereinigt zu werden vom alten Sauerteig; ihm gefiel der Weg, der der Heiland selbst ist, aber es scheuete noch, durch Engen zu gehen. Und du gabst mir in Sinn, und es dauchte mich gut nach meiner Ansicht, zum Simplicianus zu gehen, der mir einer deiner guten Diener schien, und es Achtes Buch. 183 leuchtete deine Gnad' in ihm. Auch hatt' ich gehört, daß er von Jugend an auf's redlichste Dir gelebt hatte. Nun aber war er alt geworden, und es schien mir, er müßt' in den vielen Jahren, wahrend denen er mit so frommem Fleiße deinem Wege folgte, vieles erfahren, vieles gelernt haben: und wirklich war es so. Ich wünschte daher, ihm mein Anliegen mitzutheilen, und von ihm zu erfahren, was meinem Zustande gemäß das rathlichste war', um auf deinem Wege zu wandeln. Denn voll von Menschen war deine Kirche, aber der eine hielt diesen, der andre jenen Weg. — Mir aber mißfiel meine Lebensweis' auf dieser Welt, und sehr zur Last war sie mir, da nicht mehr eitle Begierden, wie zuvor, Sucht nach Ehr' und Reichthum mich anfeuerten, diese schwere Sclaverei zu ertragen. Denn jene gefielen mir nicht mehr, da ich deine Süßigkeit kannte, und die Schönheit deines Hauses liebte, aber noch immer hing ich an einem Weibe; auch verbot mir ja der Apostel Verehligung nicht, obwohl er zu besserem ermahnt, eifrig wünschend, daß alle Menschen waren, wie er war. Aber ich Schwächerer erwählte weichlicheres Leben, und wegen dieses Einen walzt' ich mich im Übrigen umher, kraftlos und ver- welkelnd in nagender Sorge, weil das Eheleben, dem ich noch so sehr ergeben war, mich auch Dingen mich anzuschicken zwang, die ich nicht ertragen wollte. Aus dem Munde der Wahrheit halt' ich gehört, Verschnittene gab' es, die es durch sich selbst wurden um des Himmelreichs willen. Aber, wird hinzusetzt, der das fassen kann, saß' es. Eitel sind sicher alle Menschen, 184 A. Augustinus Bekenntnisse. worin nicht Kenntniß Gottes ist, und die aus dem, was gut scheint, Ihn nicht finden konnten, der gut ist. Aber ich befand mich in dieser Eitelkeit nun nicht mehr; ich hatte sie überstiegen, und durch das Zeugniß aller deiner Schöpfung hatt' ich Dich gefunden, unfern Schöpfer und dein Wort, was bei dir, o Gott, ist, und mit Dir und mit dem heiligen Geist, Ein Gott ist, und wodurch du alles schufst. Und noch eine andre Art von Gottlosen giebt es, die zwar Gott erkennen, aber ihn nicht als Gott ehren, und ihm also danken. Auch unter diese war ich gefallen, und deine Rechte nahm mich auf; du rissest mich hinweg, und stelltest mich dorthin, wo ich genesen konnte, denn du sprachst zum Menschen: Siehe Gottesfurcht ist Weisheit ! und: verlange nicht, weise zu scheinen, weil die, so weise zu sein behaupten, Thoren geworden sind. Und ich hatte sie nun gefunden, die kostbare Perle, und sollte Alles verkaufen, um sie einzuhandeln: und ich zweifelte noch. Ich ging zu Simplicianus, der dem Bischof Ambrosius durch die Mittheilung deiner Gnade Vater geworden war, und den dieser wahrhaft als einen Vater liebte. Ich erzahlt' ihm die Kreise meines Irrens. Als ich ihm aber sagte,^daß ich einige Bücher der Platoniker, von Viktorinus, ehemals römischem Redner, der, wie ich gehört hatte, Christ gestorben war, in die lateinische Sprache übersetzt, gelesen hatte; wünscht' er mir Glück, daß ich nicht auf andrer Philosophen Schriften gefallen wäre, Schriften voller Trug und Verführung nach dieser Welt Lehre: in diesen Achtes Buch. 185 aber würd auf alle Weise Gott und sein Wort angedeutet. Drauf ermahnt er mich zur Christusdemuth, den Weisen verborgen, aber geoffenbart den Unmündigen, und gedachte des Viktorinus selbst, dem er zu Rom vertrauter Freund war, und erzahlte mir von ihm, was ich nicht verschweigen will. Denn hoch ist deine Gnade zu preisen, wie dieser gelehrte und in allen Wissenschaften so erfahrne Greis, — der so viele Schriften der Philosophen gelesen, be- urtheilt und erklart hatte, ein Lehrer so vieler edlen Senatoren; der sich durch das Vorzügliche seiner trefflichen Lehrweise eine Statüe auf dem Forum zu Rom, was die Bürger der Welt etwas so großes achten, erworben hatte; der bis zu jenem Alter ein Götzenverehrer und Theilnchmer gottesschanderischer Mysterien gewesen war, wofür damals fast der ganze römische Adel eingenommen war, und so auch dem Volke Geschmack einflößte für alle die Götterungebeuer und den Beller Anubis, die einst gegen Neptunus zugleich und Venus und gegen Minerva die Pfeile richteten, und denen, obwohl besiegt, jetzt Rom diente, und die so manche Jahre lang dieser Greis Viktorinus mit vielem Geräusch vertheidigt hatte: — wie dieser sich nicht schämte, ein Kind deines Christus zu werden, und ein Säugling deines Brunnens, hingebend seinen Nacken ins Joch der Demuth, und seine Stirne zähmend zur Schmach des Kreuzes. O Herr, Herr, der du die Himmel niederbeugtest, und du stiegst herunter, die Berg' anrühretcst, und, sie 186 A. Augustinus Bekenntnisse. rauckten, auf welche Weise drangst du in das Herz dieses Mannes? Er las, wie Simplicianus sagt, die h. Schrift, und alle Schriften der Christen durchforscht' er mit angestrengter Aufmerksamkeit; und er sprach zu Simplicianus: (nicht öffentlich, sondern geheim und im Vertrauen) Wisse, daß ich nun ein Christ bin! Und jener antwortete: Ich glaub' es nicht, und rechne dich nicht unter Christen, bis ich dich in einer Christuskirche sehe! Er aber lacht' und sprach: Also machen Wände den Christen? — Und okt sagt' er es, er wäre nun ein Christ, und oft antwortete Simplicianus wie zuerst, und oft lacht' er über die Wände. Denn er fürchtete seine Freunde zu beleidigen, hoffärtig'e Da- monenverehrer, und glaubte, daß von ihrem Gipfel babylonischer Würde, wie von Libanons Zedern, die der Herr noch nicht zerschlug, ihr Hals hart auf ihn stürzen würde. Aber als er durch Lesen und Forschen Festigkeit erhielt, und fürchtete von Christus verläugnet zu werden vor den heiligen Engeln, wenn er fürchtete, ihn vor den Menschen zu bekennen, und eines großen Frevels sich schuldig schien, wenn er errothete über die Geheimnisse der Demuth, deines Worts, und sonst nicht errothete über die gottesschanderiscben Mysterien hoffärtiger Dämonen, denen er, ein hoffärtiger Nachahmer, angehangen hatte; warf er die Eitelkeit von sich und folgte der Wahrheit, und plötzlich und unver- muthet sprach er zu Simplicianus, wie mirs dieser selbst erzählte: Laßt uns zur Kirche gehen, ich will ein Christ werden. Dieser aber faßte sich nicht vor Freud', und Achtes Buch. 187 ging mit ihm. Und kaum war er eingeweiht in die ersten Geheimnisse, als er auch seinen Namen aufzeichnen ließ, damit er wicdcrgebohren würde durch die Taufe, zu Roms Erstaunen und der Kirche Freude. Die Hoffartigen sahn es, und zürnten; mit den Zahnen knirschten sie, und vergingen vor Wuth. Aber der Herr und Gott war die Hoffnung seines Dieners, und er schaute nicht auf Eitelkeit und lügende Unweis- heit. Als es endlich zur Stunde kam des Glaubensbekenntnisses, das in bestimmter Form, deren Worte man auswendig lernt, auf einer erhabneren Stell' im Angesicht der römischen Glaubiger von Jenen abgelegt zu werden pflegt, die zu deiner Gnade gelangen wollen, Mard es dem Biktorinus, sagte Simplicianus, von den Priestern angeboten, es in Geheim abzulegen, wie es solchen, die sich etwa vor Schaam verwirren möchten, anzubieten Sitte war: er aber hatte lieber sein Heil im Angesichte der heiligen Gemeine ablegen wollen. Denn es war ja kein Heil in der Redekunst, und doch hatt' er sie öffentlich gelehrt: wieviel weniger hatt' er sich also zu scheuen, vor deiner sanftmüthigen Heerde dein Wort auszusprechen, da er sich der eignen Worte nicht scheute vor den Schaarcn der Anweisen? — Da er nun hinaufstieg, sein Bekenntniß abzulegen, scholl sein Name mit dem Schalle des Glückwünschens unter Allen umher, die ihn kannten: wer aber kannt' ihn nicht? Und laut tönte rings aus dem Munde der Frohlockenden: Biktorinus! Jauchzend ertönt' es schnell, als man ihn sah, und schnell schwieg man, ihn zu hören. Und er bekannte den wahrhaften Glauben mit 188 A. Augustinus Bekenntnisse. herrlicher Zuversicht, und Alle wollten ihn in ihr Herz reißen, und sie rissen ihn an sich in Lieb' und Freude: rings rissen ihn Hände mit Gewalt an sich. Guter Gott! was liegt im Menschen, daß er sich mehr erfreut über die Rettung einer verlorcngegebenen und nun von der großen Gefahr befreiten Seele, als wenn stets Hoffnung auf ihr ruhete, oder sie nur in geringer Gefahr war? Auch du barmherziger Bater erfreust dich mehr über Einen Büßenden, als über neun und neunzig Gerechte, denen Buße nicht nöthig ist. Und mit großer Wonne hören wirs, wann wir hören, wie auf den Schultern des frohlockenden Hirten das Schaaf zurückgetragen wird, das verirrt war, und wie die Drachme in deinen Schatz zurückgebracht wird, wahrend die Nachbarn sich freuen mit dem Weibe, das sie fand. Und Thronen einpreßt die Feierfreude deines Hauses, wann man von dem jüngem Sohn in deinem Hause liest, wie er gestorben war, und wieder auflebte; wie er verloren war, und wiedergefunden ward. Du nemlich erfreuest dich in uns, und in deinen Engeln, die heilig sind in heiliger Liebe. Denn Du bist immer derselbe, der Du Alles, was nicht immer und auf dieselbe Weis' ist, immer auf dieselbe Weise kennst. Wie also geschiehts in der Seele, daß sie sich mehr ergötzt an Sachen, die sie findet oder wiedererhalt, als wenn sie sie immer gehabt hatte? Denn auch andre Beispiele beweisen dies, und alles ist voll von Zeugnissen, welche rufen: so ist es! Der siegende Imperator triumphirt; er siegte nicht, stritt' er nicht: und Achtes Buch. 189 je größer die Gefahr im Treffen war, desto größer ist die Freude im Triumphe- Sturm überfallt Schiffende, und droht Schiffbruch; all' erblassen vor dem nahenden Tode: ruhig wird Himmel und Meer, und ohne Maaß frohlocken sie, wie sie ohne Maaß fürchteten. Krank ist der Freund, und die Pulse verkünden sein Übel; alle die ihn gesund wünschen, erkranken zugleich in der Seele: es wird besser mit ihm, aber noch nicht geht er umher mit voriger Krast: und schon entsteht eine solche Freud', als keine da war, da er vorher gesund und kraftvoll umherging. Und selbst die Lüste des Lebens erwerben sich gerne die Menschen durch absichtliche und freiwillige Beschwerden, wo auch keine un- vermuthet oder wider Willen da sind. Des Essens und Trinkens Lust ist nichts, wo nicht des Hungerns und Dürstcns Beschwerde vorhergeht. Und Gerntrinker essen gern etwas Salziges, damit ein beschwerlicher Reiz entstehe: Und das ist ihre Lust, diesen durch Trinken zu tilgen. Und es ist hergebracht, daß die schon verlobte Braut nicht sogleich hingegeben werde, damit der Gatte nicht gering die Schnellerhaltne achte, über deren Zaudern er als Verlobter nicht seufzte. So ist es in schandlicher und verabscheuungswürdiger Freude, so in verstatteter und erlaubter; so ist es in der Freundschaft lauterster Aufrichtigkeit; so ist es bei Jenem, der gestorben war, und wieder auflebte, der verloren war, und wiedergefunden ward. Überall geht der größern Freude größere Beschwerde vor. Wie geschieht es, Herr mein Gott, wahrend du ewig dir selbst deine Freude bist, und einige deiner 190 A. Augustinus Bekenntnisse. Geschöpfe sich stets um dich her freuen, wie geschieht es, daß dieser Theil deiner Schöpfung mit Ab- und Zunahme wechselt, mit Entfernung und friedlicher Annäherung? Ist dies der Schöpfung Eigenheit, und hast du es ihr so verliehn, als du von der Höhe des Him- I mels bis zum Untersten der Erde, vom Anbeginne bis ! zum Ende der Zeiten, vom Engel bis zum Gewürms, von der ersten Regung bis zur letzten, alle Gattungen des Guten, alle deine gerechten Werke, jedes an seine Stelle ordnetest, und jedes zu seiner Zeit hinstelltest? O! wie hoch bist du in der Höhe, und wie unergründlich im Unergründlichen! Und nirgend wendest du dich hinweg, und kaum kehren wir zu Dir! Wohlan, Herr! auf! erweck' uns, und ruf uns zurück! Flamm' auf, und werd' uns süß! So lieben wir dich, und eilen wir zu dir. Kehren nicht Viele aus tieferem Schlünde der Blindheit, als der des Vik- torinus war, zu dir, und gelangen hin, und werden erleuchtet, Licht empfahend, und erhalten, wo sie es empfahcn, die Kraft, deine Kinder zu werden? Aber sind sie minder den Völkern bekannt, so ist minder die Freude derer, die sie kannten. Denn erfreut man sich mit Vielen, so ist auch bei den Einzelnen die Freude größer, weil Einer den Andern erwärmt und entflammt. Sind sie ferner Vielen bekannt, so sind sie auch Vielen ein Vorbild zum Heil, und die Vorgänger vieler Folgenden: und dies schafft ihnen viele Freude, sowohl über ihre Nachfolger als über ihre eignen Vorgänger, weil sie sich nicht über Einzelne freuen. Achtes Buch. 191 Fem seis, daß in dein Heiligthum Reiche vor Armen aufgenommen würden, oder vor Unedlen Edle. Denn vielmehr das Schwache vor der Welt erwähltest du, um das Starke zu Schanden zu machen, und das Unedle vor dieser Welt erwähltest du, und das Verachtete, und das, was nicht ist, als wenn es wäre, um das, was ist, zu vernichten. Und dennoch selbst dieser geringste deiner Apostel, durch dessen Mund du diese Worte ertönen ließest, liebt' es, als durch seine Waffen des Prokonsuls Paulus Mermuth bekämpft, und dieser unter das sanfte Joch deines Gesalbten gebracht, und nun des großen Königs Unterthan geworden war, seinen vorigen Namen Saulus mit Paulus zu verwechseln, zum Zeichen eines so wichtigen Siegs. Denn mehr wird der Feind in Dem besiegt, den er mehr hält, und durch den er Mehrere hält. Mehr aber hält er die Stolzen durch des Adels Namen, und durch diese Mehrere des Anschns wegen. — Je williger sich nun vordem leiten ließ des Biktorinus Herz, das wie eine unüberwindliche Beste der Teufel inne hatte, und seine Zunge, womit er wie mit starkem und scharfem Pfeile Biele getödtet hatte; desto schrankenloser mußte die Freude sein deiner Kinder, weil unser König den Starken fesselte, und sie sahen, wie sein Geräthe hinwcggcnommen und gereinigt und bereitet ward zu deiner Ehr', und nützlich ward dem Herrn zu jedem guten Werke! Aber als mir dein Diener Simplicianus dies von Biktorinus erzählte, entbrannt' ich zur Nachahmung: denn zu diesem Zwecke hatt' er es auch erzahlt. Als A. Augustinus Bekenntnisse. er aber auch dies hinzusetzte, daß, da zu den Zeiten des Imperators Iulianus durch ein Gesetz den Christen verboten war, Wissenschaften und Redekunst zu lehren, er diesem Gesetze gefolgt war', und lieber der Schule Geschwätz, als dein Wort, wodurch du die Zungen der Unmündigen sprechen machst, hatte verlassen wollen; da erschien er mir weniger stark als glücklich, weil er Gelegenheit sand, dir ungestört zu dienen. Dahin strebt' auch ich, gefesselt, nicht von fremdem Eisenbande, sondern von meinem eisernen Willen. Mein Wollen hielt der Feind gefangen, und eine Kette hatt' er daraus gemacht, und mich umschlungen: Denn aus verkehrtem Willen entsteht böse Begier; und wahrend man böser Begier dient, entsteht böse Gewohnheit; und widersteht man nicht der Gewohnheit, entsteht Nothwendigkeit. So, wie mit verbundenen Ringen (weshalb ichs eine Kette nannte) hielt mich harte Dicnstbarkeft umschlungen. Der neu in mir entstandene Wille dir mit Lust zu dienen und deiner zu genießen, o Gott, einzige sichere Wonne, war noch nicht stark genug, den ersten durch Alter Starken zu bekämpfen. So waren zwei Willen in mir, ein alter und ein neuer, jener fleischlich, dieser geistig, die mit einander stritten, und durch ihre Uneinigkeit meine Seele zerrissen. So erkannt' ich's aus eigner Erfahrung, was ich gelesen hatte, wie das Fleisch strebte gegen den Geist, und der Geist gegen das Fleisch. In beiden war freilich Ich, aber mehr Ich in dem, was ich in mir guthieß, als in dem, was ich in mir nicht guthieß. Denn hier war nun nicht mehr Achtes Buch. 193 Ich, weil ich dies großcntheils vielmehr unwillig litt, als wollend that. Aber dennoch war durch mich die Gewohnheit wider mich starker geworden, weil ich durch wollen, wohin ich nicht wollte, gekommen war. Und wer widerspräche mit Recht, wann dem Fehlenden gerechte Strafe folgt? Und jetzt galt die einzige Entschuldigung nicht mehr, daß mir die unsichre Erkennung der Wahrheit Ursache zu sein schiene, weshalb ich noch nicht die Welt verachtete, und dir diente; denn jetzt war jene mir sicher. Ich aber, noch gebunden, zögerte dir anzuhangen, und fürchtete so, mich von allen den Hindernissen loszureißen, wie diese Hindernisse selbst zu fürchten sind. So lag der Welt Last sanft, wie auf einem Schlafenden, auf mir, und die Gedanken, womit ich dich dachte, waren gleich dem Streben derer, die gern aufstehen möchten, aber, von des Schlummers Starke niedergedrückt, sich wieder hinlegen. Und so wie keiner ist, der stets schlafen möchte, und nach Jedermanns gesundem Urtheile wachen besser ist; — obwohl es oft der Mensch verschiebt, den Schlaf abzuschütteln, indem große Schläfrigkeit auf den Gliedern ruht, und selbst den Mißbilligenden leicht zurückhält, da doch des Aufstehens Zeit gekommen ist; — also hielt ich es für sicher, besser wärs, deiner Liebe mich zu ergeben, als meinen Lüsten nachzugeben. Aber jenes gefiel und überzeugte: Dies that sanft und band. Denn ich hatte nichts dir zu antworten, wann du sprachst: Wach' auf. Schlafender, und erstehe vom Tod, und Christus wird dich erleuchten! Und 9 194 A. Augustinus Bekenntnisse. wann du allenthalben mir zeigtest, du redetest Wahrheit, hatt' ich durchaus nichts zu antworten, besiegt von der Wahrheit, als trage schlaftrunkene Worte: Sogleich! siehe, sogleich! warte nur ein wenig! Aber das Sogleich und sogleich hatte kein End', und das Warte nur ein wenig, zog sich in die Lange. Vergebens hatt' ich Freud' an deinem Gesetze nach dem inwendigen Menschen, da ein andres Gesetz in meinen Gliedern dem Gesetze meines Geistes widerstrebte, und gefangen mich führte unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern war. Denn das Gesetz der Sünd' ist die Macht der Gewohnheit, die auch den unwilligen Geist leitet und beherrscht zum Lohn, daß er sich freiwillig ihr überließ. Wer sollte mich Armen also erretten aus den Banden dieses Todes, als nur deine Gnade durch Jesus Christus, unfern Herrn? Und wie durch mich aus den Fesseln des Verlangens nach Geschlechtsgenuß, die mich so fest umschlangen, und aus der Dienstbarkeit der weltlichen Geschäfte rettetest, will ich nun erzählen, und deinem Namen bekennen, o Herr, mein Helfer und mein Erlöser! Ich lebte fort unter der gewöhnlichen immer zunehmenden Angst, und täglich seufzt' ich zu dir. Ich besuchte so oft deine Kirche, als es die Geschäfte zuließen, unter deren Last ich rang. Bei mir war Aly- pius, den nach der dritten Sitzung keine Rechtssachen mehr beschäftigten, und wartete, wem er wiederum Rath verkaufen könnte, so wie ich die Kunst zu reden verkaufte, wenn übrigens dies durch Lehre geschehen kann, Nebridius aber war aus Freundschaft für uns Achtes Buch. 195 bei unser Aller vertrautestem Freunde Verekundus, mailandischem Bürger und Grammatiker, Unterlehrer geworden, weil dieser so sehr sich nach ihm sehnt', und nach Freundschaftsrecht aus unsrer Zahl diese treue Hülfe, die ihm so nöthig war, sich erbat. Nicht also Begier nach eignem Nutzen verleitete Nebridius dazu, (denn wohl mehreres könnt' er sein, wann er Wissenschaft lehren wollte) sondern aus Anhänglichkeit wollte der trauliche herzliche Freund unsre Bitte nicht verschmähen. Aber sehr klug handelt' er so, sich hütend, Menschen, die nach der Welt die Höheren sind, bekannt zu werden, und scheuend in ihnen so viele Unruh für seinen Geist, damit er ihn frei halten, und in jeder ihm übrigen Stunde Einiges der Weisheit erforschen könnt', oder lesen oder hören. Eines Tags also, als Nebridius, ich weiß nicht aus welcher Ursache, abwesend war, kam Pontitianus, als Afriker auch unser Mitbürger, der am Hof' in großem Ansehn stand, zu mir und Alypius ins Haus. Ich weiß nicht, was er von uns wollte: wir saßen zum Gespräche nieder, und von ungefähr bemerkt' er auf dem Spieltische, der vor uns stand, ein Buch. Er nahms, öffnete es, und fand den Apostel Paulus, unerwartet wahrlich, denn er glaubt', es wär eine Schrift Jener, wozu ich mich leider bekannte. Nun aber lächelt' er mich an, und glückwünschend wundert' er sich, daß er diese, und nur diese Schriften vor mir gefunden hätte. Denn ein Christ war er, und ein Gläubiger, und oft lag er hingeworfen vor dir, unserm Gott, in heissen und anhal- 9* 196 A. Augustinus Bekenntnisse. tenden Gebeten. Da ich ihm gesagt hatte, diese Schriften waren meine Hauptbeschäftigung, fiel die Red' auf den ägyptischen Mönch Antonius, dessey Name hoch gepriesen bei deinen Dienern, uns aber bis auf diese Stunde unbekannt war. Da er das erfuhr, verweilt' er bei diesem Gespräch, und stellt uns Unwissenden diesen so großen Mann dar, sich wundernd über diese unsre Unwissenheit. Wir aber staunten, als wir deine so glaubwürdigen Wunder hörten, die in so frischem Gedächtniß und fast zu unfern Zeiten in dem rechten Glauben und in der katholischen Kirche geschehn waren. Alle wunderten wir uns, wir, weil jene so groß waren, er, weil wir ihrer noch unkundig waren. Von diesem spann sich die Rede herab zu den Hcerden der Klöster, und zu den Sitten deines süßen Geruchs, und zur einsamen Fruchtbarkeit der Wüste, wovon wir nichts wußten. Und ein Kloster war zu Mailand voll guter Brüder ausserhalb den Mauern der Stadt unter Ambrosius Aufsicht: und wir kannten es nicht. Er fuhr fort, und redete weiter; und aufhorchend schwiegen wir. Da traf si'chs, daß er erzählte, er wär', ich weiß nicht wann, mit dreien Genossen zu Trier, während der Imperator Nachmittags an den circensischen Schauspielen sich ergötzte, lustwandeln gegangen in den an der Mauer liegenden Garten, und da wären sie zufällig zu Zwccn, Einer mit ihm hieher, die beiden Andern dorthin gegangen; diese aber waren in ein Häuschen gerathen, wo einige deiner Diener wohnten, Arme im Geiste, denen das Himmelreich ist, und hatten dort ein Buch gefunden, worin das Leben Achtes Buch. 197 des Antonius beschrieben war. Einer aus ihnen begann es zu lesen, staunt' und entbrannt', und übersann wahrend dem Lesen, der Welt Dienst aufzugeben, und dir zu dienen. Er war aber jener Einer, die man Sachwalter nennt. Dann plötzlich erfüllt von heiliger Lieb' und bescheidener Schaan:, warf er voll Unmuth über sich selbst den Blick auf seinen Freund, und sprach: Sage mir, ich bitte dich, wohin suchen wir doch mit allem unfern Streben zu gelangen? Was wollen wir? Aus welcher Ursache dienen wir bei Hofe? Erstreckt sich dort unsere Hoffnung weiter, als des Imperators Freunde zu werden? Und dann, was ist gebrechlicher und gefahrvoller? Und wie lange wird es noch wahren? Ein Freund Gottes aber, wenn ich will, siehe! werd' ich sogleich! — So sprach er, und ruhelos in Geburtsschmerzen eines neuen Lebens, sah er wieder auf die Blatter: und erlas, und er ward verwandelt in seinem Innern, das du durchschautest, und sein Geist trennte sich von der Welt, wie es bald erschien. Denn wahrend dem Lesen und den Wallungen seines Herzens knirscht' er zuweilen, und verglich, und wählte das Bessere. Und schon dein, sprach er zu seinem Freunde: Jetzt Hab' ich mich losgerissen von unsrer Hoffnung, und Gott zu dienen beschlossen, und das will ich in dieser Stund' auf dieser Stelle beginnen. Gefallts dir nicht, ein Gleiches zu thun, so sei mir auch nicht zuwider! — Jener antwortete: er wollt' ihm Genosse bleiben bei solchem Lohn und in solchem Dienste. Und beide nun Dein, erbauten sie den Thurm, zu 193 A. Augustinus Bekenntnisse. dessen Kosten der Entschluß, alles zu verlassen und dir zu folgen, genügt. Pontitianus, und Jener, der mit ihm im andern Theile des Gartens umherwandclte, suchten sie nun auf, kamen hin, und fanden sie, und ermahnten sie zur Rückkehr, weil schon der Tag sich neigte. Aber sie erzahlten ihren gefaßten Entschluß, und die Weise wie ein solcher Borsatz in ihnen entstanden und begründet war', und baten, sie nicht zu hindern, wenn sie sich nicht mit ihnen vereinigen wollten. Diese aber, keinesweges abgewandt vom vorigen Leben, weinten dennoch über sich, wie er sagte, und empfahlen sich nach einer frommen Glückwünschung ihrem Gebet, und geneigt zur Erd' ihr Herz, gingen sie in den Pallast. Jen' aber, festend ihr Herz an den Himmel, blieben im Häuschen. Und beide hatten Braute, die sobald sie dies vernahmen, auch selber ihre Jungfrauschaft dir weihetem, So erzahlte Pontitianus. Du aber, o Herr, zwangst mich zurück durch seine Worte zu mir selbst, mich hinwegnehmend von meinem Rücken, wo ich mich hingestellt hatte, weil ich mich nicht schauen wollte; und stelltest mich hin vor mein Angesicht, auf daß ich sähe, wie häßlich ich wär' und wie entstellt, und schnulzig, und bemakelt und bculenvoll, und ich sahs, und schauderte; und wie hinwcgflichen vor mir, wüßt' ich nicht. Und strebt' ich, den Blick abzuwenden von mir, so erzählt' er, was er erzählte, und du führtest mich wiederum zurück, und bildetest mich vor meine Augen, daß ich meine Ungerechtigkeit fänd und hassete. Ich Achtes Buch. 199 kannte sie, und verhehlte sie mir; lebte mit ihr, und vergaß sie. Jetzt aber, je mehr ich jene liebte, deren heilsamen Entschluß, sich dir ganz zur Heilung zu übergeben, ich vernahm, desto verabscheuungswür- diger erschien ich mir selbst in Vergleich mit ihnen, weil viele meiner Jahre schon verflossen waren, fast zwölf Jahre, seit ich im neunzehnten Jahre meines Alters durch Ciceros Hortensius zum Studium der Weisheit angefeuert ward, und, es stets verschoben hatte, der Erde Glück zu verachten um jener nachzuforschen, da nicht deren Erlangung, sondern auch nur deren Erforschung selbst den erlangten Schätzen und Reichen der Völker, und den auf den Wink' bereitstehenden Körperwollüsten vorzuziehn war! Aber ich unglücklicher, sehr unglücklicher Jüngling hatte dich selbst im Beginn meiner Jugend um Keuschheit gebeten, und gesprochen: Gieb mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber noch nicht sogleich! — Denn ich fürchtete, du erhörtest mich schnell, und heiltest mich schnell von der Krankheit der Flcischesbegier, die ich lieber befriedigen als tilgen wollte. Und durch böse Wege war ich gegangen in schandlichem Aberglauben, zwar nicht sicher in ihm, aber ihn doch dem Sichern vorziehend, was ich nicht mit Frömmigkeit suchte, sondern feindselig bestritt. Und deshalb hatt' ich es aufgeschoben von Tage zu Tage, der Welt Hoffnung zu verachten, und dir allein zu folgen, weil mir nichts sicheres erschien, wohin ich meinen Lauf richten konnte. Und der Tag war gekommen, wo ich mir entblößt ward, und mein Gewissen strafte mich laut: Wo bist 300 A. Augustinus Bekenntnisse. du, Zunge? Du sagtest ja, nicht wolltest du ablegen gegen unsicheres Wahres die Bürde des Eiteln? Siehe, nun ist es sicher, und sie belastet dich noch, und an freiere Schultern erlangen Flügel Andre, die nicht so sich abmühten durch Forschen, noch zehn Jahr' und langer drüber sannen. So nagt' es mich in meinem Innern, und aufs äusscrste verwirrte mich schreckliche Schaam, als Ponti- tianus Obiges sprach. Nach geendeter Red' aber und berichtigtem Geschäfte, weshalb er herkam, ging er hinweg. Aber ich, wie sprach ich zu mir, wie in mich! Mit welchen Schlagen von Grundsätzen geisselt' ich meine Seele, daß sie folgte dem Strebenden, dir nach- zugehn? Und sie stemmte sich wider, weigerte sich, und entschuldigte sich nicht. Verbraucht und wirkungslos waren alle Gründe, stummer Schauder war zurückgeblieben, und wie den Tod scheuete sie es, entrissen zu werden dem Strome der Gewohnheit, wodurch sie in den Tod hinschmachtete. In diesem heftigen Kampfe meines innern Hauses, den ich so hitzig mit meiner Seele begonnen hatt' in unsrer gemeinschaftlichen Ruhekammer, meinem Herzen, ging ich verwirrt im Angesicht wie im Geiste zu -Alypius, und rief aus: Wie gehts mit uns? Was ist das? Was hast du gehört? Ungclehrte stehen auf, und reisten das Himmelreich an sich: und Wir mit unsrer herzlosen Gelehrtheit — siehe, wie wir uns walzen in Fleisch und Blut! Schämen wir uns, ihnen zu folgen, weil sie vorangingen, und schämen uns nicht, nicht einmal zu folgen? — Ähnliches sprach ich, ich weiß Achtes Buch. es selbst nicht was; und meine Hitze riß mich von ihm hinweg, als er stumm und voll Erstaunen mich ansah. Denn nicht gewöhnliche waren meine Laute, und mehr noch malten meinen Zustand Stirne, Wangen, Augen, Farbe, Ton der Stimme, als die Worte, die ich hervorbrachte. Ein Gartchen war bei unsrcr Wohnung, unserm Gebrauche srei, wie das ganze Haus: denn der Wirth, des Hauses Herr, wohnte nicht dort. Hieher trieb mich der Tumult meines Busens, auf daß keiner den tobenden Streit störte, den ich mit mir selbst begonnen hatte, bis er sich endigte, wie Dir bewußt war, und nicht Mir: sondern sinnlos war ich zu meinem Heil, und starb zu meinem Leben, wissend wie bös' ich war', und unwissend wie gut ich in Kurzem sein würde. Ich ging also hin in den Garten, und Alypius mir auf dem Fuße nach. Denn seine Anwesenheit störte ja meine Einsamkeit nicht; und wie Hütt' er mich auch in solcher Lage verlassen? Wir saßen so weit vom Haus', als wir konnten. Ich knirscht' im Geist, ergrimmt von heftigem Grimme, daß ich nicht in den Bund und Berein ging mit dir, mein Gott, den ein- zugehn, alle meine Gebeine mir zuschrien, ihn bis zum Himmel voll Lobes erhebend. Und nicht geht man in ihn zu Schiff' oder zu Wagen, oder zu Fuße, wie aus dem Hause zu der Stelle, wo wir saßen. Denn nicht allein dahingehn, sondern auch hingelangen war nichts anders, als gehen wollen, aber starkes volles wollen und nicht hieherwanken und sich werfen und 202 A. Augustinus Bekenntnisse. dorthin in verkrüppelten Willen, indem ein aufstehender Theil mit einem hinfallenden streitet. Kurz, ich verrichtete mit meinem Körper selbst in der Fluth der Unentschlossenheit vieles, was oft Menschen wollen, aber nicht vermögen, wenn sie nicht die erforderlichen Glieder haben, oder diese durch Fesseln gebunden, oder geschwächt vor Mattigkeit, oder auf irgend eine Art verhindert sind. Wann ich mir in den Haaren wühlte, wann ich mir die Stirne schlug, wann ich mit verflochtnen Fingern mein Knie umgriff, that ichs, weil ich es wollte. Ich könnt' aber wollen, und nicht thun, wenn die Gelenkigkeit der Glieder nicht gehorchte. So vieles also that ich, wo Wollen und Können nicht Eins war; und nicht that ich, was mir unvergleichbar mehr gefiel, und was ich sofort konnte, wann ich es wollte, weil ich es offenbar wollte, sobald ich es wollte. Denn hier war Vermögen und Will einerlei, und Wollen schon Thun: und doch geschah es nicht. Leichter gehorchte der Körper dem geringsten Willen der Seel', und lenkt' auf ihren Wink die Glieder, als sich selbst die Seel', um ihren heissen Willen durch bloßen Willen zu erfüllen. I. Woher dies Ungeheure, und warum? deine Barmherzigkeit leuchtete mir, und ich will fragen, wenn ja das Dunkel der, menschlichen Strafe mir antworten kann, und der lichtlose Kummer der Kinder Adams: woher dies Ungeheure, und warum? Es befiehlt der Geist dem Körper, und schnell wird ihm gehorcht; es befiehlt der Geist sich selbst, und findet Widerstand. Es befiehlt der Geist, daß die Hand sich bewege; und Achtes Buch. 203 so groß ist die Gelenkigkeit, daß kaum zwischen Verrichtung und Befehl ein Unterschied ist: und der Geist ein Geist, die Hand aber ein Körper, Es befiehlt der Geist, daß der Geist woll': er ist es selbst, und thut es dennoch nicht. Woher dies Ungeheure, und warum? Er befiehlt, sag' ich, daß er woll': er beföhle nicht, wollt' er nicht: und doch geschieht nicht, was er befiehlt. Aber nur halb will er, also nur halb befiehlt er. Denn nur in soweit befiehlt er, in wie weit er will; und in so weit geschieht das nicht, was er befiehlt, in wie weit er es nicht will. Denn der Wille befiehlt, daß er Wille sei, kein andrer, sondern er selbst. Aber nicht ganz befiehlt er; drum ist das nicht, was er befiehlt. Denn war' er ganz, würd' er nicht befehlen, zu sein, weil er schon wäre. Also kein Ungeheures ist es, zum Theil Wollen, zum Theil Nichtwollen, sondern eine Krankheit des Geistes, weil er nicht ganz aufsteht, gehoben von der Wahrheit, von der Gewohnheit niedergedrückt. Und darum sind zwei Willen, weil deren Einer nicht ganz ist, und der Eine hat, was dem Andern mangelt. Es verderben vor deinem Angesicht o Gott, wie Eitelredende verderben, und Verführer des Geistes, jene, die, wahrend sie zwei Willen in unsrcr Selbstbe- rathung bemerkten, auch zwei Naturen zweier Geister behaupten, eine gute, und die andre böse. Sie selbst sind wahrhaft böse, wenn sie für derlei Böses stimmen, und dieselben werden Gute sein, wenn sie für das Wahre stimmen und den Wahren beistimmen. Dein Apostel sag' ihnen: Finsterniß wart ihr vordem: 204 A. Augustinus Bekenntnisse. doch nun seid Licht in dem Herrn! Jen' aber, wahrend sie Licht sein wollen, nicht im Herrn, sondern in sich selbst, glaubend der Seele Natur sei das, was Gott ist, sind dichtere Finsterniß geworden, weil sie weiter von dir wichen in abscheulicher Hoffart, von dir wahrem Lichte, das erleuchtet jeglichen Menschen, der da kömmt in diese Welt. Merkt was ihr sprecht, und erröthet! und geht zu ihm, und ihr werdet erleuchtet werden, und eu'r Angesicht wird nicht errörhen! — Ich, berathschlagend, wie ich dem Herrn, meinem Gott, dienen möchte, wie ich schon lange beschloß, Ich war, der wollte, Ich war, der nicht wollte. Ich war Ich; nicht ganz wollt' ich, nicht ganz wollt' ich nicht. So stritt ich mit mir, und ward uneins mit mir selbst; und dies Uneinswerden geschah zwar wider meinen Willen, bewies aber dennoch nicht die Natur eines zweiten Geistes, sondern meine Strafe. Und also wirkte nicht Ich dies, sondern die Sünde, die in mir wohnte durch die Strafe einer sreiern Sünde, weil ich ein Kind Adams war. Denn wenn so viele entgegengesetzte Naturen sind, als widerstrebende Willen, so sind deren nicht zwei, sondern mehrere. Überlegt jemand, ob er zur Zusammenkunft Jener gehn soll, oder ins Theater, schreien sie: Siehe, zwei Naturen! Eine Gute führt hieher, eine Böse dorthin: denn woher sonst das zaudernde Schwanken der widerstrebenden Willen? — Ich aber nenne sie beide böse, der zu Ihnen führt, und der ins Theater. Aber gut sei der Wille, der zu Ihnen führt, glauben sie. Wie wenn also jemand von Achtes Buch. 205 uns überlegt, und bei zweien mit einander streitenden Willen unschlüssig ist, ob er ins Theater geh, oder mit unsrer Kirche sich vereine, werderr da auch nicht Jene unschlüssig sein, was zu antworten? Denn entweder gesteh» sie, was sie nicht wollen, daß er durch guten Willen mit unsrer Kirche sich vereine, so wie jene mit ihr vereint werden, und in ihr bleiben, die in ihre Geheimnisse eingeweiht sind; oder sie werden glauben, daß zwei böse Naturen, und zwei böse Geister in Einem Menschen gegen einander treffen, und dann bleibts nicht wahr, was sie gewöhnlich behaupten, daß die Eine gut, die Andre böse sei; oder sie werden sich zur Wahrheit bekennen, und nicht laugnen, daß, wann jemand überlegt, seine Eine Seele von verschiedenen Willen erregt werde. Sagen sie also nicht, wenn sie zwei sich widerstrebende Willen in Einem Menschen erkennen, daß zwei entgegengesetzte Geister aus zwei entgegengesetzten Substanzen und aus zwei entgegengesetzten Principien mit einander streiten, ein guter und ein böser. Denn du, wahrhafter Gott, strafest die Lügen, widerlegst und unterweisest sie, so wie bei bösen Willen, — wann Jemand überlegt ob er einen Menschen durch Gift umbring' oder durch Waffen; ob er sich eines fremden Grundstückes, dieses oder jenes, bemächtige, da er nicht beides zugleich vermag; ob er sich Wollust kaufe durch Unzucht, oder sein Geld voll Geiz aufbewahre; ob er in den Circus geh, oder ins Theater, wann in beiden am nämlichen Tage Schauspiele sind, oder, ich setze noch das Dritte hinzu, ob er ein fremdes Haus bestehle, da Gelegenheit ist, oder, ich 206 A. Augustinus Bekenntnisse. setz' auch das Mette hinzu, ob er Ehebruch begehe, da auch hier kein Hinderniß ist: wenn Alles in Einem Zeitpunkt zusammentrift, und gleiche Begier vorhanden ist, nach diesem Allem, das doch nicht zugleich ausgeübt werden kann: (denn diese vier sich widerstrebende Willen, oder auch mehrere, da die Menge der begehrten Dinge so groß ist, zerreißen das Gemüth, und doch erkennen sie nicht eine solche Vielheit verschiedner Substanzen) — so bei guten Willen. Denn ich srage sie, ob es . gut sei, sich zu erfreuen, am Lesen des Apostels, oder ob es gut sei, sich an einem herzlichen Psalm zu erfreuen, oder ob es gut sei, über das Evangelium zu reden? Sie werden auf jedes antworten: gut. Wie, wann alles dies uns gleich an sich zieht, zugleich, und zu Einer Zeit, erregen dann nicht verschiedene Willen des Menschen Herz, indem er überlegt, was er ergreife? Und alle sind gut, und streiten mit einander, bis Eins erwählt wird, worauf sich der Eine Wille ganz wendet, der in mehrere getheilt ward. So auch, wann Freude an der Ewigkeit uns erhebt, und die Lust am zeitlichen Gut uns niederhält, ist es die nemliche Seele, die nicht mit ganzem Willen dies oder jenes will: und darum zerreißt sie schwerer Kummer, indem sie aus Überzeugung Jenes vorzieht, Dies aus Gewohnheit nicht auszieht. So war ich krank und gepeinigt, mich selbst anklagend heftiger als je, und mich walzend und windend in meinem Bande, bis es ganz zerbräche, was mich jetzt nur schwach noch hielt: aber noch hielt es. Und du drängtest mich in meinem Innersten, Herr, Achtes Buch. 207 mit strenger Barmherzigkeit, verdoppelnd die Geisse! der Furcht und der Schaarn, auf daß ich nicht wieder umkehrte, und auf daß zerrissen würde das geringe schwache Band, was übrig geblieben war, und es nicht wieder starker würd' und mich machtiger fesselte. Denn ich sprach in meinem Innern: Siehe, jetzt soll es geschehn! Jetzt soll es geschehn! Und mit diesen Worten schon ging ich in den Bund ein. Schon that ich es schier, und that es nicht. Doch nicht siel ich zurück ins Alte, aber nahe daran stand ich und seufzte. Aber wiederum strebt' ich, und weniger nah war ich daran, und weniger nah, und erreichte schon sogleich das andre, und faßt' es: und nicht mehr war ich dort, und erreicht' es nicht, und faßt es nicht, zaudernd, dem Tod' abzusterben, und dem Leben zu leben; und mehr vermocht' in mir das böse Angewohnte, als das bessere Ungewohnte; und je mehr der Zeitpunkt näherte, wo ich ein Andrer werden sollte, in desto Heftigern Schauder drangt' er mich, aber dennoch drangt' er mich nicht zurück, und.wendete mich hinweg, sondern ließ mich schwanken. Mich hielten Possen der Possen zurück, und Eitelkeiten der Eitelkeiten, meine alten Freundinnen, und zupften an meines Fleisches Kleid, und murmelten: Entlassest du uns? Und von diesem Augenblicke sollen wir nicht bei dir sein bis in Ewigkeit? Und von diesem Augenblicke soll dir dies und jenes nicht erlaubt sein bis in Ewigkeit? — Und was flüsterten sie mir zu in diesem Dies und Jenes, was flüsterten sie! Deine Barmherzigkeit wend' es ab von der Seele dei- hs , 'Ä' ....W/ . . ' ^ '/ - ''ss,- ^K^-' - "s: / - V''' 2l)8 A. Augustinus Bekenntnisse. nes Dieners! Welche Schandthaten flüsterten sie, welche Schmählichkeiten! — Und ich hörte sie schon weit weniger als zur Hälfte, sie, die nun nicht mehr so frei entgegengehend widersprachen, sondern wie hinter Rücken lispelten, und mich Hinwegeilenden vcrstohlner Weis' anstießen, damit ich zurückschauete. Denn noch hielten sie mich auf, indem ich zögerte, mich von ihnen loszureißen, und sie abzuschütteln, und hinübcrzugehn, wohin ich gerufen ward, wahrend die machtige Gewohnheit mir zurief: Glaubst du, ohne sie sein zu können? Aber schon leise rief sie das. Denn es erschien auf jener Seite, wohin ich mein Angesicht wendete, und wo ich durchzugehen zitterte, die keusche Würde der Enthaltsamkeit, heiter und ohne Ausgelassenheit fröhlich, mit sittigem Lächeln mir winkend, daß ich käm' und vertrauet?, und ausbreitend, um mich aufzunehmen und zu umarmen, ihre frommen Hände, die voll waren von Schaaren guter Beispiele. Dort waren so viele Knaben und Mädchen; dort viel' aus den Jugendjahren und aus allerlei Alter, ernste Wittwen und betagte Jungfrauen: und bei Allen war die Enthaltsamkeit keineswegs unfruchtbar, sondern eine fruchtbare Mutter von Kindern, der Freuden, deren Vater Du, Herr! Und sie spottete meiner mit belehrendem Spott, als wenn sie spräche: Du vermagst nicht, was diese vermögen? Vermögen es denn dieser und diese durch sich selbst, oder durch den Herrn, ihren Gott? Der Herr, ihr Gott, hat mich ihnen verliehen. Was stehst du auf dich vertrauend, und stehst nicht? Wirf dich zu ihm, fürchte nicht, er wird sich nicht hinwegziehn W Achtes Buch. 209 und dich fallen lassen! Voll Sicherheit wirf dich zu ihm: aufnehmen wird er dich und heilen! — Und sehr schamroth ward ich, weil ich das Gemurmel jener Possen noch hörte, und zaudernd weilte. Und wiederum sprach jene: Ertaube gegen jene deine unreinen Glieder auf Erden, auf daß sie abgetödtet werden. Sie verheißen dir Freuden, aber nicht wie das Gesetz Gottes deines Herrn! So war der Streit in meinem Herzen, nur meiner selbst gegen mich selbst. Doch Alypius stand hart an meiner Seit', und erwartete meiner ungewöhnlichen Bewegungen Ausgang stillschweigend. Als aber aus tiefem Abgrunde höhere Betrachtung alles mein Elend heraufzog, und sammelte vor den Blick meines Herzens; da entstand heftiger Sturm, begleitet von heftigem Regenguß. Und damit ich ihn ganz ergösse sammt seinem Rauschen, stand ich auf von Alypius: denn Einsamkeit schien mir tauglicher zum Weinensgeschaft. Und ich entfernte mich so weit, daß seine Gegenwart mir nicht beschwerlich sein konnte. — So war ich, und er bemerkt' es: denn ich glaub', ich hatt' ich weiß nicht was gesagt, wobei meine Stimme schon thrancnschwer tönte, und so war ich aufgestanden. Er blieb also, wo wir saßen, höchsterstaunt. Ich nun sank hin unter einem Feigenbaum, ohne daß ichs wüßt', und ließ den Zähren freien Lauf, und stürzten hervor die Ströme meiner Augen, Dir ein angenehmes Opfer; und zwar nicht mit diesen Worten, doch in diesem Sinne sprach ich vieles zu Dir: Und du, Herr, wie lange noch? Wie lange noch. 21lZ A. Augustinus Bekenntnisse. Herr, willst du zürnen? sei nicht eingedenk unsrer vorigen Mifsethaten! — Denn ich suhlt' es, wie sie mich festhielten, und ich ergoß klägliche Stimmen: Wie lange, wie lange morgen und morgen? Warum nicht jetzt? Warum nicht in dieser Stunde das Ende meiner Schande? So sprach ich, und weint' in der bittersten Zerknirschung meines Herzens: und sieh, ich höre vom benachbarten Hause her eine singende und oft wiederholte Stimme eines Knaben oder Madchens: Nimm und lies! — Sofort entfärbt' ich mich, sann mit Anstrengung nach, ob in irgend einem Spiele Kinder derlei zu singen pflegten, und durchaus erinnert' ich mich nicht, es je gehört zu haben. Und ich drängte den Thränenguß zurück, stand auf, und erklärt es einzig dahin, daß mir vom Himmel herab befohlen würde, die Schrift aufzuschlagen, und das erste Kapitel zu lesen, was ich fände. Denn ich hatte gehört, daß Antonius in einer Borlesung des Evangeliums, worin er zufällig gerieth, ergriffen ward, als wenn das Ihm gesagt würde, was man las: Geh hin, verkauf' Alles, was du hast, und gib es den Armen, und einen Schatz wirst du haben im Himmel; und komme, folge mir nach! — und daß er durch diesen Ausspruch sogleich zu dir bekehrt wäre. Eilig deshalb kehrt' ich dorthin zurück, wo Aly- pius saß: denn hier hatt' ich die Schriften des Apostels hingelegt, als ich aufstand. Ich ergriff sie, öffnete sie, und las stillschweigend das Kapitel, worauf zuerst meine Augen fielen: Nicht in Fressen und Sausen! Achtes Buch. 211 Nicht in Kammer und Unzucht! Nicht in Hader und Neid! Sondern zieht an den Herrn Jesus Christus, und laßt des Fleisches Pflege nicht ausarten in Geilheit! — Weiter begehrt' ich nicht zu lesen, und es war auch nicht nöthig. Denn alsobald, am Ende dieser Worte, wie wenn das Licht der Sicherheit in mein Herz ergossen war', entfloh alles Dunkel des Zweifels. Drauf legt' ich den Finger oder irgend ein andres Zeichen hinein, schloß es, und erzahlte nun mit ruhigem Blicke dem Alypius die Sache, Er aber erklarte das, was, mir unbewußt, in ihm vorging, mir so: er begehrte zu sehen, was ich gelesen hatte; ich zeigt' es ihm, und er schaut' auf das, was folgte, und was ich nicht wußte. Es folgte aber: Den Schwachen aber im Glauben nehmet auf! Dies deutete er auf sich, und sagte mir das. Diese Ermahnung gab ihm Kraft, und ohne das geringste unruhige Zaudern trat er meinem guten Entschlüsse bei, der so sehr seinen Sitten angemessen war, an deren Güte er mich schon langst weit übertraf. Nun gingen wir zur Mutter, sagten es: sie freute sich. Wir erzahlten, wie es geschah: sie frohlockt', und triumphirt', und pries dich, der du mehr vermagst, als wir begehren oder verstehn, weil sie sah, daß sie weit mehr von dir -für mich erhalten hatte, als sie in ihrem jammernden und thranenvollen Seufzen zu bitten pflegte. Denn du bekehrtest mich so zu dir, daß ich weder ein Weib begehrte, noch etwas, worauf der Welt Hoffnung ruht, jetzo stehend auf jenem Brette des Glaubens, worauf du mich vor so A. Augustinus Bekenntnisse. vielen Iahren ihr erscheinen ließest. Und du kehrtest ihre Trauer in weit größere Freud' als sie gebeten, in eine weit herrlichere und reinere, als sie von den Enkeln meines Fleisches gehofft hatte. Neuntes Buch. Herr, ich bin dein Knecht, und deiner Magd Sohn. Du zerreißest meine Bande: ich will dir Opfer des Lobes darbringen. Es lobe dich mein Herz und meine Zunge, und alle meine Gebeine sagen: Herr, wer ist dir gleich? Sagen sies, und antworte mir, und sage zu meiner Seele: Dein Heil bin ich! — Wer war ich, und was war ich! Wie böse war ich oder meine Werke, oder, wo nicht Werke, meine Worte, oder, wo nicht Worte, mein Wille! Du aber, Herr, bist gütig und barmherzig, und deine Rechte hatte Mitleiden mit der Tiefe meines Todes, und bis auf den Boden meines Herzens schöpfte sie hinweg die Tiefe der Berderbniß, jene, worin ich Alles nicht wollte, was Du wolltest, und wollte, was du nicht wolltest. Aber wo war in so langer Zeit mein freier Will', und aus welchem hohen und tiefen Abgrunde ward er in Einem Augenblicke hervorgerufen, daß ich den Nacken beugt' unter dein sanftes Joch, und meine Schultern unter deine leichte Bürde, Christus Jesus, mein Helfer und Erlöser? Wie so süß ward es mir plötzlich, der Possen Süßigkeiten zu entbehren; und was zu verlieren mir Furcht eingeflößt hatte, dem zu entsagen war mir nun Freude. Denn du warfst sie von mir, 214 A. Augustinus Bekenntnisse. du wahre und höchste Süßigkeit, warfst sie hinweg, ^ und tratst an ihre Stelle, lieblicher als alle Wollust, aber nicht im Fleisch und Blut; leuchtender als alles Licht, aber heimlicher als alles Heimliche; höher als j alle Ehre, aber nicht denen, die hoch sind in sich Nun war frei mein Geist von allen den beißenden Sorgen, Ehren und Güter zu erlangen, und mich zu ^ walzen und zu betauben im Schlamme der Begierden; und freudig redete ich zu dir, meiner Klarheit und meinem Reichthum und meinem Heile, dem Herrn ! meinem Gotte. Und ich beschloß in deinem Angesichte, nickt mit lärmender Heftigkeit, sondern gemach den Dienst meiner Zunge wegzuziehn vom Markte der Geschwätzigkeit, damit nicht länger die Knaben, die nicht denken auf dein Gesetz, nicht auf deinen Frieden, sondern auf lügenden Unsinn und gerichtlichen Krieg, aus meinem Munde die Waffen kauften für ihre Raserei. Und eben waren nur noch wenige Tage bis zu den Weinleseferien, und diese wollt' ich ausdauern, auf daß ich feierlich Abschied nähm', und, von dir angekauft, nicht feil wieder aufträte. Unser Vorhaben war offen vor dir, aber nicht vor den Menschen, außer den Vertrauten. Und wir hatten verabredet, daß wir es nicht bekannt machen wollten, obwohl du uns, als wir aufstiegen aus dem Thale der Thränen, und sangen den Stufengesang, scharfe Pfeile gegeben hattest, und brennende Kohlen gegen die falsche Zunge, die widerspricht, wann sie zu rathen, und wie Speise verzehrt, wann sie zu lieben scheint. Bepfeilt hattest du unser Herz Neuntes Buch. 215 mit deiner Lieb', und wir trugen deine Worte festgeheftet in unserm Innern; und die Beispiele deiner Diener, die du aus Dunkeln zu Leuchtenden, und aus Tobten zu Lebenden umwandeltest, sammelten sich in den Schoost unsrer Gedanken, und verbrannten und verzehrten alle schwere Erstarrung, daß wir nicht in die Tiefe zurücksielen; und sie befeuerten uns kraftiglich, so daß aller Hauch des Widerspruchs falscher Zungen mir heftiger uns entflammte, nicht löschte. Aber weil deines Namens halber, den du heiligtest rings auf der Erde, freilich auch Lobsprecher unser Vorhaben und Entschluß erregen mußte; so erschien es uns einer Prahlerei gleich zu sein, die so nahe Ferienzeit nicht zu erwarten, und eine öffentliche Lehrerstelle vor den Augen Aller vorher noch aufzugeben, so daß dann, da jeder den Blick wendete auf meine That, wodurch ich dem nahen Tage der Weinlesezeit noch zuvorkommen wollte, viele sagen würden, daß ich auffallend zu sein strebte. Und wozu mir das, daß mein über meine Sinnesart hin und wieder schwatzte, und unser Gutes lästerte? Da überdies in diesem Sommer meine Lunge begann, wegen überhaufter Schularbeit schwach zu werden, und schwer Athem zu holen, und durch Brustschmerzen ihr Uebel anzudeuten, und helleren volleren Laut mir zu versagen; so hatte mich dies zuerst in Verlegenheit gesetzt, weil es mir dadurch fast zur Nothwcndigkeit wurde, die Last des Lehrens niederzulegen, oder, könnt' ich geheilt werden und genesen, wenigstens eine Zeit lang abzulassen. Aber als voller Wille, Dir, o Gott, zu dienen, und dich anzuschauen, in mir entstand, und 216 A. Augustinus Bekenntnisse. Festigkeit gewann, da freut' ich mich, du weißt es mein Gott, daß es hier keiner erdichteten Entschuldigung bedurfte, um jene Menschen zu beruhigen, die mir um ihrer Kinder halben keine Ruhe gönnten. Voll also dieser Freud' ertrug ich jene Zwischenzeit, bis sie ablief. Ich weiß nicht, ob es etwa zwan- I zig Tage waren- aber muthig wurden sie ertragen, da die Unruhe der Begierde von mir gewichen war, die mich bei ernstem Geschäfte zu begleiten pflegte; und untergelegen war' ich, hatte nicht Geduld mir Hülfe geleistet. Gefehlt darin hatt' ich, möckt' Einer deiner Diener, meiner Brüder sagen, daß ich, schon erfüllt das Herz von deinem Dienste, mir es zugab, auch mir noch Eine Stunde zu sitzen auf dem Lehrstuhle der Lügen. Ich widerspreche nicht. Aber du, Herr, Barmherzigster, hast du nicht auch Diese Sünde mit den übrigen schrecklichen und todbringenden Sünden mir in dem heiligen Wasser verziehen und nachgelassen? Ängstlichkeit plagte Verekundus über unser Glück, weil er wegen der Bande, die ihn so fest umschlun- ^ gen, den Verlust 'unsrcr Gesellschaft voraussah, da Er ; noch nicht Christ, obwohl seine Gattinn glaubig war; - und eben diese war eine vorzüglich drückende Fessel, die ihn von der Reise, die wir angetreten waren, zurückhielt. Auch nicht anders wollt' er Christ sein, erklart' er sich, als auf eine Weise, worauf er es einmal nicht konnte. Sehr gütig bot er uns sein Landgut an, so lange wir dort waren. Vergelten wirst du es ihm, o Herr, bei der Auferstehung der Gerechten, da du ihm schon die Hauptschuld nachgelassen hast. Denn Neuntes Buch. 217 in unsrer Abwesenheit, als wir schon zu Rom waren, ergriff ihn körperliche Krankheit, wahrend der er Christ und Glaubiger ward, und aus diesem Leben wanderte. So hast du dich nicht allein seiner, sondern auch unser erbarmt, damit wir nicht, gedenkend seiner sreund- schaftlichen Liebe gegen uns, und doch ihn nicht zahlend unter deine Heerde, gepeinigt würden von unerträglichen Schmerzen. — Dank dir, unser Gott, wir sind dein! Deine Erbarmungen und Tröstungen beweisen es. Ein getreuer Versprecher, wirst du Vere- kundus vergelten für sein Landgut, wo wir von dem Getümmel der Welt ausruhten in dir, in der Lieblichkeit deines ewigblühenden Paradieses, weil du ihm die Sünden noch auf Erden vergabst, auf deinem heiligen Berge, dem Berge der Fruchtbarkeit. Bekümmert war also Jener. Nebridius aber freute sich- Denn obwohl auch Er, noch kein Christ, in die Grube des verderblichen Jrrthums gefallen war, daß er das Fleisch der Wahrheit, deines Sohns, für ein Schattenbild hielt, so halt' er sich doch emporgeschwungen, und war nun anders geworden, und, zwar noch in kein Geheimniß deiner Kirche eingeweiht, ein eifriger Forscher der Wahrheit. Nicht lange nach unsrer Bekehrung und Wiedergeburt durch deine Taufe, ward auch Er katholischer Glaubiger, und diente dir in voll- kommner Keuschheit und Enthaltsamkeit bei den Seinigen in Afrika, und nachdem sein ganzes Haus durch ihn zu Christen geworden war, lösetest du ihn vom Fleisch, und jetzt lebt er im Schoost Abrahams. Was es auch sei, was durch diesen Schoost angedeutet wird: 10 218 A. Augustinus Bekenntnisse. mein Nebridius lebt dort! Mein theurer Freund, dein angenommener Sohn aber eines Freigelassenen, Herr, lebt dort. Denn welcher andre Aufenthalt für eine solche Seele? Dort lebt er, worüber er mich armen Unwissenden oft Vieles fragte. Jetzt nähert sich sein Ohr meinem Munde nicht, sondern sein geistiger Mund deinem Brunnen, und trinkt Weisheit so viel ihm gelüstet, ohne Ende glücklich. Doch nicht so wird er sich darin berauschen, daß er meiner vergesse, da du, Gott, der du ihn trankest, unser eingedenk bist. So lebten wir als Freund', und trösteten den traurigen Verckundus, über diese unsre Bekehrung, und ermahnten ihn zur Treue seines Standes, ncmlich des Elxlebens. Von Nebridius aber erwarteten wir, daß er uns folgte, weil er nicht weit entfernt war. Die Zeit nahte, und sieh, endlich waren jene Tage verflossen: denn lang und viele schienen sie mir aus Begier, in geschaftloser Freiheit zu singen aus ganzer Seelei Mein Herz hat dir gesagt: dein Angesicht Hab' ich gesucht! Dein Angesicht will ich suchen. Und der Tag kam, wo ich in der That cntlöst werden sollte von meiner Stell' als Lehrer der Redekunst, wovon ich in Gedanken schon entlöst war. Und es geschah. Und du befreitest meine Zunge von dem, wovon du schon mein Herz befreiet hattest, und freudig pries ich dich, als ich mit allen den Meinigen auf das Landgut zog. — Was ich dort in den Wissenschaften that, die ich nun zwar zu deinem Dienst anwandte, die aber auch zuweilen noch in den Stolz der Schule fielen, so wie Schnellgclaufene in der Ruhe ^ ss Neuntes Buch. 21g noch keichen, beweisen die Bücher, welche Gespräche mit Anwesenden, oder mit mir selbst in deiner Anwesenheit enthalten; wie ich aber mit dem Abwesenden Ncbridius mich unterhielt, beweisen die Briefe. Und wann würde die Zeit mir genügen, aller der großen Wohlthaten gegen uns in jener Zeit zu erwähnen, besonders, da ich zu anderem Wichtigerem eile? Denn meine Erinnerung ruft mich zurück, und süß wird es mir, Herr, dir zu bekennen, wie du mit innerlichen Stacheln mich zähmtest, und wie du mich ebnetest, abgleichend die Berg' und Hügel meiner Gedanken, unv meine Krümmungen gerade machtest, und sanft meine Rauhigkeiten; und auf welche Weise du auch den Alypius, den Bruder meines Herzens, dem Namen deines Eingebohrnen unterwarfst, unsers Herrn und Heilands Jesus Christus, den er zuerst in unsre Schriften nicht eingeführt wissen wollte. Denn er wollte lieber, sie dufteten nach der Gymnasien Zedern, die der Herr nun zerschmettert hat, als nach den heilsamen Kräutern der Kirche, die wider die Schlangen dienen. Welche Stimmen erhob ich zu dir, mein Gott, als ich die Psalmen Davids las, vertrauenvolle Gesänge, und Laute der Gottesfurcht, verscheuchend aufgeblasenen Geist! Ich! noch unerfahren in deiner achten Liebe, ein Katechumcn auf dem Lande mit dem gcschaftlosen Katechumcn Alypius, wahrend die Mutter um uns war, in weiblichem Kleid, in männlichem Glauben, in des Alters Sicherheit, in mütterlicher Liebe, in christlicher Frömmigkeit! Welche Stimmen 10* !,N>' ^ss?ssss-'Ä ZM Miss M SWMl Mssk^ - Mssw ''' ' 22V 2t. Augustinus Bekenntnisse. erhob ich zu dir in diesen Psalmen, und wie ward ich entflammt zu dir von ihnen, und befeuert, sie auszurufen, wenn ichs könnte, vor der ganzen Welt gegen die Aufgeblasenheit des menschlichen Geschlechts! Und dennoch werden sie gesungen in der ganzen Welt, und keiner ist, der sich vor deinem Lichte birgt. Mit welchem heftigen und bittern Schmerzen zürnt' ich über die Manichaer; und wiederum bemitleidete ich sie, daß sie jene Geheimnisse, jene Arzneien nicht kannten, und wider das Gegengift raseten, wodurch sie gesunden konnten! Ich wünschte, sie waren mir in der Nahe gewesen ohne mein Wissen; ob sie es gehört hatten! und daß sie mir unbewußt, mein Angesicht gesehn hatten, und meine Stimmen vernommen, wann ich in jener Muße den vierten Psalm las, wie dann dieser Psalm auf mich wirkte! Als ich- dich anrief, erhörtest du mich, Gott meiner Gerechtigkeit! Erbarme dich meiner, o Herr, und erhöre mein Gebet! — Sie hatten es sehen sollen ohne mein Wissen; ob sie es gehört hatten! Sie hatten es eingesehn, daß ich nicht um ihretwillen dies sprach, wann ich diese Worte sprach. Denn in der That, ich hatte sie nicht gesprochen, noch so gesprochen, wenn ich gewußt hatte, sie sahen oder hörten mich, noch hatten sie, halt' ich sie gesprochen, es so aufgenommen, als wenn ich allein und nur in Deiner Gegenwart war', und vertraut mein Geist zu Dir hinaufwallte. Ich schauderte zitternd, und dann glüht' ich vor Hoffnung und Frohlocken in deiner Barmherzigkeit, Bater! Und Alles ging es durch meine Augen und Neuntes Buch. 221 meine Stimme, wann, gewandt zu uns, dein guter Geist zu uns spricht: Kinder der Menschen, wie lauge noch verstocktes Herzens? Wie liebt ihr Eitelkeit und sucht Lügen? Denn ich hatte Eitelkeit geliebt, und Lügen gesucht! Und du, Herr, hattest schon deinen Heiligen verherrlicht, ihn erweckend von den Tobten, und hinstellend zu deiner Rechten, daß er von der Höhe herabsende sein Versprechen, den Tröster, den Geist der Wahrheit: und schon hatt' er ihn gesandt, aber ich wüßt' es nicht. Er hat ihn gesandt, weil er schon verherrlicht war, auferstand von den Tobten, und auffuhr gen Himmel. Vorher aber war der Geist noch nicht verlieh», weil Jesus noch nicht verherrlicht war. Und es ruft der Prophet: Wie lange noch verstocktes Herzens? Wie liebt ihr Eitelkeit und sucht Lügen? Wißt, daß der Herr seinen Heiligen verherrlicht habe! Wie lange? ruft er; wißt! ruft er: und ich, so lang unwissend, liebte Eitelkeit und suchte Lügen. Und deßhalb hört' ich und schauderte, da mir diese Worte das vorwarfen, was ich gewesen zu sein mir bewußt war. Denn in den Gebilden, die ich für Wahrheit gehalten hatte, war Eitelkeit und Lüge. Und manchen Ton stieß ich hervor, ernst und stark, in den Schmerzen meiner Erinnerung. Hatten sie es doch gehört, die bis jetzt noch Eitelkeit lieben und Lügen suchen! Vielleicht waren sie schamroth geworden, und hatten jenes ausgespien, und du erhörtest sie wenn sie riefen zu dir; denn eines wahren Todes des Fleisches ist der gestorben, der bei dir uns fürspricht. Ich las: Zürnt und sündiget nicht! Und wie ich bewegt ward, mein Gott, da ich schon gelernt hatte, 222 A. Augustinus Bekenntnisse. mir zu zürnen wegen des Vergangenen, auf daß ich in Zukunft nicht mehr sündigte! und mit Recht zu zürnen, weil keine andre Natur aus dem Geschlechte der Finsterniß in mir sündigte, wie jene sagen, die nicht sich zürnen, und sich Zorn aufHaufen für den Tag des Zorns, und der Offenbarung deines gerechten Gerichts! Auch war mein Gut nun nicht außer mir, und nicht mit fleischlichen Augen sucht' ich es in diesem Sonnenlichte: denn die sich erfreuen wollen von außen, vergehen leicht, und ausgegossen werden sie in Jenes, was sie sehen, und was zeitlich ist, an dessen Bildern ihre hungrige Gedanken lecken. O ermatteten sie vor Hungersnoth, und sprachen: wer zeigt uns das Gute? und wir antworteten, daß sie es hörten: Wir sind bezeichnet mit dem Lichte deines Angesichts, Herr! denn das Licht sind wir nicht, was erleuchtet jeglichen Menschen; sondern wir werden erleuchtet von dir, daß wir, die wir einst Finsterniß waren, Licht sein in dir! — O wenn sie sahen das innerliche ewige Licht, das ich gekostet hatte! Und ich knirschte, daß ich es ihnen nicht zeigen konnte, wann sie, entfernt von dir, das Herz in ihren Augen mir darbrachten, und sprachen: Wer zeigt uns das Gute? Denn hier, wo ich mir gezürnt hatt' innerhalb der Schlafkammer, wo ich zerschlagen war, wo ich geopfert hatte, hinschlachtend meine alte Gewohnheit, und hoffend in begonnener Anschauung meiner Erneuerung, hier begannst du mir süß zu werden, und hattest mir Freude gegeben in meinem Herzen. Und ich schrie auf, wann ich dies von außen las, und innerlich empfand. Und ich Neuntes Buch. 223 wünschte nicht, überhäuft zu werden mit irdischem Gute, die Zeiten verschlingend und verschlungen von den Zeiten, da ich in der ewigen Einfalt anderes Ge- treid hatt' und Wein und Al. Und ich rief im folgenden Werse mit lautem Rufe des Herzens: O so ganz in Frieden will ich einschlafen und des Schlummers genießen! Denn wer widersteht uns, wann gesprochen wird, wie geschrieben steht: Verschlungen ist der Tod vom Siege! und du bist jener Friede ganz, und wirst nicht gewandelt, und in Dir ist Ruh, und Wergessen aller Mühseligkeit. Nicht ein Andrer neben dir, und um vielerlei anderes zu erlangen was nicht ist, was du bist, sondern Du, Herr, allein hast meine Hoffnung fest gegründet. So las ich und entbrannte; und ich fand nicht, was ick beginnen sollte mit den tauben Tobten, rm- ter denen ich eine Pest gewesen war, ein heftiger blinder Beller wider die Schriften, die da honigreich sind an Honig des Himmels, und leuchtend von deinem Lichte; und ich härmte mich ab über die Feinde dieser Schriften. Wie erzähl' ich alles, was in dieser Ferienzeit geschah? Aber ich vergaß nicht und verschweige nicht die Schärfe deiner Geißel, und die wunderbare Schnelle deiner Barmherzigkeit. Mit Zahnschmerzen martertest du mich; und als sie so sehr zunahmen, daß ich nicht zu reden vermochte, kam es in mein Herz, alle die Meinigen, die gegenwärtig waren, anzumahnen, daß sie zu dir, Gott jedes Heils, bäten für mich. Und ich »5 . - '^--S-Sss^ / . ^ V ^ ^ . v'^ . - s ' F.!:!/ rA' >!>" ' .: i' ! .. ! KW 224 A. Augustinus Bekenntnisse. schrieb es auf Wachs, und gab es ihnen, daß sie es lasen. Alsobald, als wir bittend unsre Knice beugten, schwand der Schmerz, Aber welch ein Schmerz! Und wie schwand er! Ich verging fast, ich gesteh es, mein Herr mein Gott: denn von meiner Jugend an hatt' ich dergleichen nicht erfahren. Und ich verstand deine Wink' in meinem Innern, und, mich freuend des Glaubens, lobt' ich deinen Namen, Und dieser Glaube ließ mich nicht ruhig sein über meine vergangenen Sünden, da sie mir durch deine Taufe noch nicht nachgelassen waren. Nach geendeten Weinlesefcrien entbot ich den Mailandern, daß sie sich nach einem andern Wort- verkaufer für ihre Schüler umsehen möchten, sowohl weil ich Dir zu dienen beschlossen hatte, als auch dieser Stelle wegen des beschwerlichen Athmens und der Brustschmerzen nicht mehr gewachsen wäre. Und durch Briefe that ich deinem Bischöfe, dem heiligen Mann Ambrosius, meine alten Jrrthümer kund, und mein gegenwartiges Vorhaben, auf daß er mir Rath gäbe, was ich vorzüglich in deinen Büchern zu lesen hätte, damit ich zur Empfangung so großer Gnade bereiteter und ihrer würdiger würde. Er rieth mir den Prophet Jsaias an, deßhalb glaub' ich, weil er vor Andern ein deutlicherer Verkünder ist des Evangeliums und des Berufs der Heiden. Da er aber beim ersten Lesen mir unverständlich war, und ich ihn so durchaus zu sein glaubte, verschob ich die Wiederholung, bis ich geübter würd' in den Worten des Herrn. Neuntes Buch. 225 Drauf, als die Zeit kam, wo ich meinen Namen einschreiben lassen sollte, verließen wir das Land, und gingen nach Mailand zurück. Auch Alppius wollte zugleich mit uns in dir wiedergebohren werden, indem er schon erfüllt von Demuth, wie es für deine Geheimnisse ziemt, und ein so unerschütterlicher Bezwinger seines Körpers war, daß er mit unerhörtem Muthe bis zum beeiscten italischen Boden barfuß reisete. Auch den Knaben Adeodatus (Gottgegebncr), nahmen wir mit uns, den leiblichen Sohn meiner Sünde. Einen guten Knaben hattest du ihn werden lassen. Er war ungefehr fünfzehn Jahr', und übertraf bereits an Verstand manche alte gelehrte Manner. Ich bekenne dir deine Geschenke, Herr mein Gott, Schöpser Aller, und machtig, unser Gestaltloses zu gestalten: denn von mir war ja in dem Knaben außer der Sünde nichts. Denn daß er von uns aufcrzogen ward in deiner Zucht, das hattest du uns eingegeben, und kein Andrer. Deine Geschenke bekenn' ich dir! Eins unsrer Bücher ist überschrieben: der Lehrer: dort redet jener mit mir. Du weißt es, daß alle Gedanken, die ich dort meinem Mitsprecher in den Mund lege, sein waren, als er sechszehn Jahr' alt war. Noch viel Anderes, Außerordentlicheres sah ich an ihm; ich schauderte über diesen Verstand; und wer, als Du, war der Werkmeister dieses Wunderbaren? — Schnell nahmst du sein Leben hinweg von der Erde, und sicherer weiß ich ihn nun, ohne Furcht für den Knaben, für den Jüngling und für den Mann. — Wir vereinten ihn uns, um ihn, mit uns gleichartig in deiner Gnade, zu erziehen 10 ** 226 A. Augustinus Bekenntnisse. in deiner Zucht. Und wir wurden getauft, und es schwand in uns die Sorg' um das vergangene Leben. Ich sattigte mich nicht in jenen Tagen an der wunderbaren Süße, deinen unerforschlichen Rathschluß über das Heil des menschlichen Geschlechts zu betrachten! Wie weint' ich unter deinen Hymnen und Gesangen, heftig bewegt, von den Stimmen deiner lieblichtönenden Kirche! Sie ergossen sich in meine Ohren, diese Stimmen, und deine Wahrheit tröpfelte in mein Herz, und auf wallte das Feuer der Gottesfurcht, und Thronen flössen, und wohl war mir dabei! Noch nicht lange hatte die mailandische Kirche diese Art des Trostes und der Auferbauung eingeführt, den erhebenden Gesang, wo die Brüser mit Mund und Herz einstimmten. Nemlich ein Jahr wars, oder nicht viel mehr, als Justina, des jungen Valentinas Mutter, deinen Mann Ambrosius verfolgte ihrer Ketzerei halben, wozu sie von den Arianer-n verführt war. Die fromme Gemeinde blieb wachend des Nachts in der Kirche, bereit zu sterben mit ihrem Bischöfe, deinem Diener. Auch meine Mutter, deine Magd, der Ersten eine im Sorgen und Wachen, lebte dort in Gebeten. Wir, obwohl noch nicht durchdrungen von der Glut deines Geistes, wurden dennoeb erregt von dem Schrecken und der Verwirrung der Stadt. Da ward der Gesang der Hymnen und Psalmen eingeführt nach morgenlandischer Sitte, damit das Volk nicht hinschmachtete vor Gram: und seitdem ist es bis jetzt beibehalten, und schon Viel' und fast alle deine Heerden rings auf der Erde folgen dem Beispiele. Neuntes Buch. 227 Da offenbartest du deinem obgedachten Bischof in einem Gesicht, an welcher Stelle die Körper der Märtyrer Gervasius und Protasius lagen, die du so lange Jahre in dem Schooße deiner Verborgenheit unver- wesen aufbewahrtest, woraus du sie zu gelegener Zeit hervorzogst, um jene weibliche aber königliche Wuth zu hemmen. Da sie also aufgefunden und ausgegraben waren, und mit gebührender Ehre zum Dome des Ambrosius getragen wurden, wurden nicht allein Jene, die unreine Geister plagten, geheilt, so daß die Dämonen selbst ihre Unmacht bekannten; sondern auch ein seit mehreren Iahren blinder, und den Einwohnern sehr bekannter Bürger hörte die tobende Freude des Volks, fragte nach der Ursache, frohlockte, bat seinen Führer ihn hinzuführen, und erhielt dann die Er- laubniß, daß er sich näherte, um mit seinem Schweißtuche den Sarg zu berühren deiner Heiligen, deren Tod so kostbar war in deinem Angesicht, Er thats, berührte damit seine Augen, und sofort waren sie geöffnet. Nun verbreitete weit der Ruf sich; nun leuchtete herrlich dein Lob; nun war der Sinn jener Feindin, obwohl nicht zu des Glaubens Gesundheit erweitert, doch eingeschränkt in der Verfolgungswuth. Dank dir dafür, mein Gott, daß du dies in meine Erinnerung zurückführtest, auf daß ich es dir bekennte, da ich es, eines Wichtigen uneingedenk, übergangen war. Und damals dennoch, als so der Geruch deiner Salben duftete, eilten wir nicht zu dir; und deßhalb weint' ich so sehr während des Gesanges deiner Hymnen, indem ich so lange nach dir seufzte, und end- 228 A. Augustinus Bekenntnisse. lich aufathmete, so viel dies möglich ist, in der Erdenhütte. Du, der dn eintrachtig wohnen lassest im Hause, du geselltest uns den Evodius zu, einen Jüngling auS unsrer Stadt, der, da er als Sachwalter diente, srüher als wir sich zu dir bekehrt' und getauft ward, und, der Welt Dienst verlassend, sich in deinen begab. Wir waren zusammen, und wünschten zusammen zu wohnen in heiligem Bunde. Eine Stelle suchten wir, wo wir am ungestörtesten dir dienen könnten, und reiseten zusammen nach Afrika zurück. Und da wir zu Ostia an der Tyber Mündung waren, starb die Mutter. Vieles übergeh' ich, weil ich viel Eile habe. Nimm an meine Bekenntnisse und Danksagungen, mein Gott, wegen unzahlbarer Dinge, auch wann ich sie verschweige. Aber nicht übergeh' ich, was ich trag' in meiner Seele von dieser deiner Dienerin, die mich trug im Fleisch, auf daß ich für dieses Zeitliche, im Herzen, auf daß ich für das ewige Licht gcbohren würde. Nicht ihre, sondern Deine Gaben in ihr will ich erzählen; denn sie hatte sich ja nicht selbst erschaffen noch sich selbst auferzogen: Du erschufst sie, und nicht Vater und nicht Mutter wußtens, was durch sie würde. Und es unterrichtete sie in deiner Furcht die Zucht deines Gesalbten, die Leitung deines einzigen Sohns, in einem glaubigen Haus, einem guten Glieds deiner Kirche. Sie pflegte nicht so sehr ihrer Mutter Fleiß in ihrer Erziehung zu loben, als den einer alten Magd, die schon ihren Vater als Kind .getragen hatte, so wie aufwachsende Mädchen auf ihren Rücken Knab- Neuntes Buch. lein" zu tragen pflegen. Aus dieser Ursach', und wegen ihres Alters und tadellosen Betragens ward sie in diesem christlichen Hause sehr geehrt von der Herrschaft. Man trug ihr auch die Aussicht über die Töchter des Hauses auf: und mit Treue besorgte sie das, schrankte sie ein, wo es nöthig war, mit heiliger scharfer Strenge, und unterrichtete sie mit gesetzter Klugheit. Denn wenn sie außerhalb der Stunden, wo ihnen am Tische der Eltern maßige Kost gereicht ward, auch heftigen Durst litten, so ließ sie sie nicht einmal Wasser trinken, so eine böse Gewohnheit verhütend, und setzte das weise Wort hinzu: Nun wollt ihr Wasser trinken, weil kein Wein in eurer Gewalt ist: gelangt ihr aber zu Mannern, und werdet Meisterinnen zu Borrathskammer und Keller, so ekelt euch das Wasser, und des Weintrinkens Gewohnheit siegt! — Durch diese Art zu lehren, und durch das ihr übertragene Ansehn zügelte sie die Begierlichkeitcn der zarteren Jugend, und gewöhnte selbst den Durst der Madchen an schickliche Zeiten, so daß ihnen nun nicht beliebte, was sich nicht ziemte. Und dennoch, wie mir Sohne deine Dienerin erzahlte, hatte sich die Weinluft bei ihr eingeschlichen. Denn da es ihr als einem nüchternen Madchen aufgetragen ward, Wein aus dem Fasse zu holen, schlürfte sie mit vorgespitzten Lippen von dem Rande des Schöpfbechers, eh' sie ihn in die Masch' ausschüttete, ein Weniges nur, weil Mehreres ihr widerstand. Denn nicht Trinkbegier verleitete sie dazu, sondern gewisse überflüssige Auswüchse der Jugend, die in Spielereien -Nss MW M« W NNBB i HUM NW !, MM;'! ^ NM'W BN 230 A. Augustinus Bekenntnisse. ausbrechen, und in jungen Seelen von dem Gewicht Älterer erstickt zu werden pflegen. Durch täglichen Ausatz nun eines Wenigen zum Wenigen (denn Weniges verachtend fallt man ins Größere) war sie so in die Gewohnheit gerathen, daß sie schon fast volle Becher Weins begierig austrank. Wo war nun die kluge Alte und ihr scharfes Verbot? Vermochte sie etwas gegen die verborgene Krankheit, wenn nicht deine Hülfe, o Herr, über uns wachte? Da Vater und Mutter und Aufseherin es nicht sahen, sahst du es, der du sie schufst, der du uns zu dir rufst, der du auch durch schlechtere Menschen oft Gutes bewirkst zum Heile der Seelen: Und was thatest du, mein Gott? Wie heiltest du sie, wie machtest du sie gesund? Zogst du nicht hervor aus einer anderen See? ein hartes und scharfes Schmähwort, wie ein heilendes Messer, aus deiner verborgenen Fürsehung, und schnittest hinweg die Fäulniß in Einem Schnitte? — Denn eine Magd, mit der sie zum Fasse zu gehen pflegte, zankte sich mit ihr wahrend sie allein waren, und warf ihr dies Laster mit der bittersten Grobheit vor, und schalt sie eine Weinsauferin. Das traf, und sie schaute zurück auf ihren häßlichen Fehler; und sofort verabscheute sie ihn, und legt' ihn ab. So wie ^ schmeichelnde Freunde verderben, so bessern oft zankende Feinde. Aber nicht nach dem, was Du durch sie wirkst, sondern nach dem, was sie selbst wollen, vergiltst du ihnen. Denn argern die Tochter wollte die erzürnte Magd, nicht bessern, und zwar heimlich, weil es Stell' und Zeit so fügte, oder damit sie nicht Neuntes Buch. 231 in Verlegenheit käme, daß sie es so spat angezeigt hatte. Aber du, Herr, Beherrscher der Himmels - und Erdbewohner, der du die Tiefe des Stroms nach deinem Willen lenkst, und ordnest der Zeiten wirres Ge- woge, Du heiltest durch die Krankheit der Einen Seele die andre. Doch eigne darum keiner es seiner Macht zu, wenn durch sein Wort jemand gebessert wird, den er wirklich bessern wollte. Sittsam also erzogen und maßig, und vielmehr von dir den Eltern, als von den Eltern Dir unterworfen, ward sie großjährig und mannbar, und ward einem Gatten übergeben, dem sie wie einem Herrn diente. Und sie strebt', ihn dir zu gewinnen, redend von dir zu ihm durch ihre Sitten, womit du sie so schön schmücktest, würdig der hochachtenden Lieb' und Bewunderung ihres Mannes. — Seine Untreu' ertrug sie so, daß sie nie deßhalb mit ihm in Zwiespalt geriet!). Denn sie wartete aus deine Barmherzigkeit sür ihn, daß er durch den Glauben an Dich keuscher würde. Gleichwie er aber ein vorzüglich gutherziger Mann war, so war er auch auffahrend im Zorn. Aber diese verstand es, einem erzürnten Manne nicht zu widersprechen, nicht nur nicht mit Thaten, nicht einmal mit einem Worte. War er dann besänftigt und ruhig, gab sie ihm, sobald sie's schicklich fand, von ihrer Handlung Rechenschaft, wenn er etwa darüber übereilt aufgebracht geworden war. Wann dann andre Weiber, deren Manner doch sanftmüthiger waren, sogar der Gewaltthatigkeiten Spur im geschändeten Gesichte trugen, und nun bei freundschaftlichen Gesprächen ihre 232' A. Augustinus Bekenntnisse. Gatten beschuldigten, beschuldigte jene ihre Zung', und gab wie im Scherze die ernste Ermahnung, daß sie sich des Ehevcrtrags erinnern sollten, wodurch sie Mägde geworden waren, und daß sie also, eingedenk ihres Zustandes, sich nicht stolz auflehnen dürsten wider ihre Herren. Und wann sich jene wunderten, daß sie, obwohl sie wußten wie wild ihr Gatte wäre, doch nie gehört hatten, daß Patricius sein Weib geschlagen, oder auch mit ihr nur Einen Tag in häuslichem Zanke zugebracht hatte, und wann sie dann zutraulich nach der Ursache fragten, lehrte sie sie ihre Weise, deren ich oben erwähnte. Jene, die sie sich merkten, und die Erfahrung machten, wünschten sich Glück; die sie sich nicht merkten, blieben übelbehandelt und geplagt. Auch ihre Schwiegermutter, die zuerst durch das verläumdende Geschwätz böser Mägde wider sie aufgebracht war, besänftigte sie so, ausharrend in Duldsamkeit und Sanftmuth, daß sie von selbst ihrem Sohne die zwischenträgerischen Zungen der Mägde verrieth, die zwischen ihnen und der Schwiegertochter den Hausfrieden störten, und ihn zum Strafen aufforderte. Nachdem Jener nun also, der Mutter gehorsam, und Zucht haltend unter dem Gesind', und sorgend für die Einigkeit der Seinigen, die Verrathnen nach der Verlachenden Willen mit Schlägen gezüchtigt hatte; versprach jene, daß Jede solchen Lohn zu hoffen hatte, die, um ihr gefällig zu sein, von ihrer Schwiegertochter etwas Böses redete: und keine wagte das nun, und in denkwürdiger Eintracht lebten sie fortan. Neuntes Buch. 233 Auch die große Gabe hattest du deiner guten Dienerin verliehen, in deren Leibe du mich bildetest, mein Gott, meine Barmherzigkeit, daß sie bei jedem Zwiespalt und jeder lineinigkeit so gern Frieden stiftete, daß sie von allen den Bitterkeiten, die sie von Einem Theile gegen den Andern hörte, (wie schwellender unverdauter Zwiespalt sie hervorzustoßen pflegt, wann in Gegenwart der Freundin sich der rohe Haß in heftigen Worten über die abwesende Feindin ergießt) nie das Geringste dem andern wieder sagte, als was zu ihrer Versöhnung dienen konnte. Ein unbeträchtliches Verdienst schiene mir dies, wenn ich nicht die traurige Erfahrung gemacht hatte, daß eine unzahlbare Menge, angesteckt von ich weiß nicht welcher scheußlichen weit und breit ausgedehnten Sündenpest, nicht allein erzürnten Feinden die Wort' erzürnter Feinde hinterbringt, sondern auch Ungesagtes hinzusetzt, da es im Gegen- theil für ein Menschenherz etwas Geringes sein sollte, sich zu bestreben, der Menschen Feindseligkeiten nicht allein nicht aufzuregen, und zu starken durch böse Rede, sondern sie zu tilgen durch freundschaftliche Rede. So war sie, gelehrt von dir, dem innern Lehrer in der Schule des Busens. Endlich gewann sie dir auch ihren Mann am Ende seines zeitlichen Lebens; und sie hatte nun auch über nichts mehr an ihm, dem Glaubigen, zu klagen, was sie an ihm, dem noch nicht Glaubigen ertragen hatte. — Auch eine Dienerin war sie deiner Diener. Denn wer deren sie kannte, lobt' und ehrt' und liebte dich in ihr, weil man deine Gegenwart erkannt' in 234 A. Augustinus Bekenntnisse. ihrem Herzen, wie es die Früchte ihres heiligen Umgangs bezeugten. Denn sie war Eines Mannes Weib; ihren Eltern war sie dankbar gewesen; treu hatte sie ihr Haus besorgt: durch ihre guten Werke Verdienst erworben; ihre Söhne hatte sie erzogen, und Schmerzen, wie neue Geburtsschmerzen litt sie, so oft sie sie von deinem Weg' abweichen sah. Zuletzt: für uns alle, Herr, der du nach deiner Mild' uns reden lassest, deine Diener, die wir vor ihrem Schlafengehen nach empfangner Gnade der Taufe vereint lebten, sorgte sie, als wenn sie unser Aller Mutter, und dient' uns, als wenn sie unser Aller Kind wäre. Als aber der Tag sich näherte, an dem sie aus diesem Leben scheiden sollte, ein Tag dir bekannt, uns unbekannt, begab es sich, wie ich glaube, nach deiner verborgenen Anordnung, daß sie und ich allein gelehnt standen in ein Fenster, woraus man den Garten, der am Hause war, wo wir herbergten, überschaute: dort zu Ostia wars, wo wir uns nun nach der Beschwerlichkeit einer langen Reise, gesondert von der Menge, zur Schifffahrt rüsteten. Ein liebliches Gespräch entstand unter uns beiden, und vergessend des Vergangnen, und aufmerkend auf das, was vor uns war, fragten wir unter uns in Gegenwart der Wahrheit, die Du bist, wie es wäre, das ewige Leben der Heiligen, das kein Auge sah, kein Ohr hört', und in keines Menschen Herz stieg? Aber wir öffneten den Mund unsers Herzens den himmlischen Fluthen deines Brunnens, des Lebensbrunnens, der in Dir ist, daß wir nach unsrer Fassungskraft damit besprengt würden, Neuntes Buch. 235 und wir diese so große Sache auf irgend eine Art zu denken vermöchten. Und als dies in der Unterredung sich ergab, daß alle Ergötzung körperlicher Sinne, in welchem sinnlichen Liebt auch immer betrachtet, gegen die Herrlichkeit jenes Lebens nicht nur keines Vergleichs, sondern auch keiner Erwähnung würdig waren; erhoben wir uns in glühendcrem Verlangen nach demselben, und durchwandelten stufenweis' alles Sinnliche, und selbst den Himmel von dem herab Sonn' und Mond und Stern' uns leuchten. Und dann stiegen wir auf im innern Denken, und im Sprechen von dir, und in Bewunderung deiner Werke; und wir kamen auf unsre Seelen, und erhoben uns über sie, auf daß wir die Region erreichten der unversiegbaren Fülle, wo du Israel ewig speisest mit der Nahrung der Wahrheit, und wo das Leben die Weisheit ist, durch die Alles das geschieht, was war, und ist, und was in Zukunft sein wird; und sie selbst wird nicht, sondern ist, wie sie war, und wird immer so sein, da vielmehr Gewesensein und Künftigsein nicht in ihr ist, sondern bloß Sein, weil sie ewig ist: denn Gcwesensein und Künftigsein ist nicht Ewig. Und da wir redeten, und Vahnum sehnten, berührten wir sie in völliger Entzückung des Herzens auf ein Weniges: dann seufzten wir auf, und ließen dort angeheftet zurück die Erstlinge des Geistes, und kehrten wieder zum Laut unsers Mundes, wo das Wort beginnt und endet. Und gleicht es deinem Wort, unscrm Herrn, das ungealtert in sich bleibt, und Alles erneut? 236 A. Augustinus Bekenntnisse. Wir sprachen ferner: Wenn in Jemandem der Tumult des Fleisches schwiege, die Vorstellungen schwiegen von Wasser und Erd' und Luft, und die Pole schwiegen, und selbst die Seele sich schwieg', über sich erhöbe, und ganz sich vergäße; wenn Traume schwiegen und Bilder der Einbildungskraft, und durchaus alle Wort' und alle Zeichen, und alles, was vorübergeht, schwiegen, — denn wer sie hört, dem sagen sie: nicht wir selbst machten uns, sondern der, welcher lebt in Ewigkeit; — wenn sie schwiegen, weil sie unser Ohr nun erhoben hatten zu dem, der sie machte, und Er nun allein redete, nicht durch Jene, sondern durch sich selbst, auf daß wir sein Wort hörten, nicht durch des Fleisches Zunge, noch durch des Engels Stimme, noch durch der Wolke Geräusch, noch durch des Gleichnisses Dunkel, sondern wir ihn selbst den wir in Jenen lieben, ihn selbst ohne sie hörten, so wie wir uns jetzt erhoben, und in reißendem Gedankenfluge die ewige über Alles bleibende Weisheit berührten; und wenn dieser Zustand fortdauerte, und keine fremdartige Vorstellungen sich einmischten, und diese einzige Vorstellung hinriss' und verschläng' und versenkt' in die ewige Freude den Anschauenden, daß so das ewige Leben wäre, wie dieser Moment der Erkenntniß war, zu dem wir aufseufzten: — würde das nicht sein: Geh' hinein in die Freude deines Herrn? Und dies, wann wird es sein? Oder werden wir All' auferstehen, aber nicht alle verwandelt werden? Neuntes Buch. 237 Derlei sprachen wir, obwohl nicht auf diese Weis' und mit diesen Worten. Du aber, o Herr, weißt es, daß sie an jenem Tage, da wir derlei redeten, und uns unter dem Reden diese Welt verächtlich ward mit allen ihren Freuden, so zu mir sprach: Sohn, was mich betrifft, so bat nichts mehr Reiz für mich in diesem Leben. Was ich hier noch machen soll, und warum ich noch hier bin, weiß ich nicht, da keine Erdenhoffnung mir übrig ist. Eines war, weßhalb ich in diesem Leben noch etwas zu weilen wünschte: daß ich Dich als katholischen Christen sah', eh' ich stürbe. Über meine Erwartung hat Gott mir dies gewahrt, da ich dich als seinen Diener sehe, der alles Erdenglück verachtet. Was mach' ich hier ferner? Was ich hierauf ihr antwortete, erinner' ich mich nicht genau. Kaum fünf oder sechs Tage hernach, oder nicht viel mehr, überfiel sie ein Fieber. Und eines Tags wahrend ihrer Krankheit, siel sie in Ohnmacht, ihr Bewußtsein verlierend. Wir eilten herbei; aber schnell erholte sie sich, schaute die Umstehenden an, mich und meinen Bruder, und sprach, als wenn sie früge: Wo war ich! — Sie sah, wie wir traurcnd dastanden: Werdet ihr hier eure Mutter begraben? sagte sie. Ich schwieg und hemmte meine Thräncn. Mein Bruder äußerte den Wunsch, daß sie nicht in der Fremde, sondern in ihrem Vaterlands sterben möchte, weil solches besser wäre. Als sie das hörte, blickte sie ängstlich auf ihn, und ihre Augen straften ihn, daß er so dächte. Drauf schaute sie auf mich: Siehe, sagte sie, was er spricht! Und dann sprach sie zu uns bei- A. Augustinus Bekenntnisse. den: Begrabt diesen Leib, wo ihr wollt; nichts küm- mer' euch die Sorg' um ihn: nur um das bitt' ich euch, daß ihr am Altare des Herrn meiner gedenkt, wo ihr immer sein werdet! — Als sie dies, so gut fies vermochte, durch Wort' erklart hatte, schwieg sie, und heftiger griff die Krankheit sie an. Ich aber gedachte deiner Gaben, mein unsichtbarer Gott, die du verleihest den Herzen deiner Glaubigen: und wunderbare Früchte sprossen hervor! Ich freute mich, und dankte dir, mich erinnernd, wie angst lieh sie immer für ihr Grab gesorgt, das sie sich aus gewählt und zubereitet hatte, neben ihres Gatten Leich nam. Denn weil sie so friedlich mit einander gelebt hatten, so wünschte sie dies Glück, wie dann des Menschen Geist so schwer Göttliches faßt, noch dadurch zu vermehren, daß es im Andenken der Menschen bliebe, wie auch nach einer Reis' übers Meer ihr verliehen wäre, daß die Erde beider Gatten von Einer Erde gedeckt würde. Seit wann aber dieser leere Wunsch durch die Fülle deiner Güte aus ihrem Herzen vertrieben war, wüßt' ich nicht; und staunend nun freut' ich mich, daß ich es auf diese Art erfuhr, obwohl es aus jenen ihren Worten am Fenster: Was mach' ich hier ferner? schon nicht erhellte, daß sie im Vaterland zu sterben wünschte. Ich hört' auch hernach, daß sie, als wir schon zu Ostia waren, mit einigen meiner Freund' in meiner Abwesenheit voll mütterlicher Vertraulichkeit eines Tages geredet hätte von Verachtung dieses Lebens und vom Glücke des Todes. Und sie staunten über dieses Weibes muthige Tugend, die du ihm ver- Neuntes Buch. 239 liehen hattest, und fragten sie, ob sie nicht fürchtete, ihren Körper so fern von ihrem Vaterlande zurückzulassen? Nichts, antwortete sie, ist fern von Gott, und ich habe nicht zu besorgen, daß er am Ende der Zeiten nicht wisse, wo er mich aufcrwecke. — Am neunten Tag ihrer Krankheit, im sechs und fünfzigsten Jahr' ihres Alters, und im dreißigsten meines Alters, ward diese fromme und gottesfürchtige Seele ihrem Körper entlöset. Ich drückt' ihr die Augen zu, und unsägliche Traurigkeit floß in mein Innerstes zusammen, und floß über in ThraneN; aber auf der Seele machtiges Geheiß verschluckten meine Augen ihren Quell bis zur Trockenheit- und schwer ward es mir in diesem Kampf. Auch der Knab' Adeodatus brach bei ihrem Tod in lautes Jammern aus, und nur genöthigt von uns Allen schwieg er. So ward auch meine kindische Regung, die sich in Weinen ergoß, durch die Stimme des Jünglingsherzens erstickt und geschweigt. Denn wir glaubten, es ziemte sich nicht, diese Leiche mit thranenvollcn Klagen und Seufzen zu ehren, weil man hierdurch ein gewisses Elend der Gestorbenen, oder gar ihr ganzliches Aufhören zu beweinen scheint: aber Jene starb nicht elendiglich, und starb nicht ganzlich. Das beweisen uns sichere Gründe, die Belege ihrer Sitten und ihr ungeheuchelter Glaube. Was war es also, was mein Inneres so sehr mit Schmerz durchdrang, als die neue Wunde der plötzlich zerrissenen Gewohnheit ihres so süßen und lieblichen Umgangs? Ich wünschte mir zwar Glück, daß in die- 24t) A. Augustinus Bekenntnisse. ser ihrer letzten Krankheit, wahrend sie in meinen Dienstleistungen mich anlächelte, mich einen frommen Sohn nannte, und voll zärtlicher Liebe sich erinnerte, nie aus meinem Mund ein hartes oder schmähendes Wort gegen sie gehört zu haben. Aber dennoch, mein Gott, der du uns geschaffen hast, was war die ihr von mir bewiesene Ehrfurcht, was war sie in Vergleich mit ihren mir erwiesenen Diensten? Einen solchen Trost also, wie sie, zu verlieren, das verwundete meine Seele; und zerrissen ward gleichsam mein Leben, da es eins geworden war, meines und ihres. Da nun gestillt war das Weinen jenes Knaben, ergriff Evodius den Psalter, und stimmte den Psalm an, den wir alle mitsangen: Von Gnad' und Gericht will ich dir singen, Herr! Als man aber hörte, was vorging, kamen viele Brüder und gottesfürchtige Schwestern; und wahrend Jene, denen dies oblag, der Sitte gemäß den Leichnam besorgten, unterredet' ich mich, schicklich zurückgezogen, den Umständen gemäß mit Jenen, die mich nicht verlassen zu dürfen glaubten, und linderte so durch den Balsam der Wahrheit meine dir bekannte Qual. Sie aber wußten das nicht, horchten mir aufmerksam, und glaubten, ich empfände keinen Schmerz. Aber allein vor deinen Ohren, wo keiner es hörte, straft' ich mich über meine Weichlichkeit, und drängte zurück die Fluth der Trauer. Sie wich dann ein Weniges, und wiederum stürmte sie ein auf mich, doch nicht bis zum Ausbruche der Thränen, oder bis zur Veränderung des Antlitzes: Ich aber wüßt' es, wie es mir das Herz preßte! Und weil ich mich hef- Neuntes Buch. 241 tiglich grumte, daß diese menschlichen Zufalle, die ganz der Ordnung und unsrer Natur gemäß sind, so viel über mich vermochten; so beklagt' ich mit neuem Schmerzen meinen ersten Schmerzen, und doppelte Traurigkeit quälte mich. Und siehe der Leib ward zu Grabe getragen, und wir gingen hin und zurück ohne Thranen. Denn selbst unter den Gebeten, die wir zu dir hinaufsandten, wahrend dir dargebracht wurde das Opfer unsers Lösegeldes, und, wie es gebrauchlich ist, neben das Grab der Leichnam hingestellt war eh' er versenkt ward, selbst unter diesen Gebeten weint' ich nicht, sondern den ganzen Tag war ich traurig in meinem Innern, und, verwirrt im Geiste bat ich dich, so gut ichs vermochte, du mochtest meinen Schmerz heilen: aber du thatest es nicht, um mir, wie ich glaube, durch dies einzige Beispiel zu beweisen, was die Gewohnheit auch noch über jenen Geist vermag, der schon nicht mehr sich mit eiteln Worten nährt. Es dauchte mich auch rathsam, baden zu gehen; denn ich hatte gehört, daß daher das Bad (Balneum) den Namen erhielt, weil es die Erichen Balaneion nannten, indem es den Kummer vertreib' aus der Seele. Sieh, auch dies bekenn' ich deiner Barmherzigkeit, Vater der Waisen, daß ich badete: und blieb der, der ich war, eh' ich badete. Denn es verging nicht aus meinem Herzen des Kummers Bitterkeit. Drauf ging ich schlafen, und erwacht', und fand um nicht wenig meinen Schmerz besänftigt. Und da ich allein war in meinem Bett, 11 242 A. Augustinus Bekenntnisse. erinnert' ich mich der treffenden Verse des Ambrosius; denn Du bist Gott, Schöpfer aller Ding' umher, Der Pole Lenker! der de» Tag Mit anmuthvollem Lichte schmückt, Die Nacht mit Schlummerslieblichkeit, Auf daß den matten Leib die Ruh Zur Arbeit wieder kräftige, Und muntre auf den müden Geist, Und Trauer schwinden mach' und Angst. Und nun dacht' ich mir allmahlig deine Magd, wie sie vorder gewesen war, ihren gottesfürchtigen Wandel, und ihr heiliges, liebreiches und willfahriges Betragen gegen uns, das mir nun so plötzlich entrissen war. Nun gelüstet' es mir, zu weinen in deinem Angesicht über sie und für sie, über mich und für mich. Und ich entließ die zurückgezogenen Thrancn, daß sie flössen, so viel sie wollten, und legte sie unter mein Herz, und ruhete in ihnen, weil dort deine Ohren waren, und nicht die irgend eines Menschen, der dies Weinen zum Prunk gedeutet hatte. Und nun bekenn' ich sie dir schriftlich; es lese sie, wer da will, und deute sie, wie er will. Und findet er es sündhaft, daß ich um meine Mutter eine kurze Zeit weinte, um die Mutter, die meinen Augen abgestorben war, die um mich so viele Jahre mit ihren Augen geweint hatte, damit ick auflebt' in deinen Augen; so verlach' er mich nicht, sondern weine vielmehr, wenn er stark ist in der Liebe, für meine Sünden zu dir, Vater aller Brüder deines Gesalbten. Neuntes Buch. 246 Ich aber, da jetzt mein Herz geheilt ist von der Wunde, worin meine irdische Leidenschaft getadelt werden könnte, gieße dir nun, unser Gott, sür jene deine Dienerin eine weit andre Art Thranen aus, die aus einem Geiste fließen, den die Betrachtung der Gefahren jeder in Adam sterbenden Seel' erschütterte. Ob- wohl sie in Christus lebendig war, und, noch nickt aufgelöst vom Fleische, so lebte, daß ihr Name gepriesen wird im Glauben und Lebenswandel; so wag' ichs dennoch nicht zu behaupten, daß, seit du sie durch die Taufe wieoergcbahrst, kein Wort aus ihrem Munde gegangen sei wieder dein Gebot. Und die Wahrheit sagt dein Sohn: Wenn jemand sagt zu seinem Bruder: du Tbor! so ist er des höllischen Feuers schuldig. Und weh auch dem preiswürdigen Menschenleben, wenn du es ohne Barmherzigkeit richtest! Weil du aber nicht mit Strenge die Fehler untersuchst, so hoffen wir und vertrauen, Verzeihung bei dir zu finden. Wer dir aber seine wahren Verdienste vorzahlt, was zahlt er dir vor, als deine Geschenke? Und kennten dock alle Menschen sich selbst, und die sich rühmen, rühmten sie sich in Dir! Ich also, mein Lob und mein Leben, Herr meines Herzens, bitte dich jetzt, uneingedenk der guten Werke meiner Mutter, wofür ich dir freudig danke, um Vergebung sür ihre Sünden! Erhöre mich durch die Arznei unsrer Wunden, die am Kreuze hing, und nun, sitzend zu deiner Rechten, dich bittet für uns. Ich weiß, daß sie mit Barmherzigkeit gehandelt und von Herzen die Schulden ihren Schuldnern vergeben 11* 244 A. Augustinus Bekenntnisse. habe: vergib auch du ihr die Schulden, wenn sie deren sich zuzog in den vielen Jahren nach dem Wasser der Taufe. Vergib Herr, ich bitte dich, vergib, und gehe nicht mit ihr zu Gericht! Deine Barmherzigkeit geh' über Gericht, weil deine Aussprüche wahr sind, und du Barmherzigkeit versprachst den Barmherzigen. Daß sie es waren, das verliehst du ihnen, der sich erbarmt, deren er sich erbarmt, und Barmherzigkeit erweist, denen er barmherzig ist. Und ich glaube, du hast schon gethan, um das ich bitte: doch verschmähe nicht das willige Opfer meines Mundes, Herr! Denn als der Tag ihrer Auflösung nahe war, dachte sie nicht daran, daß ihr Leib mit Pracht begraben oder in Spezerei gelegt werden möchte; und kein zierliches Denkmal verlangte sie, noch ein Grab in ihrem Vaterlande. Nicht derlei trug sie uns auf, sondern verlangte nur, daß ihrer gedacht werden möcht' am Altare, dem sie ohne eines Tages Unterbrechung gedient hatte, weil sie wußte, daß dort das heilige Schlachtopfer ausgetheilt werde, wodurch die Handschrift ausgelöscht ist, die gegen uns war; wodurch der Feind überwunden ward, der unsre Sünden aufzählte, und suchte was er uns vorwerfen möchte, nichts findend in Jenem, worin wir siegen. Wer wird ihm sein unschuldiges Blut wiedererstatten? Wer ihm ersetzen den Preis, um den er uns kaufte, um uns ihm wieder abzukaufen? — An das Geheimniß dieses deines Lösegeldes band deine Magd ihre Seele durch das Band des Glaubens. Keiner wird sie reißen aus deinem Schutze. Der Löw' und Drache wird sich Neuntes Buch. 245 nicht zwischendrangen, nicht durch Gewalt, nicht durch List. Denn sie wird auch nicht vorschützen, sie sei nichts schuldig, auf daß sie nicht überwiesen und ergriffen werde von dem listigen Ankläger: sondern antworten wird sie, daß ihre Schulden ihr nachgelassen sein von Jenem, dem keiner wieder erstattet, was er für uns, ohne schuldig zu sein, hingab. Sie sei also im Frieden mit ihrem Manne, vor dem und nach dem sie Keinem vermahlt war, und dem sie diente, dir Frucht bringend im Dulden, aus daß sie auch ihn dir gewänne. Und flöß' es ein, Herr mein Gott, flöß' es ein deinen Dienern meinen Brüdern, deinen Söhnen meinen Herren, denen ich mit Stimm' und Herzen und Schriften diene, daß Alle, die dies lesen, an deinem Altar eingedenk sein deiner Dienerin Monika, und des Patricius, ihres Gatten, durch deren Fleisch du mich einführtest in dies Leben, wie, weiß ich nicht. Gedenken sie mit frommer Sehnsucht meiner Eltern in diesem vergänglichen Licht, und meiner Brüder vor dir dem Vater in der katholischen Mutter, und meiner Mitbürger im ewigen Jerusalem, wonach sich die Wanderung sehnt deines Volks vom Ausgang bis zur Heimkehr, damit das, um welches sie mich zuletzt begehrte, durch meine Bekenntnisse reichlicher gescheh' in den Gebeten Vieler als in meinen Gebeten allein. Zehntes Buch. ii^aß mich dich erkennen, Herr, der du mich erkennst, laß mich dich erkennen, wie ich von dir erkannt bin. Kraft meiner Seele! dring' in sie hinein, und mache sie dir ahnlich, auf daß du sie besitzest ohne Makel und Fehl. Dies ist meine Hoffnung, drum red' ich; und in dieser Hoffnung erfreu' ich mich, wann ich mich wahrhaft erfreue. Das Übrige aber dieses Lebens ist um so weniger beweinenswürdig, jemehr darum geweint, und desto mehr beweinenswürdig, je weniger darum geweint wird. Denn siehe! du liebtest die Wahrheit: und wer danach thut, kommt zum Licht. Ich will danach thun im Herzen vor dir in meiner Bekcnntniß, in meiner Schrift aber vor vielen Zeugen. Und Dir, Herr, vor dessen Augen offensteht der Abgrund des menschlichen Bewußtseins, was wäre Dir verborgen in mir, auch selbst, wenn ich nicht bekennen wollte? Denn Dich würd' ich nur mir verbergen, nicht mich dir. Nun aber, da mein Seufzen Zeug' ist, daß ich mir selbst mißfalle, leuchtest du und gefällst, und wirst geliebt und ersehnt, auf daß ich mich meiner schäm', und mich hinwegwerf', und Dich erwähl', und nicht Dir noch mir gefall', es sei denn in Dir. Dir also, Herr, bin ich offenbar, wer Zehntes Buch. 247 ich auch sei; und mit welcher Frucht ich dir dennoch bekenne, sagt' ich schon. Denn ich thue das nicht mit Worten und Stimmen des Fleisches, sondern mit Worten der Seel' und mit Rufen der Gedanken, das dein Ohr erkennt. Denn wenn ich böse bin, so ist dir bekennen nichts anders, als'mir mißfallen; wenn aber gut, so ist dir bekennen nichts anders, als dies nicht mir zueignen: denn du, Herr, segnest den Gerechten, aber zuvor rechtfertigst du ihn, den Gottlosen. Mein Bekenntniß also, mein Gott, geschieht dir stillschweigend, aber auch nicht stillschweigend: denn es schweigt ohne Geräusch, ruft aber aus dem Herzen. Auch sag' ich nichts von Belang, was du nicht zuvor von mir hörtest: aber auch du hörst nichts derlei von mir, was nicht du zuvor mir sagtest. Was sind denn die Menschen für mich, daß sie meine Bekenntnisse hören, als wenn sie meine Schwachen heilen könnten? Das neugierige Geschlecht! Gern durchschaut es das Leben Andrer: aber nachlassig ist es, das eigne zu bessern. Was wollen sie von mir hören, wer Ich sei, und nicht hören von dir, welche sie selbst sein? Und woher wissen sie, ob ich Wahres rede, wann sie mich selbst über mich selbst hören? Denn kein Mensch weiß ja, was vorgeh' im Menschen, als der Geist des Menschen, der in ihm ist. Wann sie aber dich über sich selbst hören, so können sie nicht sagen: es lügt der Herr. Denn was ist es anders, Dich hören über sich, als sich erkennen? Und wer erkennt, und dennoch spricht: es ist falsch! lügt er nicht selbst? Da aber die Lieb' alles glaubt, be- Zp s ALS M s 's ' 248 A. Augustinus Bekenntnisse. sonders unter Jenen, die sie mit einander verband, und Eins machte; so bekenn' ich dir auch so, Herr, daß es die Menschen hören, denen ich nicht beweisen kann, daß ich Wahres bekenne: aber Die glauben mir, deren Ohren die Lieb' eröffnet. Du aber, mein innerer Arzt, sage mir, welche Frucht bring' ich hervor? Die Bekenntnisse meiner vorigen Fehler, die du vergabst und bedecktest, auf daß du mich selig machtest in dir, meine Seele wandelnd durch den Glauben und deine Geheimnisse, erwecken im Leser und Hörer das Herz, daß es nicht betäubt werd' in Verzweiflung, und spreche: ich kann nicht! sondern aufwach' in der Liebe deiner Barmherzigkeit, und in der Süße deiner Gnade, die machtig wirkt in jedem Schwachen, der durch sie der eignen Schwache bewußt wird. Und die Guten erfreut es, von vorigen Fehlern jener zu hören, die jetzt davon frei sind: nicht deßwegen erfreut es, weil es Fehler sind, nein, weil sie waren und nicht mehr sind. Mit welcher Frucht denn, Herr mein Gott, dem taglich mein Gewissen bekennt, sicherer in der Hoffnung deiner Barmherzigkeit, als in seiner Unschuld,— mit welcher Frucht bekenn' ich auch den Menschen vor dir in diesen Schriften, nicht wer ich war, sondern wer ich jetzt bin? Denn des erstem Frucht sah ich, und erwähnt' ihrer. Wer ich noch bin, siehe, in der Zeit dieses meines Bekenntnisses, das wünschen viele zu wissen, die mich kannten, und viele, die mich nicht kannten, aber dennoch von mir oder über mich etwas hörten: Doch ihr Ohr ist nicht an meinem Herzen Zehntes Buch. 2Ä wo Ich bin, so wie ich bin. Also hören wollen sie mich, wie ich innerlich sei, wohin sie nicht mit Auge noch Ohr noch Geist dringen können. Glauben werden sie mir: aber auch mich erkennen? Denn die Liebe, wodurch sie gut sind, sagt ihnen, ich lüge nicht in meinen Bekenntnissen; und sie in ihnen glaubt mir. > Aber die Frucht, die es hervorbringen soll? Wollen sie mir Glück wünschen, wann sie hören, wie ich mich dir nähere durch deine Gnade, und bitten für mich, wann sie hören, wie mich meine Schwere zurückdrückt? Solchen will ich mich offen darlegen! Denn nicht klein ist die Frucht, Herr mein Gott, wenn von vielen dir gedankt wird unserthalben, und viele dich bitten sür uns. Die brüderliche Seele liebe dann an mir, was du sie lieben lehrst, und beweine an mir, was du sie beweinen lehrst. Die brüderliche Seele thue das, nicht die fremde, nicht die Seele der Weltkinder, deren Mund Eitelkeit redet, und deren Rechte die Rechte der Bosheit ist: sondern die brüderliche, die sich freut über mich, wo sie Gutes findet, und trauert über mich, wo sie Böses findet; denn sie liebt mich, Gutes finde sie oder Böses. — Solchen will ich mich offen darlegen, und aufathmen mögen sie in meinem Guten, und seufzen in meinem Bösen. Mein Gutes ist deine Anordnung und deine Gabe; mein Böses ist meine Schuld und deine Gerechtigkeit. Ath- men sie auf in jenem, und seufzen in diesem, und Lobgesang und Klage steigen auf in dein Angesicht aus den brüderlichen Herzen, deinen Opfergefaßen! Du aber, Herr, erfreut von dem Gerüche deines heiligen - A. Augustinus Bekenntnisse. Tempels, erbarme dich meiner nach deiner großen Barmherzigkeit um deines Namens willen! Verlasse nicht dein begonnenes Werk, und vollende, was in mir noch unvollkommen ist! Das ist die Frucht, wann ich bekenne, nicht wer ich war, sondern wer ich bin, daß ich dies bekenne, nicht allein vor dir in heimlicher Freude mit Zittern, und in heimlicher Trauer mit Hoffnung; sondern auch vor den Ohren der glaubenden Menschenkinder, dm Mitgesellen meiner Freud' und den Genossen meiner Sterblichkeit, meinen Mitbürgern und Mitpilgern, meinen Vorgangern und Nachfolgern, und den Gefährten meines Lebens. Diese sind deine Diener, meine Brüder, die du deine Kinder werden ließest, meine Herrn, denen zu dienen du mich hiessest, wenn ich mit dir in dir leben will. Und nicht genug, daß dein Wort durch Rede mir dies anbefahl: auch mit That ging es mir vor. Und Ich thu' es nun mit That und Wort; ich thu' es unter deinen Flügeln, stets in Gefahr: Aber unter deinen Flügeln halt sich meine Seel' an dir, und meine Schwach' ist dir bekannt. Ein Kindlein bin ich; aber es lebt mein Vater allezeit, und einen guten Schützer Hab' ich. Denn es ist derselbe, der mich erschuf, und der mich schützt, und Du selbst bist alles mein Gut, du Allmachtiger, der du immer mit mir bist, auch eh' ich mit dir war! Erzählen also will ich denen, welchen zu dienen du mich heissest, nicht wer ich war, sondern wer ich jetzt bin, und wer ich noch bin. Aber ich richte mich nicht selbst, und so höre man mich. Denn du, Herr, Zehntes Buch. 25t richtest mich: denn obschon keiner der Menschen weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, so ist dennoch etwas im Menschen, das selbst der Geist des Menschen nicht weiß, der in ihm ist. Du aber weißt alles was an ihm ist, Herr, der du ihn schufst. Ich aber, obwohl mich verachtend vor deinem Angesicht, und mich achtend Erd' und Asche, weiß dennoch etwas von dir, was ich von mir nicht weiß. Und sicher, nun sehen wir durch einen Spiegel im Dunkeln, und noch nicht von Angesicht zu Angesicht; und deß- halb bin ich, so lang' ich wandle fern von dir, mir gegenwartiger als dir: und dennoch weiß ich, daß nichts dir schaden könne; welchen Versuchungen Ich aber zu widerstehen vermög' und welchen nicht, weiß ich nicht. Und hier ist Hoffnung mein Trost, denn du bist getreu, und lassest uns nicht versuchen über unser Vermögen, sondern gibst Ausweg bei der Versuchung, so, daß wir es ertragen mögen. — Bekennen also will ich, was ich von mir weiß, bekennen, was ich von mir nicht weiß. Denn was ich von mir weiß, weiß ich durch dein Licht; und was ich von mir nicht weiß, weiß ich so lange nicht, bis meine Finsterniß wird, wie der Mittag, in deinem Antlitze. Nicht zweifelhaft, sondern sicher, Herr, ist das Bewußtsein, daß ich dich liebe. Du trafst mein Herz mit deinem Wort, und ich liebte dich. Aber auch Himmel und Erd' und Alles was in ihnen ist, siehe! rings her rufen sie, daß ich dich lieben solle. Und sie hören nicht auf, es Allen zuzurufen, damit sie keine Entschuldigung haben. Doch mehr noch wirst du dich 252 A. Augustinus Bekenntnisse. erbarmen, dessen du dich erbarmest, und Barmherzigkeit verleihen, dem du barmherzig bist: sonst reden Himmel und Erde dein Lob Tauben. Was aber lieb' ich, wann ich dich liebe? Nicht Schönheit des Körpers, nicht vergänglichen Schmuck, nicht Klarheit des Lichts, die, siehe! diesen Augen so wohl thut, nicht lieblichen Wohllaut des Gesanges, nicht der Blumen und Salben und Spezereien süßen Duft, nicht Manna und Honig, nichts was den Sinnen des Fleisches umfaßbar und angenehm ist: nicht dieses lieb' ich, wann ich meinen Gott liebe; und dennoch lieb' ich ein gewisses Licht, und eine gewisse Stimm', und einen gewissen Geruch, und eine gewisse Speis', und eine gewisse Umfassung, wann ich meinen Gott liebe, das Licht, die Stimme, den Geruch, die Speise, die Umfassung meines innerlichen Menschen, wo meiner Seel' etwas glänzt, das kein Raum umschließt, und wo etwas tönt, daß nicht mit der Zeit verhallt, und wo etwas duftet, das kein Wind verweht, und wo etwas schmeckt, das kein Essen mindert, und wo etwas umfaßt, das keine Sättigung losreißt. Das ist es, was ich liebe, wann ich meinen Gott liebe. Und was ist dies? Ich fragte die Erd', und sie sprach: Ich bin es nicht. Und Alles was auf ihr ist, bekannte dasselbe. Ich fragte das Meer und die Abgrund' und alle kriechende Thier'; und sie antworteten: wir sind nicht dein Gott; frag' über uns. Ich fragte die wehenden Lüfte; und der ganze Luftraum antwortete mit allen seinen Bewohnern: Anaximenes irrt, ich bin nicht Gott. Ich fragte Himmel und Sonn' und Zehntes Buch. 253 Mond und Sterne: auch wir sind nicht Gott, den du suchst, sagten sie. Und ich sprach zu allen Dingen, die die Thore meiner Sinn' umstehen: ihr sagtet mir von meinem Gott, Ihr wart es nicht; sagt mir nun etwas von ihm! Und sie riefen aus mit lauter Stimme; Er erschuf uns! — meine Frage war meine Sehnsucht, und ihre Antwort ihre Schönheit. Und ich wandte mich zu mir selbst, und sprach zu mir: Du, wer bist du? Und ich antwortete: ein Mensch, und sieh, aus Leib und Seele besteh' ich, das eine äußerlich, das andre innerlich. In welchen von beiden soll ich meinen Gott suchen, den ich bereits mit dem Körper suchte von der Erde bis zum Himmel, so weit ich Bethen aussenden konnte, die Strahlen meiner Augen. Aber besser ist, was innerlich ist. Denn der Seele gaben Bothschaft alle Bochen des Körpers, ihr, der Vorsteherin und Urtheilerin über die Antworten des Himmels und der Erde, und aller Dinge, die in ihnen sind, und sagen: wir sind nicht Gott, sondern er erschuf uns. Dies erkannte der innere Mensch durch den Dienst des äußern, Ich innerer erkannt' es, Ich Seele durch die Sinne meines Körpers. Ich fragte die Weltmasse nach meinem Gott, und sie antwortete: Ich bin es nicht, sondern Er erschuf mich. Erscheint nicht ihre Gestalt Allen, deren Sinn gesund ist? Warum sagt sie nicht zu Allen dasselbe? Die kleinen und großen Thiere sehen sie, aber fragen können sie nicht. Denn nicht ist ihren Bothschaft gebenden Sinnen die Richterin Vernunft vorgesetzt. Die Menschen aber können fragen, auf daß sie Gottes Un- 25^ A. Augustinus Bekenntnisse. sichtbares aus der sichtbaren Schöpfung erkennen. Aber aus Liebe zu dieser unterwerfen sie sich ihr, und die Unterworfnen können nicht mehr urtheilen. Auch antwortet jene nicht den Fragenden, wenn sie nicht zugleich urtheilen. Und ihre Stimmen d. i. ihre Gestalt ändert sie darum nicht, wenn der Eine nur sieht, der Andre aber sieht und fragt, so daß sie dem Einen so, dem Andern anders erscheine: nein, auf dieselbe Weis' erscheint sie beiden, nur Jenem ist sie stumm, diesem redend. Doch vielmehr zu Allen redet sie, aber nur Jene verstehen sie, die ihre von außen vernommene Stimme im Innern mit der Wahrheit zusammenhalten. Denn die Wahrheit sagt mir: Dein Gott ist nicht Himmel und Erde, nicht irgend ein Körper. Das sagt ihre Natur offenbar; denn die Mass' ist kleiner im Theil als im Ganzen. Nun bist Du das Bessere, — zu dir, Seele, sprech' ich — weil du die Masse deines Körpers in Bewegung gesetzt, ihm Leben gebend, was kein Körper dem Körper zu geben vermag: dein Gott aber ist deines Lebens Leben. Was also lieb' ich wann ich meinen Gott liebe? Wer ist der, der über meine Seel' erhaben ist? Durch meine Seele selbst will ich hinaufsteigen zu ihm. Übergehen will ich meine Kraft, wodurch ich am Körper hang', und ihn mit Leben erfülle. Denn mit dieser Kraft selbst sind' ich meinen Gott nicht; sonst fanden ihn Roß und Maulthier, die keinen Verstand haben, denn es ist die nämliche Kraft, wodurch auch ihre Körper leben. Eine andre Kraft ist, wodurch ich nicht nur mein Fleisch, das der Herr schuf, belebe, sondern Zehntes Buch. L55 auch dessen Empfindung ordne, meinem Auge heißend, daß es nicht hör' und meinem Ohre, daß es nicht sehe, sondern jenem, daß es seh', und diesem, daß es höre, und allen Sinnen das ihrer Lag' und ihren Verrichtungen Angemessne, wie Ich Eine Seele durch sie das Verschiedene bewirken will. Übergehen will ich auch diese meine Kraft, denn auch sie haben Roß und Maulthier, weil auch diese empfinden durch ihren Körper. Übergehen also will ich auch diese Kraft meiner Natur, stufenweis aufsteigend zu Ihm, der mich und sie schuf. Und ich komm' in die Felder und das Ober- gezclt des Gedächtnisses, wo ein Schatz liegt von unzählbaren Bildern jener Dinge, die die Sinne herbeiführten. Dort ist hingelegt, was wir auch immer denken, das mehrend oder mindernd oder ändernd, was der Sinn auffaßte, und Alles was noch sonst dort aufbehalten wird, und noch nicht verschlungen ist, und begraben von der Vergessenheit. Von dort laß ich herauskommen, was ich will; und Einiges geht sogleich hervor, Anderes erfordert längeres Suchen, und muß wie aus verborgenem Behältern hervorgeholt werden; und wiederum Anderes stürzt in Schaaren heraus, und verlangt und sucht man etwas, springen sie hervor und schreien: Sind Wirs nicht? Und ich verscheuche sie dann mit der Hand des Herzens vom Angesicht meiner Erinnerung, bis das, was ich verlange, entwölkt wird, und ans Licht hervorgeh' aus dem Dunkeln. Und Anderes ist leicht und in ungestörter Ordnung bereit, wie es gefordert wird, und Vorhergehendes entweicht dem Folgenden, und das Entwei- 256 A. Augustinus Bekenntnisse. chende wird wieder hingelegt, um wieder hervorzugehn, sobald ichs will. Alles das geschieht, wann ich etwas aus dem Gedachtniß erzahle. Dort ist nach Ordnung und Art Alles aufbewahrt, nach der Weise, wie es eingekommen ist: wie Licht und allerlei Farben und Körperformen durch die Augen; durch die Ohren aber allerlei Arten von Tönen; und allerlei Gerüche durch die Nas'; und allerlei Geschmack durch den Mund; durch das Gefühl aber des ganzen Körpers, was hart ist oder weich, was warm oder kalt, sanft oder rauh, schwer oder leicht, innerhalb oder außerhalb des Körpers ist. Dies Alles, um es wieder, wenns nöthig ist, herzugeben, nimmt er auf, der weite Raum des Gedächtnisses und sein, ich weiß nicht welcher, verborgner und unermeßlicher Busen, wo jedes durch die eigne Pforte hineingeht, und seine Stelle findet. Und doch gehn die empfundnen Dinge nicht selbst hinein, sondern nur ihre Bilder stehn der Erinnerung des Denkens zu Gebote. Und wie diese beschaffen sind, wer sagt mir das, obwohl es offenbar ist, durch welchen Sinn sie aufgefangen und hineingetragen sind? Denn auch in Finsterniß und Stille bring' ich Farben hervor in meinem Gedachtniß, und unterscheide hier zwischen Weiß und Schwarz; und keine Töne drangen sich hinein, und verwirren mir die Bilder, die ich durch das Gesicht erhielt, da doch auch jene dort sind, aber gesondert verborgen liegen. Doch auch sie forder' ich, wann mirs gefallt, und sogleich sind sie da, und mit ruhender Zunge und schweigender Kehle sing' ich, so viel ich will: und die Bil- Zehntes Buch. der jener Farben die nichts destoweniger dort sind, mischen sich nicht dazwischen, und unterbrechen mich nicht, da ein andrer Borrath, der durch die Obren hineinkam, hervorgezogen wird. So erinner' ich mich auch nach Belieben alles Übrigen, was durch die andern Sinne hereingebracht und niedergelegt ist. Und Lilienduft unterscheid' ich von Veilchen ohne wirklich zu riechen; und Honig zieh' ich dem Moste vor, Sanftes Rauhem, ohne wirklich zu schmecken oder zu fühlen, bloß in der Erinnerung. Innerlich bewirk' ich das, im ungeheuren Räume meines Gedächtnisses. Denn hier sind mir Himmel und Erd' und Meer gegenwartig mit Allem, was ich in ihnen empfinden konnte, jenes ausgenommen, was ich vergaß. Hier auch begegn' ich mir selbst, und erinnere mich meiner, was, wann und wo ich etwas that, und wie meine Stimmung war, als ich es that. Hier ist Alles, was ich entweder aus Selbsterfahrung oder durch Glauben behielt. Aus demselbem Vorrath erkenn' ich die Ähnlichkeit der Dinge, die ich entweder erfuhr, oder in Rücksicht der Erfahrnen glaubte; und ich vereine sie mit dem Vergangnen, und vor mein Denken erscheinen zukünftige Werk' und Zufall', und was ich zu hoffen habe, und dies alles wie gegenwartig. Dies oder Das will ich thun, sag' ich zu mir selbst in meines Geistes ungeheurem Räume, der voll ist von so vielen und so großen Dingen. Dies oder jenes wird daraus entsteh»! O geschähe doch dies oder jenes! Verhüte Gott dies oder jenes! Derlei sag' ich zu mir, und wann ich es sage, sind mir alle Bilder dessen, 258 A. Augustinus Bekenntnisse. was ich sage, aus dem Vorrathe des Gedächtnisses gegenwartig: denn mangelten sie, so spräch' ich derlei nicht. Groß ist die Kraft des Gedächtnisses, sehr groß, mein Gott, ein weiter unendlicher Behälter! Wer gelangt bis zu seinem Boden? Und es ist dies eine Kraft meines Geistes, und gehört zu meiner Natur, und so fass' ich es selbst nicht ganz, was ich bin. Zu eng' ist der Geist um sich selbst zu fassen. Wo ist er wohl, daß er sich nicht faßt? Wär' er etwas außer sich und nicht in sich? Warum faßt er sich nicht? Große Bewunderung entsteht hierüber in mir, und Staunen ergreift mich. Und Menschen gehen hin, und bewundern die Höhe der Gebirg', und des Meers ungeheure Wogen, und die weiten Ergüsse der Ströme, und des Oceans Umfang, und die Kreise- der Stern', und verlassen sich selbst, und bewundem sich nicht. Und ich, da ich alle diese Dinge nannte, sah ich sie nicht mit den Augen; ich nännte sie nicht, wenn ich nicht die Berg', und Wogen, und Ström' l und Sterne, die ich sah; und den Ocean, den ich glaubte, innerlich in meinem Gedächtnisse ssahe, gleichwohl sie aber auch in ungeheuren Räumen gleichsam außer mir sähe. Und dennoch verschluckt' ich sie nicht, als ich sie sah: und sie selbst sind nicht in mir, nur ihre Bilder, und ich weiß genau, von welchem Sinne sie mir zugeführt sind. Aber dies ist nicht die einzige unermeßliche Fähigkeit meines Gedächtnisses. Hier findet sich auch Alles, was von den Grundsätzen der Wissenschaften Zehntes Buch. 259 mir noch nicht einfiel. Wie in einem gesonderten Räume, doch nicht Räume noch Bilder, sondern die Sachen selbst enthalt' ich. Denn was die Gelehrtheit, was die Geschicklichkeit, über eine Sache für und wider zu reden sei, wie vielerlei Arten von Fragen es gebe, und was ich noch derlei weiß, liegt nicht so in meinem Gedachtnisse, daß ich das Bild behalten, und die Sache außer mir gelassen hatte, als hatt' es getönt und wäre verhallt, wie die Stimme deren Spur durch die Ohren eingedrückt ist, und aufbewahrt wird, als ob sie noch tönte, da sie nicht mehr tönt; oder wie der Geruch, der, während er vorübergeht, und im Winde schwindet, den Geruchssinn berührt, von wannen er dem Gedächtnisse sein Bild einprägt, daß wir beim Erinnern hervorziehn; oder wie die Speise, die sicher im Magen nicht mehr schmeckt, und dennoch gleichsam schmeckt im Gedächtnisse; oder wie etwas, das durch des Körpers Gefühl empfunden wird, und, auch getrennt von uns, im Gedächtnisse sich bildet: — denn diese Dinge gehen nicht hinein, nur ihre Bilder werden mit wunderbarer Schnelligkeit aufgefaßt, und wunderbar wie in Zellen niedergelegt, und beim Erinnern wunderbar hervorgezogen, sondern wann ich hör', es sein drei Arten zu fragen: ob eine Sache sei, was sie sei, und wie sie sei; so halt' ich zwar von jenen Tönen, woraus diese Worte bcstehn, ein Bild zurück, und daß sie die Ohren mit Geräusch durchfuhren, und jetzt verhallt sind, weiß ich: die Sachen selbst aber, die durch diese Töne bezeichnet werden, erkenn' ich nie mit einem Körpersinn, und nie sah ich sie, als 260 A. Augustinus Bekenntnisse. nur im Geist; und niedergelegt Hab' ich sie in meinem Gedachtnisse, nicht ihre Bilder, sondern sie selbst. Wie sie zu mir hineinkamen, mögen sie sagen, wenn sie können. Denn ich überseh' alle die Thurm meines Fleisches, und finde die nicht, durch welche sie hineingingen. Denn die Augen sprechen: haben sie Farbe, so zeigten Wir sie an. Die Ohren sprechen: erklangen sie, so verkündeten Wir sie. Die Nase spricht: rochen sie, so kamen sie durch Mich hinein. Auch der Geschmack spricht: schmeckten sie nicht, so frage mich nicht. Das Gefühl spricht: was nicht körperlich ist, berührt' ich nicht und berührt' ichs nicht, so verkündet' ichs nicht. — Woher und wie kamen sie in mein Gedacht- niß? Ich weiß es nicht; denn als ich sie kennen lernte, glaubt' ich nicht einem fremden Herzen, sondern in dem meinigen erkannt' ich sie, und war überzeugt von ihrer Wahrheit; und ich empfahl sie dem Gedachtnisse, sie darin hinlegend, um sie wieder hervorzuholen, wann ich wollt. Dort also waren sie, eh' ich sie kennen lernte, aber in meinem Gedachtnisse waren sie nicht. Wo denn und warum erkannt' ich sie, als ich sie nennen hört', und sprach: so ist es! und, Wahr ist es! als nur weil sie bereits in meinem Gedachtnisse waren, aber so entfernt und zurückgedrängt, wie in verborgenen Höhlen, daß ich sie, wenn sie nicht durch Jcmands Erinnerung hervorgerissen wurden, wohl nicht hatte denken können. So also finden wir, daß Jenes kennen lernen, dessen Bilder wir nicht durch die Sinn' auffassen, sondern die wir ohne Bilder, sie selbst so wie sie sind, im Zehntes Buch. 261 Innern sehen, nichts anders sei, als das, was hier und dort ungeordnet im Gedachtnisse lag, durch Denken gleichsam sammeln, und durch Aufmerksamkeit dahin bringen, daß es, wie zur Hand gelegt im Gedachtnisse, wo es vorher zertrennt und vernachlässigt in Verborgenheit ruhte, nun auch bei geringer Aufmerksamkeit sogleich bereit steht. Und wie vieles enthalt mein Gedächtniß, daß nun darin aufgefunden, und wie ich sagte, gleichsam zur Hand gelegt ist, wovon wir sagen, daß wir es gelernt und erkannt hatten! Versäum' ichs, in maßigen Zeiträumen es wieder hervorzurufen: so sinkt es wieder zu Boden, und stürtzt hinab, wie in verborgenere Behälter, so daß ich es, wie etwas Neues wieder heraus denken muß. Ferner enthält das Gedächtniß der Zahlen und Ausdehnungen unzählbare Verhältniss' und Regeln, deren keine durch Körpersinn empfangen wird, weil sie weder Farbe haben, noch Ton, noch Geruch, noch Geschmack, noch Fühlbarkeit. Ich hörte die Töne der Worte, wodurch sie bezeichnet werden: wenn man von ihnen redet: aber jene sind ganz etwas Anderes, als diese; denn diese tönen anders griechisch anders lateinisch: jene Ding' aber sind nicht griechisch noch lateinisch, noch sonst einer Sprache. Ich sah Linien von Künstlern, wohl so feine wie der Spinnefäden: aber meine mathematischen Linien sind andre, nicht Bilder dieser, die mir das Aug' anzeigte. Man kennt sie, wenn man sie, ohne das geringste Körperliche dabei zu denken, innerlich erkennt. Auch die Zahlen die wir zählen, fand ich wohl in der Empfindung aller meiner 262 A. Augustinus Bekenntnisse. Sinne: doch andre sinds, womit wir zahlen, und jene sind nicht die Bilder dieser, sondern bestehn für sich. Verlache mich der, der dies nicht erkennt, und ich traur' über den Verlachenden. Dies Alles enthalt mein Gedachtniß, auch wie ich es kennen lernte, enthalt es. Auch viele ganz falsche Einwürfe dagegen Hab' ich gehört, und mein Gedachtniß enthalt sie; und obwohl sie falsch sind: so ist es doch nicht falsch, daß ich mich ihrer erinnere, und richtig unterschieden Hab' ich jenes Wahre von diesen falschen Einwürfen. Auch dessen erinner' ich mich, daß ich ehedem, wann ich oft über derlei sann, oft anders unterschied, als ich jetzt unterscheide. So auch erinner' ich mich, daß ich Jenes schon öfter verstand; und wie ichs jetzt unterscheid' und verstehe, bewahr' ichs auf im Gedachtniß, auf daß ich mich in Zukunft erinnere, wie ichs jetzt verstand. Also erinner' ich mich auch der Erinnerung, und in Zukunft werd' ichs mich erinnern, daß ich mich jetzt wieder erinnern könnt', und das Alles durch die Kraft des Gedächtnisses. Auch die Regungen meines Geistes enthalt das Gedachtniß: nicht so, wie der Geist fühlt, sondern ganz anders, und der Kraft des Gedächtnisses gemäß. Denn auch freudelos erinner' ich mich der vergangnen Traurigkeit, und furchtlos der vorigen Furcht, und begierdenlos der ehemaligen Begierde. Im Gcgentheil der vorübcrgegangnen Traurigkeit erinner' ich mich mit Freud', und mit Trauer der vorübergegangnen Freude. In Rücksicht des Körpers, ist dies nicht zu bewundern, denn ein Anderes ist der Geist, ein Anderes Zehntes Buch. 263 der Körper. Wenn ich mich des vorübergegangnen Körperschmerzcns mit Freuden erinnere, so ist das so kein Wunder. Hier aber, wenn der Geist das Gedachtniß selbst ist, (denn, wenn wir Jemanden austragen, etwas im Gedachtnisse zu behalten, sprechen wir: Du, behalte das im Geist! und versprechen wir etwas, so sprechen wir: Ich wüßt' es, aber es ist meinem Geist entfallen; und nennen so selbst das Gedachtniß den Geist). Wie geschieht es denn: daß erinner' ich mich vergangner Traurigkeit mit Freude, Freud' im Geist ist, und im Gedachtnisse Traurigkeit? und daß freudig der Geist ist, weil Freud' in ihm ist, und das Gedachtniß, da doch Traurigkeit darin ist, nicht traurig ist? Gehört vielleicht das Gedachtniß nicht zum Geiste? Wer behauptete das? Ist also das Gedachtniß etwa gleichsam des Geistes Magen, Freud' aber und Trauer wie süße Speis' und bittre? und werden jene Dinge, wenn sie dem Gedachtniß übergeben werden, gleichsam in den Magen gesenkt, wo sie aufbewahrt, aber nicht geschmeckt werden können? Lacherlich ist es, unter diesen Dingen eine Ähnlichkeit anzunehmen: aber durchaus unähnlich sind sie nicht. Doch siehe! Wann ich sag', es gebe vier Regungen, die den Geist verwirren; so nehm' ich Begier und Freude, Furcht und Trauer aus dem Gedachtnisse hervor; und was ich darüber reden möge, jene nach Art und Gattung eintheilend und ihre Natur bestimmend, das find' ich dort, und nehm' es hervor: aber keine ihrer Verwirrungen verwirrt mich, wenn ich ihrer mich erinner' und gedenk', und eh' ich mich ihrer erin- 264 A. Augustinus Bekenntnisse. nerte und sie hervornahm, waren sie da: durch die Erinnerung konnten sie deßhalb hervorgeholt werden. Vielleicht also, wie die Speis' aus dem Magen durch der Thiere Wiederkauen hervorgebracht wird, so aus dem Gedachtnisse Jene durch Erinnerung? Warum schmeckt denn nicht im Munde des Denkens der darüber Redende, das heißt, der sich ihrer Erinnernde, der Freude Süßigkeit, oder die Bitterkeit der Trauer? Liegt hier das Unähnliche, weshalb es nicht durchaus ahnlich ist? — Wer würde denn über solches reden wollen, wenn wir, so ost wir Trauer nannten oder Furcht, auch jedesmal zu trauren oder zu fürchten ge- nöthigt würden? Und dennoch redeten wir darüber nicht, wenn wir nicht allein das Bild des Schalls ihrer Benennunzen, wie es des Körpers Sinne herbeiführten, in unserm Gedachtnisse vorfanden, sondern auch dieser Dinge Begriffe selbst, die wir durch keine Thüre des Fleisches erhielten, und die der Geist selbst, durch Erfahrung seiner Leidenschaften sie erkennend, dem Gedachtniß anvertraut', oder auch von Letzterem ohne dies Anvertrauen, für sich selbst aufbewahrt wurden. Ob dies aber durch Bilder oder nicht? Wer bestimmt das so leicht? Ich nenn' einen Stein, ich nenne die Sonne: wann auch die Sachen selbst meinen Sinnen nicht gegenwartig sind, so sinds doch ihre Bilder meinem Gedachtniß. Ich nenne Schmerz des Körpers; er ist nicht da, und mich schmerzt nichts- aber wäre sein Bild nicht meinem Gedachtniß gegenwärtig, so wüßt' ich nicht, was ich sprächst, und wenn Zehntes Buch. 265 ich darüber redete, unterschied' ich ihn nicht von Lust Ich nenne Gesundheit des Körpers, wahrend mein Körper gesund ist: die Sache selbst ist zwar wirklich da, doch wäre nicht auch ihr Bild in meinem Gedachtnisse, so erinnerte ich mich auf keine Weise, was der Laut dieser Benennung bezeichnete; und eben so wenig erkannten Kranke, was unter Gesundheit verstanden würde, wenn nicht deren Bild ihr Gedächtniß erhielt', obwohl die Sache selbst ihrem Körper mangelt, — Ich nenne Zahlen, womit wir zahlen; und nicht ihre Bilder sind meinem Gedachtnisse gegenwärtig, ssndern sie selbst, — Ich nenne der Sonne Bild; und dies ist meinem Gedächtnisse gegenwärtig. Denn nicht das Bild des Bildes, sondern dies Selbst geht hervor, und ist meiner Erinnerung gegenwärtig. Ich nenne das Gedächtniß; und ich erkenne, was ich nenne: und wo erkenn' ichs, außer im Gedächtnisse selbst? Ist auch dies sich nur durch sein Bild gegenwärtig, und nicht durch sich selbst? Und wenn ich das Vergessen nenn', und gleichfalls erkenne, was ich nenne; wie würd' ichs erkennen, wenn ich mich dessen nicht erinnerte? Ich nenne nicht den Laut der Benennung, sondern die Sache, die dadurch benannt wird; und hätt' ich ihrer vergessen, so vermocht' ich offenbar nicht, zu erkennen, was jener Laut bezeichnete. Wenn ich mich also des Gedächt-, nisscs erinnere, so ist das Gedächtniß in sich selbst gegenwärtig: erinner' ich mich aber des Vergessens, so ist Gedächtniß zugleich mir gegenwärtig und Vergessen: Gedächtniß, durch das ich mich erinnere, Vergessen, 12 263 A. Augustinus Bekenntnisse. dessen ich mich erinnere. Aber was ist Vergessen, als Mangel des Gedächtnisses? Wie also crinner' ich mich des gegenwärtigen Vergessens, da ich mich dann, wann es da ist, nicht erinnern kann? Wenn wir nun das, dessen wir uns erinnern, im Gedächtniß aufbewahren, wir mns aber des Vergessens erinnern, weil wir sonst, indem wir dessen Benennung hörten, keineswegs er- kännten, was durch diesen Laut bezeichnet würde, so folgt, daß das Vergessen im Gedächtniß aufbewahrt werde. Es ist da, damit wir nicht seiner vergessen mögen, indem wir, wenn es da ist, vergessen. Erhellt hieraus, daß es nicht selbst im Gedächtniß ist, wann wir dessen gedenken, sondern nur durch sein Bild? Denn wenn das Vergessen selbst da wäre, so würd' es nicht bewirken, daß wir uns erinnerten, sondern daß wir vergäßen. Und wer vermag dies zu erforschen? Wer zu begreifen wie es sei? Sicher Ich, Herr, erliege hier, erlieg' unter mir selbst! Ich bin mir ein Land der Beschwerde geworden und gar vieles Schweißes. Jetzt forschen wir nicht nach Himmelsgegenden, messen nicht aus der Gestirne Zwischenräum', und ergründen nicht der Erde Gleichgewicht: Ich bin es, der ich mich erinnere, Ich Geist. Kein Wunder, wenn mir das so fremd ist, was nicht Ich bin. Aber was ist mir naher, als ich mir selbst? Und siehe! meines Gedächtnisses Kraft begreif' ich nicht, da ich mich doch selbst ohne dies nicht nännte. Was werd' ich sagen, wenn icb sicher bin, daß ich des Vergcssens mich erinnere? Sag' ich, das sei nicht in meinem Gedächtnisse, dessen Zehntes Buch. 9g7 ich mich erinnere? oder sag' ich, deßbalb sei das Vergessen in meinem Gedächtnisse, damit ich nicht vergesse? Beides ist höchst ungereimt. Wo ist das dritte? wie kann ich sagen, daß das Bild des Ver- gesscns in meinem Gedachtnisse vorhanden sei, nickt das Vergessen selbst, wann ich mich dessen erinnere? Wie kann ich das sagen, da, wenn irgend eines Dinges Bild dem Gedächtniss' eingedrückt wird, das Ding zuvor nothwcndig da sein muß, damit dessen Bild eingedrückt werden könne? So erinner' ich mich Karthagos, so aller Orte, wo ich war; so des Angesichts der Menschen, die ich sah, und Alles dessen, was die übrigen Sinne verkündeten; so meines Körpers Wohls oder Wehes. Als diese Dinge da waren, fing das Gcdachtniß ihre Bilder auf, daß ich sie wie gegenwärtig schauen könnt' und betrachten im Geiste, wann ich ihrer, auch der Abwesenden, mich erinnerte. Wenn also im Bilde, nicht selbst, das Vergessen im Gedächtnis ausbehalten wird; so war es sicher da, auf daß dessen Bild erfaßt werden konnte. Als es aber da war, wie zeichnet' es sein Bild ins Getachtniß, wenn auch das, was schon aufgezeichnet war, durch die Gegenwart des Vergessens ausgelöscht, wird? und dennoch, seis auch unbegreiflich und unerklärbar, wie es geschehe, bin ich auf alle Weise sicher, daß ich mich des Vergcssens erinnere, wodurch das, dessen ich mich erinnere, verlöscht wird. Groß ist die Kraft des Gedächtnisses! Ich weiß nicht, welches Erstaunenswürdige, mein Gott; eine tiefe und unendliche Vielfältigkeit! Und dies ist der 12* 268 A. Augustinus Bekenntnisse. Geist, und dies bin Ich selbst! Was also bin ich, mein Gott? Welch eine Natur bin ich? Ausgebreitetes vielartiges Leben, unermeßliches! Sieh, in meines Gedächtnisses unzahlbaren Feldern, Räumen und Höhlen, voll unzahlbarer Arten von Dingen, entweder in Bildern, wie die von allerlei Körpern, oder in der Wirklichkeit, wie Wissenschaften, oder, ich weiß nicht, welche Merkmal' oder Bemerkungen, wie z. B. von Regungen des Geistes, die, wann auch der Geist nicht erregt ist, das Gedächtniß enthalt, da doch im Geist ist, was im Gedachtniß ist: — in diesem allen irr' ich umher, wende mich hierhin und dorthin, durchdring' auch, so vieles ich vermag, und nirgend ein Ende! so groß ist die Kraft des Gedächtnisses! so groß des Lebens Kraft im sterblich-lebenden Menschen. Wie also beginn' ichs, du mein wahres Leben, mein Gott? Übergehn will ich auch diese meine Kraft, Gedächtniß genannt; Übergehn will ich sie, auf daß ich zu dir gelange, süßes Licht. Was sagst du mir? Sieh! ich steige durch meinen Geist hinauf zu dir, der über mir wohnt! Übergehen will ich auch jene meine Kraft, die Gedächtniß genannt wird, und dich erreichen, wo du erreichbar bist, und mich dir anschließen, wo ich mich dir anschließen kann. Denn Gedächtniß haben auch Bich und Gevögel, sonst kehrten sie nicht zurück zu ihren Lägern und Nestern, nicht zu vielem Andern, woran sie gewohnt sind; auch vermöchten sie nicht, sich an irgend etwas zu gewöhnen, als nur durch das Gedächtniß. Übergehen also will ich auch das Gedächtniß, daß ich ihn erreiche, der mich sonderte Zehntes Buch. Zsiö von den vierfüßigen Thieren, und mich verständiger schuf, als die Vögel des Himmels, Das Gedachtniß will ich übergehen. Und wo sind' ich dich, wahrhaft gute und sichre Süßigkeit? Und wo sind' ich dich? Wenn ich dich außerhalb des Gedächtnisses finde, gedenk' ich deiner nicht; und wie sind' ich dich nun, wenn ich deiner nicht gedenke? Denn das Weib halt eine Drachme verloren, und suchte sie'bei der Leuchte; und gedachte sie ihrer nicht, so fand sie sie nicht. Denn als sie gefunden war, woher erkannte sie sie für dieselbe, wenn sie ihrer nicht gedachte? Ich erinnere mich manches Verlorne gesucht und gefunden zu haben. Woher weiß ich dies? Daher: Fragte man mich wahrend dem Suchen: ist es etwa dies? etwa jenes? so verneint' ichs so lange, bis das dargeboten ward, was ich suchte. Gedacht' ich nicht, was das Gesuchte wäre, so fand' ichs nicht, würd' es mir auch dargeboten, weil ich es nicht erkannte. Und so geschiehts immer, wann wir etwas suchen und finden. Wenn etwas sich von ungefähr aus den Augen verlor, nicht aus dem Gedächtnisse, wie irgend ein sichtbarer Körper; so ist innerlich dessen Bild zurückbehalten, und man sucht,- bis es wieder vor den Blick kommt. Findet man es, so erkennt mans durch das Wild, was innerlich ist. Wir sagen auch nicht, wi.r hatten gefunden, was verloren war, bis wirs wiedererkennen; und erkennen können wirs nicht, bis wir uns dessen erinnern. Den Augen zwar war es verloren, doch im Gedachtnisse war es noch. — Wenn aber das Gedachtniß selbst etwas verliert, wie's beim 270 A. Augustinus Bekenntnisse. > Vergessen geschieht, und wir suchen uns dessen wieder zu erinnern; wo suchen wir, als im Gedächtnisse selbst? Und wird das Unrechte dargeboten, so weisen wir es zurück, bis Jenes ausstößt, was wir suchen. Und stößt es auf, so sagen wir.- dies ist es! Wir sagten das nicht, erkannten wirs nicht, und crkänntens nicht, erinnerten wir uns dessen nicht. Gewiß hatten wir es doch vergessen. War es uns nicht ganz entfallen, und suchten wir vermittelst des Thcils, der noch aufbehalten war, den andern, weil das Gcdachtniß fühlte, daß es das nicht mehr ganz faßte, was es vorher ganz zu fassen pflegte, und, gleichsam durch der Gewohnheit Unterbrechung schwankend gemacht, sich sehnte, wieder zu haben, was fehlte? so, wenn wir einen bekannten Menschen entweder mit Augen sehn, oder ihn uns vorstellen, und seinen vergeßnen Namen aussuchen; so wird alles Nichthingehvrende, was sich etwa darbeut, nicht angeknüpft, weil wir es nicht mit Jenem in Verbindung zu denken gewohnt sind; zurück weisen wirs, bis jenes erscheint, womit sich die gewohnte Bekanntschaft beruhigt. Und wo findet sichs, als im Gedächtnisse selbst? Denn wenn wirs auch durch die Erinnerung eines Andern wiedererkennen, so wars doch dort. Denn nicht als etwas uns Neues glauben wirs; sondern in unsrer Erinnerung erkennen wir, daß es das sei, was man uns vorsagte. Wenn aber etwas ganzlich aus dem Gedächtnisse gelöscht ist, so erinnern wir uns dessen auch nicht durch die Erinnerung eines Andprn. Denn nicht ganz vergaßen wir etwas, dessen vergessen zu haben wir uns erinnern. Jenes Verlorne Zehntes Buch. 271 also können wir nicht suchen, dessen wir gänzlich vergessen haben. Wie also such' ich dich, Herr? Denn, wenn ich meinen Gott sucbe, such' ich glückseliges Leben. Ich will dich suchen; auf daß meine Seele lebe. Denn mein Körper lebt von meiner Seel', und meine Seele lebt von dir. Wie such' ich also glückseliges Leben? Denn ich Hab' es nicht, bis ich sag': es ist genug! und es dort sage, wo ich es sagen muß. Wie such' ich es? durch die Erinnerung, als wenn ichs vergessen Hab', und des Vcrgessens mir noch bewußt bin? oder durch den Drang, es kennen zu lernen als etwas Unbekanntes, was ich entweder nie kaunt', oder so vergaß, daß ich mich auch nicht des Bergessens erinnere? Ist eS nicht glückseliges Leben, was Alle sich wünschen, und durchaus Keiner nicht wünscht? Woher kennen sie es, daß sie es so wünschen? Wo sahn sies, daß sie es liebten? Gewiß haben wirs in uns; auf welche Weise, weiß ich nicht. Und verschieden ist die Weise, auf die Jemand, der es hat, glückselig ist. Einige sind durch die Hoffnung glückselig, auf eine geringre Weis' aber sind sies, als jene, die in der That glückselig sind, dennoch wieder mehr, als Jene, die nicht in That und nicbt in der Hoffnung glückselig sind. Und auch diese wünschten nicht so sehr glückselig zu sein, wenn es nicht auf irgend eine Weis' in ihnen war': und daß sie es wünschen ist unleugbar. Ich weiß nicht, wie sies kennen lernten, und wie sie also eine gewisse Erkenntniß davon haben, wovon ich wissen möcht' ob sie im Gedächtnisse sei: denn wenn sie bort 272 A. Augustinus Bekenntnisse. ist, so waren sie schon einmal glückselig. Ob wir es alle einzeln oder gesammt in jenem Menschen waren) der zuerst sündigte, in dem wir Alle starben, und wodurch wir Alle dem Elend geboren wurden, danach forsch' ich jetzt nicht, sondern ich forsche, ob im Gedächtnisse sei glückseliges Leben? Denn wir liebten es nicht, kannten wir es nicht. Wir hören die Benennung, und wir Alle gcstchn, daß wir die Sache wünschen. Denn nicht der Laut ergötzt uns: hört ihn lateinisch der Grieche, so erfreut er ihn nicht, weil er nicht weiß, was angedeutet wird. Uns aber erfreut er, so wie auch ihn, wann er ihn griechisch hört. Denn nicht griechisch noch lateinisch ist die Sache selbst, nach deren Erlangung sich Griechen und Lateiner sehnen, und aller Sprachen Menschen. Allen also ist es bekannt, weil Alle, könnten sie mit Einer Stimme gefragt werden, ob sie glückselig zu sein wünschten, ohne anzustehn antworten würden, sie wünschten es. Und das geschähe nicht, wenn nicht die Sache selbst, deren Benennung Jenes ist, in ihrem Gedächtnisse vorhanden wäre. Geschieht es etwa so, wie sich einer Karthagos erinnert, der es sah? Nein, denn nicht mit den Augen wird das glückselige Leben gesehen, weils kein Körper ist. — Etwa so, wie wir uns der Zahlen erinnern? Nein, denn der sie in der Erkenntniß hat, sucht nicht noch, sie zu erlangen. Glückseliges Leben aber haben wir in der Erkenntniß, und dcßhalb lieben wirs: und dennoch wünschen wirs zu erlangen, auf daß wir glückselig sein. — Etwa, wie wir uns der Zehntes Buch. - 273 Beredsamkeit erinnern? Nein, denn obschon auch Jene, die noch nicht beredsam sind, beim Hören der Benennung sich der Sache selbst erinnern, und Viel' aus ihnen beredt zu sein wünschen, woraus erhellt, daß die Beredsamkeit in ihrer Erkenntnß sei; so waren sie doch mit Kvrpcrsinnen auf andre Beredtere aufmerksam, hatten ihre Lust an ihnen, und wünschten, wie sie zu sein, obwohl sie freilich nur durch innere Erkenntniß ihre Lust hatten, und nicht Jenes wünschten, hatten sie diese Lust nicht. Glückseliges Leben bemerken wir durch keinen Körpersinn an Andern. — Etwa so, wie wir uns der Freud' erinnern? Vielleicht. Denn auch traurig erinner' ich mich der Freude, wie glückseliges Lebens im Elend. Auch nie mit Körpcrsi'nn sah ich meine Freude, oder hörte, schmeckte, roch, fühlte sie: sondern in meinem Geist empfand ichs, wann ich mich erfreute, und dessen Erkenntniß blieb hangen in meinem Gedächtniß, auf daß ich mich dessen zu erinnern vermöchte, zuweilen mit Verachtung, zuweilen mit Sehnsucht, nach Verschiedenheit der Dinge, deren erfreut zu haben ich mich erinnere. Denn auch Freud' über schandliche Dinge durchströmte mich einst, das ich jetzt, da ich daran denke, verabscheu' und verfluche; zuweilen über gute und ehrbare Dinge, dessen ich mich jetzt mit Sehnen erinnere, ob sie gleich eben nicht da sind, und darum erinner' ich mich traurig vergangner Freude. Wo denn und wann empfand ich mein glückseliges Leben, daß ich mich dessen erinner', und es lieb', und mich danach sehne? Auch nicht Ich nur, oder '12 ^ 274 A. Augustinus Bekenntnisse. Wenige mit mir, sondern glückselig wünschen durchaus Alle zu sein. Erkannten wirs nicht in sichrer Erkenntnis so wünschten wir es nicht mit sichcrm Wunsche. Doch wie kanns geschehn, daß, wenn zwei gefragt werden, ob sie im Kriege dienen wollen, der Eine antwort', er wolle, der Andre, er wolle nicht; und daß, werden sie gefragt, ob sie glückselig sein wollen, beide sogleich ohne das geringste Zögern sprechen, sie wünschen es, da doch der Eine im Kriege dienen will, und der Andre es nicht will, beides nur um glückselig zu sein? Vielleicht, weil der Eine über dies, der Andre über jenes sich freut, und Alle in dem Wunsche, glückselig zu sein, so einstimmig sind, wie sie einstimmig sein würden, wenn sie darüber gefragt würden, daß sie sich zu erfreuen wünschten, diese Freude selbst glückseliges Leben nennend? Obschon es Einer hier, ein Andrer dort zu finden sucht, so ist doch Eins, wohin Alle streben: sich zu erfreuen. Und weil dies etwas ist, was nicht erfahren zu haben keiner sagen kann; so wird es deßhalb im Gedachtnisse vorgefunden, wann man die Benennung des glückseligen Lebens Hort. Fern seis, Herr, fern seis von dem Herzen deines Dieners, der dir bekennt, fern seis, daß ich mich, mit welcher Freud' ich mich auch erfreue, ^glückselig achte. Denn eine Freud' ist es, die nicht Gottlosen gegeben wird, sondern denen, die dich ohne Lohnabsicht ehren, und deren Freude Du selbst bist. Und das ist glückseliges Leben, sich erfreuen in Dir, durch dich, wegen deiner: das ist es, und kein anderes ist es. Zehntes Buch. 275 Die es aber ein anderes glauben, streben nach anderer Freud' und nicht nach der wahren. Ader auf ein gewisses Bild von Freude bleibt ihr Wünschen immer gerichtet. Es ist also nicht gewiß, daß. Alle glückselig zu sein wünschen, weil Jene, die sich nicht in Dir zu erfreuen wünschen, das einzig glückseliges Leben ist, eigentlich nicht glückseliges Leben wünschen. Wünschen wohl Alle Jenes? Aber weil das Fleisch gelüstet wider den Geist, und den Geist wider das Fleisch, daß sie nicht thun, was sie wollen; so fallen sie auf das, was sie vermögen, und sind damit zufrieden, indem für das, was sie nicht vermögen, ihr Wille nicht stark genug ist, um es zu vermögen. Denn Alle frag' ich, ob sie lieber an der Wahrheit als an der Falschheit sich erfreuen mögen? Eben so wenig zweifeln sie, es an der Wahrheit lieber zu wollen. Denn glückseliges Leben ist Freud' an der Wahrheit. Denn das ist Freud' an dir, der du die Wahrheit bist, Gott, meine Erleuchtung, Heil meines Angesichts, mein Gott! Dies glückselige Leben wünschen Alle; dies Leben, das einzig glückselig ist, wünschen Alle; Freud' an der Wahrkeit wünschen Alle. Biele kannt' ich, die zu tauschen, keinen, der getauscht zu werden wünschte. Wo also erkannten sie das glückselige Leben, als wo sie die Wahrheit erkannten? Denn sie lieben auch diese, weil sie nicht getauscht sein wollen. Und da sie glückseliges Leben lieben, das nichts Anderes ist, als Freud' an der Wahrheit; so lieben sie sicher auch die Wahrheit, und sie liebten sie nicht, wenn nicht einige 276 A. Augustinus Bekenntnisse. Kenntniß derselben in ihrem Gedächtnisse wäre. Warum erfreuen sie sich also nicht an derselben? Warum sind sie nicht glückselig? Weil zu sehr andre Dinge sie beschäftigen, die sie vielmehr unglückselig machen, als Jenes glückselig, dessen sie nur obenhin bedenken. Denn nur noch ein geringes Licht ist unter den Menschen : wandeln sie vorwärts, wandeln sie, daß Finster- uiß sie nicht ergreife! Warum aber gebährt Wahrheit Haß, und warum ist Jenen ein Feind dein Mann geworden, der die Wahrheit preiset, da man doch glückseliges Leben liebt, das nichts Anderes ist als Freud' an der Wahrheit; als nur weil man so die Wahrheit liebt, daß Alle, die etwas Anderes lieben, dies die Wahrheit zu sein behaupten, und, da sie nicht getäuscht sein wollen, nicht wollen überzeugt werden, getauscht zu sein? Die Wahrheic also hassen sie, um dessenthalben, was sie statt der Wahrheit lieben. Sie lieben sie, wo sie ihnen leuchtet, und hassen sie, wo sie tadelt. Denn weil sie nicht getauscht sein, sondern tauschen wollen;-so lieben sie sie, wo sie sich selbst darstellt, und hassen sie, wo sie sie darstellt. Drum vergilt si'es ihnen, so daß sie Jene, die von ihr nicht enthüllt sein wollen, auch wider ihren Willen enthüllt, sich selbst aber ihnen nicht enthüllt. So auch, eben so auch wünscht der menschliche Geist, der blinde und schwache, der schändliche und verderbte, eben so wünscht er verborgen zu sein; aber daß ihm etwas verborgen sei, wünscht er nicht. Doch das Gegentheil geschieht, und Er ist nicht der Wahrheit, sondern die Wahrheit Ihm verborgen Zehntes Buch. 277 Nichtsdestoweniger, elend wie er ist, will er sich lieber am Wahren erfreuen als am Falschen. — Glückselig also wird der sein, der, ohne daß ihn einiger Kummer stohre, sich an der einzigen Wahrheit selbst erfreut, durch die alles Wahre ist. Siehe, wie vieles ich durchwandelt bin in meinem Gedachtnisse, dich suchend, Herr: und ich fand dich nicht außerhalb desselben; auch fand ich nichts von Dir, wessen ich mich nicht erinnere seit der Zeit, daß ich dich erkannte: denn seit ich dich erkannte, vergaß ich deiner nicht. Wo ich die Wahrheit fand, da fand ich meinen Gott, die Wahrheit selbst, deren ich, seit ich sie erkannte, nicht vergaß. Dcßhalb, seit ich dich erkannte, bleibst du in meinem Gedachtniß, und dort sind' ich dich, wann ich deiner gedenk', und mich erfreu' an dir. Dies sind meine heiligen Freuden, die du mir verliehst durch deine Barmherzigkeit, zurückschauend auf meine Armuth! Aber an welcher Stelle weilst du in meinem Gedächtnisse, Herr? Wo weilst du dort? 'welche Wohnung bereitetest du dir darin? Welches Heiligthum erbautest du dir dort? Dessen, hast du mein Gedachtniß gewürdigt, daß du darin weiltest: aber in welchem Theile, das möcht' ich wissen. Denn deiner gedenkend ging ich hinweg über jene Theile, die auch Thiers haben, weil ich dich dort nicht fand unter den Bildern körperlicher Dinge. Und ich kam zu jenen Thei- len, denen ich die Regungen meines Geistes anvertraut hatt'; und auch dort fand ich dich nicht. Und ich drang hinein zum Sitze meines Geistes selbst, der dort 278 A. Augustinus Bekenntnisse. für ihn ist in meinem Gedächtnisse, weil auch der Geist seiner sich erinnert; und auch dort warst du nicht. Denn nicht das Bild von etwas Körperlichem bist du; noch bist du die Regung eines Belebten, wie jene ist, wann wir uns erfreuen, betrübt sind, begehren, fürchten, uns erinnern, vergessen, und dergleichen mehr; noch bist du der Geist selbst, weil du der Herr und Gott des Geistes bist. Alles dies wird gewandelt: Du aber bleibst unwandelbar über Allem, und ließest dich herab, in meinem Gedachtnisse zu wohnen, wo ich dich erkannte. Und was such' ich, an welcher Stelle du wohnst, als ob Stellen dort waren? Gewiß wohnst du dort, weil ich deiner gedenke, seit ich dich erkannte, und ich finde dich dort, wann ich mich deiner erinnere. Wo also fand ich dich, daß ich dich erkannte? Denn du warst nicht in meinem Gedachtniß, eh' ich dich erkannte. Wo also fand ich dich, daß ich dich erkannt', als nur in Dir über mir? Keine Stelle, wo du nicht bist: und wir entfernen uns, und wir nahen uns; und doch keine Stelle, wo du nicht bist! Allenthalben, o Wahrheit, bist du Allen bereit, die dich um Rath fragen; und Allen antwortest du zugleich, wenn sie auch Verschiedenes fragen. Deutlich antwortest du; aber nicht deutlich hören dich Alle. Alle befragen dich, um welches sie wollen: aber nicht immer hören sie, was sie wollen. Der ist dein treue- ster Diener, der weniger darauf sieht, von dir zu hören, was er selbst will, als vielmehr darauf, das zu wollen, was er von dir hört. Zehntes Buch. 279 Spat Hab' ich dich geliebt, du so alte und so neue Schönheit, spat Hab' ich dich geliebt! Und siehe Du warst in mir, Ich außer mir, und hier sucht' ich dich, und, ungestaltet selbst, siel ich unter die schönen Dinge, die du schufst. Du warst mit mir, mit dir aber war ich nicht. Jene hielten mich sern von dir, sie, die nicht waren, waren sie nicht in dir. Du riefst, und riefst laut, und zerrissest meine Taubheit. Du schimmertest, strahltest, und verscheuchtest meine Blindheit. Du duftetest, und ich athmcte, und seufze nach dir. Ich schmeckte dich, und mich hungert und dürstet. Du berührtest mich, und brennend verlang' ich nach deinem Frieden. Wann ich ganz an dir hangen werde, wird durchaus kein Schmerz, und keine Mühseligkeit für mich, und lebendig seyn mein ganz von dir erfülltes Leben. Nun aber, da du den aufrichtest, den du erfüllst, bin ich mir selbst zur Last, weil ich nicht von dir erfüllt bin. Es kämpft in mir beweinenswürdige Freude mit freudebringendcr Traurigkeit: und auf welcher Seite der Sieg sei, weiß ich nicht. Ach Herr, erbarme dich meiner! Es kämpft in mir böse Traurigkeit mit guter Freud', und auf welcher Seite der Sieg sei, weiß ich nicht. Ach Herr, erbarme dich meiner. Sieh, ich verberge meine Wunden nicht. Du bist der Arzt, ich der Kranke: du bist barmherzig, ich elend. Ist es nicht eine Versuchung, des Menschen Leben auf der Erde? Wer wünscht sich Mühseligkeit und Be- schwerniß? Sie ertragen heissest du uns, nicht lieben. Keiner liebt, was er erträgt, wenn er auch'das Ertragen liebt. Denn erfreut er sich auch des Ertra- 280 A. Augustinus Bekenntnisse. gens, so wünscht er doch, daß das nicht wäre, was er ertragt. Nach glücklichem Leben sehn' ich mich in Widerwärtigkeit; Widerwärtiges furcht' ich im Glücke. Wo ist hier eine Mittclstelle, wo des Menschen Leben j nicht Versuchung ist? Wehe dem Glücke der Welt, und abermal wehe, der Furcht halben vor Widerwärtigkeit, und des Verderbens halben der Freude! Wehe den Widerwärtigkeiten der Welt, und abermal weh', j und dreimal wehe, der Sehnsucht halben nach dem Glück', und deßhalb, weil Widerwärtigkeit selbst IM ist, und das Ertragen schiffbrüchig wird! Ist es nicht eine Versuchung, des Menschen Leben auf der Erd', ohn' Unterlaß? Und meine ganze Hoffnung beruht auf nichts, als auf deiner übergroßen Barmherzigkeit, Herr und Gott! Gib mir, was du befiehlst, und befiehl, was du willst! Du heischest Enthaltsamkeit von uns. Und da ich erkannte, sagt Jemand, daß keiner enthaltsam sein könne, denn Gott geb' es; so war dies schon Weisheit, zu erkennen, wessen Gab' es sei. Denn die Enthaltsamkeit ist es, die uns sammelt und zurückführt zu jener Einheit, wovon wir uns in mancherlei zerstreuten. Denn weniger liebt dich der, der neben dir etwas liebt, was er nicht deinethalben liebt. O immerbrenncnde uieerlöschende Liebe! entzünde mich, Gott, meine Liebe! Enthaltsamkeit heischest du? Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst! Sicher befiehlst du, daß ich mich enthalte von der Wegierlichkeit des Fleisches und der Begierlichkeit der Augen, und von der Ehrsucht der Welt. Du befahlst, Zehntes Buch. 281 daß ich mich enthielte von ungeordnetem Beischlafe, und ermahntest zu etwas, das besser ist, als die Ehe, die du erlaubtest. Und weil du es gabst, geschah es, und noch eh' ich der Ausspender deiner Geheimnisse ward. Aber noch leben in meinem Gedachtnisse, worüber ich so vieles sprach, Bilder jener Dinge, die dort meine Gewohnheit festigte; und sie erscheinen mir zwar im Wachen ohne Kraft, im Schlaf aber nicht nur bis zur Belustigung, sondern sogar bis zur Einwilligung und höchstähnlichcr Handlung. Und so viel vermag die Täuschung des Bildes in meiner Secl' und in meinem Fleische, daß dem Schlafenden ein falsches Gesicht zu dem verleitet, wozu den Wachenden ein wahres nicht verleiten kann. Bin ich alsdann nicht mehr ich, Herr mein Gott? Und doch ist ein solcher Unterschied zwischen mir und mir seit dem Augenblicke, wo ich einschlummre, und seit ich erwache! Wo ist dann die Vernunft, wodurch der wachende Geist jenen Versuchungen widersteht? Und versucht die Sache selbst, so bleibt er unerschüttert! Schließt sie sich mit den Augen? Schlummert sie mit den Sinnen des Körpers? Und wie widersteh» wir auch oft im Traum, und geben, eingedenk unsers Vorsatzes, und unerschütterlich in der Keuschheit, keinen Beifall jenen Reizungen? Und doch ist hier ein so großer Unterschied, daß wir, geschieht das Gegentheil, beim Aufwachen zur Ruhe des Gewissens zurückkehren, und daß es eben dieses Unterschiedes halben uns daucht, als hatten es nicht wir gcthan, so sehr es uns auch schmerzt, daß es, auf welche Art auch immer, in uns 282 A, Augustinus Bekenntnisse. geschehen ist. Vermag deine machtige Hand es nicht, allmachtiger Gott, alle Schwachheiten meiner Seele zu heilen, und mit größerer Fülle deiner Gnade die geilen Regungen auch meines Schlummers zu tilgen? Immer mehr und mehr, Herr, wirst du in mir deine Gaben vergrößern, auf daß meine Seele mir folge zu dir, entlöst vom Leime der Begierlichkeit, damit sie nicht strebe wider sich selbst, und damit sie im Traume nicht allein sich nicht hinreißen lasse durch thierische Bilder zu jenen Schandlicbkeitcn bis zum Ergüsse des Fleisches; sondern daß sie nicht einmal einwillige- Denn daß nichts dergleichen, auch nicht so wenig, daß es nur einen Augenwink lang dauerte, uns gefall', und auch selbst die keuschen Regungen des Schlafenden nicht störe, und daß nicht allein in diesem Leben, sondern auch in diesem Alter: das ist nichts Schweres für dich Allmachtigen, der mehr zu verleihen vermag, als wir bitten und erkennen. Dennoch, wie es sei mit mir in Rücksicht dieses Übels, Hab' ich jetzt meinem gütigen Herrn bekannt, frohlockend mit Zittern in dem, was du mir gabst, und traurend, daß ich noch unvollkommen bin, und hoffend, du werdest an mir deine Barmherzigkeit vollenden bis zum völligen Frieden, welchen mein Inneres und mein Äußeres mit dir haben wird, wann der Tod durch den Sieg verschlungen ist. Noch eine andre Plage gibts für jeden Tag, und > wollte Gott, Sie wäre die einzige. Denn wir ersetzen den taglichen Werfall des Körpers durch Essen und ' Trinken, bis du die Speisen zerstörst und den Bauch, Zehntes Buch. 283 indem du meine Bedürftigkeit verscheuchen wirst durch wunderbare Sättigung, und dies Vergängliche umgeben mit ewiger Unvergänglichkeit. Nun aber ist mir süß mein Bedürfnis;: und gegen diese Süßigkeit streit' ich, auf daß sie mich nicht umstricke, und täglichen Krieg führ' ich durch Fasten, oft zum Gehorchen meinen Körper zwingend: und doch ist es Wollust, meine Schmerzen zu vertreiben. Denn Hunger und Durst sind Schmerzen, sie brennen, und gleich dem Fieber tödten sie, wo nicht der Nahrung Arznei zu Hülfe kömmt, Da diese vorhanden ist in der Fülle deiner Gaben, wodurch Erd' und Wasser und Himmel unsrer Schwachheit dienen; so nennen wir unsre Beschwernisse Vergnügen. So lehrtest du michs, auf daß ich wie Arznei die Nahrung genießen möchte. Doch wann ich aus belästigender Bedürfniß zur Behaglichkeit der Sättigung übergehe; so lauert auf mich eben in diesem Übergange die Schlinge der Begier- lichkeit. Denn der Übergang selbst ist Wollust, und einen andern Übergang gibt es nicht, als diesen, wozu uns die Roth zwingt. Und da die Gesundheit der Zweck des Essens und Trinkens ist, so findet sich, wie eine gefährliche Fußfolgerin, Belustigung ein, und strebt sogar oft, voranzugehn, damit ihrethalben geschehe, was ich der Gesundheit halben zu thun beschloß. Auch sind beide Zwecke nicht gleich geeignet: was der Gesundheit genügt, ist der Lust wenig. Und oft wirbs ungewiß, ob die nöthige Sorge für den Körper die Nothdurft sordre, oder ob nur der täuschenden Lust der Begier gefrohnt sein will. Bei die- 284 A. Augustinus Bekenntnisse. ser Ungewißheit erfreut sich die unglückliche Seele, und sucht hier ihre Entschuldigung zu gründen, froh, daß es nicht klar sei, wie viel zur Erhaltung der Gesundheit nöthig ist, um durch diesen Borwand das Werk der Wollust zu decken. Diesen Versuchungen strebt' ich taglich zu widerstehen, und rufe deine Rechte zu meiner Hülfe, und zu dir wend' ich mich in meiner Angst, weil ich noch nicht sichern Rath weiß in dieser Sache. Ich höre den Befehl meines Gottes: beschwert eure Herzen nicht mit Übermaß des Essens und Trinkens! — Die Trunkenheit ist fern von mir; erbarme dich, daß sie mir nicht nahe. Eßbegicr aber überkommt zuweilen deinem Diener; erbarme dich, daß sie mir fern werde. Denn keiner kann enthaltsam sein, wenn du es ihm nicht gibst. Vieles verleihest du auf unser Bitten; und was wir Gutes erhielten, eh' wir baten, erhielten wir von dir; und daß wir dies hernach erkannten, erhielten wir auch von dir. Dem Trünke war ich nie ergeben: aber ich kenne Trunkenbolde, die Nüchterne wurden durch dich. Daß Jen' es nicht sein, die es nie waren, geschah also durch dich, durch den es geschah, daß es Jene nicht immer waren, die es waren, durch den es auch geschah, daß beid' es wüßten, durch wen es geschah. Auch eine andre Stimme hört' ich von dir: Deinen Begicrlichkciten gehe nicht nach, und von deinen Lüsten wende dich hinweg! — Durch deine Gabe hört' ich auch jene Stimm', und liebte sie sehr: Seis daß wir essen, und werden darum nicht mehr, scis daß wir nicht essen, und wir werden darum nicht Zehntes Buch. 285 weniger Huben. Das heißt: Jenes wird- mich nicht glücklich, dies nicht unglücklich machen. — Und eine andre Stimme hört' ich: Denn ich habe gelernt, mit dem Gegenwärtigen mich zu begnügen, und weiß Überfluß zu haben, und Mangel zu dulden. Alles vermag ich in Dem, der mich stärkt! — Siehe da einen Krieger aus dem himmlischen Lager, nicht Staub, wie wir! Aber gedenke, Herr, daß wir Staub sind, und aus Staube schufst du auch diesen Menschen; auch er war verloren und ist wiedergefunden. Auch er, den ich liebe, da er dies durch den Hauch deiner Eingebung spricht, vermocht' es nicht durch sich selbst, weil er eben so Staub war. Alles vermag ich, sagt er, in dem, der mich stärkt! — Stärke mich, daß ichs vermöge. Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst. Er bekennt, daß es ihm verliehn sei, und wessen er sich rühmt, dessen rühmt er sich im Herrn. Einen andern hört' ich bitten, daß ihm verliehen würde: nimm hinweg von mir, spricht er, die Begier- lichkeit des Bauches! Daher erhellt, daß du gebest, heiliger Gott, wenn das geschieht, was du befiehlst. Du lehrtest mich, gütiger Bater, daß den Reinen Alles rein sei, aber daß es böse sei, wenn der Mensch Ärgerniß gibt durch Essen; und: daß alle deine Schöpfung gut, und nichts zu verwerfen sei, was mit Dank empfangen wird; und: daß die Speis' uns unserm Gotte nicht empfehle; und: daß keiner uns richten soll nach Speis' und Trank; und: daß der Essende den Nichtessenden nicht verachten soll', und der Nichtessende den Essenden nicht richten. Dies HKS -"Kl 286 A. Augustinus Bekenntnisse. lernt' ich; Dank dir, ssreis dir, meinem Gotte, meinem Lehrer, dem Eröffner meiner Ohren, dem str- leuchter meines Herzens! Entreiße mich aller Versuchung! — Ich fürchte nicht die Unreinheit der Speisen, sondern die Unreinheit der Begierde. Ich weiß, ! daß dem Noah aller Art Fleisch, was gegessen werden könnt', erlaubt war; daß Helias mit der Speise des Fleisches erquickt ward; daß dem Johannes, einem Manne wunderbarer Enthaltsamkeit, Thiere, Heuschrecken nemlich, zur Speise dienten, und daß er nicht davon verunreinigt ward. Und ich weiß, daß Estin durch die Begierde nach den Linsen hintergangen ward; daß'David wegen seines Verlangens nach Wassersich selbst strafte: und daß unser König nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht ward. Deßhalb verdient' auch das Volk in der Wüste, gestraft zu werden, nicht weil es Fleisch verlangte, sondern weils im Verlangen ! nach Speise murrte wider den Herrn. Diesen Versuchungen also ausgesetzt, streit' ich taglich gegen die Begierlichkeit zu essen und zu trinken. Denn es ist nicht etwas, was ich einmal hinwegzuschaffen, und dann dessen nicht ferner zu gedenken beschließen kann, wie beim Beischlafe. Drum ist bei den Zügeln der Eßlust ein gemäßigtes Nachlassen und Anziehn zu beobachten. Und wer ist, Herr, de» sie nicht zuweilen ein Weniges hinausreißt über das Ziel des Nothwendigcn? Wer er auch sei, der ist ^ groß, und er preise deinen Namen! Ich aber bin es i nicht, denn ich bin ein sündigender Mensch. Aber auch Ich preise deinen Namen, und es bittet dich für Zehntes Buch. 287 meine Sünden Jener, der die Welt überwand, mich zählend unter die schwachen Glieder seines Körpers: denn auch dessen Unvollkommncs sehen deine Augen, und in deinem Buche werden Alle aufgeschrieben l Die Reize des Wohlgerucks kümmern mich wenig, Ist er nicht da, such' ich ihn nicht; ist er da, verschmäh' ich ihn nicht, bin auch bereit, immer seiner zu entbehren. So scheine ich mir: vielleicht irr' ich. Denn bewcinenswürdig ist auch jene Finsterniß, die das Vermögen, das in mir ist, mir verbirgt, so daß mein 'Geist, wann er seine eignen Kraft' erforscht, sich nicht leicht Glauben beimißt, weil auch das, was wirklich in ihm ist, ihm so oft verborgen ist, wenn es ihn Erfahrung nickt lehrt. Und keiner darf sicher sein in diesem Leben, welches ich ganz Versuchung nannte, daß er, welcher aus einem Schleckten ein Besserer ward, nicht aus dem Besseren ein Schlechterer werde. Eine Hoffnung ist, Eine Zuversicht, Eine feste Verheißung: deine Barmherzigkeit. Die Wollust der Ohren hatte mich starker umschlungen und unterjocht, du aber lösetest und befreitest mich. Jetzt thun mir die Töne wohl, die deine Worte beleben, wann sie mit süßer gebildeter Stimme gesungen werden, das gesteh' ich, aber nicht so, daß ^ sie mich fesseln, sondern ich kann mich losreißen wann ich will. Dennoch verlangen sie zugleich mit den Gedanken, wodurch sie leben, Eingang bei mir, und eine gewisse Stelle der Würd' in meinem Herzen: und ich . weiß nicht, ob ich ihnen die schickliche anweise. Denn zuweilen scheints mir, ich geb' ihnen mehr Ehr', als 288 A. Augustinus Bekenntnisse. ihnen gebührt; denn ich suhle, daß durch jene heiligen Worte inbrünstiger und feuriger unsre Seelen erregt werden zur Flamme der Gottesfurcht, wenn sie so gesungen werden, als wenn sie nicht so gesungen würden, und daß alle Regungen unsers Geistes ihre verschiedenen entsprechenden Weisen haben in Stimm' und Gesang, wodurch sie, wie durch heimliche Vertrautheit, geweckt werden. Aber diese Sinnenlust, der man den Geist nicht zur Entnervung hingeben soll, tauscht mich oft, indem der Sinn die Vernunft nicht so begleitet, daß er geruhig der letzte sei: sondern da er einmal ihrethalben gewürdigt ward, zugelassen zu werden, strebt er auch voran zu gehn und Führer zu sein. So sündig' ich in diesem, ohn' es zu wissen; aber hernach erkenn' ichs. Aber auch zuweilen, zu sehr mich hütend vor derlei Tauschung, irr' ich in übertriebener Streng', und besonders, wann ich wünschte, daß aller Wohllaut süßer Gesänge des davidischen Psalters von meinen Ohren und selbst aus der Kirche verbannt sei. Und sicherer scheints mir, was ich oft vom Alexandriner Bischof Athanasius hörte, der eine so maßige Biegung der Stimme dem Leser des Psalms anempfahl, daß es mehr dem Hersagen als dem Absingen ahnlich wäre. Wann ich aber meiner Thranen gedenke, die ich beim Gesänge deiner Kirche im Anfang meines Christenthums vergoß, und wie ich noch jetzt bewegt werde, nicht durch den Gesang, sondern durch das, was gesungen wird, wenn es mit sanfter Stimm', und in anpassender Weise gesungen wird; so erkenn' ich wie- Zehntes Buch. 289 derum den großen Nutzen dieser Einrichtung. So schwank' ich zwischen der Gefahr der Wollust und der Erfahrung des Bortheils, doch mehr geneigt, (obwohl dies nicht unerschütterlich behauptend) die Gewohnheit des Singens in der Kirche gut zu heißen, auf daß durch des Ohres Ergötzung der schwächere Geist zur Empfindung der Gottesfurcht erhoben werde. Dennoch, wenn es mir geschieht, daß mich mehr der Gesang als die gesungene Sache bewegt, erkenn' ich, straflich zu sündigen, und so möcht' ich lieber den Sanger nicht hören. — Seht, wie ich bin! Weint mit mir, und weint für mich, ihr, die ihr innerlich Gutes hegt, und danach euer Handeln ordnet. Denn die ihr es nicht hegt, nicht Euch bewegt dieses. Du aber, Herr mein Gott, sich mich an, erhöre mich, und schau auf mich, und erbarme dich, und heile mich! In deinen Augen bin ich mir eine Frage geworden, und das ist meine Schwache! Noch ist übrig die Lust dieser Augen meines Fleisches, wovon ich Bekenntniß ablege vor den Ohren deines Tempels, brüderlichen und frommen Ohren, um hiemit die Versuchungen der Fleischesbegierlichkeit zu schließen, die mich noch plagen, wahrend ich erseufz' und mich sehne, mit meiner Wohnung, die vom Himmel ist, umkleidet zu werden. Schöne und vielartige Formen, glänzende und liebliche Farben lieben die Augen. Nicht diese sollen meinen Geist einnehmen, sondern Gott soll es, der sie schuf, und sie sehr gut schuf: Er selbst ist mein Gut, nicht jene. Und sie umgeben mich Wachenden 13 WO A, Augustinus Bekenntnisse. den ganzen Tag, und keine Ruhe Hab' ich vor ihnen, wie ich sie oft habe vor den tönenden Stimmen, wann diese sämmtlich schweigen. — Denn das Licht, die Königin der Himmel, Alles überströmend, was wir sehen, schmeichelt, wo ich immer des Tages hindurch bin, mit vielfachen Reizen, wenn ich auch andre Geschäfte Hab', und nicht darauf achten will. So lieb ist es uns geworden, daß wirs, wenn es sich plötzlich entfernt, mit Sehnsucht wiedersuchen, und entbehren wir es lange, so trauert der Geist. O Licht, das Tobias sah, als er mit geschloßncn Augen seinen Sohn den Weg des Lebens lehrt', und ihm vorging mit dem Schritte der Liebe, nirgend irrend; und das Isaak sah, dessen Augen schon vor Alter trüb' und finster waren, als er die Söhn', ohne sie zu erkennen, segnete, aber im Segen sie zu erkennen verdiente; und das Jakob sah, als er, der, vieler Jahre halben der Augen beraubt, der Söhne künftige Bölkerstamme aus leuchtendem Herzen weissagte, und über seine Enkel aus Joseph, nicht wie der Bater sie ihm anwies, sondern wie er es selbst innerlich unterschied, die gchcimnißvollgekrcuzten Hände legte! Dies ist das Licht, dies einzige und kein anderes, und Alle sind Eins, die dies sehen und es lieben. Doch jenes körperliche Licht, wovon ich redete, verbreitet über das Wcltleben seiner blinden Verehrer verführende und gefährliche Süße. Die aber selbst ob diesem Dich zu loben wissen, Gott, Schöpfer Aller, besingen es in deinen Hymnen, ohne daß es sie verschling' in ihrem Traume. — Also wünsch' Ich zu sein. Zehntes Buch. Z9t Ich widerstehe den Verführungen meiner Augen, auf daß meine Füße nicht verwickelt werden, womit ich auf deinem Wege wandle; und unsichtbare Augen erheb' ich zu dir, auf daß du meine Füße lösest aus dem Stricke. Oft lösest du sie, denn oft werden sie umstrickt. Du wirst nicht müde, sie zu lösen; ich aber verwickele mich oft in den allenthalben gestellten Schlingen; denn du schläfst nicht, und dich wird nie schläfern, der du Israel schützest. Wie unzählbar vermehrten die Menschen durch Kunst und Geschicklichkeit in Leib- und Fußbekleidung, in Gefäßen unv ähnlichen Geräthcn, in Gemälden und verschiednen Bildnercien, welche alle über ihre nöthige und maßige und ehrbare Bestimmung Hinausgehn, die Reize der Augen! folgen äußerlich dem, was sie machen, verlassen innerlich den, wovon sie gemacht sind, und vertilgen das, wozu sie gemacht sind! — Ich aber, mein Gott und meine Zier, auch dafür preis' ich dich, und opfere Lob meinem Heiligen, indem das Schöne, was durch die Seel' in die Künstlerhand übergeht, von jener Schönheit herkömmt, die über den Seelen ist, nach der sich meine Seele sehnt Tag und Nacht. Bon dorther nehmen die Schaffer und Verehrer äußerer Schönheit das Maß der Beurtheilung, aber nicht das Maß des Gebrauchs. Unv es ist dort, und sie sehen es nicht, sonst gingen sie nickt weiter, und suchten ihre Stark' in dir, und vergeudeten sie nicht in behagenden Lüsten. — Ich aber, der ich dies sag' und erkenn', auch ich verwickle wohl den Schritt in diesen Schönheiten: aber du losest ihn, Herr, du lösest ihn, weil deine Barm- 13* 292 A. Augustinus Bekenntnisse. Herzigkeit vor meinen Augen ist. Denn erbarmenswürdig werd' ich verstrickt, und erbarmend lösest du, zuweilen ohne daß ichs fühle, weil ich unversehens siel, zuweilen mit Schmerzen, weil ich schon anhanglich ward. Hiezu kömmt noch eine andre weit gefahrlichere Art von Versuchung. Denn neben jener Begierlichkeit des Fleisches, die sich in der Ergötzung aller Sinn' und Genüsse zeigt, und wodurch ihre Diener, weit sich entfernend von dir, zu Grunde gehen, befindet sich auch in der Seel' eine gewisse vorwitzige Begier, — nicht durch Körpcrsinn Fleischeslust zu erhaschen, sondern — durch den Sinn Neues zu erfahren, bemäntelt vom Namen: Erkenntniß und Wissen. Da sie in dem Drange zum Erkennen besteht, die Augen aber das vorzüglichste Werkzeug zum Erkennen sind, so nannte Augenbegierlichkeit sie das göttliche Wort. Zwar auf Augen bezieht sich allein Sehen: doch wir bedienen uns auch dieses Ausdrucks bei den übrigen Sinnen, wann wir sie zum Erkennen anwenden. Denn wir sagen nicht: höre, wie das schimmert! noch: rieche, wie das glänzt! noch: schmecke, wie das funkelt! noch: fühle, wie das hell ist! Bon dem Allen aber braucht man: Sehen. Man sagt nicht allein: Sieh, wie es leuchtet! was nur die Augen empfinden können; sondern auch: Sieh, wie es tönt! Sieh, wie es riecht! Sieh, wie es schmeckt! Sieh, wie es hart ist! Drum wird allgemein die Sinnenerfahrung, wie gesagt, Augenbegierlichkeit genannt, weil das Geschäft des Sehens, das vorzugsweise den Augen eigen ist, Zehntes Buch. 293 auch den übrigen Sinnen, wie ihnen ähnlich, beigelegt wird, wann sie Erkenntniss' erwerben. Daraus aber erhellt klar der Unterschied, ob etwas der Wollust oder der Neugier halben durch die Sinne bewirkt wirkt: daß die Wollust nach Schönem, Wohltönendem, Süßem, Schmackhaftem, Sanftem, die Neugier aber auch dahin strebe, das Gegentheil zu versuchen, nicht um Bcschwerniß zu erdulden, sondern der Lust halben, zu erfahren und zu erkennen. Denn welche Wollust ist bei dem schaudervollen Anblick eines zerfleischten Leichnams? Und dennoch, liegt irgendwo einer, lauft Alles hinzu, um sich zu betauben, um zu erblassen. Sogar fürchtet man, derlei im Traume zu sehn: und wachend sieht man es, gleichsam als zwange man uns dazu, oder als lockte der Nuf des Schönen uns herbei! So auch von den übrigen Sinnen, wovon einzeln zu reden, Überfluß ist. Durch diese Krankheit der Begier gcschiehts, daß man die wunderbarsten Sachen in den Schauspielen darstellt. Daher strebt man nach Erforschung der Geheimnisse der Natur, die sie vor uns verborgen hielt, obwohl deren Erkenntniß nichts frommt: nur wissen wollen die Menschen. Daher auch, wenn man durch eben diese verkehrte Wißbegier bei magischen Künsten Hülfe sucht. Daher auch, daß selbst in der Religion Gott versucht wird, indem Zeichen und Wunder gefordert werden, nicht zum Heile, sondern allein der Erfahrung willen. In diesem unermeßlichen Walde voll der Fallstrick' und Gefahren, siehe, wie viel ich mir abschnitt, und hinwegtrieb von meinem Herzen, wie du es mir 294 A. Augustinus Bekenntnisse. zu thun verliehst, Herr meines Heils! Aber wann darf ich sagen, da unser tagliches Leben so manche Dinge dieser Art umklirren, wann darf ich sagen, daß nichts von Allem dem mich aufmerksam mache zum Schauen, und in mir eitle Sorg' errege? Wohl reißen Theater mich nicht mehr an sich; Ich sorg' auch nicht, die Durchgange der Sterne zu kennen; auch nie fragte meine Seele die Schatten um Rath; alle schändlichen Geheimnisse verabschen' ich. Wie oft versucht es der Feind durch die List der Eingebungen, daß ich von dir, Herr mein Gott, dem ich nur de- müthigcn und einfältigen Dienst schuldig bin, ein Zeichen verlange? Aber ich beschwöre dich bei unserm König und bei dem einfältigen und züchtigen Baterlande Jerusalem, daß die Einwilligung hiezu, so wie sie jetzt weit von mir ist, stets weit und immer weiter von mir sein möge! Witt' ich dich für Jemandes Heil, so ist ganz anders das Ziel meiner Bitte, und du verleihst mir und wirst mir verleihn, daß ich nach dir, der du thust, was dir beliebt, gern mich füge. Aber durch wie viele äußerst geringfügige und werthlose Dinge wird täglich unsre Neugier versucht! Und wie oft wir fallen, wer zählt es? Wie oft achten wir auf den Eitelredcndcn anfangs mit Geduld, um nicht die Schwachen zu beleidigen, hören aber darauf all- mählig gern ihm zu? Ich sehe nicht mehr zu, wann der Hund den Hasen jagt, geschieht es im Eircus: aber auf dem Felde, geh' ich von ungefähr vorüber, wendet es mich vielleicht ab von den wichtigsten Gedanken; und diese Jagd zieht mich an, und zwingt Zehntes Buch. 295 mich zwar nicht, mein Thier vom Wege hinzulenken, neigt aber mein Herz zu sich. Und wenn du mich dann nicht schnell meiner Schwachheit erinnerst, und mich crmahnst, entweder durch irgend einen Gedanken, von jenem Anblicke selbst hervorgebracht, zu dir aufzusteigen, oder ihn ganzlich zu verachten, und vorbei- zugehnz so erstarr' ich in Eitelkeit. Wie oft macht mich, wann ich zu Hause sitze, die fliegenfangende Stcrneidechs, oder die Spinne, die sie in ihr Gewebe wickelt, aufmerksam? Obs kleine Thierchen sind, geschieht darum nicht dasselbe? Sie sind mir Anlaß, dich zu loben, den wunderbaren Schöpfer, und den Ordner aller Dinge: aber Jenes machte doch zuerst mich aufmerksam. Ein Anderes ist schnell auf- slchn, ein Anderes nicht fallen. Und von derlei ist voll mein Leben, und meine einzige Hoffnung ist deine so große Barmherzigkeit. Denn da unser Herz ein BeHalter wird von dieser Art Dinge, und Haufen vielfacher Eitelkeit in sich tragt; so werden auch oft unsre Gebete dadurch unterbrochen und gestört.- und während wir vor deinem Angesichte zu deinen Ohren unsers Herzens Stimme richten, stürzen, ich weiß nicht woher, nichtige Gedanken herbei, die uns von einer so wichtigen Sach' abwenden. Sollen wir auch dies gering achten? Oder soll uns etwas anders mit Hoffnung erfüllen, als nur deine Barmherzigkeit, weil du bereits anfingst, uns zu andern? Und du weißt es, wie sehr du mich schon bessertest, der du mich zuerst heiltest von der Rachsucht, auf daß du gnadig würdest allen meinen übrigen Gebre- 296 A. Augustinus Bekenntnisse. chen, und heiltest alle meine Schwachheiten, und mein Leben rettetest aus dem Vcrderbniß, und mich kröntest mit Erbarmung und Barmherzigkeit, und sattigtest mein Verlangen nach dem Guten, — du, der du mit deiner Furcht meinen Stolz unterdrücktest, und meinen Nacken zähmtest deinem Joche! Und nun trag' ich es, und sanft ist es mir; denn so versprachst du es, und so machtest du es: und wirklich fand ich es so, und wußte das nicht, als ich mich noch fürchtete, es auf mich zu nehmen. Aber ist auch, o Herr, der du allein ohne Stolz herrschest, weil du allein der wahre Herr bist, der keinen Herrn hat, — ist auch diese dritte Art von Versuchung von mir gewichen, oder kann sie von mir weichen in diesem meinem ganzen Leben, der Wunsch nemlich, gefürchtet zu sein und geliebt von den Menschen, nur deßhalb, um daraus eine Freude zu schöpfen, die doch keine Freud' ist? Ein elendes Leben ist es, und widerliche Nichtigkeit! Daher vorzüglich entsteht es, daß man dich nicht liebe, noch mit Zucht fürchte, Deßhalb widerstehst du den Hoffartigcn, den Demüthigen aber verleihest du Gnade. Und du donnerst über den Ehrgeiz der Welt, und es erbeben der Berge Gründungen. Da es nun verschiedener Lagen halber in der menschlichen Gesellschaft nothwcndig ist, von Menschen geliebt und gefürchtet zu werden; so benutzt dies der Widersacher unsrcr wahren Glückseligkeit, und stellt bcifallgebend Schlingen ringsumher, auf daß wir begierig den Beifall annehmend unversehens verstrickt werden, und unsre Freude nicht mehr Zehntes Buch. 297 an deiner Wahrheit haben, sondern an dem Tauschenden der Menschen; auf daß es uns gefalle, geliebt und gefürchtet zu werden, nicht dcinethalb, sondern statt deiner, und wir ihm gleich werden, und er uns bei sich habe, nicht in der Einigkeit der Liebe, sondern als Mitgenossen der Strafe, Er, der seinen Sitz erhob gegen Mitternacht; und auf daß wir dem, der auf verkehrtem und abgewandtem Wege dich nachahmt in Finstcrniß und Erstarrung, dienen. Wir aber, Herr, siehe! sind deine kleine Heerde: du besitz' uns! Breite deine Flügel aus, und fliehen wir unter sie! Sei du unser Ruhm; wegen deiner werden wir geliebt, und dein Wort werde gefürchtet in uns! Wer gelobt sein will von den Menschen, da du tadelst, wird nicht vertheidigt werden von den Menschen, da du richtest, noch errettet, da du verdammst. Da aber kein Sünder gelobt wird in den Lüsten seiner Seele, noch der Bösesthuende gesegnet; sondern der Mensch gelobt wird wegen eines Guten, das du ihm gabst, hingegen er sich mehr erfreut, für sich selbst gelobt zu werden, als wegen der Gabe selbst: so wird er gelobt, wahrend du tadelst, und besser ist nun der Lobende, als der Gelobte: denn Jenem gefiel im Menschen die Gabe Gottes, diesem gefiel mehr des Menschen Gabe^ denn Gottes. Taglich werden wir versucht von diesen Versuchungen, Herr, ohn' Unterlaß versucht. Unsre tagliche Feuerest' ist des Menschen Zunge. Auch hier heischest du Enthaltsamkeit. Gib was du befiehlst, und befiehl, was du willst! du kennst hierüber das Seufzen mei- 13""" 298 A. Augustinus Bekenntnisse. nes Herzens zu dir, und die Ströme meiner Augen. Denn nicht leicht erkenn' ichs, ob ich reiner werde von dieser Pest, und sehr fürcht' ich meine verborgenen Fehler, die deine Augen kennen, die mcinigen aber nicht. Denn in allen andern Arten von Versuchungen find' ich irgend einen Weg, mich. selbst zu erforschen: aber hier fast gar keinen. Denn wie weit ich es bracht' in der Zügelung meines Geistes bei den Lüsten des Fleisches und bei der leeren Neugier, erkenn' ich, wann ich der entsprechenden Gegenstand' entbehr', entweder vorsatzlich, oder indem sie nicht da sind. Denn dann frag' ich mich, wie viel mehr oder weniger beschwerlich es mir sei, sie nicht zu haben. Ob man die Reichthümcr, die man dcßhalb begehrt, auf daß sie Einer jener dreien Begierlichkeitcn, oder deren zweien, oder allen dreien zugleich dienen, verachte, während man sie besitzt; vermag dies der Geist nicht zu durchdringen, so kann man sich davon trennen, um sich zu prüfen. Müßte man aber nicht, um des Lobes zu entbehren, und zu versuchen, wieviel wir hier vermögen, böse leben, und so schleckt und verworfen, daß Jeder, der uns kennt, uns verabscheue? Welchen größcrn Unsinn könnte man sagen oder denken? Aber wenn das Lob des guten Lebenswandels und der guten Handlungen Begleiter zu sein pflegt und sein muß; so darf man so wenig dieser Begleitung ausweichen, als den guten Lebenswandel verlassen. Dennoch kann ichs nicht bestimmen, ob ich gern oder ungern ohn' etwas sein kann, es sei denn abwesend. Zehntes Buch. 239 Was also bekenn' ich dir, Herr, in dieser Art von Versuchung? Was, als daß das Lob mich erfreue, mehr aber das Wahre selbst, als das Lob? Denn wenn ich gefragt werd', ob ich lieber, ein Unsinniger, und in allen Dingen irrender Mann, von allen Menschen gelobt, oder ein bestandiger, und in der Wahrheit festgegründeter Mann, von allen getadelt zu sein wünsche; so weiß ich, was ich erwähle. Doch wünscht' ich, daß mir die Freud' über irgend etwas Gutes an mir der Beifall eines fremden Mundes nicht vermehrte. Aber, ich gesteh' es, er vermehrt sie nicht allein, sondern der Tadel mindert sie auch. Und wann diese meine Schwache mich hinreißt, drangt sich Entschuldigung herbei: wie diese sei, weißt Du, Gott; Mich macht sie unsicher. Denn weil du nicht allein Enthaltsamkeit heischest von uns, dort wo wir etwas nicht lieben sollen, sondern auch Gerechtigkeit, dort, wo wir etwas lieben sollen, und wir nicht nur Dich lieben sollen, sondern auch unfern Nächsten; so scheint mir der hoffnungsvolle Verstand des Nächsten Freude zu verursachen, wann er, richtig erkennend, mich lobt, und ich mich dessen erfreue, hingegen seine Schwäche Traurigkeit, wann er etwas tadelt, was er nicht kennt, oder was gut ist. Denn zuweilen traur' ich auch über empfangenes Lob, wann ich über jenes gelobt werde, worin ich mir selbst mißfall', oder wann geringeres oder unbeträchtliches Gutes höher geachtet wird, als es zu achten ist Aber wiederum, woher weiß ich, ob dies nicht deßhalb nur so geschieht, weil ich wünsche, daß mein Lober mit mir die nemlichc Meinung von 300 A. Augustinus Bekenntnisse. mir habe, nicht weil das ihm ersprießlich ist, sondern weil das Gute, was mir an mir gefallt, erfreulicher ist, wenns auch Andern gefallt? Denn ich werd' eigentlich nicht gelobt, wenn man nicht nach meiner Meinung lobt, indem entweder das, was mir mißfallt, oder etwas mehr gelobt wird, was mir minder gefallt. Also keine Sicherheit Hab' ich hier über mich? — Sieh! in dir, o Wahrheit, erkenn' ich, daß mich kein Lob meincthalb, sondern meines Nächsten wegen erfreuen solle. Und ob das geschehe, weiß ich nicht. Weniger bin ich selbst mir hierin bekannt, als Du es bist. Ich bitte dich, mein Gott, stelle mich mir selbst dar, auf daß ich meinen für mich betenden Brüdern bekenne, wo ich verwundet sei. Auch das möcht' ich mich noch fragen: wenn mich das Lob rührt, weils ersprießlich dem Nächsten ist: warum rührts mich weniger, wann ein Andrer ungerecht getadelt wird, als dann, wanns mich selber trist? Warum schmerzt mich böse Nachrede mehr, wann sie gegen mich selbst, als wann sie mit dem ziemlichen Unrecht in meiner Gegenwart wider einen Andern gerichtet ist? Weiß ich auch das nickt? Ist mir auch das noch übrig, daß ich mich noch selbst tausch' und von der Wahrheit weiche vor dir im Herzen und in meiner Zunge? Diese Thorhcit wende weit von mir, Herr, aus daß mein Mund nicht sey, wie das Öl des Sünders, mein Haupt zu salben. Dürftig und arm bin ich, und am besten ist es mir, wann ich mir selbst mißfall' in heimlichem Seufzen, und um deine Barmherzigkeit flehe, bis mein Mangel ersetzt werd', und ich gelange zu dem Frieden, den des Stolzen Auge nicht kennt. Die Red' aber, die aus dem Mund hervorgeht, und die Handlungen, die den Menschen kund werden, sind die gefahrlichste Versuchung, der Liebe zum Lobe halben, die für das Gefühl eigner Hoheit um Beifall bettelt. Sie versucht mich sogar, wahrend ich sie mißbillige, eben in dieser Mißbilligung; und oft rühmt sich der Mensch der Verachtung eitles Ruhms noch eitler, und wirklich also rühmt er sich der Verachtung eitles Ruhmes nicht, da er ihn nicht verachtet, indem er sich innerlich rühmt. Auch ist innerlich ein andres Übel in dieser Art von Versuchung, welches Jen' ergreift, die sich selbst gefallen, sie mögen Andern gefallen oder nicht, auch dcßhalb unbekümmert. Aber sich selbst gefallend, mißfallen sie dir sehr, nicht nur, weil sie etwas gut glauben, was es nicht ist, sondern auch Dein Gutes für Ihres ansehn, oder wenn auch für dein, doch für selbstverdientes Gute, oder wenn auch für durch deine Gnade verliehenes Gute, sich doch dessen nicht in Eintracht erfreuen, sondern es an Andern beneiden. In allen diesen und derlei Gefahren' und Mühseligkeiten siehst du das Zittern meines Herzens: aber ich empfind' es mehr, daß diese Wunden immer nach und nach von dir geheilt, als daß mir keine neue versetzt werden. Wohin bist du nicht mit mir gewandelt, o Wahrheit, lehrend, was ich fliehen und was ich suchen soll, während ich meine schwachen, mir möglichen Erkennt- 302 A. Augustinus Bekenntnisse. nisse dir vorlegt', und dich um Rath srug! Ich durchging die Welt außer mir, so gut ichs mit dem Sinn vermochte, und schaut' auf das Leben meines Körpers, und auf meine Sinne selbst. Dann trat ich in die Gemacher meines Gedächtnisses, vielfache Weiten, wunderbar voll unzahlbares Vorraths, und betrachtete sie, und staunt', und konnte nichts unterscheiden ohne dich, und fand, daß das Alles nicht Du wäre. Und ich selbst war nicht der Finder, ich, der ich strebte, zu unterscheiden, und nach seinem Werthe zu schätzen, während ich Einiges durch die bothschaftbringenden Sinn' empfing, und über Anderes, was ich in mir fühlte, mich selbst fragt', und die Bothschaft selbst unterschied der Art und der Zahl nach, und aus des Gedächtnisses großem Vorrath Einiges untersucht', Anderes hinlegt', und Anderes herausnahm! Und ich selbst, als ich dieses that, das ist, die Kraft, wodurch ich es that, war nicht Du: denn Du bist das unvergängliche Licht, das ich bei allen Dingen srug, ob sie wären, was sie wären, wie hoch sie zu achten wären. Und ich hörte dessen Lehren und Befehl', und oft thu' ich das. Dies erfüllt' mich mit Freud': und so oft ich von den Geschäften des Nothwendigen etwas erübrigen kann, flieh' ich zu dieser Wollust. Auch find' ich in allen Dingen, die ich dich um Rath fragend, durchwandre, keinen sichern Ruheplatz für meine See!', als in Dir, worin meine Zerstreuung sich sammelt, und wo ich ganz erfaßt werde. Und zuweilen erweckst du mir eine innerliche hockst ungewöhnliche Regung, eine Sehnsucht, ich weiß nicht nach welcher Süßigkeit, Zehntes Buch. so daß ich nicht weiß, erreicht' ich sie, was solch ein Leben nicht sein müßte! Aber ich stürze zurück durch mühselige Schwere, und das Alte verschlingt mich, und halt mich, und viel wein' ich: doch sehr werd' ich gehalten. So viel vermag das Gewicht der Gewohnheit! Hier vermag ich zu sein, und will nicht; dort will ich sein, und vermag nicht: überall elend! So betrachtet' ich die Schwachen meiner Sünden in der dreifachen Begierlichkeit, und rief deine Rechte zu meiner Hülfe. Denn deinen Glanz sah ich mit verwundetem Herzen, und zurückgedrängt sprach ich: Wer kann dahin? Ich bin hinweggestoßcn vom Blicke deiner Augen! Du bist die über Alles herrschende Wahrheit: ich aber in meiner Habsucht wollte dich nicht verlieren, und zugleich neben dir die Lüge behalten, so, wie keiner also falsch zu reden wünscht, daß er selbst das Wahre nicht wisse. Deßhalb verlor ich dich, weil du nicht willst, daß man dich neben der Lüge behalte. Wen sind' ich, der mich mit dir wieder versöhne? Hatt' ich mich zu den Engeln wenden sollen? mit welchem Gebete? mit welcher Feierlichkeit? Viele, die strebten, zu dir zurückzukehren, und es aus sich selbst nicht vermochten, versuchten dies, wie ich höre, und fielen in das vorwitzige Verlangen nach Erscheinungen; und ihnen ward durch leere Gebilde vergolten. Denn aufgeblasen vom Schwall der Gelehrtheit suchten sie dich mit hervorgedrangter vielmehr als zerschlagener Brust, und lockten durch den Einklang des Herzens 3l)4 A. Augustinus Bekenntnisse. zu Mitgesellen ihrer Hoffart herbei die Herrscher der Luft, von denen sie durch magische Künste getauscht wurden, einen Mittler suchend, und er war es nicht. Denn der Teufel wars in Gestalt eines Engels des Lichts. Und viel reizt' er das stolze Fleisch dadurch, daß er selbst nicht Fleisch war. Denn Sterbliche waren Jen' und Sünder: Du aber Herr, mit dem sie stolz sich suchten zu versöhnen, bist unsterblich und ohne Sünde. Der Mittler aber zwischen Gott und den Menschen mußt' etwas gottahnliches, und etwas menschenähnliches haben, damit er nicht, ganz ahnlich den Menschen, zu weit von Gott, oder, ganz gottahn- lich, zu weit von den Menschen, und also kein Mittler wäre.. Jener betrügende Mittler, von dem, deinem verborgenen Gerichte gemäß, der Stolz getauscht zu werden verdient, hat Eins mit den Menschen gemein, die Sünde; ein Andres will er mit Gott gemein zu haben scheinen, indem er, da ihn des Fleisches Sterblichkeit nicht umhüllt, mit Unsterblichkeit prahlt. Doch weil der Sünde Lohn der Tod ist, hat er dies gemein mit den Menschen, daß er wie sie zum Tode verdammt wird. Aber der wahrhafte Mittler, den du durch deine verborgne Barmherzigkeit den Demüthigcn zeigtest, daß sie durch sein Beispiel die wirkliche Demuth erlernten, dieser Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, erschien zwischen die sterblichen Sünder und unsterblichen Gerechten, sterblich mit den Menschen, und gerecht mit Gott, auf daß er, da der Gerechtigkeit Lohn Leben und Fried' Zehntes Buch. 305 ist, durch die Gerechtigkeit, die er mit Gott gemein hatte, der gerechtfertigten Bösen Tod vernichtete, den er mit diesen gemein haben wollte. Dieser ward den Heiligen der Vorzeit gezeigt, daß sie durch den Glauben ,an sein künftiges Leiden, wie wir durch den Glauben an das Vergangne, selig würden. Denn in wie weit er Mensch, in so weit ist er Mittler; in wie weit das Wort, ist er kein Mittler, weil er Gott gleich ist, und Gott bei Gott, und zugleich mit dem heiligen Geist Ein Gott. Wie hast du uns geliebt, guter Vater, der du deines einzigen Sohns nicht schontest, sondern ihn für uns Bösen dahingabst! Wie hast du uns geliebt! Uns, für die Jener, der es keinen Raub achtete, dir gleich zu sein, gehorsam ward bis zum Tode des Kreuzes! Der allein frei ist unter den Todten, Macht habend, seine Seele zu entlasten, und Macht habend, sie wieder anzunehmen! der für uns bei dir ein Sieger und eine Sühnung ist, und darum ein Sieger, weil er eine Sühnung! Der für uns bei dir ein Opfcrpriestcr und ein Opfer ist, und darum ein Opfer- priestcr, weil er ein Opfer! Und der uns aus Knechten zu deinen Söhnen machte, indem er von Dir ge- bohren ward, und Uns diente! — Billig ruht fest weine Hoffnung auf ihm, daß du heilen werdest alle meine Schwachen durch den, der zu deiner Rechten M, und dich für uns bittet. Sonst verzweifelte ich. Denn viel und groß sind meine Schwachen, viel und groß: aber kräftiger ist deine Arznei. Mahnen konnten wir, fern sei dein Wort von der Verbindung der 306 A. Augustinus Bekenntnisse. Menschen, und verzweifeln, wenn es nicht Fleisch ward, und in uns wohnte. — Erschrocken vor meinen Sünden und vor der Last meines Elends, rathschlagt' ich im Herzen, und sann über eine Flucht in die Einsamkeit: aber du hieltest mich ab, und stärktest mich, und sprachst: Darum ist für alle Christus gestorben, auf daß die, welche leben, nun nicht sich leben, sondern dem, der für sie gestorben ist! Siehe Herr! auf dich werf' ich alle meine Sorg', auf daß ich lebe; und die Wunder deines Gesetzes will ich betrachten. Du kennst meine Unerfah- renheit und Schwache: lehre mich und heile mich. Dieser dein Einziger, in dem alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen sind, erkaufte mich mit seinem Blute. Lasse die Stolzen mir nicht schmähen, dieweil ich meines Lösegelds gedenk' und ich es ess' und es trink', und es Andern mittheil' und ein Dürftiger, davon gesättigt zu werden wünsche, mit Jenen, die da essen und gesättigt werden! Und es loben den Herrn, die ihn suchen. WWWWWI Wie aber, o Herr, da die Ewigkeit dein ist, bist du unkundig dessen, was ich rede zu dir, oder siehst du nur aus eine Zeit das, was in der Zeit geschieht? Warum trag' ich dann Erzählungen so vieler Sachen dir vor? Wahrlich nicht, daß du sie von mir vernehmest, sondern zu dir erheb' ich mein, und aller derer Ge- uiütb, die dieses lesen, damit wir alle sagen: Groß ist der Herr und sehr lobenswerth. Bereits Hab' ich es gesagt, und sagen werd' ich es stats, aus Liebe zu deiner Liebe thu' ich dieses. Denn wir beten ja auch, und doch spricht die Wahrheit: Euer Vater weiß, was euch Noch thut, eh' ihr ihn darum bittet. Unsere Stimmung also eröffnen wir in dir, dir bekennend unser Elend und deine Erbarmungen gegen uns, da- ') Hier schließt die Übersetzung des verstorbenen Adolph Grö- ninger. Um aber dem christlichen Leser das ganze Werk der Bekenntnisse nicht zu entziehen, hat auf Ersuchen des Verlegers ein entfernter Verwandter des verstorbenen Gröninger sich der Übersetzung der drei noch fehlenden Bücher unterzogen, welche hier zur Vervollständigung des Ganzen folgt. 303 A. Augustinus Bekenntnisse. mit du uns, weil du angefangen, ganzlich befreiest, auf daß wir aufhören, elend zu sein in uns, und verherrlicht werden in dir; denn du hast uns ja berufen, damit wir sein arm im Geiste, sanftmüthig und traurend, hungernd und durstend nach Gerechtigkeit, barmherzig, reines Herzens und sriedsam. Sieh manches, was ich könnt' und was ich wollte, Hab' ich dir erzahlt. Du zuerst wolltest ja, daß ich es dir, meinem Herrn und Gott, bekennte; weil du bist gut, denn ewig wahret deine Barmherzigkeit. Wann aber wcrd' ich im Stande sein durch der Feder Sprach' auszudrücken alle deine Anmahnungcn und alle deine Schrecken und Tröstungen und Lenkungen, durch welche du mich dahin führtest, dein Wort zu verkündigen und dem Wolke dein Heilsmittel zu spenden? Und vermocht' ich auch dieses der Reihe nach herzuzahlen, so sind mir die Augenblicke theuer, und langst schon entbrenn' ich zu betrachten in deinem Gesetze und in ihm dir meine Wissenschaft und Un- kunde, die Anfange deiner Erleuchtung und die Reste meiner Finsternisse zu bekennen, bis von der Starke die Schwache verschlungen wird. Und ich will nicht, daß die Stunden, welche ich frei finde von der Noth- wendigkeit der Stärkung des Körpers, und von der Anstrengung des Geistes, und von den Diensten, welche wir den Menschen verschulden, und wenn auch nicht verschulden, doch gleichwohl leisten, — mit etwas anderm verfließen. . Herr, mein Gott! merk' auf mein Gebet, und deine Barmherzigkeit erhöre mein Verlangen; denn Eilftcs Buch. 309 nicht entbrennt' es für mich allein, sondern es will der brüderlichen Liebe zum Nutzen dienen-, du siehst m meinem Herzen, daß auf diese Weis' ich dir den Dienst meiner Gedanken und meiner Zunge heilige, und so verleihe mir, was ich darbringen möge. ^ Denn dürftig und arm bin ich; du hingegen reich für alle, die dich anrufen, der du selbst sorgenfrei für uns Sorge trägst. Beschneide von aller Vennes- scnheit und Lüge meine innern und äußern Lippen. Meine keuschen Ergvtzungen seien deine Schriften; nicht mög' ich in ihnen getauscht werden, noch aus f ihnen tauschen. Herr, merk' auf und erbarme dich, Herr, mein Gott! du der Blinden Licht, und der Schwachen Starke, gleich darauf aber der Sehenden f Licht, und der Kraftigen Starke! Hab' Acht auf meine f Seel', und höre den aus der Tiefe zu dir Rufen- ! den! Denn wenn nickt auch in der Tiefe deine Ohren zugegen sind, wohin sollen wir dann gehen, wohin rufen? — Dein ist der Tag, dein die Nacht. Auf deinen Wink fliegen Augenblicke vorüber. Verleih' aus ihnen f Zeit meinen Betrachtungen über die Geheimnisse dei- ! nes Gesetzes, und verschließ' es nicht für den Anklopfenden! Nicht wolltest du ja die dunkeln Geheimnisse so vieler Blatter umsonst haben schreiben lassen. Oder haben denn nicht auch jene Walder ihre Hirsche, welche sich in ihr zurückziehen, in ihnen sich erquicken, wandeln, grasen, sich niederlegen und wiederkäuen? O Herr! vervollkommne mich, und enthülle mir selbe! ^ Siehe! Deine Stimm' ist meine Freude, deine Stimm' 310 A. Augustinus Bekenntnisse. ist mir mehr als Überfluß an Wonne. Gib, was ich liebe: denn ich lieb'; und auch dies hast du gegeben. Verlasse nicht deine Gaben und verachte nicht das dürstende Kraut. Bekennen will ich dir, was immer ich in deinen Büchern finde; hören des Lobes Stimme, dich trinken, und betrachten die Wunder deines Gesetzes, von dem Anfang an, in welchem du Himmel und Erde machtest, bis zu deinem mit dir immerwährenden Reiche deiner heiligen Stadt. Herr, erbarme dich meiner, und erhöre mein Verlangen! Denn ich mein' es strebe nicht nach Irdischem, nicht nach Gold und Silber, oder nach Edelsteinen, oder Kleiderschmuck, nach Ehr' und Macht, oder nach Fleischeslüsten, nicht nach dem Nothwendigen für den Körper und für das Leben unserer Wanderschaft; welches alles uns, die dein Reich und deine Gerechtigkeit suchen', zugegeben wird. Sich, Herr, mein Gott! woher mein Verlangen stamme. Ungerechte erzählen mir ihre Ergötzungen, — nicht aber wie dein Gesetz, o Herr! Sieh' also, woher mein Verlangen ist. Sieh, Vater! blick' her und billig' es, und möz' es dem Auge deiner Barmherzigkeit gefallen, daß ich Gnade vor dir finde, damit mir, dem Anklopfenden, das Innere deiner Worte geöffnet werde! Inständigst fleh' ich durch unfern Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, den Mann deiner Rechten, den Mcnscbcnsohn, welchen du dir zu deinem und unserm Mittler gründetest, durch welchen du uns, die dich nicht Suchenden, suchtest. Du suchtest uns aber, damit wir dich suchten. Durch dein Wort, durch welches du Alles, und unter diesem auch mich ge- Eilftes Buch. 311 macht hast; durch deinen Eingebornen, durch welchen du das Volk der Gläubigen und unter ihm auch mich zur Kindschaft gerufen: Instandigst fleh' ich zu dir, durch ihn, welcher zu deiner Rechten sitzt, und dich für uns anruft, in welchem alle Schatze der Weisheit ! und Wissenschaft verborgen sind. Ihn such' ich in deinen Schriften. Moyscs hat von ihm geschrieben. Dieß sagt er selbst; dicß sagt die Wahrheit. Hören nnd erkennen will ich, wie du im Anfang Himmel und Erde gemacht hast. Geschrieben hat die- » ses Moyscs; geschrieben hat er es, und ist fortgegangen von hicniedcn, übergegangen zu Dir; denn jetzt ist er nicbt vor mir; war' er es, ich würd' ihn halten k und bitten, und durch dich beschwören, mir jenes zu erklären; und den aus seinem Munde hervorkommen- I den Tönen die Ohren meines Körpers leihen. Sprache er nun die hebräische Sprache, vergebens erregt' er meinen Sinn, denn von diesem Allem würd' auch ! nickts meinen Verstand berühren; redet' er aber la- i teinisch, so wüßte ich, was er sagte. Woher aber würd' k ich wissen, ob er Wahrheit spräche? Wüßt' ich aber l auch dieses, würd' ich es auch von ihm wissen? In meinem Innern, im innersten Sitze der Gedanken würde keine hebräische, keine griechische, keine lateinische, keine fremde Stimme, sondern die Wahrheit ohne die Werkzeuge des Mundes und der Zunge, ohne Sllbcngeräusch sagen: Er spricht wahr! und ich würd' alsbald mit Vertrauen zu jenem deinem Manne sagen: Du redest wahr. Da ich ihn nun aber nicht befragen kann, so bitt' ich dich, von welchem erfüllt er 312 A. Augustinus Bekenntnisse. Wahres sagte, dich Wahrheit, mein Gott, schone meiner Sünden! und der du jenem deinem Diener verliehen, dieses zu sagen, verleih' auch mir, dieses zu verstehen. Sieh, Himmel und Erde sind! sie rufen, daß sie gemacht sind: denn sie werden verwandelt und verändert. Alles aber, was nicht gemacht ist, und doch ist, an diesem ist nichts, was vorher nicht war: was verwandelt und verändert werden könnte. Sie rufen auch, daß sie sich selbst nicht gemacht: wir sind deshalb, weil wir gemacht sind; wir waren also nicht vor unserm Seyn, so daß wir durch uns selbst hatten werden können. Und der Rufenden Stimme ist die Klarheit selbst. Du also Herr, der du schön bist (denn sie sind schön), der du gut bist (denn sie sind gut), der du bist (denn sie sind), du hast sie gemacht. Doch sie sind nicht so schön, nicht so gut, sie sind nicht, wie du ihr Schöpfer, mit welchem verglichen, sie weder gut, noch schön sind, ja gar nicht sind. Dieses wissen wir, Dank dir! Doch ist unsere Wissenschaft mit der deinigen verglichen Unkunde. Wie aber hast du den Himmel und die Erde gemacht? und welche waren die Werkzeuge bei deinem so großartigen Baue? Denn nicht machtest du sie, wie ein menschlicher Künstler, bildend einen Körper aus einem Körper nach Gutdünken seiner Seele, welche demselben jede Gestalt, die sie in sich selbst mit dem inner» Auge erblickt, beizulegen vermag. Und woher vermögte sie dieses, als nur weil du sie gemacht! Und sie legt die Gestalt bei einem bereits Bestehenden, was im Besitz des Daseins ist, als Erde oder Stein Eilftes Buch. 313 oder Holz oder Gold oder jedem beliebigen Dinge. Woher aber wären jene, hättest du sie nicht gefertigt. Du machtest dem Künstler den Leib; du den, die Glieder beherrschenden Geist; du den Stoff, aus welchem er etwas macht; du den Verstand, womit er die Kunst begreift, und-innerlich sieht, was er äußerlich wirkt; du den körperlichen Sinn, durch dessen Vermittlung er aus seinem Geiste auf den Stoff das überträgt, was er macht, und der seinem Geiste zurückberichtet, was gemacht worden, damit dieser innerlich die ihm Vorsitzende Wahrheit befrage, ob es gut gemacht sei. Dieses alles lobe dich, den Schöpfer von Allem. Aber wie machst du jenes? Wie hast du, o Gott, Himmel und Erde gemacht? Gewiß hast du weder im Himmel, noch auf der Erde, weder in der Luft, noch im Wasser, Himmel und Erde gemacht; denn selbst diese gehören ja zum Himmel und zur Erde; auch nicht im Weltall machtest du das Weltall, denn es war ja nicht, worin es gemacht würde bevor es gemacht war, um zu sein, und du hattest ja nichts in Händen um Himmel und Erde daraus zu machen. Denn woher sollte dir etwas kommen, was du nicht gemacht hättest, damit du aus ihm etwas machtest. Denn was ist, außer weil du bist? Du also hast gesprochen, und sie sind gemacht, und in deinem Worte sind sie gemacht. Aber auf welche Weise hast du gesprochen? etwa auf die Weise, wie die Stimme aus der Wolke erscholl, die da sprach: «Dieses ist mein geliebter Sohn?» 14 314 A. Augustinus Bekenntnisse. Diese Stimme ist aber ergangen, und vorübergegangen, angefangen, und geendet. Die Sylbcn sind erschallt, und verhallt. Die zweite nach der ersten, die dritte nach der zweiten, und so der Ordnung nach, endlich die letzte nach den übrigen, und nach der letzten ward Stille. Hieraus wird es klar und deutlich, daß die Bewegung eines Geschöpfes sie hervorgebracht, eine zeitliche deinem ewigen Willen dienend, lind diese deine vorübergehend erschollenen Worte verkündigte das äußere Ohr dem verstandigen Geiste, dessen inneres Ohr an dein ewiges Wort gelegt ist. Jener aber verglich diese zeitlich tönenden Worte in der Stille mit deinem ewigen Worte, und sagte: Es ist ein Anderes, bei weitem ein Anderes. Diese sind weit unter mir, und sie sind nicht, denn sie fliehen und gehen und gehen vorüber; das Wort des Herrn, meines Gottes aber bleibet über mir ewiglich. Hast du also mit tönenden und vorübergehenden Worten gesagt, Himmel und Erde sollen werden, und so Himmel und Erde gemacht, so war schon ein körperliches Geschöpf vor dem Himmel und der Erde da, durch dessen zeitliche Bewegungen jene zeitliche Stimme hervorging. Bor dem Himmel und der Erd' aber gab es gar kein zeitliches Geschöpf, oder gab es eins, so hattest du es gewiß ohn' eine vorübergehende Stimme gemacht, um aus ihm eine vorübergehende Stimme hervorzubringen, mit welcher du sagtest, es solle Himmel und Erde werden. Denn, was es auch immer sein möge, woher eine solche Stimme entstände, — war' es nillll von dir gemacht, es würde gar nicht sein. Mit wel- Eilftes Buch. 315 chem Worte sprachst du daher, daß ein Körper entstehen soll', aus welchem jene Worte hervorgingen? Du rufst uns also, Gott! das Wort bei dir, Gott, zu erkennen, was ewig gesprochen, und in ihm Alles ewig gesprochen wird. Denn nickt wird geendet, das gesprochen wurde, und ein anderes gesprochen, damit alles gesprochen werden könne, sondern einmal und in Ewigkeit Alles. Sonst war' ja dort Zeit und Wechsel, und nicht wahre Ewigkeit und wahre Unsterblichkeit. Dieses Hab' ich erkannt, Herr! und danke. Ich bekenn', ich Hab' es erkannt, und mit mir hat es erkannt und es benedeiet dich jeder, der gegen die sichere Wahrheit nicht undankbar ist. Erkannt haben wir, o Herr! erkannt, daß in wieweit Etwas nicht ist, was war und ist, was nicht war, in soweit es sterbe und entstehe. Deßwegen vergeht und entsteht Nichts an deinem Worte, weil es in Wahrheit unsterblich und ewig ist. Und so sprichst du durch dein mit dir gleich ewiges Wort auf einmal und ewig, alles was du sprichst, und es wird was du sprichst, das werden solle; denn du machst nicht anders als durch Sprechen, obwohl nicht auf einmal und ewig alles wird, was du durch Sprechen machst. Warum sehe ich, mein Gott, dies einigermaßen cm, weiß aber nicht, wie ich es ausdrücken soll; als nur, daß alles sein Dasein anfangt und sein Dasein endet, dann zu sein anfangt, und dann zu sein aufhört, wann der ewige Verstand, bei welchem nichts 14* 316 A. Augustinus Bekenntnisse. anfangt oder aufhört, erkennt, daß es anfangen oder aufhören soll. Grade dieses ist dein Wort, was auch der Anfang ist, der auch zu uns redet. *) So spricht er im Evangelium im Fleische, und dieses hat von außen her in der Menschen Ohren getönt, damit er geglaubt und innerlich gesucht, und in der Wahrheit gefunden würde, wo er alle Jünger als guter und alleiniger Lehrer lehret. Dort höre ich, Herr, deine Stimme zu mir sprechen, daß jener zu uns redet, der uns lehret. Wer uns aber nicht lehret, redet, wenn er auch redet, nicht zu uns. Ferner wer lehret uns, außer die beständige Wahrheit? Denn werden wir auch durch ein wandelbares Geschöpf ermahnt, so werden wir doch zur bestandigen Wahrheit geführt, wo wir wahrhaft lernen, wenn wir stehen und ihn hören, und herzlichst uns freuend über die Stimme des Bräutigams uns dahin zurückbegeben, von wo her wir sind. Und deswegen ist er der Anfang, weil, wenn er nicht bliebe, während wir irrten, es nichts gäbe, wohin wir zurückkehrten. Kehren wir aber vom Jrrthum zurück, so kehren wir durch Erkennen zurück. Damit wir aber erkennen, lehrt er uns, denn er ist der Anfang und redet zu uns. In diesem Anfange, Gott, hast du Himmel und Erde gemacht, in deinem Wort', in deinem Sohn', in deiner Kraft, in deiner Weisheit, in deiner Wahrheit auf wunderbare Weise sprechend, und auf wun- *) Joh. 8. 25. Eilst es Buch. derbare Weise schaffend. Wer wird es begreifen! Wer es erzählen! Was ist das, was mir schimmert und mein Herz trifft ohne zu verwunden, und ich crschau- dcr' und entbrenn' ? Ich erschaudcr', in sofern ich ihm unähnlich, ich entbrenn', in sofern ich ihm ahnlich bin. Die Weisheit, die Weisheit selbst ist es, welche mir schimmert, und meinen Nebel zertheilet, welcher mich, von jenen Qualen und der Schwere meiner Mühen ermattet, wieder bedeckt, weil meine Lebenskraft in der Dürftigkeit so erschlafft ist, daß ich auch mein Wohl nicht ertragen kann, bis du, Herr, welcher du gnadig gegen alle meine Übelthatcn geworden bist, auch meine Schwachen heilest. Denn du wirst mein Leben vom Verderben erretten, und mich in Erbarmung und Barmherzigkeit krönen, und mein Verlangen mit Gütern erfüllen, weil meine Jugend gleich der des Aolers wird erneuert werden. Denn durch die Hoffnung sind wir gehcilet worden, und erwarten deine Verheißungen in Geduld. Es höre dich im Innern reden, wer kann. Ich aber will zuversichtlich nach deinem Ausspruche rufen: Wie so großartig sind deine Werke, o Herr! alles hast du in' Weisheit gemacht. Sie ist der Anfang, und in diesem Anfange hast du Himmel und Erde gemacht. Sind nicht jene ihrer Schalkheit voll, welche uns sagen, was machte . Gott, eh' er Himmel und Erde machte? Denn ruhete er, sagen sie, und wirkte nicht Etwas, warum so nicht immer und in der Folge, wie er nachher auf immer vom Wirken nachgelassen hat? Denn wenn irgend eine neue Bewegung bei Gott 318 A. Augustinus Bekenntnisse. stattfand, und ein neuer Wille, daß er ein Geschöpf fertigte, welches er nie zuvor gefertigt hatte, wie ist denn das eine wahre Ewigkeit, in welcher ein Wille entsteht, der nicht war? Aber Gottes Wille ist kein Geschöpf, sondern vor dem Geschöpfe; denn nicht würde etwas geschaffen, ginge nicht der Wille des Schöpfers voraus. Zum Wesen Gottes selbst gehört daher sein Wille. Ist nun aber etwas im Wesen Gottes entstanden, was vorher nicht war, so wird in Wahrheit jenes Wesen nicht ewig genannt. War aber der ewige Wille Gottes, daß ein Geschöpf sein sollte, warum war nicht auch das Geschöpf ewig? Welche so sprechen erkennen dich noch nicht, o Weisheit Gottes, des Verstandes Licht; sie erkennen noch nicht, wie das werde, was durch dich und in dir wird, und erkühnen sich Ewiges zu verstehen, wahrend ihr Herz noch in verflossenen und künftigen Bewegungen der Dinge herumschwarmt und eitel ist. Wer wird es halten und anheften, daß es ein wenig stehe und in etwa erfasse den Glanz der immer stetigen Ewigkeit, sie vergleiche mit den nie stetigen Zeiten und sehe, daß sie unvergleichbar sei, und sehe, daß eine lange Zeit nur durch viele vorübergehende Bewegungen, die nicht zugleich ausgedehnt weiden können, lang werde; Nichts aber in der Ewigkeit vergehe, sondern Alles gegenwartig sei, keine Zeit aber ganz gegenwärtig sei; daß er sehe, wie alles Vergangene durch Künftiges verdrangt werde, und alles Künftige aus dem Vergangenen folge, und alles Vergangene und Künftige vvn dem, was immer gegenwartig ist, erschaffen werde Eilst es Buch. 319 und ausgehe. Wer wird das Herz des Menschen halten, damit er stillstehe und schaue, wie er stillstehend sagen könne vergangene und künftige Zeiten, nicht adcr künftige oder vergangene Ewigkeit? Vermag dieses meine Hand, oder wirkt durch Worte die Macht meines Mundes eine so große Sache? Sieh', ich antworte dem, der sagt, was machte Gott bevor er Himmel und Erde machte? ich antworte nicht das, was jener der gewaltigen Frage scherzweise ausweichend geantwortet haben soll, sagend! Er machte Höllen für die Durchgrüblcr der Geheimnisse. Denn ein Anderes ist sehen, ein Anderes lachen. Dieses also will ich nicht antworten. Lieber hatte ich geantwortet: Ich weiß nicht, was ich nicht weiß, als jenes, worüber der, welcher Unergründliches gefragt, belacht, und der, welcher Falsches geantwortet, belobt wird. Aber ich nenne dich, unser Gott, den Schöpfer aller Geschöpfe, und wenn unter dem Namen Himmel und Erde alle Geschöpfe verstanden werden, sagt' ich treift: Bevor Gott Himmel und Erde machte, machte er Nichts: denn macht' er Etwas, was macht' er anders, als ein Geschöpf? Und möcht' ich so wissen, was ich nützlich zu wissen wünsche, als ich weiß, daß kein Geschöpf gemacht ist, eh' ein einziges Geschöpf gemacht wurd^. Aber wenn Jemandes flüchtiger Geist durch vergangener Zeiten Gebilde umher schwärmt, und es ihn wundert, daß du allmachtiger, allerschaffendcr, allerhaltender Gott, mit diesem großen Werke, ehe du es machtest, unzahlbare Jahrhunderte lang gezaudert 320 A. Augustinus Bekenntnisse. habest, der erwache und vernehme, daß er Falsches bewundert. Denn wie konnten unzählbare Jahrhunderte vorübergehen, die du nicht gemacht hattest, da du aller Jahrhunderte Urheber und Schöpfer bist; oder welche Zeiten waren gewesen, die du nicht gemacht hattest? Oder wie gingen sie vorüber, wenn sie nie gewesen wären? Da du also Urheber aller Zeiten bist, wenn es eine Zeit gab, bevor du Himmel und Erde machtest, warum wird gesagt, daß du vom Werke abließest? Denn eben diese Zeit hattest ja du gemacht, und nicht konnten Zeiten vorübergehen, bevor du Zeiten machtest. Wenn aber vor dem Himmel und der Erde gar keine Zeit war, warum fragt mau, was du damals machtest? Denn es war ja kein Damals, wo keine Zeit war, und du gehst den Zeiten nicht an Zeit bevor, sonst würdest du nicht allen Zeiten bevorgehen. Doch du gehst allen vergangenen Zeiten bevor an Erhabenheit der stets gegenwärtigen Ewigkeit, und übertriffst alles künftige, eben weil es künftig ist, und wenn es gekommen, vergangen sein wird. Du aber bist derselbe immerdar, und deine Jahre endigen nicht. Deine Jahre kommen, und gehen nicht; die unsrigen aber gehen und kommen, damit alle kommen. Deine Jahre bestehen alle zugleich, weil sie bestehen, und das laufende nicht von dem kommenden vertrieben wird, weil es nicht vorübergeht. Jene unsrigen werden aber alle sein, wenn sie alle nicht mehr sein werden. Deine Jahre sind ein Tag, und dein Tag heißt nicht taglich, sondern heute. Denn dein heutiger Tag weicht nicht dem morgigen, noch folgt Eilst es Buch. 321 er dem gestrigen. Dein heutiger Tag ist Ewigkeit, deswegen hast du auch den gleichewigcn gezeugt, zu dem du sprachst: Heute Hab' ich dich gezeugt. Alle Zeiten hast du gemacht, und du bist vor allen Zeiten, und zu keiner Zeit gab es keine Zeit. Es gab also keine Zeit, als du noch nichts gemacht hattest, denn selbst die Zeit hattest du gemacht, und keine Zeiten sind dir gleichewig, denn du bleibst. Blieben aber jene, so waren sie keine Zeiten. Denn was ist die Zeit? Wer vermag sie leicht und kurz zu erklären? wer kann dieses beim Aussprechen des Worts auch nur im Gedanken umfassen? Wessen aber als eines gewöhnlichen und bekannten erwähnen wir im Gespräche öfterer als die Zeit? Ja, wir erkennen sie, wenn wir davon sprechen, und wir erkennen sie, auch wenn wir einen andern von ihr sprechen hören. Was ist also die Zeit? Fragt mich niemand, so weiß ich es; will ich es dem Fragenden erklären, so weiß ich es nicht. Zuversichtlich sag' ich indeß, ich wisse, daß wenn Nichts vergeh', es keine vergangene Zeit, und wenn Nichts ankomm', es keine künstige Zeit, und wenn Nichts sei, es keine gegenwärtige Zeit gebe^ Jene beiden Zeiten also, die vergangene und künftige, wie sind sie, da die vergangene nicht mehr ist, und die künftige noch nicht ist, die gegenwärtige aber, wäre sie immer gegenwärtig, und ginge nicht in die vergangene über, ja keine Zeit, sondern Ewigkeit wäre? Wenn also, weil es in das vergangene übergeht, das gegenwärtige eine Zeit ist, wie können wir sagen, daß es diese sei, da die Ursache seines Seins die ist, daß 14 ^ 322 A. Augustinus Bekenntnisse. es nicht sein wird, so daß wir mit Recht nicht sagen können, es sei eine Zeit, außer weil sie zum Nichtsein hinstrebt. Und doch sagen wir eine lange Zeit und eine kurze Zeit; aber so sagen wir nur von der vergangenen oder künftigen Zeit. Eine lange vergangene Zeit nennen wir z B. die vor hundert Jahren, eine lange künftige Zeit die über hundert Jahre; eben so eine kurze vergangene Zeit, die vor zehn Tagen; eine kurze künftige Zeit, die nach zehn Tagen. Aber auf welche Weise ist das lang oder kurz, was nicht ist? Denn das Vergangene ist nicht mehr, und das Künftige ist noch nicht. Laß uns daher nicht sagen: es ist lange; sondern vom Vergangenen: es ist lange gewesen, und vom Künftigen: es wird lang sein. Herr mein Gott, mein Licht! Wird aber auch nicht hier deine Wahrheit den Menschen verlachen? Denn die, welche eine langvergangene Zeit war, war sie lang, als sie schon vergangen, oder war sie lang, als sie noch gegenwärtig war? Denn da konnte sie lang sein, als etwas war, was lang war. Das Vergangene aber war nicht mehr, und ! daher konnte auch nicht lang sein, was überhaupt nicht war. Laß uns daher nicht sagen: Lang war die vergangene Zeit; denn wir werden nicht finden, was lang gewesen; weil, seitdem es vergangen, es nicht ist; sondern laß uns sagen: Lange war jene gegenwartige Zeit; weil sie, als sie gegenwartig war, lang war. Denn sie war nicht vergangen, so daß sie nicht mehr war, und deswegen war Etwas, das lang 324 A. Augustinus Bekenntnisse. übrigen künftig, wenn der letzte, so sind die übrigen vergangen, und wenn einer von den Mittlern Tagen, so ist er zwischen vergangenen und künftigen. Siehe schon ist aber die gegenwärtige Zeit, von welcher wir fanden, daß man nur sie allein lang nennen könne, auf die Dauer kaum eines Tages beschrankt; aber auch diesen laß uns theilen. Denn auch nicht mal Ein Tag ist ganz gegenwärtig. Denn er enthalt der Tag - und Nachtstunden im Ganzen vier und zwanzig, deren erste die übrigen als künftige, die letzte die andern als vor ihr vergangene, jede der zwischenliegenden vor ihr vergangene und nach ihr kommende hat. Und selbst jede einzelne Stunde bewegt sich durch flüchtige Theilchen. Was von ihr entflohen, ist vergangen; was von ihr noch zurück, ist künftig. Wenn man sich daher eine Zeit denkt, welche in gar keine, oder doch nur in die kleinsten Theilchen von Augenblicken sich theilen laßt, so ist es diese allein, die man die gegenwartige Zeit nennen kann. Sie aber fliegt mit so reißender Schnelle von dem Künftigen ins Vergangene hinüber, daß sie auch nicht durch die geringste Zögerung ausgedehnt werden kann. Denn wird sie ausgedehnt, so thcilt sie sich in Vergangenheit und Zukunft; die Gegenwart aber hat keine Ausdehnung. Wo ist also die Zeit, die wir eine lange nennen können? Vielleicht die künftige? Wir sagen ja aber nicht: sie ist lang, weil noch nicht ist, was lang ist; sondern wir sagen: sie wird lang sein. Wann wird sie also lang sein? Wenn sie auch da, wo sie noch künftig ist, nicht lang sein kann; weil das, was lang sein soll, EUftes Buch. 325 noch nicht ist. Soll sie aber lang sein, wenn sie aus der Zukunft, die noch nicht ist, zu sein schon angefangen und gegenwartig geworden, damit etwas sei, das lang sein könne: so ruft die gegenwartige Zeit mit dem obigen Worte, sie könne nicht lang sein. Und doch, Herr, empfinden wir Zeiträume, vergleichen sie unter einander, und nennen einige langer, andere kürzer. Wir messen auch, um wie viel kürzer oder langer diese Zeit sei, als jene, und sagen, diese sei eine zwei- oder dreifache, jene aber eine einfache, oder diese sei nur eben so lang, als jene. Wir messen aber die vorübergehenden Zeiten, da wir sie durch die Empfindung messen; die vergangenen Zeiten aber, welche nicht mehr sind, oder die künftigen, welche noch nicht sind. Wer kann sie messen? Es möchte denn einer wagen zu behaupten, man könne das messen, was nicht ist. Wahrend die Zeit vorübergeht, kann man sie also empfinden und messen; wenn sie aber vergangen, kann man es nicht; denn sie ist nicht. Bater! ich frage, ich behaupte nicht, mein Gott, sei du mir Schutz und Lenker! Wer ist's, der mir sagt, es gebe keine drei Zeiten, wie wir als Knaben gelernt und die Knaben gelehrt haben, — eine vergangene, gegenwartige und künftige: sondern nur eine gegenwartige, weil jene zwei nicht sind? Oder sind auch diese, und tritt etwas aus einer Verborgenheit hervor, wenn es aus Künftigem Gegenwartiges wird; oder tritt etwas in eine Verborgenheit zurück, wenn es aus Gegenwartigem Vergangenes wird? Denn wo haben die, welches Künftiges weissagten, dieses gesehen, wenn 326 A. Augustinus Bekenntnisse. es noch nicht ist; da ja das, was nicht ist, nicht gesehen werden kann. Und welche Vergangenes erzählen, würden ja nichts Wahres erzählen, wenn sie es im Geiste nicht sahen. Ware dieses aber Nichts, so könnte es ja gar nicht gesehen werden. Es gibt also sowohl Künftiges als Vergangenes. Gestatte mir, o Herr, weiter zu fragen, meine Hoffnung! — laß meine Aufmerksamkeit nicht verwirrt werden. Denn gibt es Künftiges und Vergangenes, so will ich wissen, wo es sei. Vermag ich dieses noch nicht, so weiß ich doch, daß, wo immer es sei, es dort nicht künftig oder vergangen, sondern gegenwartig sei. Denn wird auch dort es noch künftig sein, so ist es noch nicht dort; und ist es auch dort bereits vergangen, so ist es nicht mehr dort. Wo daher immer das sein möge, was ist, so ist es doch nirgends, als nur gegenwärtig. Und wenn auch Vergangenes, als wahr erzählt, aus dem Gedächtnisse vorgetragen wird, so ist dieses doch nicht die Sache selbst, die vergangen ist, sondern es sind die durch die Vorstellung der Sache gebildeten Worte, welche sie dem Geiste wahrend ihres Vorübergehens durch die Sinne, als Merkzeichen eingeprägt hat. So auch liegt meine Knabenzeit, welche nicbt mehr ist, in der vergangenen Zeit, die nicht mehr ist; ihr Bildniß aber schau' ich, wenn ich mich ihrer erinnere, und von ihr erzähle, in der gegenwartigen Zeit, weil sie nur noch im Gedächtnis ist. Ob es sich indeß ebenso mit der Voraussagung künftiger Dinge verhalte, daß wirkliche Abbildungen Eilftes Buch. von Dingen, die noch nicht sind, sich uns durstellen; dieses, ich bekenn' es dir, mein Gott! weiß ich nicht. So viel weiß ich aber, daß wir meistens unsere künftigen Handlungen zum Voraus überdenken, und dieses Vorausbedenken gegenwartig, die Handlung aber, welche wir zum Voraus bedenken, noch nicht sei, weil sie künftig ist. Wenn wir aber zur selben geschritten sind und angefangen baben, das zu thun, was wir im Voraus überdacht, dann wird jene Handlung sein, weil sie dann nicht mehr künftig, sondern gegenwartig ist. Wie also sich es auch immer mit dem geheimen Vorgefühl des Künftigen verhalten möge, so kann nur das gesehen werden, was ist; was aber bereits ist, ist nicht künftig, sondern gegenwartig. Wenn es daher heißt, daß man Künftiges sehe, so sieht man nicht dasjenige, was noch nicht ist, d. i. was künftig ist, sondern vielleicht sieht man dessen Ursachen oder Zeichen, die bereits sind. Diese sind aber für die Sehenden nicht mehr künftig, sondern gegenwartig; und aus ihnen wird das im Geiße schon aufgefaßte Künftige vorher- gcsagt. Diese Auffassungen selbst aber sind bereits, und welche sie vorhersagen, schauen sie bei sich bereits als gegenwartig. Unter einer so großen Anzahl von Sachen möge hier ein Beispiel sprechen. Ich sehe die Morgenröthe, und sage den Aufgang der Sonne vorher. Was ich seh', ist gegenwartig, was ich vorhersage, künftig. N> u ist die Sonne, die bereits ist, künftig, wohl aber ihr Aufgang, der noch nicht ist. Aber auch, wenn ich mir den Aufgang selbst im Geiste nicht abbildete, wie ich thue, wenn ich davon rede, 328 A. Augustinus Bekenntnisse. könnte ich ihn nicht vorhersagen. Auch ist jene Mor- genröthe, welch' ich am Himmel erblicke, nicht der Aufgang der Sonne, obwohl sie ihm vorhergeht, auch nicht jenes Bild in meinem Geiste, welche beide als gegenwärtig gesehen werden, um ihn als künftig vor- herzusagcn. Das Künftige ist daher noch nicht; und wenn es noch nicht ist, so ist es gar nicht; und wenn es nicht ist, kann es nicht im mindesten gesehen werden; aber vorhersagen kann man es aus dem Gegenwartigen, was bereits ist und gesehen wird. Du aber, Beherrscher des Geschöpfs, auf welche Weise lehrst du die Seelen das, was zukünftig ist. Denn deine Propheten Haft du belehrt. Welches ist die Weis', auf die du, für welchen es nichts Künftiges gibt, Künftiges lehrst; oder vielmehr das Gegenwärtige vom Künftigen lehrst? Denn was nicht ist, kann ja nicht gelehrt werden. Diese Weis' ist zu weit über meine Fassungskraft. Sie hat sich wider mich erstarkt; ich vermag nichts gegen sie. Ich werd' es aber durch dich vermögen, wenn du, süßes Licht meiner verborgenen Augen, es mir verleihest. Was aber jetzt deutlich und einleuchtend, ist: daß weder Künftiges noch Vergangenes ist. Und eigentlich sagt man nicht: es gibt drei Zeiten, die vergangene, gegenwartige und künftige; sondern vielleicht sollte man füglicher sagen: es gibt drei Zeiten, die gegenwartige von der Vergangenheit, die gegenwartige von der Gegenwart, die gegenwärtige von der Zukunft. Denn diese drei sind' ich in der Seel', und anders sind' ich sie nicht: das gegenwartige Andenken an die Eilftes Buch. 329 Vergangenheit, die gegenwärtige Anschauung der Gegenwart, die gegenwärtige Erwartung der Zukunft. Ist es erlaubt, dieses zu sagen, so sehe ich drei Zeiten, und bekenne, daß es drei gebe. Dann mag man auch sagen: es gebe drei Zeiten, die vergangene, gegenwartige und künftige; man sage es so mißbrauchsweise aus Gewohnheit: Sieh' ich kümmere mich nicht darum, ich straube mich nicht dagegen, ich tadle es nicht, wenn man nur versteht, was man sagt, und nicht, daß das, was künstig ist und das, was vergangen ist, jetzt sei. Denn es gibt nur weniges, was wir im eigentlichen Sinne sagen, vieles, was wir im uneigentlichen Sinne sagen; aber man sieht doch ein, was wir wollen. Ich habe kurz vorher gesagt, daß wir die vorübergehenden Zeiten messen, so daß wir sagen können, dieses sei im Vergleiche zu jener einfachen eine zweifache Zeit, oder diese Zeit sei jener gleich, oder was man sonst noch von Zeittheilen durch Messung ausdrücken kann; und deswegen messen wir die vorübergehenden Zeiten. Und wenn mich jemand fragt, woher weißt du dieses, werde ich antworten: Ich weiß es, weil wir messen, und wir nichts, was nicht ist, messen können, Künftiges und Vergangenes aber nicht ist. Wie aber messen wir die gegenwartige Zeit, wenn sie keinen Raum hat? Wir messen sie also, wahrend sie vorübergeht; wenn sie aber vergangen ist, messen wir sie nicht: denn was gemessen werden soll, wird nicht mehr sein. Von woher aber, wodurch und wohin geht sie vorüber, wenn sie gemessen wird? Won woher anders, als aus der Zukunft? wodurch anders, 330 A. Augustinus Bekenntnisse. als durch die Gegenwart? wohin anders, als in die Vergangenheit? Also aus dem, was noch nicht ist, durch das, was keinen Raum hat, in das, was nicht mehr ist. Was messen wir aber, wenn nicht die Zeit in einem gewissen Räume? Denn wir sagen nicht eine einfache, zweifache, dreifache und dergleichen, und wenn wir auf diese Weise etwas von der Zeit sprechen, nicht bloß von Zeiträumen. Mit welchem Räume messen wir daher die vorübergehende Zeit? mit der Zukunft, aus welcher sie vorübergeht? Allein, was noch nicht ist, messen wir nicht. Mit der Gegenwart, durch welche sie vorübergeht? Aber was keinen Raum hat, können wir nicht messen. Vielleicht mit der Vergangenheit, in welche sie übergeht? Doch wir messen das ja nicht, was nickt mehr ist. Mein Geist entbrennt, dieses so verwickelte Nath- sel zu kennen. Verschließe nicht, Herr, mein Gott! durch Iesum Christum beschwöre ich dich, guter Vater! — Verschließe nicht meinem Verlangen jenes Alltagliche und doch Geheimnißvolle, auf daß es dasselbe durchdringe, daß o Herr es ihm durch die Erleuchtung deiner Barmherzigkeit sich ausklare. Wen soll ich hierüber befragen, und wem sollte ich mit mehrerem Nutzen meine Unkunde bekennen, als dir, dem mein eifriges Forschen in deinen heiligen Schriften nickt übcrlästig ist. Gib, was ich liebe; denn ich liebe, und auch dieses hast ja du gegeben. Gib Vater, der du in Wahrheit deinen Kindern gute Gaben zu geben weißt. Gib, weil ich unternommen habe, dich kennen zu lernen, und es mir zu mühsam ist, bis du es mir eröffnest. Eilftes Buch. Ick beschwöre dich bei Christus, beim Namen jenes Heiligen der Heiligen. Keiner möge mich stören. Ich glaubte, und darum auch redete ich. Dieses ist meine Hoffnung; in dieser lebe ich, um die Ergötzun- gen meines Herrn zu betrachten. Sieh, meinen Tagen setztest du ein Maaß; sie vergehen und ich weiß nicht wie, und wir reden von Zeit und Zeit, und Zeiten und Zeiten; wie lange hat jener dieses gesagt, wie lange hat jener dieses gethan, und in wie langer Zeit Hab' ich dieses nicht gesehen; und diese Silb' ist zweimal so lang, als jene einfache kurze. Dieses sagen und hören wir, wir werden verstanden und verstehen es. Es ist dieses ganz offenbar und gebrauchlich, und wiederum ganz verborgen, und dessen Auflösung neu. Bon einem gelehrten Manne Hab' ich gehört, daß die Bewegung der Sonne, des Mondes und der Gestirne die eigentliche Zeit sei: und ich pflichtet' ihm bei. Warum sollten nickt die Bewegungen aller Körper vielmehr Zeit sein? Denn hörten auch die Himmelslichter auf zu sein, und es drehete sich eines Töpfers Rad, gäbe es da keine Zeit mehr, nach welcher man diese Kreise abmessen und sagen könnte, daß sie in gleicher Schnelligkeit vollbracht, oder wenn die Bewegung dann schneller, dann langsamer wäre, daß einige mehr, andere minder langsam sein? Oder würden wir nickt selbst, wenn wir dieses sprachen, auch in der Zeit reden? Oder gab es in unfern Worten nur darum lange und kurze Silben, weil jene wahrend längerer, diese während kürzerer Zeit ertönten? Gib, o Herr, den Menschen am Kleinen die gemeinsamen Begriffe 332 A. Augustinus Bekenntnisse. von kleinen und großen Sachen zu erkennen. Auch die Gestirne und Himmelslichtcr sind zu Zeichen und Zeiten, und zu Tagen und Iahren. Sie sind es in Wahrheit, aber ich werde nicht sagen, der Umlauf eines hölzernen Radchens sei ein Tag; und so wird jener auch nicht sagen, es sei deswegen auch keine Zeit. Ich begehre zu wissen die Kraft und das Wesen der Zeit, durch welche wir die Bewegungen der Körper messen, und z. B. sagen: jene Bewegung sei doppelt so lang als diese. Ich frage dieses nämlich, weil wi^ nicht bloß das Verweilen der Sonne über der Erde Tag nennen, wonach ein anderes Tag, ein Anderes Nacht ist; sondern auch ihren ganzen Umlauf vom Aufgange bis wieder zum Aufgange; wonach, wenn wir sagen, so viele Tage sind vergangen, wir diese so viele Tage mit ihren Nachten nehmen, und die Dauer der Nachte nicht gesondert berechnen. Weil also ein Tag erfüllt wird durch die Bewegung der Sonne und deren Umlauf vom Aufgange bis zum Aufgange, so frag' ich, ob die Bewegung selbst der Tag sei, oder die Dauer, während welcher sie geschieht, oder beides. Denn wäre das erste ein Tag, so würd' auch das ein Tag, wenn die Sonne ihren Lauf während eines so großen Zeitraums, als den einer Stunde vollendet hätte; wär' es das zweite, so würde das kein Tag sein, wenn von einem Sonnenaufgange bis zum andern die Dauer nicht größer als die einer Stunde wäre, sondern die Sonne, um den Tag zu vollenden, vier und zwanzigmal umliefe; wenn aber beides, so würde weder das ein Tag genannt werden, wenn die Eilftes Buch. Sonne, in der Daner einer Stunde ihren ganzen Kreis durchliefe, noch das, wenn beim Zurückbleiben der Sonne so viele Zeit verflösse, als in welcher die Sonne sonst den ganzen Umkreis von einem Morgen bis zum lindern zu durchlaufen pflegt. Ich will daher jetzt nicht fragen, was das sei, was man Tag nennt, sondern was die Zeit sei, mit welcher wir den Umlauf der Sonne messend, sagen würden, es sei um die Hälfte des Zeitraums kürzer, als gewöhnlich vollendet, wenn er in einem Zeitraum vollendet wäre, in welchem zwölf Stunden ablaufen. Beide Zeiten aber vergleichend, würden wir doch sagen, diese sei die einfache, jene aber die doppelte Zeit, wenn auch zuweilen die Sonne in jener einfachen zuweilen in jener zweifachen vom Aufgange bis wieder zum Aufgang' umliefe. Keiner sage mir daher, die Bewegungen der Himmelskörper sein die Zeiten, da ja, als auf das Gebet eines Mannes die Sonne stillgestanden war, damit er die siegreiche Schlacht vollendete, die Sonne zwar stand, die Zeit aber lief. Denn in ihrem eigenen, ihr genügenden Zeiträume, wurde jene Schlacht geliefert und geendet. Zeh erkenne daher: die Zeit sei eine gewisse Ausdehnung. Doch erkenn' ich dieses, oder schein' ich mir es zu erkennen? Du o Licht, Wahrheit wirst es mir zeigen. Heißest du mich billigen, wenn einer sagt: Zeit sei die Bewegung eines Körpers? Das heißest du nicht; denn ich höre, kein Körper bewege sich als nur in Zeit. Du sagst es. Nicht aber höre ich, die Bewegung eines Körpers selbst sei Zeit; du sagst das nicht. Denn wird ein Körper bewegt, 334 A. Augustinus Bekenntnisse. so messe ich mit der Zeit, wie lange er bewegt werde, vom Ansänge der Bewegung bis zu deren Ende. Und habe ich nicht den Anfang gesehen, und er beharrt in der Bewegung so, daß ich das Aufhören nicht sehe, so vermag ick nicht zu messen, wenn nicht vielleicht von dem Augenblick an, da ich zu sehen anfange, bis ich aufhöre. Sehe ich dieses lange, so erkläre ich blos, dieses sei eine lange Zeit, nicht aber, wie lang sie sei. — Denn wenn wir sprechen, wie groß, sagen wir es vergleichend, wie: dieses ist so groß als jenes, oder dieses ist das zweifache von jenem, und so mehreres auf diese Weise. Können wir aber die Entfernungen der Orte messen, woher und wohin der Körper kommt, der bewegt wird, oder seine Theile, wie wenn er auf einer Drehbank bewegt wird, so können wir bestimmen, wie groß die Zeit sei, in welcher von diesem bis zu jenem Orte die Bewegung des Körpers oder eines Theils desselben bewirkt ist. Da nun also ein Anderes die Bewegung eines Körpers ist, ein Anderes, womit wir messen, wie lange sie daure, wer sieht dann nicht ein, was von beiden man vorzüglich Zeit nennen müsse? Denn obwohl verschiedentlich ein Körper zuweilen bewegt wird, zuweilen stille steht, so messen wir mit der Zeit doch nicht allein seine Bewegung, sondern auch seinen Stillstand und sagen: Er hat so lange stillgestanden, als er bewegt worden, oder zweimal oder dreimal langer hat er gestanden, als er bewegt ist, oder wie anderes aus unserer Messung mehr oder minderes sich ergab. Die Zeit ist mithin etwas von der Bewegung eines Körpers verschiedenes. Eilftes Buch. Ja ich bekenne dir mein Herr! noch weiß ich nicht, ms Zeit ist, und abermals bekenn' ich dir, ich wisse, daß ich dieses in der Zeit sage, und lange schon von der Zeit rede, und eben dieses lange nichts anders sei, als ein Zeitabschnitt. Wie weiß ich aber dieses, da ick nicht weiß, was Zeit sei. Weiß ich vielleicht nicht, wie ich das ausdrücken soll, was ich weiß? Weh mir, da ich nicht einmal weiß, was ich nicht weiß! Sieh' o Herr! vor dir lüg' ich nicht, — wie ich rede, so ist mein Herz. Du, o Herr, wirst meine Leuchte erleuchten! mein Gott erleuchte meine Finsternisse. Bekennt nicht meine Seele dir mit wahrhaftigem Bekenntnisse, daß ich die Zeiten messe? Ja, mein Gott! messe ich wohl, und weiß nicht, was ich messe? Messe ick des Körpers Bewegung in der Zeit, und mess' ich die Zeit selbst nicht? Könnt' ich aber die Bewegung eines Körpers messen, wie lange sie daur', und wie bald er von dort dahin gelange, wenn ich nicht die Zeit, in welcher er bewegt wird, maße? Die Zeit selbst also, wodurch mess' ich sie? Messen wir eine längere Zeit durch eine kürzere, wie das Maaß eines Balkens durch das Maaß eines Fußes? Denn gleich wie wir durch das Maaß einer kurzen Silbe einer langen Silbe Maaß zu messen, und dieses das Doppelte zu nennen pflegen; so messen wir das Maaß eines Liedes durch das Maaß der Verse, das Maaß der Verse durch das Maaß der Füße, das Maaß der Füße durch das Maaß der Silben, das Maaß der langen durch das Maaß der kurzen, doch nicht auf dem Papier — denn auf diese Weise messen wir Räume, nicht Zeiten. Da 336 A. Augustinus Bekenntnisse. aber die Laute in der Aussprache vorübergehen, sagen wir gleichwohl, das Lied ist lang, denn es enthalt so viel Verse; die Verse sind lang, denn sie bestehen aus so viel Füßen; die Füße sind lang, denn sie zahlen so viel Silben; die Silbe ist lang, denn sie ist das Doppelte einer kurzen. Aber auch so wird kein sicheres Zeitmaaß bestimmt. Denn es kann eintreffen, daß ein kürzerer Vers eine geraumere Zeit hindurch erschalle, wenn er mehr gedehnt, als ein längerer, welcher gedrängter vorgetragen wird. — So auch ein Lied, ein Fuß, eine Silbe. Hienach scheint mir nun, die Zeit sei nichts anderes, als Ausdehnung — aber welches Dinges — weiß ich nickt; und wunderbar wär' es, — wenn nicht des Geistes. Denn, ich beschwöre dich, Herr mein Gott, was mess' ich, wenn ich unbestimmt ausspreche: diese Zeit ist länger als jene, oder auch bestimmt: diese ist das zweifache von jener? Ich messe die Zeit: das weiß ich; aber ich messe nicht die zukünftige, weil sie noch nicht ist; ich messe nicht die gegenwärtige, weil sie von gar keiner Dauer, nicht die vergangene, weil sie nicht mehr ist. Was messe ich daher? Vielleicht die vorübergehenden, nicht aber die vorübergegangenen Zeiten. So hatte ich nämlich gesagt. Fasse dich, mein Geist, und merke achtsam auf Gott, unsern Helser! Er hat uns gemacht, und nicht wir uns. Merk' aus, wo die Wahrheit dämmert. Stelle dir vor, deines Körpers Stimme fängt an zu tönen, und tönet und tönet annoch, und sieh, sie hört zu tönen aus. Schon herrscht Stille, und jene Stimme Eilftes Buch. 337 ist vergangen, und nicht mehr. Zukünftig war die Stimme, bevor sie tönte, und konnte nicht gemessen werden, weil sie noch nicht war, und auch jetzt kann- sie's nicht, weil sie nicht mehr ist. Da aber, als sie tönte, konnte es geschehen, denn da war sie, die zu messende, vorhanden. Aber auch da war sie nicht beständig, denn sie ging, und ging vorüber. Konnte deswegen es besser geschehen? Denn im Vorübergehen erstreckte sie sich in einen andern Zeitraum, durch welchen sie gemessen werden konnte, weil die Gegenwart keinen Raum bat. Konnte sie es aber damals, so stelle dir vor, eine andere Stimme sangt zu tönen an, und tönet noch in anhaltender Dauer, ohne irgend eine Unterbrechung. Messen wir selbe daher wahrend sie noch tönet. Denn hat sie zu tönen aufgehört, so wird sie vergangen und nicht mehr zu messen sein. Messen wir sie daher in der Wirklichkeit, und geben ihre Dauer an. Doch sie tönet noch und kann nicht gemessen werden, als von dem Anfange ihres Tönens bis zum Ende, wo sie aufhört. Denn nur den Zwischenraum selbst, von einem Anfange bis zu einem Ende, messen wir. Daher kann auch eine Stimme, welche noch nicht aufgehört hat, nicht gemessen werden, so daß man sagen könne, wie lang oder kurz sie sei. Auch kann man nicht sagen, sie sei einer andern gleich, sie sei eben so lang, oder noch einmal so lang, und Ähnliches. Wenn sie aber geendet sein wird, wird sie nicht mehr sein. Auf welche Weise wird man sie dann messen können? Und doch 15 333 A. Augustinus Bekenntnisse. messen wir Zeiten; aber weder die, welche noch nicht sind, noch die, welche nicht mehr sind, auch nicht die, welche keine Dauer haben, und auch nicht die, welche keine Grenzen haben. Also weder künftige, noch vergangene, noch gegenwartige, noch vorübergehende Zeiten messen wir, und doch messen wir Zeiten. Gott, Schöpfer aller Ding' umher. Dieser Vers von acht Silben wechselt mit kurzen und langen Silben. Die vier kurzen, die erste, dritte, fünfte, siebente, sinv einfach im Vergleiche mit den vier langen, der zweiten, vierten, sechsten, achten. Jede einzelne dieser hat im Vergleich mit jeder einzelnen jener die doppelte Zeit. Ich sprecke sie aus, und abermals aus, und so ist es, wie durch die Sinne offenbar erkannt wird. So weit ich ungezweifelt empfinde, messe ich an der kurzen die lange Silbe, und empfinde, sie habe das doppelte. Da aber eine nach der andern ertönet, wie, wenn die erste kurz, die folgende lang ist; wie will ich die kurze festhalten, und sie zur Messung der langen anwenden, um zu finden, daß sie nur das Zweifache enthalte, indem die lange nicht zu tönen anfangt, wenn die kurze zu tönen nicht aufgehört hat. Selbst die lange messe ich nicht als gegenwartig, weil ich sie nur bereits beendigt messe. Ihr Aufhören ist aber Vorübergehen. Wo ist es also, was ich messe? Wo ist die kurze Silbe, mit welcher ich messen, wo die lange, die ich messen soll? Beide sind ertönt, entflohen, vorübergegangen, sind nicht mehr; und ich messe sie und sage mit Zuversicht, in so weit man sich auf sein Eilst es Buch. 339 geübtes Gefühl verläßt, jene sei eine einfache, diese eine zweifache, nämlich an Zeitmaß. Und auch das kann ich nicht, als nur, weil sie vorübergegangen und geendet sind. Nicht also sie selbst, die nicht mehr sind, messe ich, sondern etwas, was meinem Geiste eingeprägt bleibt. In dir also, meinem Geiste, messe ich die Zeiten. Entgegne mir nicht: wie dieses? und verwirre dich nicht durch die Menge deiner Vorurtheile. In dir, sage ich, messe ich die Zeiten, den Eindruck, welchen die vorübergehenden Dinge auf dich machen, und welcher, wenn sie vorübergegangen sind, bleibt, diesen messe ich als gegenwartig, nicht die Dinge, welche, damit er entstehe, vorübergegangen sind. Ihn messe ich, wenn ich Zeiten messe. Er ist also entweder die Zeit selbst, oder ich messe eine Nichtzeit. Wie wenn wir das Stillschweigen messen, und sagen, dieses Stillschweigen habe so lange Zeit angehalten, als jene Stimme anhielt; dehnen wir da nicht unsere Gedanken nach dem Zeitmaße der Stimme, als tönte sie noch, daß wir etwas von der Dauer des Schweigens in der Zeit urtheilen können? Denn hört auch Mund und Stimme auf, vollenden wir doch in Gedanken die Lieder, Vers' und jegliche Rede, auch jegliche Dauer der Bewegungen, und sprechen von Zeilräumen, wie dieser sich zu jenem verhalte, nicht anders, als wenn wir sie laut aussprächen. Will einer einen etwas längern Laut von sich geben, und bestimmt mit Bedacht vorher, wie lang er sein solle, so durch- 15* 349 A. Augustinus Bekenntnisse. läuft er allerdings diesen Zeitraum in der Stille-, und ihn seinem Gedachtniss' einprägend, sängt er an den Laut von sich zu geben, welcher tönet, ja getönct hat, und tönen wird, bis er zum vorgesetzten Ziel geführt ist. Denn was von ihm vollbracht ist, das hat getönt; was noch bevorsteht wird tönen. So wird es daher vollführt, da die gegenwärtige Geistcsrichtung die Zukunft in die Vergangenheit überträgt, durch Verminderung des Künftigen das Vergangene wächst, bis durch Vollendung des Künftigen das Ganze vergangen ist. Doch aber, wie wird verkleinert oder verzehrt, was noch nicht ist, oder wie wachst Vergangenes, was nicht mehr ist, als nur, weil dem Geiste, welcher sich damit beschäftigt, dreierlei einwohnet: denn er erwartet, er bemerkt und erinnert sich, so daß das, was er erwartet, durch das, was er bemerkt, übergeht in das, dessen er sich erinnert. — Wer laugnet also, daß das Künftige noch nicht sei? Ist ja doch im Geiste bereits die Erwartung des Künftigen. Und wer laugnet, daß das Vergangene nicht mehr sei? Ist doch noch im Geiste das Andenken an das Vergangene? Wer läugnet endlich, daß die Gegenwart keine Ausdehnung habe, weil sie in einem Augenblicke vorübergeht? Jn- deß währt doch die Aufmerksamkeit, durch welche das, was da ist, da zu sein fortfährt. Nicht lang ist also die zukünftige Zeit, da sie nicht ist; sondern eine lange Zukunft ist nichts anders, als eine lange Erwartung der Zukunft; noch ist auch die vergangene Zeit lang, die nicht mehr ist, sondern eine lange Vergangenheit Eilst es Buch. ist eine lange Erinnerung an Bergangenes. Ich will ein Lied hersagen, was ich kenne. Bevor ich anfange, erstreckt sich meine Erwartung auf das Ganze. Habe ich aber angefangen, so breitet sich das, was ich davon für die Vergangenheit abgenommen, in meinem Gedachtniss' aus, und die Dauer dieser Handlung theilt sich in das Gedachtniß an das, was ich gesagt, und in die Ewartung dessen, was ich sagen werde. Gegenwartig aber ist meine Aufmerksamkeit, durch welche das, was künstig war, hindurchgeht, um Vergangenes zu werden. Und jemehr dieses geschieht, und wieder geschieht, um desto mehr verlängert sich durch Abkürzung der Erwartung das Gedachtniß, bis die ganze Erwartung verzehrt worden, wenn jene ganze Handlung als beendigt in das Gedachtniß übergegangen ist. Und was beim ganzen Licde, das geschieht auch bei dessen einzelnen Theilen, und bei dessen einzelnen Silben; dieses auch bei einer langern Handlung, wovon dieses Lied vielleicht ein Theil ist; dieses bei dem ganzen menschlichen Leben, wovon alle menschliche Handlungen Theile sind; dieses bei der ganzen Dauer des Menschengeschlechts, von welcher jedes Menschen Leben ein Theil ist. Doch deine Erbarmung ist besser als Leben! Sieh, mein Leben ist eine Ausdehnung, und deine Rechte hat mich ausgenommen in meinem Herrn, dem Menschen Sohne, dem Vermittler zwischen dir, dem Einen und uns Vielen, in Vielem durch Vieles, damit ich durch ihn erfass', in welchem auch ich erfaßt bin, und von den alten Tagen mich erhole, Einem nacheifernd 342 A. Augustinus Bekenntnisse. der Vergangenheit vergessend; nicht mich beschäftigend mit dem Künftigen und Vorübergehenden, sondern strebend nach dem, was vor uns ist, und so nicht nach meiner Beschäftigung, sondern nach meinem Streben folge der Palme des überirdischen Berufs, wo ich hören werde deines Lobes Stimme, und betrachten deine weder kommende noch vorübergehende Wonne. Jetzt aber vergehen meine Jahr' in Seufzen, und mein Trost bist du, mein Herr, ewiger Vater! Ich bin indeß aufgelöst in der Zeit, deren Ordnung ich nicht kenne, und stürmisches Mancherlei zerreißt meine Gedanken und das Innerste meiner Seele, bis ich in dir zusammenfließe, geläutert und zerfließend in deiner Liebe Gluth. Und ich werde in dir in meiner Gestalt bestehen, und gefestigt werden, und nicht dulden die Fragen der Menschen, welche in sträflicher Sucht nach Mchrerem dürsten als sie begreifen, und sagen: was machte Gott, bevor er Himmel und Erde machte? oder, wie kam es ihm in den Sinn etwas zu machen, da er vorher nie etwas gemacht hatte? Verleib ihnen, Herr, recht zu bedenken, was sie sagen- und zu finden, daß man nicht Nie sagt, wo es keine Zeit gibt. Sagt man daher, einer habe nie etwas gemacht, was sagt man denn anders, als, einer habe zu keiner Zeit etwas gemacht.^ Mögen sie also einsehen, daß es keine Zeit ohne ein Geschöpf geben kann, und aufhören solchen Unsinn zu reden. Mögen sie sich verbreiten über das, was vor ihnen ist, und erkennen, daß du vor allen Zeiten der ewige Schöpfer aller Zeiten seiest, und keine Eilftes Buch. 243 Zeiten dir gleich ewig sein, auch kein Geschöpf möge es auch vor den Zeiten gewesen sein. Herr, mein Gott! Wie groß ist die Tiefe deiner Geheimnisse, und wie weit haben mich die Folgen meiner Sünden von ihnen entfernt! Heile meine Augen, auf daß ich mich mitfreue über dein Liebt. Wahrlich, wenn ein Geist mit solchem Wissen und Worhcrwissen begabt ist, daß ihm alles Bergangene und Zukünftige so bekannt ist, wie mir ein sehr bekanntes Lied; so ist dieser Geist allerdings bewundernswürdig, und zum Schaudern anstaunenswerth, da ihm eben wenig verborgen ist, welche Jahrhunderte vollbracbt, und welche noch übrig sind, als mir, wenn ich das Lied singe, verborgen ist, was und wieviel vom Anfang schon abgegangen, und was und wieviel bis zum Schlüsse noch übrig sei. Doch fern sei's, daß du Scköpfer des All's, Schöpfer der Seelen und Leiber! fern sei's, daß du auf diese Art alles Künftige und Vergangene wissen solltest. Weit, weit wunderbarer, weit geheimnißooller weißt du es. Denn nicht, wie die Stimmung von einem, der bekanntes singt oder ein bekanntes Lied hört, durch die Erwartung an die künftigen und das Andenken an die vergangenen Worte geändert und der Sinn gespannt wird, ist dieses auch bei dir dem unveränderlich Ewigen, d. i. dem in Wahrheit ewigen Schöpfer der Geister, der Fall. Denn gleichwie du im Anfange Himmel und Erde ohne Veränderung deiner Kcnntniß gekannt, so hast du auch im Anfange Himmel und Erde ohne Änderung deines Wirkens gemacht. Wer dieses ver- Zwölftes Buch. ^i-m vieles, o Herr, bekümmert sich mein Herz bei dieser Armseligkeit meines Lebens, beunruhigt durch die Worte deiner heiligen Schrift, und eben deswegen ist meistens die Armuth des menschlichen Erkenntniß- vermögens wortreich. Denn mehr redet die Untersuchung als die Auffindung, langer ist die Bitte, als die Gewährung, und eine anklopfende Hand geschäftiger, als eine empfangende. Wir haben das Versprechen, wer wird es vernichten! Wenn Gott für uns, wer ist wider uns! «Bittet, und ihr werdet erhalten; suchet, und ihr werdet finden; klopft an, und euch wird aufgcthan.» Denn jeder der bittet, wird erhalten, und der suchet wird finden, und dem Anklopfenden wird aufgcthan. Dies sind deine Verheißungen, und wer fürchtet Betrug, wo die Wahrheit verheißt? Deiner Hoheit bekennt meiner Zunge Niedrigkeit, daß du Himmel und Erde gemacht, diesen Himmel, dm ich schaue, und diese Erde, auf welche ich trete. Woher auch diese Erde ist, die ich trage, du hast sie gemacht. Wo aber, o Herr, ist jener Himmel des Himmels, von welchem wir durch die Stimme des Psalms hören: der Himmel des Himmels ist des Herrn, die Erde aber hat er den Menschenkindern ge- 15^ 346 A. Augustinus Bekenntnisse. geben. Wo ist der Himmel, den wir nicht erblicken, gegen welchen Alles, was wir erblicken, Erde ist. Denn dieses ganz Körperliche, dessen Unterstes unsere Erde ist, hat nicht durcb und durch auch in den letzten Theilen eine so schöne Gestalt erhalten, sondern gegen jenen Himmel des Himmels ist unserer Erde Himmel gleichfalls Erde. Und beide diese großen Körper sind nicht unpassend Erde gegen jenen, ich weiß nicht welchen Himmel, welcher des Herrn ist, nicht der Menschenkinder. Ja wahrlich war diese Erde unsichtbar und ungeordnet, und, ich weiß nicht, welch' ein unergründlicher Abgrund, über welchen kein Licht, weil an ihm keine Gestalt war. Woher befahlst du, daß geschrieben würde, «Finsternisse waren über dem Abgrund,» wenn dies nicht Abwesenheit des Lichts wäre? Denn wo wäre Licht (wenn es wäre) wenn nicht über etwas sich erhebend und erhellend Wo daher noch kein Licht war, was war dann Anwesenheit der Finsterniß anders, als Abwesenheit des Lichts. Auf ihr waren daher Finsternisse, weil Licht auf ihr fehlte, gleichwie dort, wo kein Laut, Stille ist. Und was ists, daß dort Stille ist, als, daß dort kein Laut ist. Hast du, o Herr, nicht diese meine Seele, welche dir es bekennt, also gelehrt? Hast du, o Herr, mich nicht gelehrt, daß bevor du jenen gestaltlosen Stoff bildetest und ordnetest, Nichts, keine Farbe, keine Gestalt, kein Körper, kein Geist, da war? Doch war nicht ganz und gar Nichts, es war etwas Formloses da, ohne irgend eine Gestalt. Zwölftes Buch. 347 Wie sollte man es daher, wenn nicht mit irgend einem gebrauchlichen Worte, benennen, um auch Einfältigem es in etwa beizubringen? Was kann man aber in allen Theilen der Welt finden, daß jeglicher Art Gestaltlosigkeit sich mehr nähere, als Erd' und Abgrund. Denn auf ihrer untersten Stufe sind sie weit unscheinbarer, als alle jene höheren durchsichtigen und lichtvollen Dinge, Warum sollen wir daher nicht die Gestaltlosigkeit des Stoffes annehmen, den du ohne Gestalt gemacht hattest, um aus ihm eine wohlgestaltete Welt zu bilden, da sie so anpassend den Menschen angekündigt worden, indem sie die unsichtbare und ungeordnete Erde genannt wurde. Untersucht nun bei ihr unser Verstand, was unser Sinn erreiche, so sagt er sich, auch die Gestalt ist nicht erkennbar gleich dem Leben, gleich der Gerechtigkeit, denn sie ist der Stoff der Körper, und sie ist unempfindbar, weil bei einem Unsichtbaren und Ungeordneten es nichts gibt, was man sehen oder empfinden könne. Spricht so der menschliche Verstand zu sich selbst, so versucht er sie durch Nichtwissen zu kennen, oder durch Nichtkcnnen zu wissen. Soll ich aber, o Herr, mit Mund und Feder dir Alles bekennen, was du mich in Beziehung auf jenen Stoff gelehrt hast, dessen Namen ich früherhin hörte und nicht begriff, da mir jene davon erzählten, welche ihn nicht kannten; so dacht' ich ihn mir auf unzahlbaren und verschiedenartigen Gestalten; und eben darin dacht' ich ihn nicht. Scheußliche und schreckliche Gestalten in verwirrter Folge drehten sich im Geiste herum, 343 A. Augustinus Bekenntnisse. aber doch Gestalten, und ungestaltet nannt' ich ihn, nicht weil ihm die Gestalt mangelte, sondern weil er eine solche hatte, daß, wenn das Ungewöhnliche oder Unpassende sich zeigte, mein Gefühl sich davon abkehrte und die menschliche Schwache sich verwirrte. Indessen war das, was ich dachte, nicht durch Beraubung von aller Gestalt, sondern durch Vergleichung mit Wohlgestaltetem umgestaltet, und die gesunde Vernunft rieth, es ganzlich von allen Überbleibseln von irgend einer Gestalt zu entkleiden, wenn ich etwas ganz Gestaltloses denken wollte, und ich konnte es nicht. Eher meinte ich, es sei nichts vorhanden, was aller Gestalt mangele, als daß ich dachte, es gebe etwas zwischen der Gestalt und dem Nichts, das weder gestaltet, noch Nichts, ein gestaltloses Beinahcnichts, wäre. Mein Verstand hörte daher auch auf, meinen mit Wildern gestalteter Körper angefüllten, und sie nach seiner Willkühr ändernden, und wandelnden Geist zu befragen. Und ich merkte auf die Körper selbst, und sah tiefer ein ihre Veränderlichkeit, wodurch sie aufhören zu sein, was sie waren, und anfangen zu sein, was sie nicht waren. — Und ich vermuthete, dieser Übergang von Gestalt zu Gestalt geschehe durch ein Gewisses ungestaltetes, nicht aber durch ein baares Nichts; ich wünschte indeß zu wissen, nicht zu vermuthcn. — Und würde meine Stimme und Schrift das insgcsammt bekennen, was du über jene Frage mir entwickelt hast, welcher Leser würde Ausdauer besitzen, es zu fassen. Doch deswegen wird mein Herz nicht aufhören, dir Ehre zu erzeigen und zu lobsingen, über dasjenige, was Zwölftes Buch. 349 es auszusprechen nicht vermag. Denn die Veränderlichkeit der veränderlichen Dinge selbst ist fähig aller Gestalten, in welche veränderliche Dinge verändert werden. Und was ist sie? Ist sie ein Geist? Ist sie ein Körper? Ist sie eine Gestalt des Geistes oder Körpers? Könnte man sagen: auch das Nichts ist etwas und ist es nicht, so würd' ich sie so nennen, und doch war ein, was auch immer für ein Etwas, damit es jene sichtbaren und geordneten Gestalten annähme. Und woher war dieses, was immer für ein Etwas, wenn nicht von dir, von welchem Alles ist, in wieweit es ist. Aber um so entfernterer jedoch nicht dem Orte nach ist es von dir, je unähnlicher es dir ist. Also hast du, o Herr, der du nicht dann dieses dann jenes, sondern derselbige, dcrsclbige und derselbige, der heilige, heilige, heilige, allmachtige Herr und Gott bist, im Anfange, welcher in dir ist in deiner Weisheit, welche aus deiner Wesenheit geboren ist. Etwas und auS Nichts gemacht. Denn gemacht hast du Himmel und Erde, nicht von dir; denn dann wären sie gleich deinem Eingeborenen, und daher auch dir; und auf keine Weise war' es gerecht, daß etwas, was nicht von dir ist, dir gleich sei. Aber außer dir, Gott, du einfache Dreiheit und dreifache Einheit gab es Nichts, woraus du Sie machen konntest; und darum hast du aus Nichts Himmel und Erde, etwas Großes und etwas Kleines, und weil du allmächtig und gütig bist, um alles Gute zu schaffen, einen großen Himmel und eine kleine Erde gemacht. Du wärest, und nichts Anderes, woraus du Himmel und Erde gemacht, ein Zweifa- 35» A. Augustinus Bekenntnisse. chcs, das Eine nächst bei dir, das Andere nächst beim Nichts; Eines, über welches du erhaben seist; das Andere so, daß nichts niedriger sei. Jener Himmel des Himmels aber, o Herr, ist dein! die Erde aber, welche du den Menschenkindern zu sehen und zu berühren gabst, war nicht so, wie wir sie jetzt sehen und berühren. Sie war unsichtbar und ungeordnet; ein Abgrund, über welchen kein Licht war; oder: «Finsternisse über dem Abgrunde;» das ist, mehr wie im Abgrunde. Denn jener Abgrund der jetzt sichtbaren Gewässer hat auch in seinen Tiefen sein eigenthümliches den Fischen und den auf seinem Boden kriechenden Thicrcn, empfindbares Licht. Jenes Ganze aber war nahe dem Nichts, weil gänzlich noch ungestaltet. Dock war schon etwas da, was gestaltet werden konnte. Denn du, o Herr, hast die Welt gemacht aus gestaltlosem Stoffe, welchen du aus Nichts zu einem Kaumetwas schufest, um aus ihm das Große zu machen, was wir Menschenkinder bewundern. Höchst bewundernswerth ist nämlich dieser körperliche Himmel, welchen eine Beste du zwischen Gewässern und Gewässern gegründet hast, als du am zweiten Tage nach Erschaffung des Lichts sprachst.- «Sie werde,» und so ward sie. Diese Beste nanntest du den Himmel, jedoch den Himmel dieser Erde und dieses Meeres, welche du am dritten Tage machtest, sichtbare Gestalt verleihend dem ungestalteten Stoffe, welchen -du vor allen Tagen machtest. Denn du hattest bereits ja auch den Himmel vor allen Tagen gemacht, jedoch den Himmel dieses Himmels; denn im Anfange hattest du Zwölftes Buch. 351 Himmel und Erde gemacht. Die Erde selbst aber, die du gemacht hattest, war ein ungestalteter Stoff, weil sie unsichtbar und ungeordnet, und Finstcrniß über dem Abgrund war, um aus dieser unsichtbaren, und ungeordneten Erde, aus dieser Ungestalt, aus diesem Weinahenichts, dieses Alles zu machen, woraus diese veränderliche Welt besteht und nicht besteht; bei welcher die Veränderlichkeit selbst sich zeigt, und an welcher man Zeiten fühlen und abzahlen kann, weil durch Veränderungen der Dinge Zeiten entstehen, indem Gestalten, deren Stoff jene vorgenannte unsichtbare Erde ist, verändert und verwandelt werden. Der Geist, der Lehrer deines Dieners, schweigt daher von Zeiten, redet nicht von Tagen, wenn er erzählt, im Anfange habest du Himmel und Erde gemacht. Denn wahrlich ist der Himmel des Himmels, welchen du im Anfange schufest, irgend ein verständiges Geschöpf, und obgleich dir, o Dreieinigkeit, nicht gleichewig, beschränkt es doch, theilhaft deiner Ewigkeit, sehr seine Wandelbarkeit wegen der Süße deiner so beglückenden Anschauung; und von seiner Schöpfung an dir ohn' irgend einen Fehl anklebend, übersteigt es jeden wandelbaren Zeitwcchsel. Aber auch jene Ungestalt, die unsichtbare und ungeordnete Erde, wird nicht nach Tagen gezählt. Denn wo keine Gestalt, da ist keine Ordnung; nichts kommt, und nichts geht vorüber, und wo dieses nicht geschieht, gibt es weder Tage, noch Wechsel von Zeiträumen. O Wahrheit, meines Herzens Licht! mögen meine Finsternisse nicht reden zu mir. Zu jenem bin ich 352 A. Augustinus Bekenntnisse. hinabgesunken, und umnebelt, aber auch von dort, von dort aus gewann ich dich lieb Ich irrt', aber ich gedachte deiner. Ich hörte deine Stimme hinter mir, daß ich zurückkehrte, und kaum hört' ich sie vor dem Lärme der Sünden. Und sieh, jetzt kehr' ich erhitzt und keuchend zu deinem Quell zurück. Keiner wehre mir! Ihn will ich trinken, und davon leben. Denn nicht bin ich mein Leben; habe ich übel gelebt, so bin ich aus mir selbst mein Tod gewesen, in dir aber lebe ich wieder auf. Rede du mich an, sprich du zu mir. Deinen Büchern habe ich geglaubt, und ihre Worte sind sehr geheimnißvoll. Schon hast du, o Gott, mit starker Stimme mir ins innere Ohr gerufen, daß du der Ewige bist, dn der einzige Besitzer der Unsterblichkeit; denn du wandelst dich nicht durch Gestalt oder Bewegung, auch ändert dein Wille sich nicht durch Zeiten, weil der Wille, der dann so, dann anders ist, nicht unsterblich ist. Bor deinem Angesichte leuchtet mir dieses ein, und möge es, ich bitte dich, mir immer mehr einleuchten, und ich bei dieser Offenbarung vernünftig unter deinen Flügeln verharren. So auch riefst du, o Herr, mit starker Stimme mir ins innere Ohr, daß du alle Geschöpfe und Wesen, welche das nicht sind, was du bist und doch sind, gemacht hast, und nur das nicht von dir ist, was nicht ist; auch die Bewegung des Willens, der von dir ist, der da ist, zu dem was geringer ist, ablenkt. Nimmer aber schadet eine solche Ablenkung des Willens, die Verbrechen oder Sünde ist, dir, noch schadet sie der Ordnung deines Reiches Zwölftes Buch. 353 weder im Großen noch im Kleinen. Bor deinem Angesichte leuchtet dieses mir ein; möge es mir, ich bitte dich, immer mehr einleuchten, und ich bei dieser Offenbarung demüthig unter deinen Flügeln verharren. Ferner riefst du mir mit starker Stimme in das innere Ohr, daß auch nicht jenes Geschöpf dir gleich- ervig ist, dessen Wille du allein bist, und welches aus dir in bebarrlichster Keuschheit schöpfend, nie seine Veränderlichkeit offenbaret; und welches, da du, an welchen es sich mit ganzer Inbrunst festhält, ihm stats gegenwartig bist, nichts Künftiges zu erwarten, auch nichts der Vergangenheit zu übergeben hat, um dessen zu gedenken. O selig es, wenn es eines gibt durch das Versenken in deine Glückseligkeit, selig durch deine immerwahrende Einwohnung und Erleuchtung. Ich finde auch Nichts, was ich eher glaube den Himmel des Himmels für den Herrn nennen zu dürfen, als eine Wohnung von dir, welche deine Wonne, ohne den Fehler auf etwas anders abzuschweifen, anschauet; einen reinen Geist, einträchtig eins durch das Band des Friedens der heiligen Geister, der Bürger deines Staats in dem Himmel über diesen Himmel. Hieraus möge die Seele erkennen, wie weit sie durch ihre Wanderung sich entfernt habe, wenn sie jetzt nach dir dürstet, wenn jetzt Thranen ihr Brod geworden, da man täglich zu ihr sagt, wo ist dein Gott; wenn sie nur das Eine von dir bittet, und flehet, daß sie in deinem Hause wohne alle Tage ihres Lebens hindurch. Und wer ist ihr Leben, wenn nicht du, und welche sind deine Tage, wenn nicht deine Ewigkeit, wie deine Jahre, welche nicht 354 A. Augustinus Bekenntnisse. enden, weil du immer derselbe bist? Hieraus möge die Seele, welche es vermag, erkennen, wie weit vor allen Zeiten du ewig bist, wenn sogar deine Wohnung, welche nicht entfremdet geworden, obgleich dir nicht glcichcwig, doch durch ihre unaufhörliche und unablässige Vereinigung mit dir keinen Wechsel der Zeiten erleidet. Vor deinem Angesichte leuchtet mir dieses ein; und möge es, ich bitte dich, mir immer mehr einleuchten, unv bei dieser Offenbarung ich demüthigcr unter deinen Flügeln verweilen! Sieh', ich weiß nicht, was doch für Ungestaltetes bei diesen Veränderungen der letzten und untersten Dinge sich vorfinde; und wer wird es mir sagen, als nur der, welcher in der Leere seines Herzens umher schweift, und mit seinen eitlen Traumereien sich verliert. Wer anders, als nur ein solcher, könnte mir sagen, daß, wenn nach Verminderung und ganzlichem Aufhören aller Gestalt nur die Ungestalt zurückblicke, durch welche ein Ding von Gestalt zu Gestalt sich veränderte und drehte, man einen Zcitenwcchsel darstellen könne. Aber dieses kann nie geschehen, weil ohne verschiedenartige Bewegungen es keine Zeit gibt, und, wo keine Gestalt, auch keine Verschiedenheit ist. Betrachte ich dieses, mein Gott, in sofern du es mir verleihest, zum Anklopfen spornst, und dem Anklopfenden öffnest, so sind' ick ein Zweifaches, was du ohne Zeiten machtest, obwohl beides dir nicht glcichcwig ist: das Eine, was so gestaltet ist, daß es ohn' irgend einen Mangel der Betrachtung, ohn' irgend eine Zwischenzeit der Veränderung, obwohl verander- Zwölftes Buch. 355 lich doch nicht verändert, deiner Ewigkeit und Unver- aneerlichkcit genießt; das andere, was so gestaltlos war, daß, in welche Gestalt der Bewegung oder des Stillcstehcns es sich wandeln mochte, es doch keiner Zeit unterworfen war. Doch auch dieses hast du nicht verlassen, daß es gestaltlos bliebe; denn vor allen Tagen, im Anfange, hast du Himmel und Erde gemacht, jenes Zweifache, wovon ich sprach. «Die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet, und Finsternisse waren f über dem Abgrunde.» Durch diese Worte wird die Gestaltlosigkeit angedeutet, so daß nach und nach diejenigen belehrt werden, welche sich nicht denken können, es ^ gebe eine Abwesenheit jeder Gestalt, ohne daß man deswegen zu einem Nichts gelange, woraus, wie erzahlt wird, ein anderer Himmel und eine sichtbare und geordnete Erde, ansehnliche Gewässer, und was darnach bei der Verfertigung dieser Erde in Tagen gemacht worden, entstanden ist. Denn so sind diese, daß bei ihnen wegen ! der geordneten Veränderungen der Bewegungen und Gestalten ein Zcitwechsel stattfindet. So verstehe ich dieses einstweilen, mein Gott, ' wenn ich deine Schrift sprechen höre: «Im Anfange f hat Gott Himmel und Erde gemacht. Die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet, und Finsternisse über dem Abgrunde,» und nicht erwähnen, am wie vielsten Tage du es gemacht. Unterdessen verstehe ich deswe- ^ gen unter jenem Himmel des Himmels den geistigen ^ Himmel, in welchem Erkennen zugleich vollständiges Kennen ist, nicht ein theilweises, nicht ein räthselhaftes, nicht durch einen Spiegel, sondern ein Ganzes, offen- 356 A. Augustinus Bekenntnisse. bar von Angesicht zu Angesicht, nicht dann dieses, dann jenes, sondern, wie gesagt, ein vollständiges Kennen, ohne irgend einen Zeitwechsel; und unter der unsichtbaren und ungeordneten Erde jene Erde ohne Zeitwechsel, in welcher bald dieses, bald jenes stattfindet, weil, wo keine Gestalt ist, dort auch nie dieses oder jenes ist. Unter diesem Zweifachen also, dem gleich anfangs Gestalteten und dem gänzlich Ungestalteten versteh' ich, unter jenem den Himmel, jedoch den Himmel des Himmels, unter diesem aber die Erde, indcß die unsichtbare und ungeordnete. Von diesen beiden halt ich, daß deine Schrift ohne Angabe der Tage spreche: »Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde,» indem sie gleich hinzusetzt, welche Erde sie meine; und weil erwähnt wird, daß am zweiten Tage die Himmelsveste gemacht, und Himmel genannt sei, so wird dadurch angedeutet, von welchem Himmel früher ohn' Erwähnung von Tagen die Rede gewesen. Wunderbar ist die Tiefe deiner Worte, deren Oberfläche uns Kleinen anlächelt; aber ihre Tiefe, mein Gott, ist wunderbar — wunderbar ihre Tiefe! Heftig hafs' ich ihre Feinde. Schauerlich ist es, in sie einzudringen, Schauer der Ehrfurcht und Furcht der Liebe befällt uns. Möchtest du sie doch mit zweifach geschärftem Schwerte tödten, daß sie nicht ferner ihre Feinde sind. Denn so wünsch' ich, sie möchten sich selbst sterben, damit sie dir lebten. Sieh' indcß, andere, keine Tadler, sondern Lobredner des Buchs der Schöpfung sprechen: Nicht dieses will der Geist Gottes, der durch seinen Diener Wöpses das Alles auf- Zwölftes Buch. 357 schreiben ließ, unter diesen Worten verstanden wissen. Nicht das, was du sagst, sondern etwas Anders, das wir sagen. Diesen antworte ich vor dir, o Gott, als I dem Schiedsrichter unter uns Allen folgendes: Werdet ihr sagen, das sei falsch, was die Wahrheit mit starker Stimme in mein inneres Ohr spricht, über die wahre Ewigkeit des Schöpfers; daß sein Wesen durch Zeiten nicht verändert werde, und sein Wille nicht außer seinem Wesen sei; daß er daher nicht dann dieses, dann jenes, sondern einmal, zugleich, und auf immer Alles wolle, was er will, nicht abermals, und abermals, nicht dann dieses, dann jenes, und er hernach das wolle, was er früher nicht wollte, oder nicht wolle, was er früher gewollt? Denn ein solcher Wille ist wandelbar, und alles Wandelbare nicht ewlg, unser Gott aber ist ewig. — Ferner, was mir ins innere Ohr gesprochen wird: Die Erwartung künftiger Dinge wird Anschauung, wenn sie kommen, eben diese Anschauung wird Andenken, wenn sie vorübergegangen. Jede Richtung der Seele, die so wechselt, ist aber wandelbar, und alles Wandelbare nicht ewig. Unser Gott aber ist ewig. Dieses fasse ich zusammen, und verbinde es, und so finde ich, mein Gott, der ewige Gott habe das Geschaffene nicht durch einen neuen Willen gemacht, und sein Wissen dulde nichts Vorübergehendes. Was werdet ihr antworten, ihr Widersprechen! Ist dieses alles falsch? Nein, sagen sie. Was aber nun? Ist es falsch, daß alle gebildeten Wesen, oder der gestaltungsfähige Stoff nur von dem sei, welcher der Höchstgütige, weil er der Höchste ist? 358 A. Augustinus Bekenntnisse. Auch dieses läugnen wir nicht, sprechen sie. Was dann aber? Laugnet ihr dann das, daß es ein gewisses erhabenes Geschöpf gebe, welches mit so keuscher Liebe dem wahren, und wahrhaft ewigen Gott anhangt, daß, obgleich es nicht gleichewig imt ihm ist, es doch durch keine Änderung und keinen Wechsel der Zeiten sich von ihm ablöse und vergehe, sondern in wahrhaftigster Betrachtung Seiner allein ruhe? Denn, o Herr! dem, der dich so liebt, wie du es befiehlst, zeigest du dich, und genügst ihm, und darum wendet er sich weder ab von dir, noch hin zu sich. Dieses ist das Haus Gottes, nicht ein irdisches, auch nicht ein durch irgend einen himmlischen Stoff Körperliches, sondern ein geistiges und deiner Ewigkeit Thcilhastes, weil auf ewig ohne Fehl. Denn du hast es festgestellt auf immer, und ewig; du hast ein Gebot gegeben, und es wird nicht vergehen. Doch aber ist es nicht gleichewig mit dir, mein Gott, weil es nicht ohne Ansaug, denn es ist gemacht. Denn finden wir auch keine Zeit vor ; ihm, weil vor allem andern die Weisheit erschaffen i ward, so ist doch diese Weisheit nicht selbst, durch welche Alles erschaffen ist, und durch welche du zuerst Him- l mel und Erde machtest, die mit dir ganz glcichcwig I und gleich mit dir mein Gott, ihrem Vater, sondern für wahr eine erschaffene Weisheit, nämlich ein verständiges Geschöpf, welches durch Betrachtung des Lichts Licht ist, denn auch dieses, obwohl erschaffen, wird Weisheit genannt. Aber wie groß der Unterschied ! ist zwischen dem Lichte, was erleuchtet, und dem, was ^ erleuchtet wird, eben so groß ist er zwischen der Weis- Zwölftes Buch. 359 heit, die erschafft, und der, welche erschaffen wird; gleichwie zwischen der rechtfertigenden Gerechtigkeit, und der Gerechtigkeit, welche durch Rechtfertigung geworden ist, denn anch wir werden deine Gerechtigkeit genannt. Einer deiner Diener sagt ja: damit wir würden Gerechtigkeit vor Gott in ihm. Weil also vor allein Andern eine gewisse Weisheit erschaffen worden, welche erschaffen ist als vernünftige und verständige Seele deiner keuschen Stadt, unserer Mutter, die da oben ist und frei ist und ewig in den Himmeln — (und in welchen Himmeln als in den Himmeln der Himmel, welche dich loben); weil auch dieser Himmel des Himmels des Herrn ist, so besteht doch, obwohl wir vor ihr keine Zeit antreffen, weil sie als Zuerstgeschaffene auch der Erschaffung der Zeit vorhergeht, vor ihr des Schöpfers Ewigkeit, von welchem sie gemacht, ihren Anfang, wenn auch nicht der Zeiten, welche noch nickt waren, doch ihrer Beschaffenheit genommen hat. Sie ist daher von dir, o Gott unserm Herrn, und zwar so, daß ganz etwas anderes als du, und nicht dasselbe mit dir ist. Denn obgleich wir nicht allein nickt vor ihr, sondern auch an ihr selbst keine Zeiten finden (weil sie fähig ist, immer dein Angesicht zu sehen, und nie sich von ihm abwendet und eben dadurch es geschieht, daß keine Veränderung bei ihr stattfindet) so liegt doch Wandelbarkcit in ihr, und sie würde dunkeln und erkalten, wenn nicht, mit inniger Liebe dir anhangend, sie gleich einer ewigen Mittagssonne durch dich leuchtete und entbrennte. O lichtvolles und ansehnliches Haus, deine Pracht und den Ort KW'' ÜW K-Ä , KD 'sH?! M r »« i 360 A. Augustinus Bekenntnisse. , der Wohnung der Herrlichkeit meines Herrn deines Erbauers und Besitzers liebe ich. — Nach dir sehnt sich meine Pilgerfahrt, und ich sage zu dem, der dich gemacht, daß er auch mich in dir besitzen möge, weil er auch mich gemacht hat. Ich irre wie ein verlornes Schaaf, aber ich hoffe, ich werde auf den Achseln meines Hirten, deines Erbauers zu dir zurückgebracht werden. Was sagt ihr mir nun, ihr Widersprecher, die ich anredete, welche ihr jedoch Mopses für einen frommen Diener Gottes, und seine Bücher für Aussprüche des heiligen Geistes haltet? Ist dieses nicht ein Haus Gottes, nicht zwar Gott gleichewig, doch aber auf seine Weise ewig in dem Himmel, wo ihr vergeblich nach einem Wechsel der Zeiten sucht, weil ihr ihn nicht finden werdet? Denn das, für welches es gut ist, immer Gott anzuhangen, überschreitet jede Ausdehnung, und jeden vorüberrollenden Zeitraum. So ist's, sagen sie. Was behauptet ihr dann von demjenigen, was mein Herz zu meinem Gott aufschrie, als es in seinem Innern die Stimme seines Lobes hörte, — sei falsch? Vielleicht, daß ein ungestalteter Stoff da gewesen, bei welchem aus ganzlichem Mangel einer Gestalt, keine Ordnung war? Wo aber keine Ordnung war, konnte auch kein Zeitwechsel sein, und doch war dieses Beinahenichts, in soweit es nicht ganz und gar Nichts war, doch von dem, von welchem Alles ist, was immerhin nur Etwas ist. Aber auch dieses, sagen sie, taugnen wir nicht. Mit diesen aber will ich mich vor dir mein Gott in etwa unterhalten, welche alles als wahr einräumen, was deine Wahrheit dem Innersten meines Geistes Zwölftes Buch. nicht verschweigt. Denn welche dieses leugnen, mögen bellen, so viel sie wollen, und sich selbst betäuben; ich will sie zu überreden suchen, damit sie schweigen und deinem Worte zu sich einen Weg gestatten. Wollen sie dieses aber nicht, und stoßen mich ab, so beschwöre ich dich, mein Gott — schweige du nicht vor mir. Rede du wahrhaft in meinem Herzen; denn nur du allein redest so, und hinausgehen lassen will ich sie, daß sie in den Staub blasen, und sich Sand in die Augen streuen. Eingehen will ich in mein Kammerlein und dir Lieder der Liebe singen, seufzend auf meiner Pilgerfahrt unaussprechliche Seufzer, gedenkend Jerusalems mit einem zu ihm emporgehobenen Herzen, Jerusalems, meiner Heimath! Jerusalems, meiner Mutter! und Deiner, ihres Beherrschers, Erleuchters, Vaters, Beschützers, Gemahls; ihrer keuschen und machtigen Wonnen, ihrer dauerhaften Freuden, aller ihrer unaussprechlichen Güter, — aller zugleich und insgesammt; weil es nur Ein höchstes und wahres Gut gibt. Und nicht ablassen will ich, bis du Gott, mein Erbarmer, mich — ganz wie ich bin — in dem Frieden dieser geliebtesten Mutter, bei welcher meines Geistes Erstlinge sind, wodurch mir dieses zur Gewißheit wird, sammelst aus dieser Zerstreuung und Ungestalt, und mich auf ewig bildest und festigest. Mit solchen aber, welche Alles das, was wahr ist, nicht falsch zu sein behaupten, indem sie mit uns jene deine durch den heiligen Mopses herausgegebene heilige Schrift verehren, und sie auf den Gipfel des höchsten zu befolgenden Ansehens stellen, aber doch uns in etwa widersprechen — rede - 16 362 A. Augustinus Bekenntnisse. ich wie solgt, Entscheide du, unser Gott! zwischen meinen Bekenntnissen und ihren Widersprüchen. Sie sogen nämlich, wenngleich dieses wahr ist, so hatte doch Mopses nicht dieses Zweifache vor Augen, wenn er aus Eingebung des heiligen Geistes sagte: "Im Anfange hat Gott Himmel und Erde gemacht.» Er bezeichnete nicht mit dem Himmel jenes geistige oder verstandige Geschöpf, welches immerdar Gottes Angesicht betrachtet, auch nicht mit dem Namen Erde den gestaltlosen Stoff. Was also? Was wir sagen, das, sagen sie, hat jener Mann gemeint, das in jenen Worten ausgesprochen. Was ist also dies? Mit dem Namen Himmel und Erde wollte er zuvörderst jene ganze sichtbare Welt, im allgemeinen und kurz bezeichnen, um nachher durch Aufzahlung der Tage gleichsam einzeln alles zu ordnen, was dem heiligen Geiste so auszusprechen gefallen hat. Denn das rohe und fleischliche Volk, zu dem er sprach, waren derartige Menschen, daß er ihnen von den Werken Gottes nur allein die sichtbaren darzustellen für rathsam hielt. Übrigens stimmen sie darin überein, daß unter der unsichtbaren und ungeordneten Erde, und dem sinstern Abgrunde (aus welchem, wie in der Folge gezeigt wird, alles dieses sichtbare, und Allen bekannte in jenen Tagen gemacht und geordnet ist) nicht unpassend jener ungestaltete Stoff verstanden werden könne. Ein anderer sagt vielleicht, jene Ungestalt und Vermischung des Stoffs sei vorerst unter dem Namen Himmel und Erde angedeutet, weil aus ihr diese sichtbare Welt mit allen Geschöpfen, welche jetzt offenbar auf ihr erscheinen, Zwölftes Buch. 363 und welche man oft Himmel und Erde zu nennen pflegt, gemacht und vollendet worden. Ein anderer vielleicht: das ganze sichtbare und unsichtbare Weltall sei nicht unpassend Himmel und Erde genannt, und in diesen beiden Worten seien alle Geschöpfe, welche Gott in seiner Weisheit, das ist, im Anfange gemacht, einbegriffen. Da indessen Alles nicht aus der Wesenheit Gottes selbst, sondern aus Nichts gemacht ist, weil es nicht dasselbe, was Gott, ist, und Allem eine gewisse Wandclbarkeit inwohnet, möge es bleiben, wie das ewige Haus Gottes, möge es verändert werden wie des Menschen Seele und Leib, so sei der annoch ungestaltete, indeß gewiß gestaltungsfähige gemeinsame Stoff aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, aus welchem Himmel und Erde, das ist beide schon gebildete Schöpfungen, sowohl die unsichtbare als sichtbare, mit eben den Namen benannt, als die unsichtbare und ungeordnete Erde, und die Finsternisse über dem Abgrunde; mit dem Unterschiede jedoch, daß unter der unsichtbaren und ungeordneten Erde der körperliche Stoff vor seiner Gestaltung, unter der Fmsterniß über dem Abgrunde der geistige Stoff vor der Einschränkung seiner gleichsam überströmenden Ungezügelthcit, und der Erleuchtung der Weisheit verstanden sei. Noch ein Anderes kann, wer es will, sagen, nämlich, daß nicht die bereits vollendeten und gebildeten unsichtbaren und sichtbaren Geschöpfe unter dem Namen Himmel und Erde verstanden würden, wenn man ließt: «Im Anfange machte Gott Himmel und Erde,» sondern der noch ungestaltete Beginn der Dinge, der 16* 364 A. Augustinus Bekenntnisse. bildens- und schassensfahige Stoff werden mit diesen Namen genannt, weil in ihm bereits das vermischt, und noch nicht nach seinen Eigenschaften und Gestalten gesondert vorhanden gewesen, was jetzt, jedes an seiner Stelle aufgestellt, Himmel und Erde genannt wird, jener eine geistige, diese eine körperliche Schöpfung. Wenn ich nun dieses alles höre und betrachte, so will ich keinen Wortstreit beginnen, der zu nichts, als nur zum Verderben der Hörer dient. Hingegen ist das Gesetz gut zur Erbauung, wenn man sich seiner auf gesetzliche Weise bedient, denn sein Endzweck ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und unverfälschtem Glauben. Und unser Meister weiß, von welchen zwei Geboten er das ganze Gesetz und die Propheten abhangig gemacht habe. Da ich nun, Gott, meiner Augen Licht im Verborgenen! dieses inbrünstig bekenne, was schadet es mir, wenn unter diesen Worten verschiedenes verstanden werden kann, was jedoch wahr ist. Was schadet es mir, sage ich, wenn ich fühle, der Schreiber habe etwas anderes gemeint, als ein anderer fühlt, daß er gemeint habe. Wir Leser alle wollen ja das erforschen und begreifen, was jener, den wir lesen, gewollt habe, und da wir ihn Wahrheit redend glauben, wagen wir nicht die Vermuthung, er habe etwas gesagt, wovon wir glauben oder meinen, daß es falsch sei. Wenn daher ein jeder sich bestrebt, in der heiligen Schrift das zu empfinden, was der bei ihr empfand, welcher sie schrieb, wie kann es dann böse sein, wenn er das, was du, o Licht aller Wahrheit redenden Seelen! ihm als wahr zeigst, empfindet; Zwölftes Buch. 365 obwohl der, welchen er liefet, es nicht empfand, da auch dieser Wahres, wenn auch nicht gerade dieses, empfunden hat. Denn wahr ist es, o Herr, daß du Himmel und Erde gemacht hast, und wahr ist es, daß der Anfang deine Weisheit sei, in welcher du alles gemacht. Ferner ist es wahr, daß diese sichtbare Welt, in kurzer Umfassung aller geschaffenen und gemachten Wesen, ihre großen Abtheilungen, den Himmel und die Erde, habe. Auch ist es wahr, daß alles Wandelbare unseren Begriffen eine gewisse Gestaltlosigkeit darstellt, durch welche es eine Gestalt annimmt, oder durch welche es verändert und umgewandelt wird. Wahr ist es, daß das, welches mit einer unwandelbaren Gestalt so zusammenhangt, daß es, obwohl veränderlich, doch nicht verändert wird, keine Zeiten an sich leide. Wahr ist es, daß die Gestaltlosigkeit, welche eigentlich nichts ist, keinen Zeitwechsel haben könne. Wahr ist es, daß das, aus welchem etwas wird, nach einer gewissen Redensweise schon den Namen des Dinges, was aus ihm wird, haben könne. Daher konnte Himmel und Erde genannt werden jede Gestaltlosigkeit, aus welcher Himmel und Erde gestaltet ist. Wahr ist es, daß von allem, was gestaltet worden, nichts dem Gestaltlosen näher, als Erde und Abgrund. Wahr ist es, daß du, aus welchem Alles ist, nicht allein alles Erschaffene und Gebildete, sondern auch Alles, was erschaffen und gebildet werden konnte, gemacht hast. Wahr ist es, daß Alles, was aus einem Gestaltlosen gestaltet wird, erst gestaltlos, dann gestaltet ist. 366 A. Augustinus Bekenntnisse. Aus all diesem Wahren, an welchem jene nicht zweifeln, deren innerm Auge du solches zu erkennen verleihest, und welche festiglich glauben, daß Moyscs, dein Diener, im Geiste der Wahrheit gesprochen habe, wählt sich anderes der, welcher sagt: Im Anfange hat Gott Himmel und Erde gemacht, das ist: in seinem ihm gleichcwigen Worte hat Gott wahrnehmbare und empfindbare oder geistige und körperliche Geschöpfe gemacht. Anderes, wer sagt: Im Ansänge hat Gott Himmel und Erde erschaffen, das ist: In seinem ihm gleichewigen Worte hat Gott diesen ganzen Bau dieser körperlichen Welt mit allen sichtbaren und bekannten Geschöpfen, die er enthalt, gemacht. Anderes, wer sagt: Im Anfange hat Gott Himmel und Erde gemacht, das ist: in seinem ihm gleichcwigen Worte hat Gott den gestaltlosen Stoff der geistigen und körperlichen Geschöpfe gemacht. Anderes, wer sagt: Im Anfange hat Gott Himmel und Erde gemacht, das ist: in seinem ihm gleichcwigen Worte hat Gott den gestaltlosen Stoff des körperlichen Geschöpfs gemacht, wo noch Himmel und Erde vermischt waren, ° welche wir jetzt gesondert und gestaltet, in dem Gebäude dieser Welt bemerken. Anderes, wer sagt: Im Anfange hat Gott Himmel und Erde gemacht, das ist: im Anfange des Schaffensund Wirkens selbst, hat Gott den gestaltlosen, Himmel und Erde in sich vermischt enthaltenden Stoff, gemacht, aus welchem diese jetzt gebildet hervorkommen und erscheinen, mit Allem, was auf ihnen ist. Was nun ferner den Sinn der folgenden Worte betrifft, so wählt aus allem jenen Zwölftes Buch. Wahren sich anderes', welcher sagt: Die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet, und Finsternisse waren über dem Abgrunde, das ist, jenes Unkörperliche, was Gott gemacht hat, war nur erst der gestaltlose Stoff der körperlichen Dinge ohne Ordnung und Licht. Anderes, wer sagt: Die Erde war aber unsichtbar und ungeordnet, und Finsterniß war über dem Abgrunde, das ist: dieses Ganze, was Himmel und Erde genannt wird, war nur noch ein gestaltloser, finsterer Stoff, aus welchem der körperliche Himmel und die körperliche Erde mit allem, was wir auf ihnen durch die körperlichen Sinne wahrnehmen, werden sollte. Anderes, wer sagt: Die Erde war unsichtbar und ungeordnet, und Finsternisse waren über dem Abgrunde, das ist: dieses Ganze, was Himmel und Erde genannt wird, war noch ein gestaltloser und finsterer Stoff, aus welchem der Verstandes-Himmel, der anderswo der Himmel des Himmels genannt wird, und die Erde, nämlich jedes körperliche Wesen, unter welcher Benennung auch der körperliche Himmel mitbegriffen wird; das ist: jedes unsichtbare und sichtbare Geschöpf werden sollte. Anderes, wer sagt: die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet und Finsternisse über dem Abgrunde, und behauptet: die Schrift hat jener Gestaltlosigkeit selbst nickt den Namen Himmel und Erde gegeben, sondern diese Gestaltlosigkeit selbst war es schon, welche sie eine unsichtbare und ungeordnete Erde und einen sinstern Abgrund nennt, und von welcher sie vorher gesagt hat, daß Gott aus ihr Himmel und Erde, die geistigen und körperlichen Geschöpfe gemacht 368 A. Augustinus Bekenntnisse. habe. Anderes, wer sagt: die Erde war unsichtbar und ungeordnet, und Finsterniß war über dem Abgrund, das ist: die Gestaltlosigkeit war gewissermaßen schon der Stoff, aus welchem, wie die Schrift vorhersagt, Gott Himmel und Erde gemacht hat, nämlich das ganze körperliche, in zwei große Theile, den obern und untern, abgetheilte Wcltgebäude, mit allen gewöhnlichen und bekannten, auf ihnen befindlichen Geschöpfen. Wenn aber Jemand versuchen will, die beiden letzten Meinungen so zu bekämpfen: wenn ihr nicht wollet, daß es scheine, jene Gestaltlosigkeit sei mit dem Namen Himmel und Erde benannt, so bestand also etwas, was Gott nicht gemacht hatte, und woraus er Himmel und Erde machte; denn die Schrift sagt nicht, daß Gott diesen Stoff gemacht habe, wenn wir nicht einschen wollen, er sei unter dem Namen Himmel und Erde, oder Erde allein bezeichnet, wenn es heißt: "Im Anfange machte Gott Himmel und Erde», und so das folgende: «die Erde aber war unsichtbar und ungeordnet», obgleich es ihm gefallen hat, den ungestalteten Stoff so zu benennen, doch hierunter nur jenen Stoff verstehen, welchen Gott gemacht hat den Worten zufolge, die voranstehen: «Gott hat Himmel und Erde gemacht», — so werden die Verfechter jener beiden von uns zuletzt angeführten Meinungen, entweder dieser oder jener, wenn sie dieses hören, antworten und sagen: Wir läugnen zwar nicht, daß jener gestaltlose Stoff von Gott gemacht sei, von welchem alles Gute herstammt; wie wir aber sagen, daß das bereits Geschaffene und Gebildete in höherem Grade gut sei, Zwölftes Buch. 369 so bekennen wir auch, daß das, was umgeschaffcn und gebildet werden zu können, gemacht ist, minder gut, — obgleich auch gut sei. Die Schrift aber hat nicht angeführt, daß Gott jene Gestaltlosigkeit gemacht habe, wie sie auch vieles Andere nicht anführt, als: die Cherubim und Seraphim, und, welche der Apostel namentlich anführt: die Thronen, Herrschaften, Oberkeiten oder Gewalten, die doch offenbar Gott gemacht hat. Ist aber in den Worten: «Er hat Himmel und Erde gemacht,» alles enthalten, was sollen wir von den Wassern sagen, über welchen der Geist Gottes schwebte? Denn werden sie unter dem Namen: Erde mitbegriffen,, wie kann man dann unter der Benennung Erde noch einen ungestalteten Stoff annehmen, wenn wir so schöne Wasser sehen? Oder wenn dies also angenommen wird, warum steht denn geschrieben, daß aus jener Gestaltlosigkeit das Firmament gemacht, und Himmel genannt ward, da doch von der Schöpfung der Wasser nichts geschrieben steht? Denn nicht annoch gestaltlos und unsichtbar sind sie, die wir in so schöner Gestalt fließen sehen. Oder haben sie damals diese Gestalt erhalten, als Gott sprach: «Es sammle sich das Wasser, was unter dem Himmel ist,» so daß das Sammeln selbst das Gestalten ist? Was sollen wir da in Bezug auf jene Wasser antworten, welche über dem Firmaments sind? Denn gestaltlos hätten sie einen solchen Ehrenplatz nicht verdient; auch steht nicht geschrieben, durch welche Stimme sie gestaltet sind. 16** 370 A. Augustinus Bekenntnisse. Wenn daher das Buch der Schöpfung verschweigt, daß Gott etwas gemacht habe, obwohl weder der gesunde Glaube, noch auch die gewisse Erkenntniß daran zweifelt, daß Gott es gemacht habe, so wird doch deswegen nie eine gründliche Lehre zu behaupten wagen, jene Wasser seien gleichewig mit Gott, weil wir zwar im Buche der Schöpfung sie erwähnt finden, aber nicht finden, wann sie gemacht sind. Warum sollten wir denn nicht, von der Wahrheit gelehrt, erkennen, daß jener gestaltlose Stoff, den die Schrift eine unsichtbare ungeordnete Erde und einen finstern Abgrund nennt, von Gott aus Nichts gemacht, daher ihm nicht gleichewig sei; obwohl jene Erzählung sich darüber, wann sie gemacht sei, auszusprechen unterlassen hat. Wenn ich nun dieses höre und erwäge nach meiner schwachen Fassungskraft, welche ich dir meinem allwissenden Gott, bekenne, so sehe ich, daß zweierlei Art von Streitigkeit entstehen könne, wenn von glaubwürdigen Bothen etwas in Bildern verkündet wird; die eine, wenn über die Wahrheit der Sachen selbst, die andere, wenn über die Meinung dessen, der sich ausspricht, Streit entsteht. Denn anders untersuchen wir: was in Beziehung auf die Schöpfungsgeschichte wahr sei; anders: was Meisses, der ausgezeichnete Diener deines Glaubens gewollt habe, daß der Leser und Zuhörer unter diesen Worten verstehen solle. Hinsichtlich des Ersten seien fern von mir, welche wähnen, sie wüßten das, was falsch ist; hinsichtlich des Zweiten aber mögen alle von mir weichen, welche wähnen, Mopses habe das, Zwölftes Buch. 371 was falsch ist, gesagt. — Verbinden aber, o Herr, will ich mich mit denen, und mit ihnen mich in dir erfreuen, welche sich in deiner Liebe Ncichthum von der Wahrheit nähren, und vereint wollen wir zu deines Buches Worten hintrcten, und in ihnen deinen Willen suchen, durch den Willen deines Dieners, durch dessen Feder du ihn uns mitgetheilt hast. Wer von uns aber wird unter so viel Wahrem, das dem Forschenden in jenen Worten aufstößt, je nachdem man selbe so oder so versteht, das Wahre so finden, daß er eben so zuversichtlich behaupte, dieses habe Mopses gemeint, und eben dieses durch jene Erzählung zu erkennen geben wollen, als er zuversichtlich sagt, dieses ist wahr, er möge nun dieses oder jenes gemeint haben? Denn, sieh mein Gott! ich dein Diener, der ich dir in dieser Schrift ein Bckenntnißopfer gelobet habe, und bitte, daß ich aus deiner Erbarmung dar meine Gelübde treu erfülle; siehe! mit welcher Zuversicht ich sage, du habest in deinem unwandelbaren Worte Alles, Sichtbares und Unsichtbares, gemacht; so auch sage ich mit eben dieser Zuversicht: Auf nichts anders, als auf dieses, habe Mopses gezielt, als er schrieb: »Im Anfange hat Gott Himmel und Erde gemacht.» Denn nicht so, wie ich in deiner Wahrheit dieses als gewiß erkenne, sehe ich auch in seinem Geiste, er habe jenes gedacht, als er dieses schrieb. Denn er konnte, als er sagte: »Im Anfange», an den Anfang des Schaffens selbst denken; er konnte hier auch unter --Himmel und Erde» eine noch ungebildete und unvollendete, aber bereits ange- 372 Zt. Augustinus Bekenntnisse. fangene, und noch unausgcbildete, geistige oder körperliche Schöpfung verstanden wissen wollen. Und ich sehe allerdings, daß jede dieser Behauptungen wahr genannt werden kann; welche von diesen er aber bei jenen Worten gedacht, sehe ich nicht so; obgleich ich nicht zweifle, daß der so große Mann, möge er eins von diesen, oder etwas anders, von mir nicht erwähntes, im Geiste gesehen haben, als er in diese Worte ausbrach, Wahres gesehen, und es auf eine passende Weise ausgesprochen habe. Keiner sei daher mir überlastig, und spreche zu mir: Nicht das hat Mopses gemeint, was du sagst, sondern er hat das gemeint, was ich sage. Denn, wenn er zu mir spräche- Woher weißt du, daß Mopses das gemeint habe, was du über seine Worte redest,? so müßte ich es mit Gleichmut!) ertragen, und würde ihm vielleicht das antworten, was ich oben angeführt habe, oder vielleicht auch etwas ausführlicher, wenn er hartnäckiger wäre. Wenn er aber sagt: Nicht das, was du sagst, hat er gemeint, sondern das, was ich sage, und doch nicht läugnet, daß beides wahr sei, was jeder von uns beiden sagt; — o, mein Gott, du Leben der Armen, in dessen Innern kein Widerspruch ist! träufle dann Sanftmut!) in mein Herz, daß ich solche geduldig ertrage, welche dieses zu mir sagen, nicht weil sie es aus göttlicher Eingebung haben, und das, was sie sagen, im Herzen deines Dieners gesehen haben, sondern weil sie stolz sind und die Meinung des Mopses nicht erkannt haben, sondern die ihrige lieben, und zwar nicht, weil sie wahr, sondern weil sie die ihrige ist. Zwölftes Buch. 373 Sonst würden sie ja auch eine andere wahre Meinung in gleichem Maaße lieben, gleichwie ich liebe, was sie reden, wenn sie Wahres reden, nicht, weil es das ihrige, sondern weil es wahr ist, und eben deswegen, weil es wahr ist, nicht das ihrige ist. Lieben sie aber jenes deßhalb, weil es wahr ist, so ist es sowohl das ihrige als das meinige, weil es allen Freunden der Wahrheit gemeinschaftlich gehört. Gerade aber dieses, daß sie behaupten, MoyseS habe nicht das gemeint, was ich sage, sondern was sie sagen, das will ich nicht, liebe es nicht; denn wenn es auch so ist, so ist diese Verwegenheit nicht Folge der Erkenntniß, sondern der Frechheit, und nicht prophetisches Schauen, sondern der Stolz hat sie erzeugt. Deswegen sind, o Herr, furchtbar deine Gerichte, weil deine Wahrheit nicht mir, noch auch diesem oder jenem allein, sondern uns allen gemeinschaftlich gehört, welche du öffentlich zu ihrer Mittheilung berufst mit der schrecklichen Ermahnung: wir sollen sie nicht für uns allein besitzen wollen, daß wir ihrer nicht beraubt werden. Denn jeder, der das, was du allen zum Genüsse darbiethest, für sich als sein Eigenthum fordert, und, was Allen gehört, als das Seinige betrachten will, wird von dem Gemeinsamen auf das Sei- nige zurückgedrängt, das ist, von der Wahrheit auf die Lüge; denn, wer Lüge redet, der redet aus dem Seinigen. Merke auf, o Gott, bester Richter! merke auf, du die Wahrheit selbst! was ich diesem Widersprecher sagen werde. Merke auf, denn ich sage es vor dir, und 374 A. Augustinus Bekenntnisse. vor meinen Brüdern, welche das Gesetz, Pesten letztes Ziel die Liebe ist, auf die rechte Weise gebrauchen. Merk auf und siehe, was ich jenem, wenn es dir gefallt, sagen werde. Denn ich werde ihm diese brüderlichen und friedlichen Worte erwiedern: Wenn wir beide einsehen, daß das wahr ist, was du sagst, und beide einsehen, daß das wahr ist, was ich sage, wo, sag mir, sehen wir dieses? Wahrlich sehe ich es nicht in dir, und du nicht in mir, sondern wir beide sehen es in der unwandelbaren Wahrheit, welche über unfern Verstand ist. Da wir also über das Licht Gottes, un- sers Herrn, selbst nicht streiten, warum streiten wir dann über einen Gedanken unscrs Nächsten, den wir nicht so sehen können, als die unwandelbare Wahrheit selbst gesehen wird; da wir, wenn Mopses selbst uns erschienen wäre und gesagt hatte: «Dieses habe ick gemeint»,^ sie dann nicht sehen, sondern glauben würden? Nimmer also sollen wir über die geschriebene Wahrheit uns gegen einander mit Stolz aufblähen. Lieben wir den Herrn, unfern Gott, aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus unserm ganzen Gcmülhe, und unfern Nächsten wie uns selbst. Und wenn wir nicht glauben, daß Mopses in Bezug auf diese beiden Ge- bothe der Liebe alles das empfunden habe, was er empfunden hat, würden wir Gott zum Lügner machen, da wir von dem Geiste unsers Mitknechts anders denken, als er gelehrt hat. Sieh nun, wie thöricht es sei, bei einer solchen Menge der wahrhaftigüen Aussprüche, die man aus jenen Worten entwickeln kann, verwegen behaupten zu wollen, welchen unter diesen Eilftcs Buch. 373 Moyses hauptsächlich im Sinne hatte, und durch gefahrlichen Wortstreit anzustoßen gegen die Liebe selbst, wegen welcher der, dessen Worte wir uns zu erklaren erkühnen, Alles gesagt hat. Und doch mein Gott, du Erhöher meiner Niedrigkeit, und Ruhe von meiner Arbeit, der du meine Bekenntnisse hörest, und meine Sünden nachlaßests weil du mir gebeutst, meinen Nächsten zu lieben wie mich selbst, so kann ich nicht glauben, du habest Moyses deinem gctreuesten Diener geringere Gaben verliehen, als ich von dir gewünscht und verlangt haben würde, wäre ich zu jener Zeit, wie er geboren, und hattest du mich auf den Platz hingestellt, daß durch den Dienst meines Herzens und meiner Sprache jene Schriften besorgt werden sollten, welche lange nachher noch allen Völkern so sehr nutzen und auf dem ganzen Erdkreise durch den höchsten Gipfel des Ansehens alle leeren Worte falscher und hochmüthiger Lehrmcinungen besiegen sollten. Ich wollte wahrlich dann, wenn ich Moyses wäre (wir entspringen ja alle aus demselben Teige, und was ist der Mensch, wenn du seiner nicht gedenkest?) ich wollte, sage ich, wäre ich damals das gewesen, was er, und du hattest mir auferlegt, das Buch der Schöpfung zu schreiben: mir möchte eine solche Kraft der Bcredtsamkeit und eine solche Art der Wortfügung verliehen werden, daß die, welche noch nickt begreifen können, wie Gott schafft, meine Worte, als überstiegen sie ihre Fassungskraft, nicht verschmäheten, und die, welche dieses bereits vermögen, auf welchen wahren Sinn sie auch immer mit ihren Gedanken 376 A. Augustinus Bekenntnisse. stießen, finden mögten, auch er sei in den kurzen Worten deines Dieners nicht übersehen; und wenn im Lichte der Wahrheit ein anderer wieder einen andern Sinn sähe, auch dieser unter denselben Worten verstanden werden könne. Wie nämlich ein Quell in einem kleinen Räume ergiebiger ist, und mehr Gewässer spendet, als jeder einzelne Bach, der ihm entfließt, und durch große Strecken sortströmt; so entquellen auch in der Erzählung deines Dieners seinen einfachen, so vielen künftigen Rednern höchst fruchtbaren Worten Strome lauterer Wahrheiten, aus welchen sich ein jeder, der eine dies der andere jenes nach den Krümmungen langer Schlüsse folgern kann. Denn" einige, welche diese Worte lesen oder hören, stellen sich vor, Gott habe als ein Mensch, oder als ein ungeheurer Coloß von unermeßlicher Macht durch einen neuen und plötzlichen Entschluß, außer sich selbst, gleich wie in weiten Entfernungen Himmel und Erde gemacht, zwei große Körper, in der Höhe und in der Tiefe, in welchen alle Dinge enthalten wären. Und wenn sie hören: Gott sprach: dieses werde, und es wurde, denken sie an angefangene und beendigte Worte, erklingend in der Zeit und vorübergehend; nach deren Aufhören gleich da war, dessen Dasein befohlen wurde, und was sie sonst noch Ähnliches aus Gewohnheit sinnlicher Begriffe sich vorstellen. In diesen annoch kleinen lebendigen Wesen, wird, während ihre Schwäche durch diese ungekünstelte Schreibart, gleichsam wie in dem mütterlichen Schooße getragen wird, der Glaube heil- Zwölftes Buch. sam ausgebauet; vermöge dessen sie für gewiß annehmen und halten, Gott habe alle Dinge, welche ihre Sinne in wunderbarer Verschiedenheit um sich her erblicken, gemacht. Wollte aber eines von ihnen, diese niedrige Schreibart gleichsam verachtend, sich in stolzem Unvermögen aus dieser ihm Nahrung spendenden Wiege hinausschreitcn, ach, elend wird es fallen. O Herr! Gott erbarme dich, auf daß nicht die, so des Weges vorübergehen, das federlose Küchlein zertreten, und sende deinen Engel, der es wieder in das Nest lege, damit es dort lebe, bis es fliegen kann. Andere hingegen, für welche diese Worte kein Nest mehr, sondern schattige Gebüsche sind, sehen die unter ihnen verborgenen Früchte, fliegen freudig hinzu, suchen schwatzend, und pflücken sie. Denn sie sehen, wenn sie diese Worte lesen oder hören, dein ewiges und bestandig gleiches Dasein über alle sowohl vergangene als künftige Zeiten erhaben ist, und daß es kein einziges zeitliches Geschöpf gebe, was du nicht gemacht hattest, der du selbst dein eigener Wille bist, in welchem nichts sich ändert, nichts neues entsieht, das früher nicht darin war, und kraft dessen du alles gemacht hast. Nicht aus dir selbst, wie dein voll- kommnes Ebenbild und das Urbild aller Wesen, sondern aus Nichts machtest du jenes dir höchst unähnliches Gestaltlose, welches durch die Ähnlichkeit mit dir gestaltet werden sollte, zurückkehrend in dich den Alleinigen, in Gemaßheit des jedem Wesen in seiner Art verliehenen Fassungsvermögens, und wodurch alle sehr gut wurden: jene sowohl, welche mit dir vereint blie- 378 A. Augustinus Bekenntnisse. ben, als auch jene, die stufenweise, der Zeit und dem Räume nach, von dir entfernt, die wunderbaren Veränderungen der Zeit bewirken oder erleiden. Dieses sehen sie, und erfreuen sich im Lichte deiner Wahrheit, so viel sie es hier vermögen. Ein anderer von ihnen aä'tet auf das, was gesagt ist: «Im Ansänge hat Gott gemacht," und erblickt als Anfang die Weisheit, weil auch sie selbst zu uns spricht. Ein anderer achtet ebenfalls auf eben diese Worte und versteht unter dem Anfange das Entstehen der geschaffenen Dinge, und nimmt das «Im Anlange hat er gemacht» so, als wenn es hieße: zuerst hat er gemacht. Bon denen hinwieder, welche unter dem «im Anfange» verstehen, du habest in deiner Weisheit Himmel und Erde gemacht, glaubt einer, der noch zu erschaffende Stoff des Himmels und der Erde sei selbst schon Himmel und Erde genannt; ein anderer, die schon gebildeten und verschiedenen Wesen; ein anderer ein gestaltetes und zwar geistiges Wesen, unter dem Namen des Himmels, cm anderes gestaltloses von körperlichem Stoffe, unter dem Namen der Erde. Welche aber unter der Benennung von Himmel und Erve den noch gestaltlosen Stoff verstehen, aus welchem Himmel und Erde gebildet werden sollte, verstehen auch dieses nicht auf eine und dieselbe Weise: sondern der eine versteht unter ihm das, woraus das erkennbare und fühlbare Geschöpf; ein anderer nur das, woraus jene fühlbare körperliche Masse in ihrem großen Schooße erkennbare und sichtbare Geschöpfe umfassend, vollendet werden sollte. Eben so auch sind die nicht Eins, welche glauben, daß bereits geordnete und Zwölftes Buch. 379 ausgebildete Geschöpfe an dieser Stelle Himmel und Erde genannt würden; sondern der eine versteht darunter die unsichtbare und sichtbare Schöpfung, der andere bloß die sichtbare, in welcher wir den lichtvollen Himmel und die dunkele Erde, und das, was auf ihnen ist, erblicken. Jener aber, der das: «Im Anfange hat er gemacht» nicht anders versteht, als wenn gesagt würde: Zuerst hat er gemacht, dieser kann wahrlich unter dem Himmel und der Erde sich nichts anders denken, als den Stoff des Himmels und der Erde, nämlich der ganzen, das ist, der empfindbaren und körperlichen Schöpfung. Denn will er sie sich als bereits ganz gestaltet denken, so kann man ihn mit Grund fragen: Was Gott, wenn er zuerst diese Schöpfung gemacht, nachher noch gemacht habe? Nach dieser vollendeten Schövsimg wird er nichts mehr finden; und so wider seinen Willen hören müssen: Wie hat er dieses zuerst gemacht, wenn er nachher nichts mehr ge- machr hat? Wenn er aber sagt: er hat zuerst das Gestaltlose, dann aber das Gestaltete gemacht, so ist er deswegen nicht albern, wenn er nur fähig ist, zu unterscheiden, was durch Ewigkeit, was durch Zeit, was durch Wahl, was durch Entstehung dem Andern vorhergehe. Durch Ewigkeit, wie Gott allem; durch Zeit, wie die Blume der Frucht; durch Wahl, wie die Frucht der Blume; durch Entstehung, wie der Ton dem Gesänge. Von diesen vier Dingen begreift man das zuerst und zuletzt von mir erwähnte nur sehr schwer, die beiden mittlem aber sehr leicht. Denn ein seltener 380 A. Augustinus Bekenntnisse. und überaus erhabener Anblick ist es, o, Herr, deine Ewigkeit anzuschauen, welche selbst unveränderlich das Veränderliche macht, und daher früher ist. Wer ferner sieht mit so scharfem Geiste, daß er ohne große Mühe unterscheiden kann, auf welche Weise der Ton früher sei, als der Gesang? Deswegen, weil ein Gesang ein gestalteter Ton ist, und allerdings etwas da sein kann, was noch nicht gestaltet ist, dasjenige aber, was nicht ist, nicht gestaltet werden kann. So ist der Stoff eher da, als das, was aus ihm wird; nicht deswegen aber eher da, weil er etwas beschafft, da er vielmehr selbst erst wird — auch ist er nicht eher da an Zeitunterschied, denn wir geben nicht erst ungestaltete Töne ohne Gesang von uns, stellen diese nachher zusammen, und bilden sie zur Gestalt eines Liedes gleich Hölzern, aus welchen ein Kasten, oder Silber, woraus ein Gefäß gefertigt wird. Denn dergleichen Stoffe gehen auch an Zeit den Gestalten der Dinge vor, die aus ihnen werden- Mit dem Gesänge aber verhält es sich anders. Denn, wenn man singt, hört man seinen Ton, und er tönt nicht erst ungestaltet, und wird nachher zum Gesänge gestaltet. Denn das, was zuerst, wie auch immer es sei, tönt, geht vorüber: und nichts findet man an ihm, was man wieder zurücknehmend, kunstmäßig darstellen könnte, und deswegen beruht der Gesang ans seinem Tone, da sein Ton sein Stoff ist. Denn eben dieser wird gestaltet, damit er zum Gesänge werde, und eben darum ist der Stoff des Tones früher, als die Gestalt des Gesanges, nicht aber früher durch die Kraft, ihn zu schaffen. Denn der Ton ist nicht der Zwölftes Buch. 381 Bildner des Gesanges, sondern durch den Körper der Seele untcrthan, damit selbe aus ihm den Gesang mache. Aber an Zeit ist er nicht früher, denn zugleich mit dem Gesangs wird er angehoben, eben wenig ist er früher durch Wahl; denn ein Gesang ist nicht allein ein Ton, sondern vielmehr ein wohllautender Ton. Aber der Entstehung nach ist er früher, denn ein Gesang wird nicht zu einem Tone, sondern ein Ton zu einem Gesänge gebildet. Durch dieses Beispiel möge, wer es kann, erkennen, daß der Stoff der Dinge zuerst gemacht, und Himmel und Erde genannt worden, weil aus ihm Himmel und Erde gemacht ist, aber der Zeit nach nicht zuerst gemacht sei, weil die Gestalten der Dinge die Zeiten voraussetzen; er aber ungestaltet war und erst zugleich in den Zeiten bemerkbar wurde. Doch aber kann man von ihm nicht anders reden, als daß er der Zeit nach gleichsam früher sei, obwohl er erst spater in Betracht kommt, weil unbezweifelt Gestaltetes besser als Ungestaltetes ist, obwohl durch des Schöpfers Ewigkeit letzteres ihm vorhergeht, damit aus ^ dem Nichts etwas entstände, aus welchem Etwas würde. Möge bei so verschiedenen wahren Meinungen die Wahrheit selbst Einstimmigkeit erzeugen, und unser Gott sich unser erbarmen, daß wir das Gesetz recht- maßig anwenden, zu dem vorgeschriebenen Ziele, in reiner Liebe. Fragt mich nun einer hiernach, welche von allen diesen Ansichten dein Diener Mopses gehabt habe, so waren diese meine Bekenntnisse nicht aufrichtig, wenn ich dir nicht bekennte, daß ich es nicht wisse, obwohl ich jedoch weiß, daß jene Satze wahr 382 A. Augustinus Bekenntnisse. sind, mit Ausschluß der fleischlichen, worüber ich, so viel ich's nöthig erachtete, gesprochen habe. Jene hoffnungsvollen Kleinen aber mögen von den Worten deines Buches, welche Hohes einfach, und mit wenigen Worten unendlich viel sprechen, nicht abgeschreckt werden. Wir alle aber, von denen ich eingestehe, daß sie in diesen Worten Wahres erkennen und aussprechen, wir sollen uns gegenseitig lieben; zugleich aber auch dich, unfern Gott, den Urquell der Wahrheit, wenn wir nach ihr und nicht nach Eitlem dürsten, mit Liebe umfassen; und jenen deinen Diener, den deines Geistes vollen Verfasser dieser Schrift also verehren, daß wir unbezweifelt glauben, er habe durch deine Eingebung bei der Abfassung derselben das am meisten beachtet, was in ihnen sich durch das Licht der Wahrheit, und die Frucht des Nutzens vorzüglich auszeichnet. Sagt daher irgend Jemand: Mopses hat das gemeint, was ich; und ein Anderer: Nein, das, was ich; so glaube ich gottesfürchtiger zu sprechen: Warum nicht vielmehr beides — wenn beides wahr ist? Und wenn ein Anderer aus diesen Worten noch ein Drittes, ein Viertes oder ganz ein Anderes als wahr erkennt, — warum soll man nicht glauben, derjenige habe dieses Alles eingesehen, durch welchen der Eine Gott die heiligen Schriften für die Meinungen Vieler, welche verschiedene Wahrheiten darin erblicken würden, so einrichten ließ. Wahrlich (ich bekenne dieses mit unverzagtem Herzen) sollte ich etwas von sehr großem Gewichte schreiben, ich würde lieber so schreiben, daß meine Worte alles nachklangen, was man nur immer als Zwölftes Buch wabr von diesen Dingen einsehen kann, als daß ich einen wahren Satz deswegen deutlicher darlegte, um die übrigen Irrungen, an denen ich keinen Anstoß nehmen könnte, auszuschließen. Daher will ich, o Herr, nicht so voreilig sein, daß ich nicht glaube, auch jener Mann habe das um dich verdient. Gewiß bat jener bei diesen Worten, als er sie niederschrieb, alles gefühlt und gedacht, was wir Wahres bisher in ihnen haben finden können, so wie auch, was wir nicht, oder noch nicht finden konnten, und was man doch in ihnen finden kann. Endlich, Herr! der du Gott, und nicht Fleisch und Blut bist; wenn auch der Mensch es nicht einsieht, konnte es darum deinem guten Geiste, der mich in das wahre Land der Verheißung führen wird, verborgen sein, was du selbst in diesen Worten der lesenden Nachwelt offenbaren wolltest, wenn auch jener, durch welchen sie gesprochen, nur an eine der vielen wahren Meinungen gedacht hat? Ist dem aber also, so möge immer die, an welche er dachte, erhabener als die übrigen sein. Doch du, o Herr, , zeige uns diese, oder nach deinem Wohlgefallen irgend eine andere wahre Meinung, damit, mögest du uns dasselbe, was du jenem deinem Manne zeigtest, oder etwas anderes aus diesen Worten uns entfalten, doch du uns weidest, und nicht ein Jrrthum uns tausche. Sieh Herr mein Gott! wie vieles über wenige Worte, wie vieles, ich bitte dich! habe ich geschrieben. Wie möchten meine Kräfte und Zeit auf solche Weise allen deinen Büchern genügen? Laß mich also in ihnen in Kürze dir bekennen, und irgend Einen wahren, sichern und guten Gedanken auswählen, den du einflößest, ob auch viele mir begegnen, wo vieles begegnen kann, und verleihe, daß mein Bekenntniß also getreu sei, daß, wenn ich etwas sage, was dein Diener dachte, ich dies richtig und aufs beste ausdrücke; denn streben muß ich dahin; daß aber, falls ich seinen Sinn nicht treffe, ich dennoch nichts anderes sage, als was durch jene Worte deine Wahrheit sagen will, die auch ihm gesagt hat, was sie gewollt hat. Dreizehntes Buch. Ä/(ein Gott, mein Erbarmer! der du mich aus Nichts gemacht, und den, der dich vergaß, nicht vergessen hast, dich rufe jch an. Ich rufe dich in meine Seele, die du durch das Verlangen, das du ihr einhauchest, dich zu empfangen, bereitest. Verlasse jetzt nicht den, der dich anruft, da du mir, ehe ich dich anrief, zuvorkämest, und häufig mit innerlicher Stimme mich drängtest, daß ich in der Ferne hörte, bekehrt würde, und dich, der du mich riefst, anriefe! Denn du, o Herr, hast ausgelöscht alle meine Schuld, damit du meinen Händen nicht vergältest, durch deren Werke ich von dir abgefallen; und bist meinen Verdiensten zuvorgekommen, damit du mir vergaltest mit deinen Händen, mit welchen du mich gemacht hast; denn bevor ich war, warst ja du, und noch kein Etwas war ich, dem du Dasein verliehen hattest. Und sieh! doch bin ich durch deine Güte, welche dem Ganzen, wozu du mich machtest, und woraus du mich machtest, zuvorkam. Denn du bedurftest meiner nicht, noch bin ich ein solches Gut, daß ich dir, mein Herr und mein Gott, Nutzen brächte; noch daß ich dir so diene, als ob du sonst in deinem Wirken ermüdetest, oder deine Macht, wofern sie meines Dienstes entbehrte, geringer sei; auch 17 386 A. Augustinus Bekenntnisse. nicht, daß ich dich verehren solle, wie ein irdisches Gebilde, so daß du, verehre ich dich nicht, unverehrt wärest; sondern daß ich dir diene, und dich verehre, damit durch dich, von welchem ich ein Wesen bin, dem wohl sein kann, es mir wohl werde. Aus der Fülle deiner Güte besteht nämlich deine Schöpfung, damit das Gute, obwohl es dir nichts nutzen, und, obgleich von dir, dir nicht gleich sein konnte, dennoch, da es durch dich werden konnte, nicht fehlte. Denn welches Verdienst hatten Himmel und Erde um dich, die du im Anfange machtest? Sagen, womit sie es verdient, mögen die geistigen und körperlichen Geschöpfe, welcke du in deiner Weisheit machtest, daß sie auch angefangen und ungestaltet nach ihrer Art, geistig oder körperlich — von ihr abhingen, und zur Anordnung und höchsten Unahnlichkeit mit dir zielten, (das geistige Gestaltlose vorzüglicher, als wenn es ein gestalteter Körper wäre, das körperliche Gestaltlose vorzüglicher, als wenn es ganz und gar nichts wäre), und also in deinem Worte gestaltet fortbestanden wären, wären sie nicht durch dasselbe Wort zu deiner Einheit zurückgerufen, und gestaltet, auf daß alle Dinge durch dich, das einzige und höchste Gut, sehr gut würden. Wie hatten sie es um dich verdient, auch nur gestaltlos zu werden, die sogar dies nicht wären, waren sie es nicht durch dich? Wie hat der körperliche Stoff es um dich verdient, daß er wenigstens unsichtbar und ungeordnet würde? Denn er würde ja selbst dieses nicht sein, hattest du ihn nicht gemacht; und weil er nicht war, konnte er Dreizehntes Buch. 387 es nicht um dich verdienen, daß er würde. Oder wie hat der Anbeginn des geistigen Geschöpfs es um dich verdient, daß es wenigstens verfinstert, dem Abgrunde ahnlich, dir unähnlich, umhertrieb, wäre es nicht durch eben dieses Wort zu ihm gerichtet worden, durch den es gemacht war, und von ihm erleuchtet, ein Licht geworden, zwar nicht gleich, doch ähnlich deinem Ebenbilde? Denn gleichwie für den Körper seyn und schön seyn nicht einerlei ist (sonst könnte es ja keine Un- gcstalt geben), so ist auch für den erschaffenen Geist nicht einerlei, leben und weise leben, sonst würde er unabänderlich weise sein. Gut für ihn ist es aber, immer dir anzuhangen, damit er nicht das Licht, was er durch seine Hinwendung erlangt, durch seine Abwendung verliere, und in ein Leben zurückfalle, das einem düstern Abgrunde ähnlich ist. Denn auch wir, die wir der Seele nach ein geistiges Geschöpf sind, waren in jenem Leben, als wir abgewendet waren von dir, unserm Lichte, Finsterniß; und noch kämpfen wir mit den Überbleibseln unserer Dunkelheit, bis wir in deinem Eingebornen "wie Berge Gottes deine Gerechtigkeit werden.» Denn damals waren wir, einem tiefen Abgrunde gleich, ein Gegenstand deines Gerichts. Daß du aber bei den ersten Schöpfungen sagtest: "Es werde Licht und es ward Licht!» Dieses verstehe ich nicht unpassend von dem geistigen Geschöpfe; weil es doch bereits ein Leben hatte, wie es auch sein mochte, was du erleuchten konntest. Aber wie dieses es nicht um dich verdient hatte, daß es ein derartiges Leben würde, das erleuchtet werden könnte, eben so wenig 17* 383 A. Augustinus Bekenntnisse. hat es, als es schon war, um dich verdient, daß es erleuchtet würde. Doch seine Unvollkommenheit würde dir nicht gefallen, wenn es nicht Acht würde: nicht durch sein eigenes Licht, sondern durch Anschauung des erleuchtenden Lichts, und dadurch, daß es demselben anhinge; auf daß es, sowohl daß es lebt, als daß es glückselig lebt, nur allein deiner Gnade verdankt, indem es durch eine Umwandlung zum Bessern, zu dem sich hinwendete, was nimmermehr in Besseres, noch in Schlechteres verwandelt werden kann; was allein du bist, weil du allein eigentlich bist, und für den leben und glückselig leben eins ist, da du deine Glückseligkeit selbst bist. Was möchte dir daher an dem Gute, was du dir bist, mangeln, wenn auch jene Dinge entweder ganz und gar Nichts wären, oder gestaltlos verblieben, die du nicht aus Bcdürfniß, sondern aus der Fülle deiner Güte erschufest, und die du ordnetest, und mit Gestalten betheiltest; nicht darum jedoch, als ob deine Freude durch sie ergänzt würde? Denn dir dem Vollkommenem mißfallt ihre Unvollkommenheit, und darum vollendest du sie, damit sie dir gefallen: nicht aber, als ob du, gleichsam unvollkommen, durch ihre Vollkommenheit solltest vollendet werden. Denn dein guter Geist schwebte über den Gewässern. Nicht sie trugen ihn, als ruhete er auf ihnen: denn von welchen man sagt, daß dein guter Geist auf ihnen ruhe, diese läßt er in sich ruhen. Es schwebte aber dein unvergänglicher und unveränderlicher, sich in sich selbst genügender, Wille über dem von dir gemachten Dreizehntes Buch. ZW Leben, dem leben und glückselig leben nicht eins ist, weil es auch umhertreibend in seiner Finsterniß lebt. Sich hinwenden soll es jedoch zu dem, von welchem es erschaffen ward, und immcrmehr beim Quell des Lebens leben, das Licht in seinem Lichte sehen, und vervollkommnet, erleuchtet, und besceligt werden. Sieh, wie in einem Nathscl erscheint mir die Dreieinigkeit, die du, mein Gott, bist. Denn du, Vater, hast im Anfange, welcher deine von dir erzeugte, dir gleiche, und gleichewige Weisheit ist, das heißt: in deinem Sohne Himmel und Erde geschaffen. Und vieles sprachen wir vom Himmel des Himmels und von der unsichtbaren und ungeordneten Erde und von dem flüstern Abgrunde, das ist, von den Jrrsalen und Mangeln der Gestaltlosigkeit, worin jene geistigen Wesen noch schwebten, wären sie nicht gewendet worden zu dem, von welchem sie dies unvollkommne Leben erhalten hatten, und wäre dies nicht, kraft der Erleuchtung überaus herrlich, und ein Himmel des Himmels geworden, der nachher zwischen Gewässern und Gewässern gemacht ist; und so erkannte ich schon den Vater in dem Namen Gottes, der da schuf; und den Sohn in dem Namen des Anfangs, in welchem er schuf; und meinen Gott dreieinig glaubend, wie ich ihn glaubte, forschte ich in seinen heiligen Aussprüchen, und sieh: «Dein Geist schwebte über den Gewässern.» Sieh, hier die Dreieinigkeit, mein Gott! Vater, Sohn und heiliger Geist! der Schöpfer alles Erschaffenen. Was war aber die Ursache, o Wahrheit redendes Licht! (dir nähere ich mein Herz, damit es mich nicht 390 A. Augustinus Bekenntnisse. Eitles lehre; verscheuche seine Finsternisse und sage mir, bei der mütterlichen Liebe beschwöre ich dich,) sage mir, was war die Ursache, daß nach Erwähnung des Himmels, und der noch unsichtbaren und ungeordneten Erde, und der Finsternisse über dem Abgrunde, erst dann deine Schrift deines Geistes erwähnte? Etwa darum, weil er als überschwebcnd sollte angezeigt werden, und dieses nicht eher gesagt werden konnte, bevor dessen nicht gedacht war, wdrüber man deinen Geist als schwebend erkennen könne? Denn weder schwebte er über dem Vater, noch über dem Sohne; und man kann auch in Wahrheit nicht sagen, er schwebte über etwas, wenn er über keinem Dinge ichwebte. Zuvörderst mußte also genannt werden, worüber er schwebte, und dann derjenige, welcher nicht anders als überschwebend sollte angezeigt werden. Warum aber sollte er nicht anders, als überschwebend angezeigt werden? Von diesem Standpunkte aus folge, wer es mit seinem Verstände vermag, deinem Apostel, der spricht: --Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen, durch den h. Geist, der uns gegeben ist»; der uns das Geistige lehrt, uns den überaus erhabenen Weg der Liebe zeigt, und die Knie für uns zu dir beugt, damit wir die überaus erhabene Wissenschaft der Liebe Christi kennen. Deswegen schwebte er vom Anbeginn überaus erhaben über den Gewässern. Wem sage ich dieses? Wie soll ich reden von dem Hinabdrücken der Begierlichkeit in den jähen Abgrund und dem Emporheben der Liebe durch deinen Geist, welcher über den Gewässern schwebte! Dreizehntes B uch. 391 Wem soll ich es sogen? Wie soll ich es sagen? Sinken wir etwa und entschwimmen? — Allein kein Raum ist hier, wo wir sinken und entschwimmcn könnten. Was ist ahnlicher? Was unähnlicher? Leidenschaften sind es, Empfindungen der Liebe sind es; unseres Geistes Unreinigkeit sinkt zum Niedrigem hinab durch die Liebe zu irdischen Sorgen; empor aber hebt uns deines Geistes Heiligkeit durch die Liebe zur Sicherheit, damit wir unsere Herzen erheben zu dir, wo dein Geist über den Gewässern schwebt, und zur überaus erhabenen Ruhe gelangen, wenn unsere Seele hindurchgegangen ist durch die Gewässer, die ohne Wesen sind. Der Engel sank hinab, die Seele des Menschen sank hinab, und beive zeigten dadurch den Abgrund aller geistigen Geschöpfe in der Tiefe der Finstcrniß, hättest du nicht von Anfang an gesprochen: --Es werde Licht», und wäre nicht Licht gcwordey; und hingen nicht alle geistigen Wesen deiner himmlischen Stadt, gehorchend dir an, ruhend in deinem Geiste, welcher unwandelbar über allem Wandelbaren schwebt. Denn sonst würde selbst der Himmel des Himmels in sich, nur ein finsterer Abgrund sein, der nun aber ein Licht im Herrn ist. Denn selbst in der elenden Unruhe hinabsinkender Geister, die durch die Entkleidung von deinem Lichtgewande ihre Finstcrniß anzeigen, zeigest du zur Genüge, wie erhaben du das vernunftbegabte Geschöpf erschufest, dem zu einer seligen Ruhe Nichts genügt, was geringer ist, als du; und das deswegen auch sich selbst nicht genügt. Doch du, unser Gott, wirst unsere Finsternisse erleuchten; aus dir geht unsere 392 A- Augustinus Bekenntnisse. Umklcidung hervor, und gleich dem Mittage werden unsere Finsternisse sein. Gib dich mir, mein Gott! gib dich mir zurück, denn ich liebe dich, und ist es wenig, will ich dich kräftiger lieben. Ich kann es nicht ermessen, damit ich es inne werde, wie viel der Liebe mir noch mangele, bis es hinreicht, daß mein Leben in deinen Umarmungen verfließe, und nicht ablenke bis es endlich in deinem Angesichte verborgen werde. Nur das weiß ich, daß ohne dich ich elend bin, nicht nur außer mir, sonhern sogar in mir selbst, und daß aller Überfluß, welcher nicht Gott ist, für mich Armuth ist. Schwebte etwa nicht auch der Vater oder Sohn über den Gewässern? Wenn gleich einem Korper über dem Räume, dann schwebte auch nicht der heilige Geist darüber. Ist aber die Erhabenheit der unwandelbaren Gottheit über allem Wandelbaren, so schwebte sowohl der Vater, als auch der Sohn und der heilige Geist über den Gewässern. Warum denn ist dieses nur von deinem Geiste gesagt? Warum ist es nur von Ihm gesagt, als wäre dort ein Raum, wo doch kein Raum ist, von welchem allein gesagt wird, daß er deine Gabe sei? In deiner Gabe wollen wir ruhen; dort deiner genießen. Unsere Ruhe ist unser Raum. Die Liebe erhebt uns dahin, und dein guter Geist erhöhet unsere Niedrigkeit über die Pforten des Todes. Im guten Willen ist Friede für uns. Der Körper strebt durch sein Gewicht nach seinem Orte. Das Gewicht strebt nicht einzig nach Unten, sondern nach seinem Orte. Das Feuer strebt hinauf, der Stein nach unten; von Dreizehntes Buch. 393 ihrem Gewichte getrieben, streben beide nach ihrem Orte. Oel unter Wasser gegossen erhebt sich über das Wasser; Wasser über Oel gegossen, sinkt unter das Oel hinab. Bon ihrem Gewichte getrieben, streben beide nach ihrem Orte. Weniger geordnet sind sie unruhig, geordnet ruhen sie. Mein Gewicht ist meine Liebe; durch sie werde ich getrieben, wohin immer ich getrieben werde. Durch deine Gabe werden wir entzündet und emporgehoben; durch sie glühen und wandeln wir; wir ersteigen Stufen in unscrm Herzen, und singen den Staffelgesang. Durch dein Feuer, durch dein gutes Feuer erglühen und wandeln wir, denn hinauf wandeln wir zum Frieden in Jerusalem, wie auch der Seher spricht: --erfreuet ward ich, daß mir gesagt ward, wir werden in das Haus des Herrn gehen.» Dorthin hat uns der gute Wille versetzt, so daß wir nichts anders wollen, als dort bleiben in Ewigkeit. Selig das Geschöpf, das nie Anderes kannte, obwohl es selbst Anderes wäre, hatte nicht deine Gabe, welche über allem Wandelbaren schwebt, gleich nach seiner Schöpfung, ohne irgend einen Zeitraum durch jenen Ruf es emporgehoben, mit welchem du sprachest: «es werde Licht», und es ward Licht! Denn bei uns wird durch die Zeit unterschieden, daß wir Finsterniß waren, und Licht wurden; bei jenem Geschöpfe aber ward gesagt, was es wäre, wofern es nicht wäre erleuchtet worden; und dem zufolge ward gesagt, wie es früher unstät und finster gewesen, damit die Ursache erschiene, welche bewirkt, daß es anders geworden, nämlich, daß es zum unversicgenden 17 394 A. Augustinus Bekenntnisse. Lichte hingewendet, Licht wurde. Verstehe dieses, wer es vermag; wer es aber nicht vermag, begehre es von dir. Wozu ist er auch mir lastig, als sollte ich jeden Menschen erleuchten, der in diese Welt kommt? Wer begreift die allmachtige Dreieinigkeit? Und wer spricht nicht davon, spricht er anders von ihr? Selten ist die Seele, welche, wahrend sie von ihr spricht, es weiß, was sie spricht! Und man behauptet und streitet, und doch sieht Keiner ohne dich dieses Gesicht. Ich möchte, daß die Menschen folgende drei Dinge bei sich selbst bedachten. Weit etwas anderes sind diese drei Dinge, als jene Dreieinigkeit; doch gebe ich sie ihnen auf, damit sie sich darin üben, und erfahren, wie weit sie von dieser Kunde entfernt sind. Diese drei Dinge aber sind: Sein, Wissen, Wollen. Denn ich bin, und weiß, und will; ich bin wissend, und wollend, und ich weiß, daß ich bin und will; und ich will sein und wissen. Wie sehr in diesen drei Dingen unzertheilbares Leben, und zwar ein Leben, und ein Geist und eine Wesenheit, endlich, welcher unzer- theilbare Unterschied, aber dennoch Unterschied, das sehe ein, wer da kann. Dies liegt vor jedem: er schaue nur in sich, und sehe, und sag' es mir. Findet er aber hierin einigen Aufschluß, und sagt es, so glaube er doch ja noch nicht, er habe jenes Wesen gefunden, was über all dieses unwandelbar erhaben ist, was unwandelbar ist, unwandelbar weiß, und unwandelbar will. Und ob es, dieser drei Eigenschaften wegen und in denselben, Dreieinigkeit ist, oder ob in den einzelnen Personen diese Eigenschaften einzeln oder ob alle drei Dreizehntes Buch. Eigenschaften in jeder einzelnen Person sind, oder ob beides auf wunderbare Weise einfach und dennoch auf vielfaltige Weise unendlich in ihr stattfindet, die sich selbst ihr Ziel ist, und sich kennt, und unwandelbar in jener überaus großen Einheit sich selbst genügt? Wer vermag dieses leicht zu begreifen? wer je zu sagen? wer auf irgend eine Weise vermessentlich es auszusprechen? Schreite fort im Bekenntnisse, mein Glaube! sprich zum Herrn, deinem Gotte! Heiliger, Heiliger, Heiliger, Herr, mein Gott! In deinem Namen, Bater, Sohn, und Heilger Geist, sind wir getauft; in deinem Namen, Vater, Sohn, und heiliger Geist, taufen wir; denn auch bei uns erschuf Gott in Christo, seinem Sohne, Himmel und Erde, die geistigen und fleischlichen Menschen seiner Kirche.Und unsere Erde war, bevor sie die Gestalt der Lehre empfing, unsichtbar, und gestaltlos, und der Unwissenheit Finsternisse bedeckten uns; denn wegen seiner Ungerechtigkeit Haft du den Menschen belehrt, und deine Gerichte sind gleich tiefen Abgründen. Da aber dein Geist über den Gewasse r n sch w e b t e, verließ deine Erbarmung unser Elend nicht, und du sprachst: --Es werde Licht!» thuetBußc! denn das Reich der Himmel ist nahe; thuet Buße, es werde Licht! Und weil unsere Seele unser selbst wegen sich betrübte, gedachten wir deiner, o Hcrr! vom Lande des Jordans, und vom Berge Gottes, dir gleich groß, doch klein unsertwegen; und es mißsielen uns unsere Finsternisse, und wir wandten uns zu dir, --und es ward Licht!» Und sieh, Finstcrniß waren wir einst, nun aber sind wir ein Licht im Herrn. 396 A. Augustinus Bekenntnisse. Doch dieses sind wir bis jetzt nur noch durch den Glauben, noch nicht durch die Anschauung. Denn durch die Hoffnung sind wir geheilet. Die Hoffnung aber, die man erblickt, ist keine Hoffnung. Noch ruft der Abgrund dem Abgrunde zu, doch bereits mit der Stimme deiner Wasscrfluthen. Auch selbst jener, welcher spricht: «Nicht reden konnte ich zu euch, wie zu Geistigen, sondern wie zu Fleischlichen,» glaubt noch nicht, er habe es ergriffen, und was hinter ihm vergessend, strebt er nach dem, was vor ihm ist, und seufzet bedrückt, und es dürstet seine Seele nach dem lebendigen Gott, wie der Hirsch nach dem Wasserquell; und voll Sehnsucht, mit seiner Wohnung, der vom Himmel, überkleidet zu werden, spricht er: «Wann werde ich kommen?» und er ruft dem untern Abgrunde zu, da er spricht: «Wcrahnlicht euch nicht dieser Welt, sondern seid umgewandelt durch Erneuerung eures Sinnes,» und «seid nicht Kinder in Beurthcilung der Dinge; sondern im Bösen mögct ihr Kinder sein, in Beurtheilung seid vollkommen» und «o ihr unverstandigen Galater! wer hat euch bezaubert?» — Doch nicht mit seiner Stimme ruft er also; vielmehr mit deiner, der du deinen Geist aus der Höhe sandtest durch den, welcher in die Höhe fuhr, und die Wasscrfluthen seiner Gaben öffnete, damit des Stromes Andrang deine Stadt erfreuete. Denn nach ihr seufzet des Bräutigams Freund, der bereits die Erstlinge des Geistes empfangen hatte; aber noch in sich selbst erseufzend, die Kindschaft, die Erlösung von seinem Körper erwartet; nach ihr seufzt er, denn er ist ein Mit- Dreizehntes Buch. 397 glied der Braut, für sie eifert er, denn er ist ein Freund des Bräutigams; für sie eifert er, nicht für sich, weil er mit der Stimme deiner Wasscrfluthen, nicht mit der feurigen dem andern Abgrunde zuruft, für welchen eifernd er befürchtet, daß, wie die Schlange die Eva durch ihre Schlauheit überlistete, so die Sinne jener von der Keuschheit, welche deinem Eingebornen, unserm Bräutigam, einwohnt, abgewendet werden. Wie wird jenes Anblicks Licht sein, wenn wir ihn sehen werden, wie er ist, und die Thranen vorüber sein werden, die Tag und Nacht mein Brod geworden sind, da man taglich zu mir sagt, wo ist dein Gott? Und auch ich spreche: Mein Gott, wo bist du? Sieh, wo bist du! In etwa athme ich auf in dir, wenn ich meine Seele über mich ergieße, die im lauten Frohlocken und beim Schalle der Bekenntnisse ein Fest dir feiert. Doch auch dann noch ist sie traurig, weil sie zurücksinkt, und ein Abgrund wird, oder vielmehr, weil sie fühlt, sie sei noch ein Abgrund. Da spricht zu ihr mein Glaube, den du in der Nacht vor meinen Füßen angezündet hast: Warum bist du traurig meine Seele und warum betrübst du mich? Hoffe auf den Herrn. Sein Wort ist deinen Füßen eine Leuchte. Hoffe und harre, bis vorübergeht die Nacht, die Mutter der Bösen, bis vorüber des Herrn Zorn, dessen Kinder auch wir einst waren in unserer Finsterniß, deren Überreste wir in unserm der Sünde halber gestorbenen Leibe nachschleppen, bis der Tag anbricht und die Schatten weichen. Hoffe auf den Herrn. Früh Morgens werde ich vor dir stehen und betrachten; immerdar werde ich 393 A. Augustinus Bekenntnisse. ihm bekennen. Früh am Morgen werde ich vor dir stehen, und schauen das Heil meines Angesichts, meinen Gott, welcher auch unsere sterblichen Leiber beleben wird, wegen des Geistes, der in uns wohnet, und erbarmend über unser finsteres und fluthendes Innere schwebte. Deshalb haben wir auch auf dieser Pilgrimschaft das Unterpfand empfangen, daß wir bereits ein Licht seien, indeß wir bisher durch die Hoffnung gerettet worden, und Kinder des Lichts und Kinder des Tages sind, nicht aber Kinder der Nacht oder der Finsternisse, welche wir doch einst gewesen. Zwischen diesen und uns unterscheidest, bei der Ungewißheit menschlicher Kenntnisse, allein du, der du unsere Herzen prüfest, und das Licht Tag, die Finsternisse Nacht nennest. Denn wer unterscheidet uns, wenn nicht du? Was haben wir aber, das wir nicht von dir empfingen, der du aus demselben Stoffe Gefäße zur Ehre gebildet, aus welchem auch andere Gefäße zur Schande geworden sind? Oder wer, wenn nicht du, unser Gott, hat ein Firmament des Ansehens über uns in deiner göttlichen Schrift gemacht? Denn der Himmel wird aufgerollt werden wie ein Buch, und jetzt ist er ausgespannt über uns wie ein Fell. Denn in erhabenstem Ansehen ist deine göttliche Schrift, wenn schon jene Sterblichen, durch welche du sie uns mittheilteft, durch die Pforten dieses Todes hindurchgegangen sind. Und du weißt es, Herr! du weißt es, wie du die Menschen, als durch die Sünde sie sterblich wurden, mit Fellen be- Dreizehntes Buch. 399 kleidetest. Deshalb hast du auch gleich einem Felle das Firmament deines Buches ausgespannt, deine ganz übereinstimmenden Reden, die du durch Vermittlung sterblicher Menschen über uns erhoben hast. Denn durch ihren Tod selbst wird die Befestigung des Ansehens deiner von ihnen mitgetheilten Reden hoch über alles ausgebreitet, was darunter steht, die bei ihrem Leben noch nicht so erhöht und verbreitet war. Denn da hattest du den Himmel noch nicht wie ein Fell ausgespannt, noch nicht ihres Todes Ruf überall verbreitet. Laß uns, o Herr, die Himmel, deiner Hände Werk, schauen; helle auf vor unfern Augen den Nebel, mit welchem du sie einhülltest. Dort ist dein Zeugniß, Weisheit verleihend den Kleinen. Vollende, o Herr, dein Lob aus dem Munde der Kinder und Sauglinge. Denn keine Bücher kennen wir, die so den Stolz vernichten, so vernichten den Feind und Widersacher, der deiner Versöhnung widerstrebend seine Sünden ver- theidigt. Keine, Herr! keine andern so keusche Reden sind mir bekannt, welche mich so zum Bekenntnisse anregten, so meinen Nacken unter dein Joch schmiegten und mich cinladeten, dir ohne Vergeltung zu dienen Möge ich, gütiger Vater, sie verstehen! Verleihe dieses mir, dem sich ihnen Unterwerfenden, weil du sie für jene begründet hast, die sich ihnen unterwerfen. Andere Gewässer gibt es über diesem Firmamen te, ich glaube unsterbliche, und verborgen vor der irdischen Verderbniß. Mögen deinen Namen loben, mögen dich loben die überhimmlischen Völker deiner Engel, die nicht nöthig haben, zu diesem Firmaments aufzublicken. 400 A. Augustinus Bekenntnisse. und dein Wort durch Lesen zu erkennen. Denn sie sehen dein Antlitz immerdar, und lesen in ihm ohne Silben der Zeit deines ewigen Willens Beschluß. Sie lesen, wählen, und lieben sie; lesen immer, und nie vergebt, was sie lesen. Denn wählend und liebend lesen sie gerade die Unwandclbarkeit deines Rathschlusses. Ihr Heft wird nicht geschlossen, ihr Buch wird nicht zusammengerollt, denn du selbst bist es ihnen, und bist es in Ewigkeit, weil du sie über dies Firmament gestellt hast, welches du über der Niedern Völker Schwachheit begründetest, auf daß sie hinaufblickten, und deine Barmherzigkeit erkennten, die dich ihnen zeitlich verkündigt, der du die Zeiten geschaffen hast. Denn im Himmel, Herr, ist deine Barmherzigkeit, und bis zu den Wolken deine Wahrheit. Die Wolken gehen vorüber, der Himmel aber bleibt; die Verkünder deines Wortes gehen vorüber aus diesem Leben in ein anderes Leben, deine Schrift aber bleibt über die Volker verbreitet bis zum Ende der Zeiten. Doch auch Himmel und Erde werden vorübergehen, deine Worte aber werden nicht vorübergehen. Denn auch das Fell wird zusammen gelegt werden, und das Heu, über welches es ausgespannt war, mit seiner Herrlichkeit vorübergehen: dein Wort aber bleibt in Ewigkeit, was uns jetzt im Rathsel der Wolken, und im Spiegel des Himmels, nicht aber, wie es ist, erscheint, weil auch uns, obgleich wir deinem Sohne lieb sind, noch nicht erschienen ist, was wir sein werden. Er blickt durch das Gitter des Fleisches, und liebkoset, und entzündet uns, und wir laufen seinem Wohlgeruche nach. Wenn Dreizehntes Buch. 401 er aber erscheint, werden wir ihm ahnlich sein, denn sehen werden wir ihn, wie er ist. Wie er ist, Herr! dies Sehen harret unser, doch noch ist es uns nicht vergönnet.. Denn ganz wie du bist, weißt allein du, der du unwandelbar bist, unwandelbar weißt, und unwandelbar willst. Und deine Wesenheit weiß und will unwandelbar; deine Weisheit ist und will unwandelbar, und dein Wille ist und weiß unwandelbar. Auch scheint vor dir nicht gerecht zu sein, daß, so wie das unwandelbare Licht sich selbst erkennt, es auch so von dem erleuchteten Wandelbaren erkannt werde. Deswegen ist meine Seele vor dir, wie Erdreich ohne Wasser; > denn wie sie von sich sich nicht erleuchten kann, so kann sie sich auch von sich nicht ersättigen. So ist also bei dir der Quell des Lebens, wie wir in deinem Lichte das Licht schauen werden. Wer sammelte die bittern Gewässer in eine Verbindung? (Sie streben nach demselben Ziele zeitlicher und irrdischer Glückseligkeit, derentwegen sie alles thun, obschon sie unter unzählbaren verschiedenen Sorgen schwanken.) Wer versammelte sie, Herr, wenn nicht du, der du sprachst, daß sich die Gewässer zu einem Verbände sammelten, und die trockene Erde erscheine dürstend nach dir! Denn »dein ist das Meer, und du hast es geschaffen, und die trockene Erde haben deine Hände gebildet. -- Aber nicht die Bitterkeit der Willen, sondern die Sammlung der Gewässer wird Meer genannt. Denn du schränkst auch ein der Seelen böse Begierden, und steckst Grenzen, bis zu welchen sie 402 A. Augustinus Bekenntnisse. vordringen dürfen, damit sich ihre Fluchen in sich vermindern, und gestaltest also dies Meer nach der Anordnung deiner Herrschaft über Alles. Doch die Seelen, die nach dir dürsten und vor dir erscheinen, durch ein anderes Ziel unterschieden von der Gemeinschaft des Meeres, bewaßerst du mit verborgenem süßen Quell, damit auch die Erde ihre Frucht bringe; und sie bringt ihre Frucht, und auf dein, ihres Herrn und Gottes, Geheiß bringt unsere Seele Werke der Warmherzigkeit hervor nach ihrer Art, den Nächsten bei fleischlichen Bedürfnissen liebend unterstützend, in sich tragend den Saamen zu Ähnlichem; weil wir eingedenk unserer Schwachheit Mitleiden fühlen, den Dürftigen beizuspringen, wie wir selbst wünschten, daß uns Hülfe gewahrt würde, wenn wir deren auf gleiche Weise bedürften; und zwar nicht nur in geringfügigen Dingen, die gleich dem Grase sind, sondern auch durch Schutz und machtige Hülfe, gleich einem fruchttragenden Baume, das ist, durch die Wohlthat, die den, der Unbilde von machtiger Hand leidet, ihr entreißt, und ihm den Schatten machtigen Schutzes durch die Kraft eines gerechten Urtheils gewahrt. Also, o Herr! also laß, ich bitte dich, laß Freudigkeit und Kraft uns gebend, wie du thust, aus der Erde die Wahrheit aufspriessen, und die Gerechtigkeit vom Himmel schauen, und «es sollen Lichter am Firmaments werden.» Lassen wir dem Hungrigen unser Wrod brechen, und den Dürftigen, der ohne Obdach ist, einführen in unser Haus; den Nackten kleiden, und auf die Genossen unseres gemeinschaftlichen Geschlechts nicht Dreizehntes Buch. 403 herabsehen. Auf solche, auf der Erde geborene Früchte siehe herab, und heiße sie gut; und laß unser zeitliches Licht hervorbrechen, und, von dieser niedrigem Frucht unseres Handelns zu den Wonnen der Betrachtung erhoben, das Wort des höheren Lebens erfassend, gleich Lichtern in der Welt erscheinen, die fest an dem Fir- mamente deiner Schriften hangen. Denn dort unterrichtest du uns, daß wir unterscheiden zwischen Erkennbarem und Empfindbarem, wie zwischen Tag und Nacht; oder zwischen Seelen, die theils dem Erkennbaren, theils dem Empfindbaren ergeben sind; auf daß nicht fürder du allein in der Verborgenheit deines Gerichtes, wie damals als noch kein Firmament begründet war, «das Licht von den Finsternissen scheidest,» sondern daß auch deine geistigen Menschen, die du an demselben Firmamente befestigt und unterschieden hast, nach der Offenbarung deiner Gnade über den Erdkreis, leuchten auf der Erde, und den Tag scheiden, und die Nacht und die Zeiten anzeigen; weil das Alte vergangen, und siehe, neu geworden ist; und weil unser Heil naher ist, als da wir glaubig wurden; und weil die Nacht vorübergegangen, der Tag aber herangenahet ist, und weil du den Lauf deines Jahres segnest, indem du Arbeiter sendest in deine Erndte, welche Andere ausge- saet und bearbeitet haben, sie auch sendest auf eine andere Aussaat, deren Erndte am Ende der Zeiten ist. — So erfüllest du die Wünsche des Sehnsüchtigen, und segnest die Jahre des Gerechten; du aber bist immerdar derselbe, und in deinen Jahren, die nicht ab- 4V-4 A. Augustinus Bekenntnisse. nehmen, bereitest du eine Scheune den vorübergehenden Jahren. Denn nach ewigem Rathschlusse spendest du der Erde zu geeigneten Zeiten himmlische Gaben. Einigen nämlich wird durch den Geist das Wort der Weisheit, gleich einem größeren Lichte verliehen, um derer Willen, die sich des Lichtes der hellen Wahrheit, wie im Aufgange des Tages freuen; Andern aber wird durch denselben Geist das Wort der Wissenschaft, gleich einem geringeren Lichte, Andern Glaubenskraft, Andern die Gabe der Heilungen, Andern Kraft der Wunderthaten, Andern Weissagung, Andern Prüfung der Geistesgabcn, Andern die Gabe verschiedener Sprachen; und alle diese gleich Sternen. Dieses Alles aber wirket Ein und derselbige Geist, der Jeglichem besonders zutheilt nach seinem Wohlgefallen, und glanzende Gestirne zum Nutzen erscheinen laßt. Das Wort der Wissenschaft aber, welches alle Geheimnisse in sich faßt, die gleich dem Monde mit den Zeiten wechseln, und die übrigen Kenntnisse der Gaben, deren nachher als Sterne erwähnt worden, leuchten nur geringe, wie im Anfange der Nacht, in Vergleich zu jenem Licht- glanze der Weisheit, dessen der vorbesagte Tag sich erfreuet. Nothwendig sind sie aber jenen, zu welchen dein weiser Diener (er, der doch unter Vollkommenen Weisheit redet) njcht als zu geistigen, sondern nur als zu fleischlichen Menschen reden konnte. Der thierische Mensch aber, gleich einem Kindlein und Säugling in Christo, bis er zu kräftigerer Speise erstarkt, und seine Sehkraft den Anblick der Sonne aushält, halte seine Nacht nicht für verlassen, sondern begnüge sich mit Dreizehntes Buch. 405 dem Lichte des Mondes und der Sterne. Dies lehrest du uns, unser allweiscster Gott, in deinem Buche, deinem Firmaments, auf daß wir in wunderbarer Betrachtung alles unterscheiden, obwohl jetzt nur noch an Zeichen und Zeiten, und Tagen, und Iahren. Zuvor indeß waschet euch, seid rein, und schaffet hinweg die Nichtswürdigkeit aus euren Gemüthcrn, und aus dem Anblicke meiner Augen, damit die «trockene Erde» erscheine. Lernt Gutes thun, sprechet das Recht den Waisen, und rechtfertigt die Witt- wen, «damit die Erde nährendes Gras, und fruchtbares Holz hervorbringe;» und dann kommt, sagt der Herr, und ich will euch meine Geheimnisse auseinandersetzen, «auf daß Lichter am Firmamente des Himmels werden, die auf der Erde leuchten.» Jener Reiche fragte den guten Meister, was er thun solle, das ewige Leben zu erhalten. Es sagte ihm der gute Meister, den er für nichts weiter als einen Menschen hielt — (gut ist er aber, weil er Gott ist) — er solle, wenn er zum Leben eingehen wolle, die Gebothe halten; er solle die Bitterkeit der Bosheit, und Nichtswürdigkeit von sich entfernen; er solle nicht tödten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsches Zeugniß geben, damit die trockene Erde erscheine, und Verehrung des Vaters und der Mutter und Liebe des Nächsten hervorbringe. Dieses alles, sprach er, habe ich gethan. Woher also so viele Dornen, wenn das Erdreich fruchtbar ist? Gehe, rotte aus die waldigen Dornbüsche des Geizes, verkaufe, was du besitzest, werde reich an Früchten 406 A. Augustinus Bekenntnisse. durch Armenspende, und du wirst einen Schutz im Himmel haben; und folge dem Herrn nach, wenn du vollkommen sein, und jenen zugesellt sein willst, unter welchen Weisheit derjenige redet, welcher weiß, was er dem Tage und was er der Nacht zutheilet, damit auch du es wissest, daß auch dir Lichter am Firmaments des Himmels aufgehen; was nicht geschehen wird, wenn nicht dort dein Herz ist; was ferner nicht geschehen wird, wenn nicht, wie du von dem guten Meister gehört, auch dort dein Schatz ist. — Aber die unfruchtbare Erde ward betrübt und Dornen erstickten das Wort. Ihr aber auserwähltes Geschlecht! Schwache der Welt, welche ihr alles verlasset, um dem Herrn zu folgen, gehet ihm nach und beschämet, was machtig ist; gehet ihm nach ihr glorreichen Füße, und leuchtet am Firmamente, daß die Himmel seine Herrlichkeit verkündigen, unterscheidend das Licht der Vollkommenen, was doch noch nicht gleich jenem der Engel, von den Finsternissen der Kleinen, doch deßhalb nicht Verachteten; leuchtet über die ganze Erde, und der in der Sonne erglänzende Tag rufe dem Tage zu das Wort der Weisheit, und die mond erleuchtete Nacht verkünde der Nacht das Wort der Wissenschaft. Der Mond und die Sterne leuchten der Nacht, aber die Nacht verdunkelt sie nicht; denn sie erhellen selbe nach ihrem Maaße. Denn sieh'! gleichsam als spräche Gott: --es werden Lichter am Firmamente des Himmels,» entstand plötzlich vom Himmel ein Brausen, wie eines heran- Dreizehntes Buch. 407 kommenden gewaltigen Windes, und gesehen wurden vertheilte Zungen, wie des Feuers, und es ruhete auf einem Jeden von ihnen, und sie wurden Lichter am Firmamente des Himmels, in sich habend das Wort des Lebens. O heilige Feuer, glänzende Feuer, verbreitet euch überall hin! denn ihr seid das Licht der Welt und steht nicht unter dem Scheffel! erhöhet ist der, dem ihr anhinget, und erhöhet hat er euch. Laust umher und werdet kund allen Völkern! Auch das Meer empfange und gebare eure Werke, und »die Gewässer sollen hervorbringen beseelte kriechende Thiere » Denn Kostbares vom Gemeinen unterscheidend seid ihr Gottes Mund geworden, durch welchen er spräche: «Es sollen die Gewässer hervorbringen,» nicht die lebende Seele, welche die Erde hervorbringt, sondern «beseelte kriechende Thiere, und über die Erde hinfliegendes Gevögel.» Denn deine Geheimnisse, o Gott, schlangelten sich durch die Werke deiner Heiligen, mitten durch die Fluthen der Versuchungen der Welt, um die Völker durch deine Taufe deinem Namen zu weihen. Und unter diesen Werken gibt es staunenswerthe Wunder, gleich «großen Walisischen» durch die Stimmen deiner Boten vollbracht, welche hinflogen über die Erde gemäß dem Firmamente deines Buchs, welches sie sich als höchstes Ansehen aufgestellt hatten, und unter welchem sie hinflogen, wohin immer sie gingen. «Denn es ist keine Sprache, noch Rede, in welchen ihre Stimme nicht gehört wurden, als über die ganze Erde ihr Schall und bis zu der Erde Grenzen ihre Worte ausgingen:» 408 A. Augustinus Bekenntnisse. denn segnend, Herr! vermehrtest du sie. Lüge ich etwa, oder vermenge ich, und unterscheide nicht die lichtvollen Erkenntnisse an dem Firmaments des Himmels von den körperlichen Werken im fluchenden Meere, und unter dem Firmaments des Himmels? Denn jene Dinge, deren Erkenntniß begründet, und ohne Zuwachs durch Erzeugung abgegrenzt ist, gleich Gestirnen der Weisheit und Wissenschaft, diese Dinge bringen viele und mannigfaltige körperliche Wirkungen hervor, und vermehrt werden sie, indem Eins aus dem andern erwachst, durch deinen Segen, Herr, der du den Überdruß der sterblichen Sinne dadurch tröstest, daß die in der Erkenntniß des Gemüthes aufgefaßte eine Sache durch des Körpers Bewegung auf vielfache Weise sich darstellen und aussprechen laßt. Die Gewässer brachten dieses hervor, doch in deinem Worte. Die Bedürfnisse der Völker, die von der Ewigkeit deiner Wahrheit sich entfernten, brachten dieses hervor, doch in deinem Evangelium, denn die Gewässer selbst warfen dasjenige aus, dessen bittere Läßigkeit die Ursache war, daß in deinem Worte solches hervorging. Und schön ist alles, da du es wirkest, und sieh! du, der du alles gemacht, bist noch unaussprechlich schöner: und wäre Adam nicht von dir abgefallen, so würde nicht aus seinen Lenden das sgl- zige Meer, das übermäßig vorwitzige, stürmisch schwül stige, und unstät wogende Menschengeschlecht sich o gießen. So wäre es auch nicht nöthig, daß des'' Ausspender in vielen Gewässern körperlich und fühlbar sich bcmüheten, gcheimnißvolle Thaten und Reden zu Dreizehntes Buch. 409 erklaren (wie mir-es eben begegnet mit den kriechenden T Hieren und demGevögel). Dennoch aber würden die Menschen, angelernt und eingeweihet, und körperlichen Geheimnissen unterworfen, nicht weiter gelangen, lebte ihre Seele nicht geistiger Weise auf einer andern Stufe und blickte sie nicht nach dem Worte des Anfangs auf die Vollendung. Deswegen bringt auch in deinem Worte nicht des Meeres Tiefe, sondern die von der Gewässer Bitterkeit gesonderte Erde, mcht belebte kriechende Thiere, und Gevögel, sondern eine lebendige Seele hervor. Denn nicht bedarf sie mehr der Taufe, deren die Heiden bedürfen, so wie sie ihrer bedurfte, da sie noch von den Gewässern bedeckt wurde. Denn nicht anders geht man ein in das Himmelreich, seitdem du anordnetest, man solle so hineingehen. Sie sucht auch nicht nach großen Wunderwerken, damit der Glaube entstehe; denn sie glaübt, wenn sie auch keine Zeichen und Wunder sieht, da die glaubige Erde bereits von den durch Unglauben bittern Gewässern des Meeres geschieden ist, und die Gabe, der Sprachen den Ungläubigen, nicht den Gläubigen, zum Zeichen sind. — Jener Art Gevögel, was auf dein Wort die Gewässer hervorbrachten, bedarf also die Erde, die du über die Gewässer gründetest, nicht mehr. Sende auf sie dein -"-Wort durch deine Boten hinab, denn wir erzählen "'zwar ihre Werke, aber.du bist es, der in ihnen wirket, vaß sie eine lebendige Seele hervorbringen. Die Erde bringt sie hervor, weil die Erde die Ursache ist, daß sie dieses auf ihr wirken, so wie das Meer die Ursache 13 4kl) A. Augustinus Bekenntnisse. war, daß sie belebte kriechende Thiere und Gevögel unter dem Firmamcnte des Himmels, hervorbrachten, deren die Erde jetzt nicht mehr bedarf, obschon sie an dem aus der Tiefe emporgehobenen Fisch sich nährt, an jenem Fische, den du vor dem Angesichte der Gläubigen bereitet hast; denn deswegen ward er aus der Tiefe emporgehoben, damit er die Erde ernährte. Auch die Bogel, wenngleich des Meeres Erzeugnis;, vermehren sich doch auf der Erde Der Unglaube der Menschen nämlich war die Ursache der ersten Stimmen der Apostel; es werden aber auch die Glaubigen von ihnen ermahnt und vielfach gesegnet von Tag zu Tag. Die lebendige Seele aber nahm ihren Ursprung aus der Erde, denn jetzt frommt es nur den Glaubigen, der Liebe zu dieser Welt sich zu enthalten, damit ihre Seele dir lebe, die todt war, da sie noch in Lüsten, in todt- bringenden Lüsten lebte! denn du, o Herr! bist die Lebenswonne des reinen Herzens. Laß daher jetzt deine Diener auf der Erde wirken, nicht, wie in den Gewässern des Unglaubens, verkündend und redend durch Wunder, Geheimnisse, und mystische Reden, auf welche die Unwissenheit, der Bewunderung Mutter, in Furcht vor verborgenen Zeichen gespannt ist. Denn solches ist der Eingang zum Glauben für die Kinder Adams, die deiner vergessend sich vor deinem Antlitze verbergen, und ein Abgrund werden; laß sie vielmehr wirken, auf dieser trocknen Erde von den Fluthen des Abgrundes gesondert, und ein Borbild seien sie deinen Glaubigen, lebend vor ihnen, und sie anreihend zur Nachahmung. Denn also hören sie nicht bloß, um zu Dreizehntes Buch. 411 hören, sondern auch um zu befolgen. Suchet den Herrn, und eure Seele wird leben, und somit die Erde eine lebendige Seele hervorbringen. Verahnlicht euch nicht dieser Welt; enthaltet euch derselben; denn sie meidend, lebt die Seele, die sie begehrend, stirbt. Enthaltet euch der unmenschlichen Rohheit des Stolzes, von der Weichlichkeit der Wollust, und der trüglichen Sucht nach Wissenschaft, damit die wilden Thiere zahm, die Hausthiere sanft, und die Schlangen unschädlich werden. Denn bildlich gesprochen, sind dies die Regungen der Seele; der Stolz der Aufgeblasenheit aber, die Lust der Unzucht, und das Gift des Vorwitzes sind Regungen einer tobten Seele, weil sie nickt so stirbt, daß ihr jede Regung abgehe; sie stirbt dadurch, daß sie sich entfernt vom Quell des Lebens, und also aufgenommen von der vorübergehenden Welt ihr gleichförmig wird. Dein Wort aber, o Gott, ist der Quell des ewigen Lebens, und wird nicht vorübergehen; deswegen wird in deinem Worte uns dieses Entfernen untersagt, da es uns zuruft; Verahnlicht euch nicht dieser Welt, damit die Erde hervorbringe im Quell des Lebens eine lebendige Seele, in deinem Worte, durch deine Evangelisten, eine keusche Seele, nachahmend den Nachahmern deines Gesalbten. Dieses ist denn »je nach ihrer Art»; weil der Mann gern dem Vorbilde des Freundes nacheifert. Seid, sagt der Apostel, wie ich; denn auch ich bin, wie ihr. So werden dann in einer lebenden Seele, durch die Sanftmut!) in ihrem Wandel, gute Thiers Hausen. Denn also hast du befohlen, da du sprachst: »Voll- 18* 412 A. Augustinus Bekenntnisse. ziehe deine Werke in Sanftmuth, und du wirst von jedem Menschen geliebt werden.» Auch die Hausthiere werden gut sein, weder Überfluß haben, wenn sie essen, noch Mangel, wenn sie nicht essen; und auch die Schlangen werden gut sein, nicht verderblich zum Schaden, sondern schlau zur Hut; nur in soweit erforschend die zeitliche Schöpfung, als es genügt, daß durch das, was gemacht ist, die Ewigkeit als erkannt angesehen werde. Denn auch diese Thiere dienen der Vernunft, wenn sie nach Bezähmung ihrer todbringenden Wildheit friedlich leben und gut sind. Denn siehe, Herr, unser Gott, unser Schöpfer! ist unsere innere Gesinnung, wodurch wir, böse lebend, sterben, von der Liebe zur Welt abgewendet, und beginnt die Seele durch ein gutes Leben eine lebendige Seele zu werden, so wird dein Wort erfüllt werden, was du durch deinen Apostel sprachst: »vcrähnlicht euch nicht dieser Welt»; und es wird ferner erfolgen, was du gleich hinzu fügtest, da du sprachst: -»sondern wandelt euch um in Erneuerung eures Sinnes,» und nicht mehr, je nach ihrer Art, indem wir weder dem voranwandclnden Nächsten nachahmen, noch 'auch nach dem Ansehen eines bessern Menschen uns richten sollen. Denn du sprachst nicht: «es werde der Mensch, nach seiner Art, sondern: »lasset uns den Menschen machen, nach unserm Bilde und unserer Ähnlichkeit»; damit wir selbst prüfen, welches dein Wille sei. Darum spricht jener dein Ausspender, durch das Evangelium Kinder erzeugend, damit er nicht immer Kindlcin behielte, die er mit Milch ernähren, und wie eine Amme Dreizehntes Buch. 413 pflegen müßte: Wandelt euch um in eures Sinnes Erneuerung, so daß ihr selbst prüfet, welches der Wille Gottes, was gut, was wohlgefällig, und vollkommen sei. Darum sprachst du nicht: es werde der Mensch; sondern: lasset uns den Menschen machen; auch nicht: nach seiner Art, sondern nach unserm Bilde und unserer Ähnlichkeit. Denn im Geiste erneuert, und anschauend deine erkannte Wahrheit, bedarf er keiner menschlichen Unterweisung, daß er seiner Art nachahme; sondern von dir unterwiesen, soll er selbst prüfen, welches dein Wille sei und was gut, was wohlgefällig und vollkommen ist, und du lehrst ihn, der dessen nun fähig ist, die Dreieinigkeit der Einheit, und die Einheit der Dreieinigkeit schauen. Daher folgt aus das in der Mehrheit gesprochene: --Laßt uns den Menschen machen,» in der Einheit: «Und Gott erschuf den Menschen-,» und auf das in der Mehrheit ausgesprochene: «nach unserm Bilde,» folgt in der Einheit: «nach dem Bilde Gottes.» So wird der Mensch zur Erkcnntniß GotteS, nach dem Bilde dessen erneuert, der ihn erschuf; und «geistig geworden beurtheilet er alles, (was überhaupt zu beurtheilenist); er selbst wird von Niemanden beurthcilt.» Daß er aber alles beurtheilet, wird dadurch ausgedrückt: «daß er Gewalt hat über die Fische des Meeres und das Gevögel des Himmels, über alle Thiers, und alles Wild, über die ganze Erde und alle kriechende Thiere, die auf Erden sind.» Denn er beurthcilt durch die Erkcnntniß des innerlichen Sinnes, durch welchen er vernimmt, was des Geistes Gottes 414 A. Augustinus Bekenntnisse. ist. — Ohne diesen aber "erkennt der Mensch, der in Ehre ist, nicht-, und gleicht den unvernünftigen Thic- ren, und wird ihnen ahnlich.» Daher, unser Gott! gibt es in deiner Kirche vermöge der Gnade, die du ihm verliehen, «denn deine Schöpfung sind wir, geschaffen zu guten Werken» nicht nur solche, die geistige Vorsteher, sondern auch solche, die der Vorsteher geistige Untergebene sind. Denn »einen Mann und ein Weib erschufest du den Menschen,» auf diese Weise, in deiner geistigen Gnade, vor welcher nach körperlichem Geschlechte »weder mänlich, noch weiblich gilt; — weil weder Jude noch Grieche, weder Freier noch Knecht.» Die Geistigen also, seien es Vorsteher, seien es Untergebene, urtheilen geistiger Weise: nicht aber über die geistigen Kenntnisse, die an dem Firmamente leuchten; denn unziemlich wäre es, über so ein erhabnes Ansehen urlheilen zu wollen, wie auch über dein Buch, wenn auch in demselben etwas dunkel wäre; denn wir unterwerfen ihm unfern Verstand, und halten für unbezweifelt, daß auch das, was darin unserm Blicke verborgen ist, recht und wahr gesagt sei. Denn also muß der Mensch, obgleich er bereits geistig und erneuert ist in der Erkenntniß Gottes nach dem Bilde dessen, der ihn erschuf, nur Thäter des Gesetzes nicht Richter sein. Auch urtheilt er nicht über jenen Unterschied, der zwischen geistigen und fleischlichen Menschen besteht, die deinen Augen, o Gott, bekannt, uns aber noch nicht aus ihren Werken offenbar geworden sind, so daß wir sie aus ihren Früchten erkennen könnten; du aber, o Herr! kennst sie bereits, und sondertest sie, Dreizehntes Buch. und beriefst sie in deinem verborgenen Ruthe, noch ehe das Firmament erschaffen ward. Eben so wenig ur- theilt er auch als geistiger Mensch über die unruhigen Wolker dieser Welt; denn was frommt es ihm, zu urthcilen über die, welche draußen sind, da er nicht weiß, wer aus ihnen zur Süßigkeit deiner Gnade gelangen, und wer in steter Bitterkeit der Gottlosigkeit verharren werde? Es empfing also der Mensch, den du nach deinem Ebenbilde schufest, nicht Gewalt über die Himmelslichtcr, noch über den verborgenen Himmel selbst; nicht über Tag und Nacht, die du vor der Schöpfung des Himmels beriefest, noch über die Versammlung der Gewässer, aus welchen das Meer besteht; sondern --er empfing die Gewalt über die Fische des Meeres und das Gevögel des Himmels, und über alle Thiere, und über die ganze Erde, und über alle kriechende Thiere, die auf der Erde sind.» Denn er beurtheilt und billigt, was er reckt, mißbilligt eben so, was er unrecht findet: sowohl in der Feier jener Geheimnisse, worin diejenigen eingeweihet werden, welche deine Erbarmung aus den vielen Gewässern aufspürt; als in der Feier, wo jener Fisch, aus der Tiefe emporgehoben, die fromme Erde speiset: sowie auch in den Zeichen und Stimmen jener dem Ansehen deines Buchs unterworfenen Worte, welche gleichsam unter dem Firmamente umherfliegen, durch Erklärung, Auslegung, Erörterung, Untersuchung, Segnung und Anrufung deiner aus dem Munde hervorbrechen und erschallen, daß das Volk antworte: Amen. Die Ursache, daß alle diese Worte körperlich ausgesprochen werden 416 > A. Augustinus Bekenntnisse. müssen, ist der Abgrund der Welt, und die Blindheit des Fleisches, in welcher Gedachtes nicht gesehen werden kann, daher es nöthig ist, in den Ohren zu ertönen. Wie sehr also auch das Gevögel auf Erden sich vermehrt, so nahm es doch seinen Ursprung aus den Gewässern. Es urthcilt ferner der geistige Mensch, billigend, was er recht, mißbilligend, was er unrecht findet an den Werken und Sitten der Gläubigen, an den Allmosen der gleichsam fruchtbringenden Erde; auch über lebendige Seelen, deren Regungen bezähmt wurden durch Sanftmuth, Keuschheit, Fasten und sromme Gedanken; so wie über solche Dinge, die mit körperlichen Sinnen wahrgenommen werden. Denn darüber, heißt es, sollen wir urtheilen, worüber wir auch die Macht haben, zu bessern. Doch was ist dies, und welch ein Geheimniß ist es? Sieh, du segnest die Menschen, Herr! auf daß sie wachsen und sich vermehren, und die Erde erfüllen. Deutest du hiedurch uns nicht an, daß wir in etwa erkennen, warum du nicht eben so das Licht gesegnet hast, welches du Tag nanntest, noch das Firmament des Himmels, noch die Himmelslichter, die Sterne, die Erde, das Meer? Sagen würde ich, unser Gott! der du uns nach deinem Ebenbiloe erschaffen hast, sagen würd ich, du habest diese Gabe des Segens dem Menschen eigeiuhümlich spenden wollen, hättest du nicht ebenso die Fische und Wallfische gesegnet, daß sie wüchsen und sich mehrten, und die Gewässer des Meeres erfülleten; und die Vögel, daß sie sich auf Erden vermehren sollten. Sagen würde Dreizehntes Buch. 417 ich femer, jener Gattung von Dingen gehöre dieser Segen an, die durch Zeugung aus sich selbst fortgepflanzt werden, fand ich ihn bei den Stauden und Baum cn, nd bei den Thieren der Erde. Nun aber ist weder en Krautern noch Baumen, noch auch Thieren und Schlangen gesagt: "Wachset und mehret euch!» obgleich auch diese gleich den Fischen, Vögeln und Menschen durch Zeugung sich vermehren, und ihre Art erhalten. Was soll ich daher sagen, mein Licht, meine Wahrheit! etwa es fehle dieses, es sei dieses vergeblich gesagt? Nimmermehr, gütigster Vater! fern sei es, daß der Diener deines Worts dieses sage. Wenn ich auch nicht erkenne, was du durch diesen Ausspruch andeutest, so werden Bessere, das heißt. Erleuchtetere als ich, es besser erkennen, je nach der Weisheit, die du, o Herr! jedwedem verliehen hast' Laß indeß auch mein Bekenntniß vor deinen Augen dir Wohlgefallen, in welchem ich dir bekenne, daß ich glaube, o Herr! du habest nicht vergeblich so gesprochen, und nicht verschweigen will ich, was mir bei Gelegenheit dieser Stelle vorschwebt. Denn wahr ist es, und ich sehe nicht, was mich hindere, die bildlichen Reden deiner Bücher also zu empfinden. Ich weiß ja, daß auf vielfache Weise durch den Körper ausgedrückt wird, was man nur auf Eine Weise im Geiste sieht; und auf vielfache Weise im Geiste steht, was man nur auf Eine Weise durch den Körper ausdrückt. Siehe die einfache Liebe Gottes und des Nächsten, durch wie vielfache Geheimnisse, und welche unzahlbare Sprachen, und in jeder Sprache durch welche unzahl- 18** ij18 A. Augustinus Bekenntnisse. bare Redensarten wird sie nicht körperlich ausgesprochen! also wachsen und vermehren sich die Geburten der Gewässer. Betrachte ferner, wer immer du dieses ließt. Sich', was die Schrift nur aus Eine Weise vorbringt, und die Stimme spricht: «Im Anfange machte Gott Himmel und Erde, wird es nicht vielfach verstanden, nicht in trügendem Jrr- thume, sondern in verschiedenen Arten wahrer Ansichten? So wachsen und vermehren sich die Geburten der Menschen. Wenn wir uns daher die natürliche Beschaffenheit der Dinge selbst, nicht bildlich, sondern eigentlich, denken, so paßt auf alles, was aus dem Samen gezeugt wird, das Wort: Wachset und mehret euch. Nehmen wir sie aber im bildlichen Sinne, was nach meiner Ansicht die heilige Schrift vorzüglich beabsichtigte, die allerdings nicht ohne Ursache bloß den Geburten der Wassergeschöpfe und der Menschen diesen Segen beilegt, so finden wir zwar Vielheiten sowohl in geistigen als körperlichen Geschöpfen, wie: im Himmel und der Erde; sowohl in gerechten als ungerechten Seelen, wie: im Lichte und in den Finsternissen; in den heiligen Schriftstellern, durch welche das Gesetz uns dargereicht worden, wie: im Firmamente, das zwischen Gewässern und Gewässern gegründet worden; in der Verbindung erbitterter Völker, wie: im Meere; in dem Bestreben frommer Seelen, wie: auf der trocknen Erde; in den Werken der Barmherzigkeit im gegenwärtigen Leben, wie: in den saamen reichen Pflanzen und fruchttragenden Bäumen; in den- Dreizehntes Buch. 419 zu unscrm Nutzen gespendeten Geistesgaben, die gleich den Lichtern des Himmels sind; und in den Gemüthsregungen zur Mäßigkeit, wie: in lebendigen Seelen. In allen diesen Dingen finden wir Vielheit, Vermehrung und Wachsthum; daß aber diese Vermehrung und dieser Wachsthum von solcher Art sei, daß eine Sache auf vielerlei Weise sich ausdrücken lasse, und ein Ausdruck auf vielerlei Weise verstanden werden könne, dies finden wir nur in körperlichen Bildern, und in verstandlich ausgedachten Dingen. Unter körperlichen Bildern verstehen wir die Erzeugungen, die aus den Gewässern hervorgingen, da die Tiefe des fleischlichen Abgrundes dieselben noth- wendig machte; unter den durch den Verstand ausgedachten Dingen aber die menschlichen Erzeugungen wegen der Fruchtbarkeit des Verstandes. Und deswegen glauben wir, daß von dir, o Herr, diesen beiden Arten gesagt sei: «wachset und mehret euch!» denn ich nehme an, du habest in diesem Segen uns Macht und Vermögen verliehen, sowohl auf vielerlei Weise auszudrücken, was wir auf Eine Weise verstanden, und auf vielerlei Weise zu verstehen, was wir dunkel auf Eine Weise ausgedrückt gelesen haben. Also werden die Wasser des Meeres angefüllt, welche nur durch die mancherlei Bedeutungen bewegt werden; eben so wird auch, durch menschliche Geburten, die Erde angefüllt, deren Trockne im Nachsinnen erscheint, und worüber die Vernunft herrscht. Ich will auch aussagen, Herr, mein Gott! woran mich die folgenden Worte deiner Schrift erinnern. 42 (1 A. Augustinus Bekenntnisse. Sagen will ich's, und mich nicht scheuen. Denn Wahres werde ich sagen, wenn du mir einhauchst, was ich nach deinem Willen über diese Worte sagen sollte. Denn nimmer glaube ich Wahres zu sagen, haucht ein anderer, als du, mir ein, was ich sagen soll, da du die Wahrheit bist, jeder Mensch aber ein Lügner ist. Deswegen redet auch, wer Lüge redet, aus dem Seinigen; damit ich also Wahres rede, will ich aus dem Deinigen reden. Sieh, du hast unszurSpeise gegeben alles Kraut, das sich besaamet auf Erden, und alle Baume, die in sich selbst Saamen haben nach ihrer Art; und zwar nicht uns allein, sondern auch allen Vögeln des Himmels und allen Thieren der Erde und Schlangen. Den Fischen und großen Wallfischen aber hast du dieses nicht gegeben. Denn wir sagten bereits, daß durch Früchte der Erde angedeutet und bildlich dargestellt würden die Werke der Barmherzigkeit, welche in den Nöthen dieses Lebens von der fruchtbaren Erde dargebracht werden. Eine solche Erde war der fromme Onesiphorus, dessen Hause du Barmherzigkeit erzeigtest, weil er oft deinen Paulus erquickte, und sich seiner Ketten nicht schämte. Dies thaten auch die Brüder, und brachten solche Früchte hervor, welche das, was ihm mangelte, aus Macedonien ergänzten. Wie schmerzlich aber klagt er über gewisse Bäume, welche ihm nicht die schuldige Frucht brachten, da er sagt: «bei meiner ersten Verantwortung ist mir Niemand beigestanden, sondern alle verließen mich: es möge ihnen nicht zugerechnet werden!» denn solche Dreizehntes Buch. 421 Früchte gebühren denjenigen, welche durch die Entwicklung der göttlichen Geheimnisse die vernünftige Lehre vortrugen, und zwar gebühren sie ihnen als Menschen. Sie gebühren ihnen aber auch als lebendigen Seelen, die sich in aller Enthaltsamkeit zur Nachahmung darstellen; sie gebühren ihnen ferner als Vögeln wegen ihrer Segnungen, die sie aus Erden vermehren, weil ihre Stimme über die ganze Erde ergangen. Genährt aber werden durch diese Früchte, welche sich ihrer erfreuen; jene aber erfreuen derselben sich nicht, deren Gott der Bauch ist. Aber auch unter denen, welche geben, sind nicht das, was sie geben, Früchte, sondern was sie in frommem Gemüthe geben. Daher sehe ich ganz offenbar, worüber jener,' welcher Gott diente und nicht seinem Bauche, sich erfreuet; ich sehe es, und wünsche ihm höchlichst Glück. Denn empfangen hatte er von den Philippern, was sie durch den Epaphroditus gesandt hatten; dennoch ersehe ich, worüber er sich freuet. — Worüber er sich aber freuet, davon nährt er sich, indem er in Wahrheit also spricht: --Ich habe mich sehr im Herrn erfreuet, daß ihr endlich wieder einmal aufgeblüht seid, meiner zu gedenken; ihr gedachtet zwar auch meiner, aber ihr wäret in bedrängtem Zustande.» Jene waren also aus langwieriger Bedrangmß kraftlos geworden, und gleichsam vertrocknet waren sie an jenen Früchten guter Werke; und er freuet sich für sie, daß sie wieder aufgeblühet sind, nicht für sich, daß sie seinem Mangel abgeholfen. Dcßhalb fügt er hinzu: --nicht sage ich das, als des Mangels wegen, denn ich habe gelernt, wie's immer 422 A, Augustinus Bekenntnisse. mit mir steht, zufrieden zu sein. Ich weiß zu entbehren, ich weiß Überfluß zu Huben, in Allem und Jedem bin ich geübt; satt zu haben und zu hungern, Überfluß zu haben, und Mangel zu leiden. Ich vermag Alles durch den, der mich kraftigt.» Worüber also freuest du dich in allen Dingen, o großer Paulus! worüber freuest du dich? Wovon nährest du dich, o Mensch, erneuert in der Erkenntniß Gottes, nach dem Bilde dessen, der dich erschaffen hat; — lebendige Seele, durch so große Enthaltsamkeit; — geflügelte Zunge, die du hohe Geheimnisse sprichst! denn solchen belebten Wesen gebührt solche Speise. Was also ist's, das dich nährt? Die Freude. — Hören wir, was folgt: «Doch ihr habt wohlgcthan,» sagt er «daß ihr an meiner Bcdrängniß Antheil genommen.» Darüber freuet, davon nährt er sich, daß sie wohlgethan hatten, nicht daß seine Bcdrängniß erleichtert ward; denn also spricht er zu dir: «In meiner Bcdrängniß erheitertest du mich!» denn er wußte Überfluß zu haben, und Mangel zu leiden in dir, der du ihn kraftigest. «Denn ihr wisset auch, ihr Philipper! spricht er serner, daß, da ich im Anfange der Verkündigung des Evangeliums von Macedonien ausging, keine Gemeinde mir mitgetheilt hat in Betracht der Gabe und des Empfangs, als ihr allein; denn auch nach Thessalonich sandtet ihr einmal und abermal, wessen ich bedurfte.» Dies also freuet ihn, daß sie zu diesen guten Werken zurückkehrten, und es freuet ihn, daß sie wieder auf- blüheten, gleich einem crgrünenden fruchtbaren Acker. Etwa wegen seiner Bedürfnisse, weil er sagt: «ihr Dreizehntes Buch. 423 sandtet, wessen ich bedurfte?» freuet er sich etwa deswegen? Nimmermehr deshalb. Und woher wissen wir dies? Weil er also fortfahrt: ---Nicht als ob ich die Gabe begehre; sondern was ich begehre ist die Frucht.» Von dir mein Gott habe ich gelernt, zwischen Gabe und Frucht zu unterscheiden. Die Gabe ist die Sache selbst, welche der gibt, welcher die Nothwendigkeitcn darreicht, als Geld, Speise, Trank, Kleidung, Obdach, Hülfe. Die Frucht aber ist der gute und ausrichtige Wille des Gebers. Denn der gute Meister sagt nicht bloß: wer den Propheten aufnimmt; sondern fügt hinzu: im Namen des Propheten. Eben so: nicht, wer den Gerechten ausnimmt, sondern wer ihn aufnimmt in des Gerechten Namen, der wird den Lohn des Propheten, den Lohn des Gerechten empfangen. Auch sagt er nicht bloß: wer einem von meinen Geringsten einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, sondern wer es ihm gibt im Namen des Jüngers, der wird, wahrlich sage ichs euch, seinen Lohn nicht verlieren. Die Gabe ist: einen Propheten aufnehmen, einen Gerechten aufnehmen, dem Jünger einen Becher kalten Wassers darreichen; die Frucht aber: dieses im Namen des Propheten, im Namen des Gerechten, im Namen des Jüngers thun. Mit der Frucht wurde Elias von der Wittwe ernährt, da sie wußte, daß sie einen Mann Gottes ernährte, und deßhalb ihn ernährte; von dem Raben aber wurde er durch die Gabe ernährt. Und zwar ward nicht der innere Elias, sondern der äußere ernährt, welcher auch aus Mangel solcher Speise hätte verderben können. 424 A. Augustinus Bekenntnisse. Sagen will ich also, was wahr ist vor dir, o Herr! Wenn unwissende und ungläubige Menschen, zu deren Unterricht und Gewinnung die ersten Sakramente und große Wunder nothwcndig sind, die wir unter dem Namen der Fische und Wallfische verstanden glauben, deine Diener aufnehmen, sie körperlich zu erquicken oder in irgend einem Bedürfnisse des jetzigen Lebens zu unterstützen, ohne zu wissen, weßhalb und in welcher Beziehung sie dies thun sollen, so nähren sie selbige nicht, noch werden diese von ihnen genähret, weil jene dieses nicht mit heiligem und aufrichtigem Willen wirken, noch diese über ihre Gaben, worin sie noch keine Frucht sehen, sich erfreuen. Denn davon nämlich nährt sich die Seele, worin sie sich erfreuet. Und deßhalb nähren die Fische und Walllfische sich nicht von Speisen, welche nicht jene Erde hervorbringt, welche bereits von der Bitterkeit der Mcercsfluthen gesondert ist. Und du sähest, Gott, Alles, was du ge- > macht hattest, und sieh, es war sehr gut. Auch wir haben es gesehen und alles ist sehr gut. Bei jeder einzelnen Art deiner Werke, als du sprachest, daß sie werden sollten, und sie wurden, sahst du dies und jenes, und daß es gut war. Siebenmal zählte ich's, daß geschrieben steht, du habest gesehen, daß es gut sei, was du gemacht; und das achte mal ist dieses, daß du Alles gesehen, was du gemacht; und sieh, Alles war nicht nur gut, sondern sehr gut war Alles zugleich. Denn jedes Einzelne war nur gut, Alles zugleich aber gut und zwar sehr gut. Dreizehntes Buch. 425 Dies zeigt auch jeder schöne.Körper; denn weit schöner ist ein Körper, der aus lauter schönen Gliedern bestehet, als jedes einzelne Glied, durch deren vollkommenes Ebenmaaß das Ganze übereinstimmt, obgleich auch jedes für sich allein, schön sein mag. Und ich forschte, daß ich fände, ob du sieben oder acht mal gesehen» daß deine Werke gut sind, da sie dir wohlgesielen; und in deinem Sehen fand ich keine Zeiten, worin ich erkennen konnte, daß du so oft mal gesehen, was du gemacht hattest. Und ich sprach: «o Herr! ist diese deine Schrift nicht wahr, weil du, der Wahrhaftige und die Wahrheit, sie angesagt hast? Warum also sagst du mir, daß in deinem Sehen keine Zeiten sind» da doch dieselbe Schrift mir sagt, du habest an jedem Tag gesehen, was du gemacht, daß es gut war? Und da ich nun diese Tage zahlte, fand ich wie oft.» — Hierauf antwortest du mir, weil du mein Gott bist, und sprichst mit starker Stimme zu dem mnern Ohre deines Dieners, meine Taubheit besiegend und rufend: «O Mensch, was meine Schrift sagt, das sage ich; doch sagt jene es in der Zeit, bei meinem Worte aber gibt es keine Zeit, weil es mit mir in gleicher Ewigkeit besteht. So sehe ich auch das, was ihr durch meinen Geist sehet; gleichwie ich auch das sage, was ihr durch meinen Geist redet. Doch nicht wie ihr in der Zeit es sehet, sehe auch ich in der Zeit; gleichwie ich auch nicht zeitlich rede, was ihr durch mich zeitlich aussprechet.» Und ich hörte es, Herr, mein Gott, und schlürfte diesen Tropfen Süßigkeit aus deiner Wahrheit, und erkannte, daß es Menschen gibt, 426 A. Augustinus Bekenntnisse. denen deine guten Werke mißfallen, und die da sagen, nachgedrungen habest du viele derselben gemacht, wie den Bau des Himmels, und die Ordnung der Gestirne, und zwar nicht aus dem dcinigen, sondern bereits anderswo erschaffen und anderswoher habest du sie versammelt, gefügt und verbunden, und nach dem Siege über die feindliche Macht die Welt als eine Schutzwehr erbaut, damit sie, durch diesen Bau bezwungen, gegen dich sich nicht wieder auflehnen könnte; ja Manches habest du gar nicht gemacht, und sogar nicht einmal zusammengefügt, wie alles Fleisch und alle Thicre der niedrigsten Art, und was immer in der Erde Wurzel faßt; sondern ein feindlicher Geist, und ein anderes von dir nickt erschaffenes, und dir feindliches Wesen zeuge, und bilde diese Dinge in dem untern Thcile der Welt. Unsinnige sprechen also, weil sie nicht durch deinen Geist deine Werke ansehen, noch auch dich in ihnen erkennen. Diejenigen aber, die dieselben durch deinen Geist in diesen sehen, siehst du selbst. Sehen also diese, daß deine Werke gut sind, so bist du es, der da sieht, daß sie gut sind; und was immer deinetwegen «gefallt, darin gefällst du; und was durch deinen Geist uns gefallt, daß gefallt dir in uns. »Denn wer der Menschen weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist? So auch, was Gottes ist, kennt keiner, als der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, auf daß wir wissen, was uns von Gott verliehen ist.» Auch ich bin gedrungen, zu Dreizehntes Buch. 427 sagen: Gewiß weiß keiner, was Gottes ist, als der Geist Gottes! Wie also wissen auch wir, was uns von Gott verliehen ist? Ich erhalte zur Antwort: daß auch das, was wir durch seinen Geist wissen, keiner so weiß, als der Geist Gottes. Denn gleichwie denen, welche im Geiste Gottes redeten, ganz recht gesagt ward: »denn nicht ihr seid es, die da reden;» so sagt man mit Recht zu denen, welche im Geiste Gottes erkennen: Nicht ihr seid es, die da erkennen Nicht minder sagt man auch mit Recht denen, die im Geiste Gottes sehen: nicht ihr seid es, die da sehen. Was immer sie also im Geiste Gottes sehen, das gut ist, das sehen nicht sie, sondern Gott siebt es, daß es gut ist. Ein anderes ist es also, daß einer vermeint, etwas sei böse, das gut ist, wie jene, von welchen vorhin die Rede war. Ein anderes, daß der Mensch das, was gut ist, als gut erkenne; wie denn Bielen deine Schöpfung gefallt, weil sie gut ist, welchen du gleichwohl nicht in derselben gefällst, weswegen sie auch mehr diese, als dich genießen wollen. Ein anderes aber, daß, wenn der Mensch etwas sieht, daß es gut sei, Gott in ihm sehe, daß es gut ist; auf daß nämlich er selbst in dem, was er gemacht hat, geliebt werde, welcher nicht geliebt werden würde, wenn nicht durch den heiligen Geist, den er verliehen hat; denn die Liebe Gottes Ist ausgegossen in unsere Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist; durch welchen wir sehen, daß alles gut ist, was auf irgend eine Weise ist; denn von ihm ist alles, der nicht auf irgend eine Weise ist, sondern das ist, was er ist. 428 A. Augustinus Bekenntnisse. Dank dir, o Herr! wir sehen den Himmel und die Erde, sei es den körperlichen obern und den untern Theil, sei es die geistige und körperliche Schöpfung: und in der wundervollen Ordnung dieser Theile, aus welchen das ganze Weltgcbäude, oder die sämmtliche Schöpfung ganz und gar besteht, sehen wir das Licht geschaffen und geschieden von der Finsterniß. Wir sehen das Firmament des Himmels, jenes Vorzüglichere im ganzen Weltgebäude, das zwischen den geistigen höheren, und den körperlichen niederen Gewässern begründet ist; oder auch diesen Luftraum, da auch dieser Himmel genannt wird, durch welchen die Vögel des Himmels umherfliegen, zwischen den Gewässern, welche Dunstweise über ihnen schweben und auch bei heitern Nachten thauen, und jenen, die schwerer aus der Erde fließen. Wir sehen die versammelten Massen der Gewässer in den Räumen , des Meeres; und die trockne Erde entweder nackt, oder gebildet, damit sie sichtbar und geordnet werde; auch den Stoff der Krauter und Baume. Wir sehen Lichter oberwärts scheinen, die Sonne dem Tage genügen, den Mond und die Sterne die Nacht trösten, und durch alles dieses die Zeiten bezeichnet, und ausgedrückt. Wir sehen die überall befeuchtete Natur fruchtbar an Fischen, Thicren und Vögeln; und daß die Luftmasse, welche den Flug der Vögel tragt, durch die Ausdünstung der Gewässer sich verdichtet. Wir sehen, wie die Oberfläche der Erde mit Thieren sich ziert, und wie der Mensch, nach deinem Ebenbilde und deiner Ähnlichkeit erschaffen, allen vernunftlosen Thieren, durch dein Ebenbild und deine Dreizehntes Buch. 4W Ähnlichkeit, d. i,, durch Vernunft und Erkenntniß- vermvgen vorgesetzt ist. Und gleichwie in seiner Seele es etwas Anderes ist, was durch Berathung herrscht, und etwas anderes, was zum Gehorsam sich unterwirft; so sehen wir auch körperlich für den Mann das Weib erschaffen, welches zwar im Geiste gleiche Beschaffenheit vernünftiger Erkenntnis« haben, durch das körperliche Geschlecht jedoch dem mannlichen Geschlechte also sich unterwerfen sollte, wie der Begehrungstrieb sich unterwirft, um von der Vernunft des Geistes die Fertigkeit, richtig zu handeln, zu empfangen. Wir sehen dieses, und daß jedes Einzelne gut ist, und sehr gut das Ganze. Preisen mögen dich deine Werke, auf daß wir dich lieben; und lassen wir lieben dich, auf daß dich loben deine Werke, die einen Anfang und ein Ende haben in der Zeit, einen Aufgang und Untergang, Zunahme und Abnahme, Schönheit und Mangel. Sie haben daher auf sich folgend Morgen und Abend, theils im Verborgenen, theils offenbar. Denn aus Nichts sind sie von dir, aber nicht aus dir, gemacht; nicht aus etwas, was nicht dein war oder schon vorhanden gewesen wäre, sondern aus einem mitgeschaffcnen, das ist, zugleich von dir erschaffenen Stoffe, da du seine Ungestaltheit ohne irgend einen Zwischenraum der Zeit gestaltetest. Denn da ein anderes der Stoff des Himmels und der Erde, ein anderes die Gestalt des Himmels und der Erde ist, so hast du zwar den Stoff aus ganz und gar Nichts, die Gestalt der Welt jedoch aus dem ungestalteten Stoffe, beides aber zugleich, gemacht, so daß dem Stoffe ohne Dazwischentreten irgend einer Zögcrung die Gestalt folgte 439 A. Augustinus Bekenntnisse. Eingesehen Huben wir auch, welcher Vorbildung wegen du dies also in solcher Ordnung hast werden, oder in solcher Ordnung hast aufschreiben lassen wollen; und gesehen haben wir, daß jedes einzelne gut, das Ganze aber sehr gut ist. Gesehen haben wir in deinem Worte, in deinem Eingebornen den Himmel und die Erde, das Haupt und den Körper der Kirche, in deiner Vorherbestimmung vor allen Zeiten ohne Morgen und Abend. Da du aber begannst, das Vorherbestimmte in der Zeit auszuführen, daß du das Verborgene offenbartest, und unser Ungeordnetes ordnetest, (weil unsere Sünden über uns, und wir von dir weg in einen tiefen Abgrund gcrathen waren,) da schwebte dein guter Geist über uns, uns zur gelegenen Zeit zu helfen; und da rechtfertigtest du die Gottlosen, und sondertest die Gerechtfertigten von den Ungerechten, da gründetest du das Ansehen deines Buches zwischen den O^ern, welche von dir belehrt werden, und den Untern, welche ihnen folgen sollten, und versammeltest die Gemeinde der Ungläubigen zu einer Verschwörung, damit offenbar würde der Eifer der Glaubigen, und sie dir Werke der Barmherzigkeit erscheinen ließen, ihre irdischen Güter unter die Armen vertheilend, um himmlische zu erwerben. Und dann zündetest du an gewisse Lichter an dem Firmamente, deine Heiligen, die das Wort des Lebens hatten, und durch geistige Gaben in erhabenem Ansehen glänzten; und aus körperlichem Stoffe brachtest du dann, die ungläubigen Völker zu unterrichten, Sakramente und sichtbare Wunder uno Wortstimmen unter dem Firmamente deines Buches hervor, durch welche auch deine Gläubigen gesegnet wurden. Dann aber bildetest Dreizehntes Buch. 431 du der Gläubigen lebendige Seele, durch geregelte Leidenschaften und in der Kraft der Enthaltsamkeit; und hierauf erneuertest du nach deinem Ebenbilde und deiner Ähnlichkeit die Seele, die dir allein ergeben, keines menschlichen Beispiels zur Nachahmung bedarf; und unterwarfest dem bewahrten Verstände die vernunftmaßige Handlung, wie dem Manne das Weib, und wolltest, daß die Gläubigen allen deinen Dienern, die du bestellt hast, an der Vollendung ihres Heils zu wirken, in diesem Leben zu ihren Bedürfnissen gute Werke reichen, die im künftigen Leben zu reichlichen Früchten aufsprossen. Alle diese Dinge sehen wir, und sie sind sehr gut; denn du siehst sie in uns, der du den Geist uns gegeben hast, in welchem wir sie sehen, und in ihnen dich lieben sollten. Herr Gott! gib uns den Frieden, (alles hast du ja uns gegeben) den Frieden der Ruhe, den Frieden des Sabbaths, den Frieden ohne Abend. Denn diese ganze so höchst schöne Ordnung sehr guter Dinge wird, hat sie ihr Zeitmaaß zurückgelegt, vorübergehen, weil darin Morgen gemacht ist und Abend. Der siebente Tag aber ist ohne Abend, und hat keinen Untergang; denn du hast ihn zum ewigen Bleiben geheiligt; und es verkündigt uns die Stimme deines Buches, daß wie du nach Erschaffung deiner sehr guten Werke, obgleich du in Ruhe sie erschaffen, am siebenten Tage ruhetest, auch wir nach unfern Werken, die deswegen sehr gut, weil von dir sie uns verliehen sind, in dem Sabbath des ewigen Lebens in dir ausruhen sollen. Dann wirst du nämlich so in uns ausruhen, wie du jetzt in uns wirkest; und so wird jene Ruhe dic deinige sein durch uns, wie jene Werke die dcinigen sind durch 432 A. Augustinus Bekenntnisse. uns. Du aber, Herr! wirkest immerdar und ruhest immerdar, und nimmer stehest du zu Zeiten, noch bewegst du dich zu Zeiten, noch ruhest du zu Zeiten; und doch machst du sowohl zeitliche Erscheinungen, als die Zeiten selbst, und die Ruhe aus der Zeit. Wir also sehen diese Dinge, die du gemacht hast, weil sie sind; sie sind aber, weil du sie siehst. Und wir sehen ausser uns, daß sie sind, und in unserm Innern, daß sie gut sind; du aber sähest sie dort als bereits gemacht, wo du sie als noch zu machend sähest. Und wir wurden zu einer andern Zeit zum Gutes thun angeregt, nachdem unser Geist von deinem Geiste empfangen hatte; in früherer Zeit aber wurden wir/ dich verlassend, zum Böses thun angeregt; du aber, höchster, einziger und guter Gott! hast nie aufgehört/Gutes zu thun. Und sind auch einige unserer Werke gut, durch deine Verleihung nämlich, so sind sie gleichwohl nicht ewig; wir hoffen nach jenen in deiner großen Heiligung zu ruhen; du aber, o Gut! das keines Gutes bedürftig, ruhest immer, denn deine Ruhe bist du selbst. Dieses aber zu verstehen, welcher Mensch wird es einem Menschen verleihen? welcher Engel einem Engel? welcher Engel einem Menschen? Dich siehe man an, in dir suche man, bei dir klopfe man an; wer also thut, der wird empfangen, der wird finden, und dem wird aufgethan werden. Amen. Münster, gedruckt bei Friedr. Rcgensberg. Der geistliche Kampf von Laurentius Heuputi. Aus dem Italienischen. Zweite, neu durchgesehene und verbesserte Auflage» Mit einem katholischen Gebetbuch als Anhang. 4841. ZZ8 Seiten. Geh. Preis 12 Ggr. (IS Sgr.) Das Werk, das wir hier dem Publikum in einer zweiten, neu durchgesehenen und verbesserten Auflage übergeben, bedarf wohl keiner weitern Empfehlung mehr, da es bekannt ist, wie sich der h. Franz von Sales desselben viele Jahre hindurch bedient, es dem Buche von der Nachfolge Christi an die Seite gesetzt, es allen seinen Pflegebefohlenen zum fleißigen Gebrauche aufs dringendste angerathen, und endlich bei seiner Philothea überall zu Grunde gelegt hat. Auch beweist die große Verbreitung des so oft gedruckten, in so viele Sprachen übersetzten Buches zur Genüge, daß sein Verfasser es wohl verstanden hat, für den Kampf, der allen obliegt, einen eben so heilsamen als ermuthi- genden Rath zu ertheilen. Wenn sich schon die Ueber- setzung der ersten, von dem scl. Professor Brockmann besorgten Auflage bekanntlich durch ihre Treue, kräftige Kürze und ihren im Ganzen wohlgelungencn und körnigen Ausdruck vor andern vortheilhaft auszeichnete, so wird man dieselben Borzüge noch mehr in dieser zweiten Auflage bemerken, in der hierauf am meisten Bedacht genommen wurde, obgleich nach sorgfältiger Vergleichung mit neueren Uebersetzungen, z. B. der von Gilbert, meist nur geringere sprachliche Aenderungen nothwendig waren. Um die Gemeinnützigkeit des Buches zu fördern, ist in dieser Auflage ein katholisches Gebetbuch mit Morgen-, Abend-, Meß-, Beicht-, Communion- und Ablaßgebetcn hinzugekommen; auch hat die Verlagshandlung für möglichst niedrigen Preis und gute Ausstattung nach Kräften Sorge getragen. W W GW" GWM Geistliche Ue d u n g e n zur Gründung und Förderung ^ ^ eines heil. Sinnes und Lebens M nach Anleitung der geistl. Uebungen des h. Ignatius gesammelt und herausgegeben von Fr. Schem, Vikarins und buchöflichcm Sekreiarr zu Münster. 8. 1841. 24 Bog. Geh. Preis 16 Ggr. (2g Sgr.) SMM Diese Schrift enthält eine aus lauter geistlichen Uebungen bestehende Anleitung zur Gründung und För- ElMs derung eines heil. Sinnes und Lebens, und folgt dem MAD Leitfaden, den der h. Ignatius, Stifter der Gesell- MW schuft J^su, in seinen geistlichen Uebungen (Lxerciliu TW GWM «piriwali») hinterlassen hat. Diese wurden bei ihrem SsWD Erscheinen mit allgemeinem Beifall aufgenommen, und aus der spanischen in die lateinische, französische und fast csM-it TWTT alle europäische Sprachen übersetzt. Durch den Gebrauch TM. p derselben sind vom h. Franciscus Xaverius an (welcher Mp ' ) 1552 als Apostel der Indianer gestorben ist) bis auf (lM,»> T MsH unsere Zeiten bei unzähligen Menschen aus allen Stän- TM. den und von der verschiedensten Gemüthsart die auffal- EsW.A lcndsten Bekehrungen und Lebensänderungen bewirkt r.M» > TeMN worden. Hiedurch ist der hohe Werth derselben wie ihre G große Brauchbarkeit für alle Diejenigen, denen die Um- AiÄG anderung und Besserung ihres Sinnes und Wandels, TipMip oder wenigstens die Erneuerung desselben, die wichtigste GAngelegenheit des Lebens ist, so sehr in's Licht gestellt, -GiMN daß es einer weitern Empfehlung nicht bedarf. . Anleitung für Seelsorger am Krankenbette. V o n Fu. Darup, Domkapitular zu Münster und Pfarrer zu Sendenhorst. ZweiTHIe. Dritte, verbess.Zluflage. 1841. — »4, Rthlr. G'iMW Wenngleich wir niehrcre gut ausgearbeitete Krankcnbücher besi- TrMäW tzc», welche dem Seelsorger in feinen Verrichtungen am Krankenbette M wichtige Dienste icistc» können, so gibt eS doch nach dem ctnstunnugcu G rfAW Unheil« «rtthraer Seelsorger keines, welches durch eigentliche praks tische Anleitung lind Brauchbarkeit sich so vorzüglich auSjitchnet E »irr, als daS obengenannte. EÄW M r .E »»! ^ ^