Angelrani von St. Riquier. 533
93. Angelram von St. Riquier.
Angelram 1 ) stammte aus Ponthieu und trat ins Kloster St. Riquier ein,wo er seine Ausbildung erhielt. Trotz der großen dort befindlichen Biblio-thek und einer nicht unbedeutenden literarischen Vergangenheit schienendie Studien im Kloster nicht recht gedeihen zu wollen, denn Angelramwurde von Abt Ingelard auf verschiedene Schulen und schließlich auch zuBischof Fulbert nach Chartres geschickt, wo er in Grammatik, Dialektikund Musik tüchtige Fortschritte machte und auch schon zum Priester ge-weiht wurde. Und nun scheint er nach seinem Biographen Hariulf, nach-dem er in die Heimat zurückgekehrt war, eine ausgebreitete Lehrtätigkeitin St. Riquier begonnen zu haben, wobei er sich namentlich auch derBücherschätze annahm, indem er schadhaft gewordene Bücher erneuernund bisher fehlende abschreiben ließ. Im Jahre 1016 oder 1020 begleiteteer den König Robert von Westfranken nach Italien, und als Ingelard starb,wurde er 1022 zum Abt erhoben und vom König bestätigt. In dieserStellung verblieb er, bis er 1045 starb. Seine literarische Tätigkeit abergehört in die Zeit seines Lehramtes im Kloster. Sein früherer LehrerFulbert nämlich hatte ihn aufgefordert, das Leben und die Wunder deshl. Richarius in Verse zu bringen, und er war dessen Wunsche gefolgt undversifizierte Alchvines Schrift über das Leben des Heiligen sowie die demLeben angehängten zwei Bücher Miracula. 2 ) Dazu stellte er ein viertesBuch, das die im Jahr 981 geschehene Zurückführung des Heiligen vonSt. Bertin nach Riquier sowie die sich hierbei und später ereignendenWunder in Versen behandelt. Hariulf, der hierüber berichtet, hält es füreinen Vorzug der drei ersten Bücher des Gedichts, daß Angelram fastnichts zu seiner Vorlage hinzugefügt, sondern ihr dem Sinne nach stetstreu geblieben sei. Wir können das auch heute noch bezeugen. Freilich hatdiese wörtliche Treue dem Gedichte insofern geschadet, als erst ein Teildavon herausgegeben wurde, indem man es der Mühe nicht für wert hielt,das Ganze abzudrucken. Aber auch sonst beschäftigte sich Angelram mitdem Heiligen, wie er einige Gesänge zu dessen Ehren in gefälligerer Melodiekomponierte, als sie die früheren besaßen. Außerdem dichtete er Hymnenauf den alten Abt Walericus von St. Valery und auf den Bischof Wulframvon Sens. Hariulf berichtet aber weiter, daß Angelram auch eine poetischePassio des Märtyrers Vincentius geschrieben habe, dem in St. Riquier einekleine Kirche geweiht war, sowie daß er das Leben der hl. Austrebertaversifiziert habe; diese beiden hagiographischen Gedichte scheinen verlorenzu sein, doch besaß man im 14. Jahrhundert noch in Peterborough dasGedicht über Austreberta. 3 ).
Die poetische Vita Richarii beginnt mit einer Captatio benevolentiaean den Leser in sechs Distichen: Werk und Verfasser stellen sich vorund der Verfasser erbittet für seine geringe Arbeit die geneigte Nachsicht
1 ) Er selbst nennt sich in der Widmung I 3 ) Vgl. Serapeum 12, Intelligenzblatt 140der Vita Richarii Ingelramnus (Migne 141, Vita Austrobertae virginis versifice; daselbst1423 A.) Vs. 1 und in der Briefaufschrift. j hatte man übrigens s. XIV (a. a. O. S. 148)
2 ) Verfaßt in der Mitte des 9. Jahrhunderts. | die Vita s. Wulf ran i episcopi.