780 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
Im ersten Briefe beantwortet Radolf Ragimbolds Frage nach dem Be-weise des Satzes, daß die Summe der Dreieckswinkel zwei rechte Winkelbetrage, und verwendet hierzu Boethius De instit. arithm.2, 6—9 und Comm.in Categ. (Migne 64) 229 B und 230 D. Hierzu macht Ragimbold im zweitenBriefe einige weitere Anfragen und sucht dann die von Radolf gestellteAufgabe zu lösen, ein Quadrat zu suchen, das den doppelten Inhalt einesgegebenen Quadrates besitze. Auf eine von Ragimbold gestellte Fra°-e,was Boethius unter den anguli inferiores und exteriores verstehe, antwortetRadolf im 3. Stück, wobei Inst, arithm. 2, 25 angeführt wird. Ragimboldist aber nicht befriedigt über die Antwort und geht unter Berufung aufAdalbold und Wazo näher auf die Sache ein; er gibt hierzu im 4. Briefeeine Menge Gelehrsamkeit von sich. Im folgenden Briefe fragt Radolf, waswohl unter den Bezeichnungen pedes recti, quadraü und solidi zu verstehensei, die er in einem AVerke über Geometrie gelesen, deren Bedeutung eraber gänzlich vergessen habe; er knüpft die Bemerkung über das Astro-labium an. Ragimbold antwortet im 6. Briefe zunächst mit persönlichenDingen und schreibt dann, daß er seine Antwort gebe, so gut er könne;er entwickelt die dreifache Benennung der pedes aus der Linie, der Ebeneund dem Körper und bittet Ragimbold, ihm mitzuteilen, was er selbst undwas Wazo über diese Belehrung urteile. Radolf erwidert hierauf in N. 7,daß er das, was ihm der Freund geschrieben, einst in Chartres aus einemSchriftsteller Albinus kennen gelernt habe; dessen Werk habe er eigentlichvon ihm leihen wollen, aber die Antwort sei so befriedigend ausgefallen,daß er das Buch nun nicht nötig habe. Hingegen erbitte er von ihm dasBuch Podismus oder ein ähnliches. Bezüglich des von Ragimbold erklärtenStoffes habe er übrigens keinen Streit mit seinem Lehrer Wazo gehabt,wie es hinsichtlich der Dreiecke der Fall gewesen sei. Aus diesem Briefeaber ergeben sich mehrere wichtige Tatsachen. Erstens nämlich war da-mals das von Boethius in Arist. negi eqjlitjv. ed. sec. 1,1 erwähnte geometri-sche Werk des Albinus noch in Köln vorhanden; Radolf hatte es vordemin Chartres benutzt und das Kölner Exemplar war höchstwahrscheinlicheine von Ragimbold angefertigte oder durch ihn angeregte Kopie der Hand-schrift von Chartres. Und zweitens deutet das Verlangen nach dem Podismusdarauf hin, daß dies Werk des Junius Nipsus der aus Chartres stammendenmathematischen Schule bekannt und daher gewiß in Chartres vorhandenwar. Der 8. Brief setzt ein früheres Thema, über die anguli inferiores, fort,und Ragimbold meldet hier, daß Fulbert seiner Auffassung einst zugestimmthabe. Im 9. Stück wendet sich ein Mönch B. an Ragimbold und klärt ihndarüber auf, wie man nach Plato ein Quadrat verdoppeln könne und wienach Boethius die Quadratur des Kreises bewirkt werde. Man sieht alsohier, wie einzelne frühere Glieder der mathematischen Schule*von Chartres.die in Fulbert ihren Mittelpunkt hatte, mit Hilfe einer ziemlich umfäng-lichen antiken Literatur bestrebt sind, ihr mathematisches Wissen dar-zulegen und zu erweitern.
Zu Albinus und dem Podismus vgl. 7 p. 531 De geometricis pedibus bene admodumet vere disseruistis; eadem quippe Camoti positus Albino quodam auctore didici et alia per-uttlia id genus, quem librum occasione questionis conabar mutuari a vobis. Sed liuic astutiepercallide occurristis, nam proposite questioni ita satisfesticis tit necesse non sit pro ea librum