Abschnitt I> .
Von der Religion in der Familie.
Die noch im Hannöverschen hausenden 3 Linien sindsämmtlich lutherischen Glaubens; seit wann? das findetman nicht registrirt. Meines Wissens, ist von keiner adclichenFamilie oder Persönlichkeit des Herzogthnms Bremen genaudie Zeit bekannt, in welcher sie den Katholicismus mit demProtestantismus vertauscht hat. Der Uebertritt geschahmassenhaft und war gewisser Maaßen epidemisch. Nur wirdberichtet, daß Bernhard v. Wersebe a. Meienbnrg (st 15.December 1551) der erste vom Bremer Adel gewesen sei,welcher sich öffentlich zu der neuen Lehre bekannt habe. (Mus-hard bezeichnet als solchen irrthümlich seinen Sohn Hermannv. Wersebe.)') Sein Beispiel fand bald fast ausnahmsloseNachfolge und es läßt sich wenigstens so viel wohl als ge-wiß behaupten und annehmen, daß um das Jahr 1600 imBremischen kein Edelmann mehr existirt habe, der noch ka-tholisch gewesen sei (es möchte denn ein alter zäher Greisgewesen sein).
Es ist daher auch nicht zu bezweifeln, daß Vollrad v. d.Decken, der Ahnherr aller jetzt lebenden Mitglieder der V.Linie, ein Lutheraner war, als er im Jahre 1600, aus demBremischen auswandernd, sich im Mindenschen niederließ. HDieses wird noch mehr durch den Umstand: bestätigt, daßVollrad ein Günstling des lutherischen Bischofs Christianvon Minden, dessen Drost, Hofmarschall und endlich, alsChristian zugleich das Herzogthum Br.-Lüneburg-Celle er-hielt, dortiger Großvogt wurde. Bei dem damaligen imVergleiche mit der jetzigen Zeit viel tiefer gehenden Zwie-spalte zwischen Katholiken und Protestanten, bei dem dama-ligen bei Weitem schrofferen Einandergegenüberstehen beider
tz Rotermund — im Neuen Vatcrl. Archive, Jahrg. 1825 II. 121 —sagt, es sei vom Bremer Canonicns Claus v. Lirfeld bekannt, daß er schon 1522der evangelischen Lehre beigepflichtet habe. Dieses bezeuge der Pastor Meyer zuHamclwörden in seiner auf denselben gehaltenen Leichenrede. Jener Lirfeld ge-hörte aber nicht zum Bremischen Adel. Die Familie v. Lirfeld machte sich erstum 1630 mit Johann v. L., welcher vom Rhein herstammte, im Bremischen,namentlich im Kchdingschen, ansässig. Wie es kam, daß ein HamelwördeucrPastor jenem Claus v. Lirfcld die Leichenrede hielt, weiß ich mir nicht zu er-klären.
2) Selbst angenommen, daß Bollrad im Verdenschcn geboren und erzogen,was nicht ganz unwahrscheinlich ist, da sein Vater dort gewohnt zu habenscheint, und berücksichtigt, daß dort allerdings die lutherische Lehre diel späterzur allgemeinen und öffentlichen Geltung gelangte, als im Bremischen, so istdoch so viel gewiß, daß, als der Bischof Eberhard v. Holle 1586 starb, dasganze Bisthum Werden lutherisch war. Ucbcrdem hatten auch schon lange vorhernicht mehr die Einwohner, sondern nur ein großer Theil der Geistlichkeit sichder Conversion abhold gezeigt und entzogen.
Theile, dürfte dem Vollrad, wenn er sich zum Katholiscismusbekannt hätte, eine solche hervorragende Stellung bei Chri-stian und namentlich auch die Erwerbung so bedeutenderMindenscher Lehen unmöglich geworden sein.
Nichtsdestoweniger constirt, daß Vollrad's sämmtlichejetzt vorhandene Nachkommen katholisch sind. Es fragt sichdemnach, wann, auf welche Weise und durch wen der Ka-tholicismus wieder bei dieser V. Linie eingeführt worden ist.Was in diesem Betracht
I. den jetzigen Oldenburgischen Zweig solcher Linieanlangt, so ist derselbe freilich der Meinung, daß seine Vor-fahren stets katholisch geblieben und zu keiner Zeit protestan-tisch geworden und gewesen seien. Der Ungrund dieser An-nahme geht aber theils schon aus dem oben Gesagten her-vor, theils wird er ans dem Nachfolgenden sich ergeben.
Mehrfältig habe ich die Vermuthung aussprcchen hö-ren, daß der Katholicismus erst durch die 2. Gemahlin desHauptmanns Adam Ernst v. d. Decken (st 1770), nämlichdurch Wilhelmine Christine Johanna Ludowike v. Knobclsdorff,welche eine Katholikin gewesen, wieder in die Familie ge-kommen sei. Da indeß durchaus keine Beweise dafür vor-liegen, da vielmehr unglaublich erscheint, daß ein solcherUmstand den noch lebenden Enkeln der gedachten Dame(welche erst 1811 starb) hätte unbekannt bleiben sollen, solege ich auf jene Supposition weiter kein Gewicht.
Eher möchte man glauben, daß schon der Sohn des obenmehrgenannten Vollrad, der Landeshauptmann Bartold Ottov. d. Decken (st 1682), zum Katholicismus übergetreten sei,wenn man erwägt, daß selbiger, nachdem er lange in prote-stantischen Heeren gedient hatte, schließlich noch in kaiserlicheDienste trat und darin bin zum Ende des 30jährigen Krie-ges verblieb. Vielleicht wären dann seine 1. Frau und de-ren Brüder Veranlassung zu solchem doppelten Ucbcrtrittegewesen. Daß wenigstens letztere, nämlich Jobst Hilmarund Friedrich Ulrich v. Knigge, sich zur katholischen Religionbekannten, ist nicht unwahrscheinlich, da sie, und zwar erste-rer als Feldmarschall-Lieutcnant, letzterer aber als Oberst,in der Armee des Kaisers fnngirten und bei demselben inbesonderer Gunst gestanden zu haben scheinen. Diese Gunstbeseelte auch noch dessen Nachfolger, Kaiser Leopold; denner erhob die beregten Gebrüder Knigge 1665 in den Frei-herrnstand. ')
l) Ich habe später in Erfahrung gebracht, daß meine Muthmaaßung, alswären die Gebrüder Knigge katholisch gewesen, keincswcges begründet ist.