532 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
Mönch und Diakon Gregor, den er Ligurer nennt, 1 ) öfters seine Brüder-schaft gebeten habe, daß er — Cosmas — das fromme Werk zu schreibenunternehme. So habe er es denn bald unternommen, auf daß die frommenLateiner den heiligen Bericht aus griechischer Quelle möglichst bald lesenkönnten. Cosmas hat den Stoff in vierzig Distichen gebracht, die nichtnur, wohl nach dem Vorbild von Sedulius' Hymnus I., epanaleptisch sind,sondern auch in Hexameter und Pentameter den gleichen Reim besitzen.Dadurch erhält das Gedicht einen metrisch spielenden Ausdruck. Und dieseGebundenheit zeigt sich auch in der Darstellung der erzählten Ereignisse;diese wird nämlich in ihrer Freiheit durch die Form insofern stark be-einflußt, als der Gedanke stets durch das Distichon abgeschlossen wirdund die Wiederholung der Vershälften dem Dichter überhaupt nur wenig-erzählende Worte freiließ. Der Erfolg ist der, daß zum Verständnis desGedichts die Prosadarstellung von der Passion der Heiligen, die unterDiokletian zu Nikomedia sich vollzog, unerläßlich notwendig ist: das Ge-dicht gibt nur einen kümmerlichen Auszug, der noch durch allerhand Bei-werk wesentlich beeinträchtigt wird. Der Ton ist nämlich durchaus em-phatisch und die Ausdrucksweise wird vielfach durch griechische oder ab-sonderliche lateinische Wörter oft unverständlich; wahrscheinlich hat derDichter durch übel angebrachte glossographische Gelehrsamkeit sein Ge-dicht mit gelehrtem Aufputz schmücken wollen. Außerdem läßt die Formeine nicht gerade sorgsame prosodische Schulung erkennen.
Zeugnisse. Zur Ueberfühiung der Heiligen s. die Translatio ss. Senesii et Theopompibei Ughelli, Italia sacra 5,469ff. und bei Bortolotti, Vita di S. Anselmo abbate diNonantola, Modena 1892; vgl. Wattenbach 1, 483 und n. 1. Wichtig ist für die Verhältnissevom Kloster Nonantula die Publikation von Giorgi, Rivista d. biblioteche e degli archivi6,54 ff., wo zueist über die Bibliothek gehandelt, dann das Verzeichnis der vom MönchPetrus unter Abt Rudolf I. zusammengebrachten 39 Bücher, endlich der Katalog des Klosteisvom Jahre 1166 korrekter als in der Ausgabe bei Becker (Catal. bibl. ant. N. 101 p. 220ff.)abgedruckt wird; dieser Katalog enthält übrigens ausschließlich kirchliche Literatur, dieübrigen Abteilungen fehlen. Cosmas nennt sich in der Aufschrift zum Prologe CosmasMateriensis, in der Subskription Cosmas . . . Iapygus (Migne 133, 881A); Gregor heißt inder Aufschrift Gregorio Ligo. Beziehung zu Nonantula im Prol. 5 Saepius is celsam rogitacitnatnque catervam Scribendi causam nos celebrare piam. Mox operam dedimus, graeco defönte Latinus Murmwet ut citius gesta sacrata prius. Hieraus ergibt sich die Benutzungeiner griechischen Quelle, wozu die Worte Vs 3 lipsana und 70 cataplastus stimmen. Selt-same oder seltene lateinische Worte 14 Bebriia dona. 47 senes amandus. 53 menfica. 59 ex-cidua. 61 affola (= offula). Zur schlechten Prosodie vgl. Vs. 3. 21. 47. 59. 63. Die Alters-bestimmung richtet sich übrigens nicht nach Ughelli, Italia Sacra 2, 111, der die Hs. vonNonantula, in der er eine lateinische Passio der Märtyrer sowie das Gedicht fand, ins 10. Jahr-hundert setzte (danach Migne 133, 879); vgl. die Worte bei Ughelli 2, 111 Porro in honoremss. Synesii et Theopompi quidam Cosmas Materiensis ante 700 annos haec carmina cecinit in-scripsitque ad Gh-egorium Nonantulanum monachum, inepta quidem et sine sale sed Christianaantiquitate redolentia, quae ex eodem codice Nonantulano (vgl. p. 100) decerpsimus, dum ibidemabbatismunerefungeremur. AusgabeUghell i, Italia sacra 2,211 f., danach Migne 133,879—882.
Ob aber der von Ughelli (und Migne) angehängte Hymnus auf dieHeiligen auch von Cosmas stammt, dürfte zweifelhaft sein; wahrscheinlichist er in Nonantula nach den Versen des Cosmas gedichtet, an die er sichmehrfach wörtlich anlehnt. Der Ausdruck Vs. 21 Nos ergo fratres supplicesPoscamus dürfte für Entstehung in dem Kloster sprechen, wo die Reliquiender Märtyrer lagen.
*) Er bezeichnet freilich auch die Be- j als Ligurici populi, und im Prolog Vs. 10wohner der Umgegend von Nonantula Vs. 73 f. | nennt er die Mönche coetus ovans Li/geus.