734 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
mächtigte sich Heinrich von Bayern des königlichen Kindes, und auf derandern Seite suchte Lothar von Westfranken zum mindesten die Vormund-schaft in Lothringen an sich zu reißen. So erhielt jetzt Reims für Deutsch-land eine erhöhte Wichtigkeit, und Gerbert wurde seitdem so stark vonder Politik eingenommen, 1 ) daß er an Abt Eberhard von Tours sehrieber sammle eine recht große Bibliothek, um durch deren Schätze die Mög-lichkeit zu gewinnen, sich eine bedeutende Redefähigkeit anzueignen. Mitder Reichsregentin Theophano wußte er sich hinfort gut zu stellen, schonim Jahre 988 bewarb er sich bei ihr brieflich um ein Bistum. Damals warschon der Thronwechsel in Frankreich eingetreten, und zwar hatte dasReimser Erzbistum nicht wenig Anteil an der Erhebung des neuen Köni»sHugo Capet. In einer solchen Mittelstellung zwischen beiden Reichen hatteGerbert gehofft, daß er Adalberos Nachfolger in Reims werden würde, wozuihn dieser auch bestimmt hatte. König Hugo erhob aber den Arnulf zumErzbischof, einen Seitenverwandten des karolingischen Hauses. 2 ) Da dieserReims in die Hände seines bei der letzten Wahl übergangenen VerwandtenKarl von Niederlothringen spielte, so wurde er 991 auf der Synode vonSt. Basle, deren Akten Gerbert redigierte, zur Entsagung gezwungen. Nunerhielt Gerbert das Erzbistum Reims, aber er blieb in dieser hohen Stellungnicht unangefochten, besonders weil der Spruch der Synode ohne päpst-liche Autorität erfolgt war. Indes fand er bald bei der Kaiserin Adelheid,die nach Theophanos Tode (991) die Regentschaft führte, einen starkenRückhalt und frühzeitig näherte er sich dem jungen Otto III. 8 ) Ohne Zweifelmußte der im Griechischen wie im Lateinischen gleich bewanderte hoheGeistliche einen bedingenden Einfluß auf den jungen König ausüben, dessenjugendlich romantische Ideen so bald festere Gestalt gewinnen sollten. Gerbertübersandte ihm 997 vielleicht eine Handschrift von Boethius' Arithmetik,worauf Otto ihm in einem phrasenreichen Briefe antwortet und ihn bittet,ihn in der Arithmetik weiter zu lehren und ihm in der Politik mit Treuezu helfen, besonders aber seine „griechische Feinheit" auszubilden undseine „sächsische Roheit" zu verschmähen. 4 ) Und bald darauf sandte Gerbertdem Kaiser (Winter 997/998) eine im Anschluß an Boethius' Kommentarzu Porphyrius verfaßte Schrift über den Unterschied von Rationale undRatione uti, wozu einige Fragen des Kaisers im letzten Sommer Veranlas-sung gegeben hatten. Der Widmungsbrief besagt, daß keiner der damalsanwesenden Bischöfe und Gelehrten habe Antwort geben können, und imvollen Bewußtsein seiner geistigen Überlegenheit teilt Gerbert dem Kaisermit, daß er nun aufgeschrieben habe, was er über jene Fragen denke:„Italien soll nicht glauben, daß der kaiserliche Hof in Stumpfsinn lebe,und Griechenland soll sich nicht allein mit der kaiserlichen Philosophieund römischen Macht brüsten dürfen. Unser, unser ist das Römische Reich,wir ziehen unsre Kraft aus Italien, Gallien und Germanien und auch die
') Ep. 44 p. 42 At nobis in re publica oc-cupatis.
■') Vgl. hierzu K. Th. Schlockwerder,Das Konzil zu St. Basle (1906) S. 5 f.
3 ) Vgl. hierzu C. Lux, Papst Silvesters II.
Einfluß auf die Politik Kaisei Ottos III. (1898)S. 19-23.
4 ) Hauck 3, 258 und n. 4 sieht wohl mitRecht in diesen Worten Ironie.