«92 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
er das Werk gewidmet hat. Es handelt sich um die Vita sanctorum duo-decim fratrum, die unter Maximian den Märtyrertod in Benevent erlittenhaben sollen. „Wovon du mich, so heifit es in der poetischen Widmung, ab-gerufen hast, Roffrid, waren unbedeutende Dinge nach meinem und nachdem Urteil andrer, die bei meinem Gedicht oft durch scherzhaftes Lachenerheitert wurden. Freilich, was du mir auftrugst, ist fast zu schwer fürmich, nämlich die Geschichte der zwölf heiligen Brüder in Hexameternzu behandeln, und zwar ihre Herkunft, ihren Stand, ihre ruhmvollen Glaubens-taten und ihre letzten Kämpfe sowie Orte und Zeit, wo sie die Märtyrerkroneerlangten, endlich wie Arichis, Fürst von Benevent, ihre zerstreuten Ge-beine erhob und dort bestatten ließ, wo sie sich jetzt noch befinden. Dochich werde gehorchen, dein Befehl wird meine Arbeit entschuldigen." Daslange Gedicht selbst hat insofern öfters Berührung mit der Vita Christinae,als Alphanus auch hier nicht wenig antike Gelehrsamkeit vorbringt unddamit sein Werk aufputzt und vor allem in der ausführlichsten Weise seineHelden gegen die alten Götter und Heroen polemisieren läßt. Wo sich dazunur irgend Gelegenheit gab, hat er das nicht versäumt und sein Gedichtwird dadurch abwechslungsreich und gewinnt an Lebendigkeit. In seinerVorlage, dem Leben der zwölf Brüder in Prosa, fand er in dieser Beziehungso gut wie nichts vor, alle mythologischen, geographischen und astro-nomischen Exkurse sind auf Rechnung des Dichters zu setzen. Übrigensfolgt er an manchen Stellen seiner Vorlage wörtlich und nur ganz selten läßter irgendeinen ihrer Züge aus. Und doch steht er ihr ganz frei gegenüber,indem er auf ihrer Grundlage einen kulturhistorisch nicht uninteressantenRoman in Versen aufbaut, wobei er besonders die alte Dichtkunst häufigeingehend zu Rate zieht. Er beginnt sein Werk mit einer Betrachtung über dieWichtigkeit Afrikas und seiner bedeutenden Männer, deren Wirken das alteRom oft spüren mußte. Er erwähnt dann die Eltern der heiligen Brüder,deren zwölf Namen er aber — ganz wie bei Desiderius — nicht alle im Hexa-meter unterbringen kann. Auf eine Polemik gegen die antiken Götter folgtVs. 147—169 ein mythologischer Exkurs über Herkules sowie eine vomDichter erfundene Ansprache Cyprians an die Brüder. Sodann trägt Alphanusaus den alten Dichtern Vs. 333—348 eine anschauliche Episode über denGötterkult zusammen, wozu die Vorlage (6 Lect. VJ, Acta SS. Sept. 1,140)nur die Worte bietet Sperans eram et ego aliquando in idolis. Ebenfalls aufBuchweisheit beruht Vs. 396 ff. die Aufzählung der Orte über die Heimatund hauptsächliche Verehrung der Götter. In ein viel betretenes Gebietbegibt sich dann der Dichter, als er Vs. 455 ff. eine ziemlich eingehendeBelehrung des römischen Beamten Victor im Christentum erfolgen läßt, dievon der Schöpfung und vom Sündenfall ausgeht, aus welchem alles Leidund Elend der Menschheit hergeleitet wird, woraus die vielfältige Göttei-verehrung und der mannigfache Aberglaube hervorging. Und so setzen sichdie Erweiterungen fort, die oft nur auf wenigen Worten der Vorlage be-ruhen; Vs. 858 ff. gehen sie ins astronomische Gebiet, wo die mythischenUnterlagen des Tierkreises und andrer Sternbilder bekämpft werden. Andiese Passion schließt sich nun eine Translatio von 101 Hexametern an,die wohl auch von Alphanus stammt. Nämlich die Worte des Prologs der