Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
732
Einzelbild herunterladen
 

732 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

Himmel für seine Schüler verständlich machen, und ein ähnliches, aberweit komplizierteres, hat er als Papst seinem Freunde Konstantin, demAbt von Micy, brieflich sehr ausführlich beschrieben. 1 ) Doch verfertigteGerbert auch ein Instrument zur Veranschaulichung der Planetenbahnenmit Parallelkreisen und mit dem Tierkreise, und endlich ein solches zurKenntnis und Auffindung der Sternbilder. Mit Hilfe dieses Instrumentskonnte zur Nachtzeit die Stunde bestimmt werden, und daß solcheUhren"auch anderwärts verwendet wurden, ergibt eine Notiz bei Thietmar vonMerseburg, der zu Magdeburg eine solche sah. Jedenfalls gehörten zurHerstellung dieser Apparate, auch wenn sie auf älteren Arbeiten fußtenKenntnisse, die für jene Zeit ungewöhnliche waren, und die spätere Zeithat daher in Gerbert einen Mann gesehen, der dem Verkehr mit denArabern sein tiefes Wissen verdankt haben soll.

So wurde später bestimmt behauptet, daß Gerbert den Gebrauch desAbacus oder der Rechentafel den Arabern durch Raub genommen habe;es steht aber nur fest, daß auch hierfür Boethius die Quelle nicht ist. 2 )Nur insofern unterschied sich sein Abacus von den früher gebräuchlichen,als er statt der umständlichen römischen Zahlzeichen Ziffern verwendete, dieden arabischen Ziffern ähnlich sind, wie er sich auch beim Kopieren seinerBriefe zuweilen einer Geheimschrift in Chiffern bediente, die eine gewisseVerwandtschaft mit den tironischen Noten besitzen. Auch in seinem Brief-wechsel mit Remigius von Trier kommt Gerbert einmal auf die Teilbarkeitder Zehn zu sprechen und später hat er eine kurze Schrift über die Divisionder Zahlen verfaßt, die er seinem Freund Konstantin widmete; dagegengehört ihm ein Lehrbuch über den Gebrauch des Abacus nicht an, da sichhierin ein Stück des Kommentars zu seiner Schrift über die Division findet.Gerbert betrachtete das Rechnen als Vorstufe zur Geometrie, über die erspäter in Bobbio ein Lehrbuch geschrieben hat, das nur unvollständig er-halten ist. Man sieht hieraus deutlich, daß Gerbert als Lehrer einen syste-matischen Unterricht in den freien Künsten wohl geben konnte, da erselbst an die alten Quellen herangegangen ist. Und so ist die BemerkungRichers (3, 55) kaum übertrieben, nämlich daß die Zahl von GerbertsSchülern täglich gewachsen sei und daß sich sein Ruhm über Frankreich,Deutschland und Italien ausgebreitet habe. Das bedingte aber selbst-verständlich eine erhöhte Wichtigkeit des Gelehrten auch für Reims, 3 ) unddamit hängt es wohl zusammen, daß Gerbert im Jahre 980 zu Ravennain Gegenwart des Kaisers mit dem philosophisch hochgebildeten Magde-burger Lehrer Ohtric 4 ) eine große Disputation über die Einteilung derPhilosophie hielt. Ohtric hatte längst von Gerbert gehört und 979 einenSachsen nach Reims geschickt, um die Gerbertsche Einteilung der Philo-sophie kennen zu lernen. Doch mußte jener Sachse bei der Niederschrift

') Opera ed. Olleris p. 479 f.

2 ) Vgl. Bubno v. Gerberti op. mathematicap.IX und p. 155.188 n. 23. (Vgl. K. Werner,Gerbert v. Aurillac S. 59.)

3 ) Ueber die politische Stellung Gerbertszu jener Zeit s. Carl Lux, Papst Silvesters ILEinfluß auf die Politik Ottos III. (Bresl.1898)

S. 10 f.

4 ) Da Ohtric der präsumtive 'Nachfolgerim Erzbistum Magdeburg war, so hatte dieDisputation eine erhöhte Bedeutung; vgl.Büdinger, Ueber Gerberts wissenschaft-liche und politische Stellung S. 5460.