Erster Abschnitt.
Theologie.
Im 9. Jahrhundert hatte die rege Teilnahme des karolingischen Fürsten-hauses an allen öffentlichen Fragen zu einem nicht geringen Aufschwüngeder theologischen wissenschaftlichen Literatur geführt. Und die Zeit hattebedeutende Männer hervorgebracht, denen die Weiterführung des ererbtenWissens wie die Verfolgung neuer Ideen innerhalb der Kirche am Herzenlag. Aber die am Ende des Jahrhunderts einsetzenden Kämpfe gegen dievielfachen Reichsfeinde, die Zwistigkeiten innerhalb der Herrscherfamiliensowie die Auflösung des Ostreiches in die fünf großen Herzogtümer ließendiese rege Tätigkeit bald verfallen; der beherrschende geistige Mittelpunktfehlte, der die Anregungen bisher gegeben hatte. Man kann daher voneiner Weiterführung der wissenschaftlichen Theologie in unserm Zeiträumezunächst nicht gut reden, erst im 11. Jahrhundert traten neue Ideen auf,die zu ihrer Durchführung den wissenschaftlichen Apparat der Vergangen-heit beanspruchten, während man im 10. Jahrhundert meist noch von demÜberfluß an Schätzen lebte, die das karolingische Zeitalter angehäuft hatte.Sehen wir uns zuerst in der Dogmatik um. Gezo von Tortona "verfaßtein engem Anschluß an Radbert eine Schrift De corpore et sanguine domini,in der der Verfasser über Radbert und die Väter nicht hinauskommt, nurdaß er einige Wunder hinzufügte. Eine Abhandlung über den Antichristverfaßte Adso, ohne ebenfalls Neues zu bieten, aber seine Schrift hat diespäteren mittelalterlichen Vorstellungen beherrscht. Otloh von St. Emmeramuntersuchte in der Schrift De tribus quaestionibus die Erkenntnis der gött-lichen Liebe, die verschiedenen Arten der göttlichen Gerichte und die Fähig-keit des Menschen, das Gute zu tun. Über die Quatemberfasten und dievier Adventssonntage ließ sich Bern von Reichenau aus, der außerdemüber die Messe schrieb, wobei er geschichtlichen Sinn für Gewohnheitenund Neuerungen offenbart. Wichtiger werden die dogmatischen Arbeitenerst, als die neue Abendmahlslehre des Berengar von Tours einsetzte, dieselber mehr durch mündliche Auseinandersetzung als durch die Schrift insLeben trat, bis Berengar eine hitzige Schrift verfaßte (De sacra coena),die aber mehr als Streitschrift zu gelten hat Diese Neuerung erzeugteeine ganze Flut von Entgegnungen, aus deren Verfassern Lantfranc, Hugovon Langres, Durand von Troarn und Guitmund von Aversa genannt seien.Indes hat dieser lang andauernde Streit, so nahe er auch das theologischeGebiet berührte, doch mehr noch innerhalb der zeitgenössischen Dialektikgewirkt. Auch die Exegetik hat nicht viel Wichtiges aufzuweisen. Atto