Gerbert von Reims. 7'31
hat ein gewisses literarhistorisches Interesse, da er den Umkreis der vonGerbert in der Schule gelesenen und erklärten Schriftsteller angibt, wobeidie Grammatik, als in die Vorschule gehörig, weggeblieben ist.
Zu seinen Vorträgen über Dialektik verwendete er die Isagoge desPorphyrius in den Übersetzungen von Victorinus und Boethius. Ferner er-klärte er die Kategorien des Aristoteles und desselben Periermenien in derÜbertragung von Boethius sowie die Topik Ciceros und die Erklärung desBoethius hierzu, dann desselben Bücher de differentiis topicis, de syllo-gismis categoricis und hypotheticis, die definitiones und die divisiones. ZurEinführung in die Rhetorik 1 ) las er mit seinen Schülern Vergil, Statius,Terenz, ferner die Satiriker Juvenal, Persius und Horaz 2 ) und den Lucan.Für die Behandlung von Rechtsfällen aber, für die die Kontroversien Senecasund die Deklamationen Quintilians wohl die Materien ergaben, 3 ) zog Gerberteinen eigenen Disputator hinzu. Aber auch die Fächer des Quadriviumswurden mit großer Sorgfalt gelehrt. Während Gerbert die Arithmetik, jeden-falls mit Hilfe der Rechentafel (des Abacus), besonders den Auserwähltenbeibrachte, führte er die Musik als Unterrichtsgegenstand ein, die nachRicher in Gallien seit langer Zeit unbekannt war. 4 ) Das tat er an derHand von Boethius' Musik und zwar gab er auf dem Monochord die ver-schiedenen Töne an und zeigte ihre Konsonanz oder Harmonie in Tonen,Doppel-, Halb- und Vierteltönen und setzte die Töne kunstmäßig zu Ak-korden zusammen. Wenn er nun hier lediglich der antiken Überlieferungfolgte, so verwandte er außerordentliche Mühe auf die Anschaulichmachungder Astronomie, wie er ja auch für die praktische Ausübung der Musiksorgte, indem er 986 dem Abt Gerald von Aurillac auf dessen Bitte eineOrgel aus Italien versprach, die allerdings noch nach drei Jahren in Italienwar. Für die astronomische Belehrung fertigte er nach kleinerem vor-handenen Vorbilde 5 ) eine große Himmelskugel mit aufgezeichneten Stern-bildern und drehbarem Horizontring, um die zurzeit sichtbaren Sternbildervon den unsichtbaren zu trennen und deren Auf- und Untergang zu zeigen.Wahrscheinlich handelt es sich um eine solche Himmelskugel, wie sie derMönch Remigius von Trier 988 von Gerbert erbat, wofür dieser von ihmeine vollständige Abschrift von Statius'Achilleis verlangte; Remigius über-sandte ihm alsbald die Abschrift, doch scheint die Kugel trotz seiner wieder-holten Bitten gegen Ende 989 noch nicht in seinen Händen gewesen zusein. Durch ein anderes Instrument wollte Gerbert die Parallelkreise am
') Ueber eine graphische Darstellung zurRhetorik auf 26 Blättern in Form eines Recht-ecks s. ep.92 p. 85 ed. Havet.
2 ) Also wohl nicht die Oden und Epoden.Doch kennt Gerbert die Oden, vgl. ep. 88 p. 79(Havet) integer vitae actus quam purum elo-quium mit Carm. 1,22,1.
3 ) Genannt werden diese Autoren aller-dings hier nicht; da aber von beiden eineReihe von Hss. dem 10. Jahrhundert entstammt,so ist ihre Verwendung in der Schule jenerZeit nicht zu bezweifeln. Hierfür spricht auchdie Interpolation in den Exzerpten aus Senecas
Kontroversien.
4 ) Aber doch wohl nur insoweit, als inWestfranken seit Aurelian v. Moutier-Saint-Jean kein Schriftsteller über Musik auf-getreten war.
5 ) Richeri Histor. über 3,50 (p. 102 ed.Waitz) mundi speram .. . minoris simili-tudine maiorem expressiv. Diese Worteübersah Büdinger S. 38 wie auch K. Schul-tess S. 21. Auch Werner S. 75 sagt nichtsdavon und führt das Instrument auf Bekannt-schaft mit Cicero de republ. 1,14 zurück.