646 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
bares appellamus; f. 135 b 2 Seuulfum suscitatum und f. 137 a2 Snedil extale. Bezüglich derGlossenliteratur, die in St. Amand vorhanden war, gibt der alte Katalog nur einen einzigenBand, und das ist möglicherweise auf unsre Hs. selbst zu beziehen (vgl. Delisle, Le cab.des mscr. 2, 453 N, 153 Glosarius).
Die Hs. ist Valentianensis 93, bestehend aus 156 Blättern, ohne wesentliche Spurenvon späterer Benutzung. Bruchstücke aus ihr gab Pitra, Spicileg. Solesmense 3, 420 f., vgl.außerdem p. XXVI, LVII und 308, XX. Kurz beschrieben von Mangeart, Catal. des mscr.de la bibl. de Valenciennes p. 78 f. Die Behauptung von Pitra, daß der Physiologus in demWerke häufig benutzt werde, wurde schon von Mangeart p. 79 abgewiesen, und auch ichkonnte mich von ihrer Richtigkeit nicht überzeugen.
115. Asser Bischof von Sherborne und König Alfred der Große.
Asser war jedenfalls westwallisischer Abkunft und war mit Nobis, demBischöfe von St. Davids, verwandt. Wahrscheinlich war er Presbyter imKloster zu St. Davids in Pembroke und er mag sich hier durch Wissenund Gewandtheit im Ausdruck besonders ausgezeichnet haben, so daß KönigAlfred von Wessex ihn an seinen Hof berief. Er traf mit dem König zuDemi in Sussex zusammen und Alfred bat ihn, wenigstens die Hälfte desJahres bei ihm zu verleben. Asser schützte jedoch vor, daß er darübererst mit den Seinigen beraten müsse, und versprach, nach sechs Monatenwiederzukommen. Auf der Rückreise in die Heimat wurde er jedoch inCaerwent von einer heftigen Krankheit ergriffen, an der er ein Jahr undeine Woche zu leiden hatte. Dann begab er sich mit Wunsch und Willenseiner früheren Umgebung zu Alfred zurück, denn man hoffte in seinemHeimatlande, daß die Bedrückungen des Stiftes zu St. Davids durch denwallisischen König Hemeid nun aufhören würden. Asser verpflichtete sich,sechs Monate des Jahres fortan bei ihm zubringen zu wollen, und wurdenun Vorleser des Königs. Doch scheint ihn sein Versprechen bald gereutzu haben, und er wollte eben Alfred um tatsächliche Gewährung der Rück-kehr in die Heimat bitten, als ihn dieser mit dem Geschenk zweier säch-sischen Abteien überraschte, zu denen er bald eine dritte (Exeter) fügtewo er dem Asser sogar bischöfliche Rechte zugestanden zu haben scheint.König Alfred selbst war wohl 848 geboren. Seine Kindheit und Jugendfielen also in die Zeit, als auf dem Kontinent der politische Verfall derkarolingischen Monarchie längst eingetreten war, während die Wissenschaftund die Bildung im Klerus festen Fuß gefaßt hatten, und besonders in manchenTeilen des Reiches irische Kolonien als wissenschaftliche Mittelpunkte sichGeltung erwarben. Die Bedeutung der Angelsachsen in der christlichenMissionstätigkeit hatte zwar in jenen Zeiten noch nicht ihr Ende erreicht,aber doch gegen früher stark abgenommen. Die Ursachen hierfür liegen inden englischen Verhältnissen der Zeit. Seitdem die heidnischen Dänen (Nor-mannen) 789 zuerst sich an die englischen Küsten gewagt hatten, begannenfür die kleinen Reiche auf der Insel schwere Zeiten, da Staat und Kirchegleichmäßig durch die Raubzüge der Fremden getroffen wurden. Der ehe-dem so blühende Zustand der Kirche schwand und Alfred mußte in jungenJahren überhaupt auf den Unterricht in den Artes liberales verzichten, da esi n ganz We ssex keinen tüchtigen Lehrer hierfür gab. 1 ) So lernte Alfred
') Vgl. Alfreds Vorrede zur Uebersetzung I König Aelfred S. 314) und hierzu Asser'slifedes Liber regulae pastoralis Gregors (Pauli, ' of King Alfred ed. by Stevenson p. 225.