Vorwort.
Der Zeitpunkt, an dem ich den zweiten Band herausgeben zu könnengedachte, hat sich um eine ganze Reihe von Jahren verschoben, be-sonders wegen der die Arbeit innerlich wie äußerlich lähmenden Einflüsse* des Krieges. Diesen ist es auch zuzuschreiben, daß ich viel seltener, alsich wollte, Einsicht in die Handschriften auswärtiger Bibliotheken nehmenkonnte, da sich hier sogar das verbündete Österreich verschloß. Um sodankbarer möchte ich hier gleich der Bibliotheken von München und Berlingedenken, die mir mit großer Freigebigkeit ihre Schätze zukommen ließen.Zu besonderem Danke aber bin ich wieder der Dresdner Landesbibliothekfür ihre weitgehende Liberalität verpflichtet.
Zuerst aber möchte ich hier Rechenschaft über den Plan geben, denich verfolgt habe. Ursprünglich war die ganze Darstellung auf zwei Bändeberechnet, aber auch wenn ich die im ersten Bande geltenden Grundsätzeweiter hätte gelten lassen, so wäre ich mit diesem Räume nicht ausgekommen.Erstens wächst ja die Literatur seit dem 11. Jahrhundert gewaltig an, undzweitens hat man mir in einigen Besprechungen des ersten Bandes zumVorwurf gemacht, daß ich die Gebiete der Heiligenleben und der kirch-lichen Lyrik zu kurz behandelt hätte. Ich habe diesen Vorwurf in Hinsichtauf das Verhältnis zu andern Gebieten als nicht unberechtigt gelten lassenund daher jenen zwei Gebieten mehr Aufmerksamkeit gewidmet, aber ohneauch hier Vollständigkeit erreichen zu wollen; viele unbedeutende und, inder Lyrik, namenlose Stücke sind übergangen. Hinsichtlich der Theologieaber war der Plan insofern zu ändern, als es sich hierbei meist nicht mehrum Werke handelt, die fast lediglich auf Stellen aus den Vätern beruhen,sondern viele selbständiger gedachte, zuweilen höchst persönlich gefärbteSchriften in Betracht kommen, die den Übergang zu der teils streitbaren,teils philosophisch unterlegten Theologie des folgenden Zeitraums bilden.So war auf diesem Gebiete etwas weiter auszuholen als früher. Und das-selbe gilt für die Geschichtschreibung. Sie löst sich zwar seit der Teilungdes Frankenreiches mehr und mehr von ihren auf das Ganze gerichtetenZielen und beschränkt sich auf engere Gebiete, aber gerade ihre provinzielleoder lokale Beschränkung wird seit der Spätzeit des 10. Jahrhunderts derAusgangspunkt für neue Zweige historischer Darstellung. Dazu kommt dasbedeutende Anwachsen der biographischen Literatur, das mit dem großenAufschwung kirchenfürstlicher Macht seit den Ottonen zusammenhängt:auch dieser Zweig bedurfte eingehenderer Darstellung, da sich gerade inihm das erhöhte literarische Leben stark äußert. Mit möglichster Voll-