Besitznahme der Rheinlande bald nach dem Jahre 100 n. Chr. als ab-geschlossen betrachten, wenn auch unter Antoninus Pius bzw. MarcAurel die Limes-Sperre noch etwas weiter nach Osten vorgeschobenwurde. Diese Verlegung ist aber in dem menschenleeren Land ohnekriegerischen Zwang vor sich gegangen und hatte mehr kolonisatorischeals militärische Ziele.
Im Gelände sind aus dieser Zeit im Gegensatz zur voraugusteischensehr viele Überreste der verschiedenartigsten Bauten durch die lang-jährigen Ausgrabungen der Altertumsvereine, Museen, der Reichs-Limes-und Röm.-Germ. Kommission nachgewiesen und zum Teil in musterhafterWeise untersucht worden, so daß wir in die kleinsten Einzelheiten Einblickbesitzen und ein glänzendes Bild der römischen Militär- und Zivilorgani-sation in den Rheinlanden gewinnen. Schwieriger formt sich die Vorstel-lung vom geistigen Leben, der Sitte, Sprache, Kunst, Religion, weil eshier noch an weitschauenden Untersuchungen fehlt, und noch schwierigerist die Schilderung der Zustände im freien Germanien, weil hier der Um-fang des archäologischen Materials wie die wissenschaftliche Behand-lung desselben noch sehr vieles zu wünschen übrig lassen.
Die Entwicklung der Kultur in dieser Eroberungsperiodebedarf keiner eingehenderen Darstellung, da das italische Element zu-nächst vollständig überwog, das gallische erst allmählich wieder mehraufkam und das einheimische fast ganz zum Schweigen verurteilt war.Es erübrigt sich demnach eine ausführlichere Schilderung der römisch-italischen oder gallischen Kultur, die auf italischem und gallischem Bodenviel klarer zu Tage tritt; wohl aber ist die Stärke und das gegenseitigeVerhalten dieser fremden Einflüsse zueinander und ihre Einwirkung aufdie einheimische Bevölkerung schärfer ins Auge zu fassen. Diese letztere,ein Gemisch aus alten Volksüberresten, hauptsächlich aber Gallier undGermanen, wurde keineswegs von den Römern verdrängt, mit denenja größerenteils ein Bundesverhältnis bestand, aber immerhin wurde siestark gelichtet und für Zwecke des Krieges wie des Friedens verbraucht.Insoweit sie sich der römischen Kultur willig hingab, ist sie schwer ausder Hinterlassenschaft des Bodens zu erkennen, doch lassen besondereTotengebräuche, Vorliebe für bestimmte Formen und Verzierungsweisen,siedelungsgeschichtliche Erscheinungen, gelegentlich auch die Personen-namen und die Götterkulte der römischen Denkmäler ihr Vorhandenseinerschließen.
Siedelungsgeschichtlich äußert sich als gemeinsamer Zugdieser Zeit eine überraschend große Neugründung von Niederlassungenzunächst militärischer Art, aus denen dann durch die damit verbundenenZivilquartiere (canabae) meistens auch bürgerliche Siedelungen von dau-erndem Bestand wurden. Manche derselben verkümmerten zwar mitdem Wegzug der Besatzung, weitaus die meisten blühten aber ruhigweiter. Es erklärt sich dies daraus, daß die Kastelle wenigstens längs