Hermann von Reichenan. 775
durch für Größeres zu stärken. Und er habe überhaupt nur ans Gefällig-keit das Tonsystem bearbeitet, um das aufzuhellen, was in den älterenSchriften dunkel geblieben sei, um das nachzuholen, was man dort über-sehen habe, und um das Tadelnswerte zu verbessern. Über die Theorie,die Hermann vom Tonsystem entwickelt, und über die Praxis hat sichW. Brambach ausführlich geäußert und die darin enthaltenen Fortschrittedargelegt. Eigentümlich ist es, daß die Musik weder von Berthold nochvom Anon. Mellicensis berührt wird.
In der Ausgabe von Brambach p. 21, 17 heißt es Verbosus fortasse fastidiosis videor,qui omni« sibi absqne scientia scire videntur. Sed hi quaeso attendant. non sibi haec viliautpote pliiliosopliis, ingeri, sed simplicibus, hoc est mei similibus, ad maiora confortandis .. .praelibari ... videbunt me benevolentiae causa in monochord! dispositione laborasse, uf ob-scura in veterum dictis dilucidarem, omissa repeterem, reprehensibilia corrir/erem. Hand-schrift Vindobon. 51 s. XII. Ausgabe von Gerbert, SS. ecc). de rnusica sacra, 2, 125—149 undvon W. Brambach, Herimanni Contracti Musica. Leipzig 1884. Zur Erklärung vgl. W.Brambach. Die Musikliteratur des Mittelalters bis z. Blüte d. Reichenauer Sängerschule(Karlsruhe 1883) S. 22 ff. und Die Reichenauer Sängerschule (Beiheft 2 zum Centralbl. f.Biblwesen), Leipz. 1888, S. 19 ff.
2. Tonwerke. Schon oben sahen wir, daß Berthold dem Hermannfolgende Cantvs historiales plenarios beilegte: einen Gesang auf den hl.Georg,auf die hl.Gordianus und Epimachus, auf die hl.Afra, den hl. Magnus undden hl. Wolfgang, also auf Heilige Schwabens und Bayerns, die in Klösternverehrt wurden, welche mit Reichenau in enger Verbindung standen. Eswaren kirchliche Lieder, deren Text Hermann verfaßt und dazu die Musikkomponiert hatte. l ) Unsere Kenntnis von Hermanns Tonwerken wird abernoch durch eine Schrift des Cäsarius von Heisterbach vermehrt, obwohlsich an der betreffenden Stelle Wahres und Falsches miteinander verbindet.Cäsarius hat nämlich einen Kommentar zu der Sequenz Ave praeclara marisstdlu geschrieben, in dessen Einleitung er berichtet, daß nach der Über-lieferung der Vorzeit der schlichte und gottesfürchtige Deutsche HermannusContractus Verfasser dieser Sequenz sei. Hermann habe nämlich viele Ge-sänge verfaßt, die sich durch die Tiefe ihrer Dichtung und durch denWohlklang ihrer Melodie auszeichneten. Und als er nach Rom gekommensei, habe er in der Peterskirche das Lied Simon Barjona, in der Pauls-kirche 0 gloriosum lumen und in der Marienkirche die Antiphon Almaredemptoris maier verfaßt. Und so habe er auch jene schöne Sequenz ge-dichtet und komponiert. Das ist natürlich nur bedingt richtig, denn Hermannwar nie in Rom und hat auch jene drei Lieder nicht geschrieben. Dagegenmag die Überlieferung bezüglich der Autorschaft der Sequenz Ave prae-clara maris Stella recht haben, wie A. Schönbach dargelegt hat, a ) undwir dürfen also diese Dichtung Hermann zuschreiben. Im Anfang dieserSequenz lehnt er sich mehrfach an den Hymnus Ave maris Stella an. Zu-nächst preist er Maria als Trägerin des Heils und rühmt sie als die Königindes Himmels, die von Gabriel verkündigt worden ist. Die weiteren Strophen
] ) Der Anon. Mellicensis 91 nennt sie ' Hymnus auf Afra im Carol. Aug.LX s. XIIcantusdesanctissatisauctorabiles. W. Bram- aufgefunden und weist das Salve regina aus
bach (Die verloren geglaubte Historia des. Afra martyre und das Salve regina desHerrn. Contractus, Karlsruhe 1892) hat den
musikalischen Gründen dem Hermann zu.2 ) Wiener SB. 159, IV, 8 f.