Der Afrikareisende Baron v. d. Decken.
Unter den wissenschaftlichen Erforschern Asrika's nimmtder Baron v. d. Decken eine hervorragende Stelle ein, nichtnur, weil er schon positive Erfolge erreicht, sondern auch,weil er einer von den wenigen Baronen ist, der, wie einstein Alexander v. Humboldt, sein bedeutendes Vermögen derWissenschaft weiht.
Karl Claus Baron v. d. Decken, aus einer althan-noverschen Familie, Sohn des verstorbenen Stallmeistersund Kammcrherrn Ernst v. d. Decken und der jetzigen ver-wittweten Fürstin v. Pleß, ist 1833 zu Kotzen in der MarkBrandenbürg geboren.
Mit dein 15. Jahre trat er bei dem Militair ein unddiente bis 1859 im Hannovcrschen Königin-Hnsarenregi-mente. Der durch die eigenthümliche Organisirung derHannoverschen Cavallerie den Officieren ermöglichte längereUrlaub wurde von ihm zur Bereifung von Europa ver-wendet und im Jahre 1854 ein außergewöhnlicher Urlaub(über 1 Jahr) dazu benutzt, die Provinzen Oran, Algier,Constantine, die Gebiete der Mozabiten und Tunis zu be-reisen.
Im Jahre 1859 verließ der Baron im April, nurvon einem Europäer, dem Italiener Corolly, begleitet,Hamburg und schiffte sich auf einem, dem Hause O'Swaldu. Comp. gehörigen Schiffe nach der Insel Zanzibar ein,wo er im Hause der genannten Rheder die liebevollste Auf-nahme fand. Die Nachricht von der Ermordung Or. Al-brecht Roscher's (im Dorfe Hisonguny), dem Herr v. d.Decken schriftlich das Anerbieten gemacht, sich ihm anzu-schließen, bewog ihn schon nach 6 Wochen — obgleich derSprache und Sitten der Eingcbornen noch vollkommen un-kundig —, zu versuchen, den Ort zu erreichen, wo Du. A.Röscher ans Hamburg am Nyassa seinen Tod gefunden.
Der Reisende verließ im October 1860 Zanzibar undbegab sich zunächst nach Kilwa (Quiloa), einem südlich vonder Insel Zanzibar ans dem Festlande von Afrika gelegenenOrte. Am 23. October brach er von Kilwa nach demNyassa-See auf; er reisete in Begleitung und unter demSchutze eines der größten Häuptlinge jener Gegend, Abd-Allahben Said; unter allerhand Vorwänden wußte ihn dieserschurkische Araber aber überall zurückzuhalten, so daß sie nursehr langsam vorwärts kamen. Als sie etwa die Hälfte desWeges zurückgelegt und Massula erreicht, wurde der Baronzur Rückreise gezwungen, indem Abd-Allah dem Baron denGehorsam gänzlich verweigerte und erklärte, daß weder ernoch seine Sklaven ihn weiter begleiten würden, falls ernicht auf einen andern Araber, Salem ben Abd-Allah, war-ten wolle, der die Reise in ihrer Gesellschaft mitzumachenwünschte. Dieser Salem aber ist derselbe Mann, mit demRöscher ging und der wohl die Hauptursache seines Todeswar. Der Baron sagt selbst in einem Schreiben an H.Barth in Berlin:" Daß ich in diese Forderung nicht ein-
willigen konnte und wollte, lag auf der Hand; denn, wennich mich dieser Karawane anschloß, die ans 1500 Leuten be-stand, so hätte ich mich, bei der Unzuverlässigkeit meinerSoldaten, ganz in die Hände desselben Schurken gegeben,der Roscher's Tod herbeiführte. Ich gab dem Abd-Allahben Said eine Stunde sich zu bedenken, aber als ich ihnnach Verlauf dieser Zeit holen lassen wollte, war er ent-flohen und die meisten seiner Sklaven mit ihm. Ich folgteseiner Spur, doch gab ich nach mehreren Stunden die Ver-folgung auf, da ich einsah, daß es in der mir unbekanntenGegend umsonst sei".
Herr v. d. Decken versuchte nun allein mit seiner Be-gleitung eine Tagereise weiter vorzudringen und schickte einpaar zuverlässige Leute aus, um den Flüchtling wo möglichaufzusuchen und Versuche zu machen, ihn sowie die Trägerzubewegen, weiterzugehen, doch vergebens. Der spitzbübischeHäuptling ließ dem Baron sagen, er sei bereit, den Skla-ven zu befehlen, sein Gepäck nach Kilwa zurück zu bringen,vorwärts aber ginge weder er, noch einer seiner Leute. Auch dieeutlaufenen Träger konnte der Reisende nicht wieder ein-sangen und den Beludschcn konnte er nicht trauen, so bliebdenn kein anderer Ausweg, als nach der Küste zurück zugehen.
Am 1. Januar 1861 erreichte v. d. Decken ohne Ge-päck endlich wieder den Ort Kilwa. Am 18. Januar erhieltder Reisende in der Hauptsache sein Gepäck zurück, dochwaren viele Kisten geöffnet und eine Menge Stosse gestohlen.Am 25. Januar konnte v. d. Decken die Reise nach Zanzibarantreten und 8 Tage später erreichte er die Insel. Er thatsogleich Schritte, um den Sultan zu bewegen, Abd-Allahben Said einzufangen und zu Bestrafung zu ziehen. Dannübergab er sich den Händen des dortigen Arztes Mr. Fract,um seine durch Fieber und Strapazen geschwächte Gesund-heit wieder herzustellen.
Ueberzengt, daß auf dem Wege nach Nyassa nicht durch-zukommen sei, wendete sich der muthige und thätige Hr. v. d.Decken nun nach dem Lande der Manila, von Zanzibarnördlich nach Mombas. Diese Küstenstation ist uns Deut-schen in neuerer Zeit wohl besonders durch die braven Mis-sionare Krapf, Rebemann und andere bekannt geworden,denn nordwestlich von Mombas in Rabbai haben diesefrommen Pilger ihre Missionsstation gegründet. Es warv. d. Decken möglich geworden, für seine neue Reise außerCorally, den er schon von Europa mitgenommen, auch einenenglischen Geognosten, Mr. Thornton, aus der Begleitungdes bekannten Entdeckers Or. Livingstone, zu engagiren.Am 28. Juni 1861 hatte der Baron trotz Unannehmlich-
9 Die Reiseroute des Herrn v. d. Decken, sowie auch der Herren o. Beuer-mann, Speke und Grant, sind auf der sehr übersichtlichen Charte vom nordöst-lichen Afrika, Blatt Nr. 30., in Henry Lange's Handatlas (Leipzig, Brockhaus)eingetragen.