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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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ß30 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

Leo und den Salernitaner Johannes. Auch hier zeigt sich ein gewissesTalent und eine gewisse Leichtigkeit in der Anwendung der dichterischenSprache; allerdings scheinen die Epitaphien Fortunats mehrfach als Vor-bild gedient zu haben. Diesen Grabgedichten gemeinsam ist übrigens diegenaue Angabe des Todestages, mit Zugrundelegung der Zeitbestimmungnach dem antiken Kalender. Endlich besitzen wir von ihm eine Antiphonauf die hl. Sabina in 61 Hexametern und ein Gedicht auf die Vesper derHeiligen in vierzehn Versen. Alle diese Gedichte aber lassen außer einertüchtigen metrischen und prosodischen Schulung auch eine nicht geringeKenntnis der alten Poesie erkennen. Hauptsächlich kommt hier Horaz inBetracht, daneben Ovid, Vergil und Juvenal, wie schon Giesebrecht imeinzelnen erörtert hat, und außerdem, wie oben dargelegt wurde, Fortunat,dessen unmittelbare Benutzung in jenen Zeiten sonst selten genug gewordenwar, und Sedulius.

Vita s. Christinae. Daß Alphanus die hl. Christina, die Märtyrerinvon Bolsena, besonders verehrte, läßt sich daraus entnehmen, daß er siein vier Gedichten besungen hat. Und er unternahm es auch, das Lebenund die Passion der Christina darzustellen. Er hatte hierfür keine andreQuelle als die alte Passion der Heiligen und er spricht sich auch darüberim Prologe gar nicht aus. Vielmehr handelt er in dem äußerst schwülstigenVorwort vom Kampf und Sieg 1 ) der Heiligen im allgemeinen und siehtdie Erzählung solcher Taten als eine Ehrung Gottes an. Da ihm nun andreQuellen fehlten und er eine ausführliche, mit vielen Einzelzügen ausgestatteteErzählung geben wollte, mußte er zur Erfindung greifen. Das zeigt sich gleichim Anfang. Da der Verfasser nämlich über die Jugend Christinas nichts inseiner Quelle vorfand, so übertrug er die gelehrte Heranbildung seinereignen Zeit auf so frühe Jahrhunderte. Und so geht die glatte Erfindungweiter, besonders bei dem Gespräch Christinas mit den Dienerinnen, dasentweder im mittelalterlichen Sinne ausgeschmückt oder ganz erfunden undmit novellistischen Zügen so reich ausgestattet ist, daß es einen äußerstlebendigen Eindruck auf den Leser macht. Höchst sonderbar berührt danndie große Gegenrede Christinas, wo sie ein längeres Stück angeblich ausApuleius' Schrift De deo Socratis anbringt und über die Nichtigkeit derheidnischen Götter sich ausläßt. Gänzlich geändert ist dann die Stelle überdie Götterbilder und ihre Entfernung durch die Heilige und alles Weitere istdurch Veränderungen und Anbringung von Visionen zu einem vollständigenRoman geworden, der durch Reden und Gegenreden allerdings ungemeinbelebt erscheint. So bringt Christina ihren Dienerinnen gegenüber eineganze wohlgesetzte Christologie vor und der Vater Urbanus äußert sichim Zwiegespräch mit der Tochter eingehend über die Gottheit Jupiters,wobei die dialektische Gewandtheit des Verfassers in helles Licht tritt.Und nicht nur die antike Prosa, auch die Poesie muß dazu herhalten, derErzählung einen alten Anstrich zu geben, wie berichtet wird, daß der neue

') Hier ist (Migne 147, 1269B) in con- I ii-e, vgl. Cat. 50,4. Vgl. 1277B reminiscitur

ferttesimorum Jwstium cohortes insiliunf nachSallust. Cat. 60, 7 gesagt. Aus Sallust stammtauch (1272 B) in auctoris sententiam pedibus

Fulvii cuiiisdam senatoris filii quem retraetumex itinere quicum Catilina coniuraverat paternecari inssit; das stammt aus Cat. 39,5.