774 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
Form passen, die wir von dem prächtigen Grabgedicht kennen, das Her-mann seiner Mutter Hiltrudis gedichtet und zum Jahre 1052 in seine Chronikaufgenommen hat. 1 ) Bedenklich ist allerdings das Schweigen des Katalogsvon ßleubeuern und der zwei erhaltenen Handschriften. So dürfte diewirkliche Entscheidung über die Autorschaft erst von einer gründlichenUntersuchung der Metrik und der Sprache abhängen.
Zeugnisse. Zum Anon. Mellic. 91 p. 85 s. oben. Die Notiz bei Hugo von Trimber»(Reg. mult. auct. Vs. 865, ed. Huemer. Wiener SB. 116,185) heißt Adiciamus reliquis quendamhie libellum, Qui Uni simul et ovis continet duellum. In quo Jini dignitas pariter ac laneMetrico litigio denumeratur plane, es folgen Vs. 1—3. 2 ) Zu Dumm ler vgl. Ztschr. f. deutsch.Altertum 13, 434, zu H. Bloch, Neues Archiv 28, 789. W. Keutgen, Hansische Geschichts-blätter Bd. 9 (1902) S. 134 ff. führt mit Recht aus, daß sich doch nur Vs. 189—194 auf dieflandrische Wollbereitung beziehen, 3 ) während die deutsche Vs. 195—208 dargestellt wirdund hier Vs. 206 mit Keutgen vielleicht Hister amandc zu lesen ist; besonders wird hierVs. 201—206 Schwabens gedacht. Dem steht allerdings Vs. 115 Flandria sollers und 122nostra nee enumerat Flandria entgegen, wo zuerst von der Milchverwendung und dann vomNutzen des Schafes im allgemeinen gesprochen wird. Bei der Aufzählung dessen, was manauf Pergament aufschreibt, könnte Vs. 298 ff. qnod dedit Aeggptus, quod docet Assyrius, Omnespostremo res gestas a patre primo ganz gut auf Hermann als Geschichtschreiber passen undVs. 302 Quae ratio Stellas quaeve polos moveat auf Hermanns Beschäftigung mit astronomischenDingen gehen. Vs. 300 Quod fuit ante chaos, seria sive iocos fasse ich als aus Genes. 1 undOvid Met. 1, 1 ff. genommen. Benutzung der Apokalypse (4,4) schon Vs.319f. Zur Stimmedes Schafes Vs. 323 ovium balatibus ipsis Quäle melos fiat, neseio quem lateat. Cum pastacredeunt, tremulo Stridore requirunt Quos lactenl foetus: quam placet ille sonus. Nicht rechtverständlich ist mir am Schluß des Gedichts, was über die Priester gesagt wird 763 Quidsit mensa dei norunt, quid Sit pecus, ipsi, Oscula saepe mihi corde ferunt humili. Dinumerentergo, quid agant sine munere nostro, Omnes si nostras tollimus exuvias. Soll hier auf dieHabsucht der Priester angespielt werden? Zum kulturhistorischen Wert vgl. besondersKeutgen a. a. O. S. 134ff. Im Katalog von Blaubeuern s. XI heißt es (Becker 74, 88) Ma-crobius. ovis in Uno, wo die zweite Aufschrift sicher zu unserm Gedicht gehört. Ueber-lieferung im Lambac.,100 s. XII f. 12-22 und im Bruxell. 10046 s. XII. Ausgabe nachdieser letzten Hs. 4 ) von Ed. duMeril, Poes, popul. latines anter. au Xlle siecle (Paris 1843)S. 379—399 (unvollständig, nur bis Vs. 699), nach beiden Hss. von M.Haupt, Ztschr. f.deutsches Altertum 11, 215—237. Verbesseiungen hierzu von Wattenbach 2,44 n. 3 undbedeutende kritische Nachträge 5 ) aus der Lambacher Hs. von Muellenbach, Comoediaeelegiacae p.42f.; wichtig ist daraus, daß Vs. 730—742 dem Schaf, 743—750 dem Lein,751—756 dem Schaf, 757 f. dem Lein, 759—766 dem Schaf und 767 ff. dem Lein gehören,was bei Haupt unrichtig aufgefaßt ist. Eine neue kritische Ausgabe des Gedichts mit Kom-mentar wäre sehr zu erwünschen, da Haupt nur einige Isidorstellen vermerkte.
5. Musikalische Werke. 1. Musica. Hermann verfaßte, wie seinAbt Bern, eine Theorie der Musik, in der er sich von Boethius mehr emanzi-pierte als seine Vorgänger. Am Schlüsse seines Werkes, das weder Vorredenoch Widmung enthält, meint er, daß er den Tadlern, die alles ohne Wissenzu wissen glaubten, vielleicht zu wortreich gewesen sei. Aber die möchtenverstehen, daß er die kleine Schrift nicht für sie als für die Gelehrten/')sondern für die Einfältigen, ihm ähnlichen, geschrieben habe, um sie da-
') Nämlich auch hier sind die Distichen | *) Vgl. Reiffenberg, Bulletin de l'acad.
durchgehend gereimt, d.h. also stets die beiden | de Brux. 1842 S. 144. 223.
Hälften des Hexameters und die des Penta- , 5 ) Ich bemerke außerdem, daß 96 famem
meters. i zu lesen ist. Vs. 30. 60. 92 erscheint Ulterius
In 3 liest Hugo 'positus', was des man- I nolimultiplicare loqui beinahe als Refrainvers
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gelnden Reimes wegen falsch ist. Wenn dasnicht ein Versehen Hugos ist, so war seineHs. von den beiden erhaltenen verschieden.
3 ) Da die vlämische Weberei hier nochnicht auf der Höhe steht, weist Keutgendas Gedicht dem 11. Jahrhundert zu, welcheZeitbestimmung sich ja auch sonst ergibt.
6 ) Herjuianni Contracti Musica ed. W.Brambach(Leipz.l884)p.21,18»tf2>o<epfa7o-sophis; der Ausdruck ist hier ironisch zunehmen und ist von W. Brambach, DieReichenauer Sängerschule S. 17 mißverstandenworden.