Ebarcius von St. Amand. 641
114. Ebarcius von St. Amand.
Ebarcius, Diakon und Mönch in St. Amand, hat wohl in der zweitenHälfte des 8. oder spätestens im 9. Jahrhundert gelebt; sein Name ist inden Totenbüchern von St. Peter zu Salzburg gebucht und nur aus St. Amandbekannt. Daß er germanischer Abkunft war, bezeugt sein Name und läßtsich aus allerdings sehr wenigen Stellen seines Werkes erschließen, wo aufnicht römische Worte angespielt wird; denn wenn Pitra meint, daß in demGlossar eine Menge keltischer und germanischer Ausdrücke begegneten,so hat er sich insofern stark geirrt, als erstens die ihm unbekannten Wortefast alle auch in andern Glossaren begegnen, und zweitens eine Mengedieser Worte durch die Überlieferung fast zur Unkenntlichkeit entstelltsind, was aber weniger auf Rechnung des Ebarcius als seiner Quellen zusetzen ist. Er schrieb einen sehr umfänglichen „Schlüssel zur Schriften-erklärung nach der Überlieferung der Alten", oder Scripturarum clavesiuxta traditionem seniorum. In einem kurzen Nachwort berichtet er in An-lehnung an eine Hieronymusstelle, daß er auf das Beispiel dieses Kirchen-vaters gestützt kein Gold und Silber im Hause des Herrn niedergelegt habe,sondern nur das, was er könne. So habe er dem hl. Amandus zu Preisund Ehre und zu seinem eignen Seelenheil dies Buch verfaßt und er bittealle Nachfolger im Abtsamte, daß sie ihm während seines Lebens sein Rechtan dem Buche lassen mögen. Schließlich gibt er alle, die es wagen würden,sein Werk dem hl. Amandus zu entfremden, der ewigen Verdammnis anheim.Das Werk, das in der Handschrift 156 Blätter zu zwei Spalten mit je36 Zeilen umfaßt, stellt sich dar als ein sehr umfängliches Lexikon, indas auch rein grammatische Abschnitte hineingearbeitet sind. 1 ) Die An-ordnung ist im ganzen streng alphabetisch, da mindestens noch der dritteBuchstabe sich dieser Folge fügt; doch treten innerhalb dieses BuchstabensAbweichungen von der weiteren strengen Folge ein.
Der Inhalt der Scripturarum claves ist ein sehr reicherund derartig gehalten, daßman eine sehr umfängliche Glossenliteratur im Besitze des Klosters St. Amand voraussetzenmuß. Man kann nämlich nicht sagen, daß Ebarcius ein einziges Glossenwerk zugrunde legteund die diesem nach seiner Ansicht fehlenden Bestandteile ergänzte, sondern es ist eine ganzeAnzahl weitschichtiger Glossare ineinandergearbeitet worden, so daß der Zusammenstellerje nach der Reichhaltigkeit seiner Quellen bald dieser, bald jener für eine Reihe unmittelbaraufeinander folgenden Glossen folgt, aber auch in diesen Zusammenhang anderswoher ent-lehnte einzelne Glossen eingefügt hat. Ungemein häufig ist zunächst erkennbar die BenutzungdesLiber glossarum, dessen breite Erklärungen von Ebarcius mit Vorliebe aufgenommensind; und ohne Zweifel würden sich noch weit mehr einzelne Stücke aus dieser Quelle nach-weisen lassen, wenn sie vollständig gedruckt wäre. Zuweilen scheint es, als ob Ebarcius eineetwas reichere und bessere Fassung, als sie uns vorliegt, benutzt hätte. So heißt es f. ll a2Amurca fex olei vel hmnor sordidus qui in oleo subsidit sive postquam öleiis de oliva expressusest; 2 ) oder f. 62 al Fiscella vas viminis gracilis factum. 2 ) Verbesserungen des Textes findensich unzweifelhaft f. 62 b 2 Guttat partim pluet quasi rorat,*) und f. 88 al Lilia non lillia;Virgilius: et grandia lilia quassant. b ) Sehr häufig ist dann benutzt das Glossar imVatic.3321, wobei sich mehrfach die Lesarten im Paris. 2341 finden, nämlich f. 109 b l Pater fidemconficiendorum quando pax -fit cum barbaris und f. 113 b 2 Pictiones qui vincuntur in pictu-rarüfh certamine. 6 ) Eine sehr große Menge Stücke, zuweilen in ganzen Reihen, lieferte dem
') Wie f. 8t>2 Ai tandem dicis vero. Altdicit vel dixit. Aisti dixisti. Ais dicis. Aiodico. Aiunt dicunt.
2 )Vgl. Goetz, Corp. gl. lat. 5,166,16.
3 ) Vgl. Goetz 5, 200, 29.
4 ) Vgl. Goetz 5,206, 24.6 ) Vgl. Goetz 5, 218, 8.
c ) Vgl. hierzu Goetz 4,138, 9 und 143,13.
Manitius, Lateinische Literatur des Mittelalters. II. 41