534 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
des Lesers. Dann folgt der Brief Angelrams an Fulbert: Er habe Großesgewagt mit seinem Gedicht, allerdings an der Vorlage nichts geändert-bestimmend für ihn sei das Vorbild einiger Dichter gewesen, die die Gott-heit besungen hätten und keinen neuen Stoff einführen wollten, sondernsich lediglich an den Wortlaut der Bibel hielten. 1 ) Und er habe den An-fängen der vier Bücher je einen Prolog vorangestellt, um hierin als Neulingauf dem Gebiet der Poesie die Verzeihung des Lesers für vielfache Fehlerzu erbitten. Das Buch selbst bringe er dem Fulbert dar, damit dieser eseiner Prüfung unterziehe, denn vor einer solchen solle es nicht veröffent-licht werden. Und Fulbert möge die Widmung annehmen, da ja sein Ruhmauch durch den Umstand wachse, daß er Schüler gehabt habe, die zugutem Werke fähig seien. Hieran schließt sich ein Prolog von 41 Hexa-metern zu dem Gesamtwerke, worin der Dichter mit der Verdienstlichkeitder Heiligenbiographien anhebt und dann auf sein Gedicht zu sprechenkommt, das nicht nur die Wunder enthalte, die der Heilige im Leben ge-wirkt, sondern auch die späteren. Und da die Vorlagen ihm drei Büchergeboten, so habe er diese auch im Gedicht ausgeführt und ihnen ein viertesangeschlossen, das die Wunder des Heiligen aus der Gegenwart enthalte.Und damit ihm niemand den Vorwurf mache, das Werk sei nicht gut ab-gefaßt worden, so bekenne er, noch nicht drei Jahre 2 ) damit zugebrachtzu haben. Dann beginnt der Prolog zum ersten Buche, Prologus invo-cationis genannt, da Angelram hier Gott anruft und seinen Segen zu demWerke erfleht, da von seiner Allmacht alles zu erwarten ist und alles vonihr abhängt. 3 ) Es folgen nun die einzelnen Kapitel des ersten Buches,deren jedes, wie alle weiteren, einen den Inhalt kurz zusammenfassendenHexameter als Überschrift erhalten hat. Angelram hält sich, wie schongesagt, eng an den Prosatext und auch seine Sprache ist dem durchausangemessen. Er zeigt zuweilen Bekanntschaft mit der älteren Poesie, be-sonders mit Vergil und Sedulius, aber doch nur selten, und er gebrauchtkeine hochtönenden poetischen Phrasen, sondern bleibt im Ausdruck stetsschlicht und einfach. Und in bezug auf Prosodie und Metrik verrät dasGedicht eine tüchtige Schulung, indem sich im allgemeinen nur wenig Ver-stöße finden. Buch 2 und 3 (in neunzehn und sechzehn Kapiteln) sind bishernicht herausgegeben. Dagegen scheint Buch 4 nur neun Kapitel zu um-fassen und es fehlt ihm, wenigstens im Druck, ein Prolog, der doch füralle Bücher vom Autor angekündigt ist. Die Wunder, die hier erzähltwerden, sind übrigens sehr geringfügiger Art und die Teilnahme des Heiligenan ihnen wird nur ganz leicht gestreift. Die Erzählung bleibt dieselbe ein-fache und anspruchslose der früheren Bücher. Nur die Zurückbringungdes Heiligen in sein Kloster in c. 1 wird ausführlicher mit einigen ge-schichtlichen Einzelheiten berichtet, sonst ist nirgends Weitschweifigkeitzu bemerken.
Zeugnisse. Sie finden sich besonders in dem Abschnitt von Hariulfs ChroniconCentulense 4, 1 —17, der sich mit dem Leben Angilrams beschäftigt und auch besonders
') Ob damit Dichter wie Juvencus und j Ternos annorum nondum implevisse durum,
Sedulius gemeint sind? ! sie ist wahrscheinlich verderbt überliefert.
2 ) Die Stelle ist schwer zu verstehen, 3 ) Die Verse 24—31 sind nicht unpoetisch
Vs. 40(Migne 141, 1426 A) meinet fateor ..'. , gehalten (1425C).