Vorrede
So wildromantisch das alpine Quellgebiet des Rheins dem Wanderererscheint, so herrlich der Hochrhein mit seinen sonnigen Berghalden unddem weiten Bodensee in jedes Besuchers Erinnerung steht, so nimmt dochder Mittel- und Niederrhein mit all seiner landschaftlichen Schönheit undgroßen Fruchtbarkeit, mit seinen Domen und Denkmälern der Geschichteunser Gesamtinteresse in weit höherem Maße in Anspruch als jene, wennauch ideal verklärte Jugendphase des Stromes. Und nicht anders verhältsich die Geschichte der Rheinlande in römischer Zeit gegenüber derjenigenin der vorrömischen Periode nach Inhalt und Tragweite. Wie durchMain, Mosel und Lippe, die ihre Arme weithin nach Ost und West aus-strecken, dem Rheine ein gewaltiger neuer Zuwachs entsteht, so greiftdie Geschichte der römischen Rheinlande nunmehr viel weiter überEuropa aus und bringt nicht nur die Kulturgüter der vorgeschrittenenMittelmeerländer in bisher nie erlebtem Umfange an den Rhein, sondernsie führt auch die Träger jener Kultur selbst herbei, die weltbeherrschen-den Römer mit all ihrer Kriegstüchtigkeit und seltenen Kolonisations-fähigkeit.
Und noch eine andere Steigerung kommt hinzu. War jene vorrömischePeriode nur vom schwachen Dämmerschein der Geschichte gestreift, soist die römische Zeit vom Lichte der schriftlichen Überlieferung hell be-strahlt. An der Hand der griechischen und römischen Schriftsteller undder zahlreichen Inschriften auf Stein und Erz vermögen wir jetzt trotzder oft schlechten Erhaltung oder mangelhaften Überlieferung viel tieferin die Einzelheiten und Zusammenhänge einzudringen, die Motive der Vor-gänge zu durchschauen und an Stelle der bisherigen relativen Chrono-logie eine absolute zu setzen. Und dieser geschichtlichen Wertsteigerungentspricht auch eine künstlerische. Jetzt treten an die Stelle von ge-schickten Handwerkern und begabten Kunsthandwerkern wirkliche Künst-ler. Sie haben, sei es im Städte- und Hausbau, sei es in der Bildhauer-kunst bis herab auf das Handwerk, für alle Zeiten unvergängliche Vor-bilder geschaffen, die durch das ganze Römerreich hinleuchten und auchnoch in den dürftigen Ruinen und Überresten des Nordens einen Abglanzjener südlichen Meisterwerke erkennen lassen.
Trotz der reichströmenden Literaturquellen behalten aber die un-geschriebenen Bodenurkunden, auf die wir für Band I fast ganz alleinangewiesen waren, auch in der römischen Periode ihren vollen Wert für