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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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778 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

134. Ragimbold von Köln und Radolf von Lüttich.

Aus dem Beginn des 11. Jahrhunderts hat sich ein Briefwechsel übermathematische Fragen erhalten, der von zwei Lehrern, dem Kölner Ragim-bold und dem Lütticher Radolf, geführt wurde. Ragimbold ist durch denRhythmus Adelmanns von Lüttich Vs. 49 ff. bekannt, wo es von ihm heißt,daß dieser geistesmächtige Mann barbarische Ohren an den Klang derlateinischen Sprache gewöhne und daß er vom Ozean bis zu den HügelnRoms bekannt sei. Er war also in Chartres unter Fulbert gewesen 1 ) under spricht davon auch in Brief 8; aus der Stelle scheint allerdings, wieP. Tannery richtig bemerkte, hervorzugehen, daß er sich nur vorüber-gehend dort aufgehalten hat. Damals verhandelte er mit dem berühmtenGelehrten über den Gegenstand, der im Briefwechsel die Hauptrolle spielt.Da ihm aber Fulbert seine Meinung darüber nicht ganz geäußert hatte,so wandte er sich später an Radolf, der viel engere Beziehungen als erzu Fulbert hatte, um auf diesem Wege Fulberts Meinung zu erfahren. Aberauch in einem berühmten mathematischen Werke der Zeit wird er erwähnt,nämlich* in De quadratura circuli 3 des Franco von Lüttich, wo es heißt,daß Ragimbold die Diagonale des Quadrats mit 17 /i2 der Seite ansetze unddabei Gerbert und Razechin auf seiner Seite habe. Diesen Razechin nenntauch Ragimbold im 6. Stück des Briefwechsels, wo er ihn als seinen Freundund als dem Radolf benachbart wohnend bezeichnet. Radolf hingegen wirdnirgends genannt, weder bei Adelmann 2 ) noch bei Franco, noch in anderenzeitgenössischen Quellen aus Lüttich. Aber er selbst redet im Eingangedes ersten Briefes von seinem Bruder Odolf, der auch von Adelmann imRhythmus 20, 1 und zwar als noch lebend erwähnt wird und im Vergleichzu einem andern Schüler Fulberts, dem Alestanus, hohes Lob erhält, dassich besonders auf seine Kenntnisse in der alten Literatur bezieht; dieseKenntnisse aber hängen jedenfalls mit den tüchtigen Studien zusammen,die man in Chartres und in Lüttich trieb. Wir finden nun in Ragimboldund Radolf zwei Gelehrte, die beide Lehrer waren, Ragimbold schon inhöherem Alter stehend, während Radolf noch jung und dem Wazo unter-geordnet ist. Beide interessieren sich für Fragen, zu deren Lösung sie nichtdie genügenden Unterlagen besitzen. Sie verfechten in ihren Briefen ihreentgegengesetzten Meinungen, und es zeigt sich, daß in diesen Zeiten diewirklichen Elemente der Geometrie noch unbekannt waren. Übrigens istder Anfang des Briefwechsels nicht erhalten, wenigstens fehlt der Brief,in dem Ragimbold an Radolf die Frage gestellt hatte, die dieser in N. 1zu beantworten sucht. Beide Gelehrte schreiben aber nicht nur um ihrerselbst willen, sondern wir finden eine Art wissenschaftlichen Zweikampfs,dessen einzelne Stadien sich vor der Öffentlichkeit vollziehen. Und dasInteresse an dem Kampf ging über Köln und Lüttich hinaus, denn auch

*) Denn die von Adelmann aufgezähltenGelehrten sind alle Fulberts Schüler gewesen.

2 ) P. Tannery (Notices et Extraits 36,2, 494) glaubt aus dem Stillschweigen Adel-manns herauslesen zu dürfen, daß Radolf noch1048 gelebt hat. Er nennt ihn wohl deshalb

nicht, weil Radolf damals noch lebte; dennnach Stück 7 des Briefwechsels war Radolfauch in Chartres gewesen, vgl. Not. et Extr.36, 2, 531 eadem quippe Carnoti positus Al-bino quodam auctore dt'dici.