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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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540 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

von Sigebert von Gembloux erwähnt; hierzu kommt, daß Sprache und Vers-kunst des Gedichts noch auf frühe, gute Zeit hinweisen, was sich auchaus mancherlei Spuren von Kenntnis des Griechischen ergibt. Diese führenwohl darauf, daß Odo ein Schüler von Orleans oder von Fleury gewesenist, in deren Nähe ja Meung liegt. Namentlich in Fleury wäre es ihmmöglich gewesen, etwas Griechisch zu erlernen, allerdings bei weitem nichtin dem Maße, wie es ihm von E. Meyer beigelegt wird, der überhauptüber das Gedicht wie über den Verfasser seltsam urteilt. Die Frage nachdem Bildungszentrum, dem Odo seine Kenntnisse verdankt, würde sichfreilich etwas sicherer beantworten lassen, wenn uns alte Bücherverzeich-nisse aus Orleans und Fleury erhalten wären, die einigermaßen Anspruchauf Vollständigkeit machen könnten; wir würden darin mit großer Wahr-scheinlichkeit die Hauptquellen Odos, nämlich Plinius, Gargilius Martialis,Oribasius und Dioskorides wiederfinden. Von diesen ist Gargilius eine hand-schriftliche Seltenheit, die ich bisher in keinem alten Bibliothekskataloge,auch nicht aus der Humanistenzeit entdecken konnte, während Oribasiusund Diskorides zwar einzeln, aber doch nicht gerade selten in solchen altenVerzeichnissen angeführt werden. Auch möchte ich nicht daran denken,daß Odos literarische Beeinflussungen etwa aus England zu erklären wären,denn obwohl dort nach den alten Katalogen die Überlieferung des Oribasiusund des Dioskorides besonders stark hervortritt, so nehmen doch hierinauch Murbach, St. Gallen, 1 ) Egmond und mehrere französische Klöster einebevorzugte Stellung ein.

De viribus herbarum. Da eine abschließende Ausgabe des Gedichtsfehlt, so lege ich ihm den sich aus Vs. 1 ergebenden Titel bei, wie erauch in der ältesten Handschrift gelesen wird. Es besteht nach der letztenAusgabe aus 2269 Hexametern, doch ist sein Inhalt nach der Verszahlwie nach der Reihenfolge der Kapitel in der Überlieferung sehr schwankend;schon der Stoff brachte es mit sich, daß einzelne Abschnitte der Erweite-rung und Zudichtung ausgesetzt waren und die Zeit hat an dem umfäng-lichen Gedichte stark geändert. Ein späterer Dichter hat sogar zwanzigweitere Abschnitte, allerdings ganz im Geiste des Originals hinzugedichtet,Das Werk besteht aus 77 Abschnitten von sehr verschiedenem Umfangund Odo hat es in zwei ungleiche Hauptteile zerlegt. Der erste enthält65 Abschnitte und behandelt allerlei offizineile Pflanzen, er beginnt mitder Einführung des Ganzen Vs. 1 Herbarum quasdam dicturus carminevires. Der zweite Teil schließt sich mit Vs. 2056 unmittelbar an den zu-letzt behandelten Schierling an Carmine iam dictis aliquot vulgaribus herbisNunc species illas, quas cunctis iam prope notas Usus vendendi fecit, ten-tabo referre. Also es sind zwölf Spezereien, deren Heilkräfte hier vomDichter aufgezeigt werdeD. Es fehlt dem Gedicht an einer Vorrede undeiner eigentlichen Einführung und ebenso mangelt ein Rückblick auf denStoff und seine Behandlung. So könnte es scheinen, als ob das persönlicheElement ganz ausgeschaltet sei, doch ist das in Wirklichkeit nicht der

*) Oribasius im Sangall. 761 s. VIII—IXund 762 s. IX. — Zu Plinius vgl. übrigensStadler a. a. 0. S. 53 ff., zu Gargilius S. 56 ff.,

zu Dioskorides S. 57 ff. Nach Stadler S. 62 ff.hätte Odo besonders die Kapitel 67—77 (überdie Species) aus Constantinus genommen.