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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
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Dritter Abschnitt.

Hagiographie (Prosa).

Bei der großen Bedeutung, die die Heiligenbiographie in der Literatursowie auf die Menschheit des 10. und 11. Jahrhunderts gewonnen hat,war es angebracht, ihr einen eignen Abschnitt zu geben. Noch in derkarolingischen Zeit war es möglich gewesen, ein Heiligenleben zu schreiben,ohne Wunder daranzuhängen, und es gibt auch in unserm Zeitraum ganzvereinzelte Beispiele der Art. Aber die Wundersucht hatte gewaltig zu-genommen und fand in den Klosterbibliotheken durch Bücher wie die desSulpicius Severus über den hl. Martin oder wie Gregors des Großen Dialogestets neue Nahrung. Die außerordentlich zahlreichen Neugründungen vonKirchen und Klöstern besonders auf deutschem wie auf slavischem Bodenerforderten ferner das Zuströmen neuer Reliquien, das Aufsuchen und Auf-finden alter Gräber brachte alte Heilige wieder zu Ehren. Ihre Leiberwurden erhoben und darüber stets ein Bericht aufgesetzt. An solche Trans-lationen aber schlössen sich Neubestattungen an und diesen folgten stetsWunder, die der Heilige an seiner neuen Stätte wirkte. Diese Wunderwurden meist dem Translationsberichte angehängt, zuweilen aber auch alsselbständiges Werk veröffentlicht. Hierzu kam die nicht seltene Erhebungverstorbener, besonders verdienstvoller Kleriker zu neuen Heiligen, derenLeben schriftlich zu besitzen ein besonderer Wunsch der Kirche war, wosie ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Daß der neue Heilige aberWunder verrichten mußte, war geradezu eine Forderung des umwohnendenVolkes, bei der sich die Geistlichkeit nicht schlecht stand. Natürlich wurdendie Wunder aufgezeichnet und dem Heiligenleben angehängt. Häufig tratauch der Fall ein, daß alte Heiligenleben mit ihrem schlechten Latein demKlerus nicht mehr gefielen, indem das feiner entwickelte Stilgefühl sichgegen den alten schlichten und kunstlosen Bericht sträubte, der vielleichtnichts von dem rhetorischen Aufputz und dem Wortschwall besaß, mit demman in der Gegenwart die Geringfügigkeit des eigentlichen Inhalts zu ver-decken suchte. So richtete man mit Verwendung von etwas Wortprunkund der Hinzufügung einiger Dicbterzitate, vielleicht auch mit neuer Kapitel-einteilung und unter Anbringung einiger noch unbekannter Wunder, dieman angeblich gut beglaubigten Personen abgelauscht hatte, ein neuesHeiligenleben her. Auf diese Weise schwoll die hagiographische Literaturimmer mehr an und der Heiligenroman wurde zu einer der beliebtestenLiteraturgattungen. In großen Klöstern, deren Mittel das gestatteten, stellteman auch ganze Legendarien her, die eine Menge solcher Romane mit