528 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
schlage anheim. Das ganze Gedicht aber wird von gleichen Gedanken ge-tragen, nämlich von dem traditionellen Geist des hohen Klerus und vondessen grundsätzlicher Abneigung gegen die Umwälzungen, die durch dieCluniacenser in die Kirche gebracht worden waren. Adalbero zieht mitallen Mitteln gegen diese neuen Gewalthaber zu Felde und verspottet siein bitterster Weise und rät dem Könige, Gegenmaßregeln zu ergreifenwie sie sich aus dem alten Verhältnis der kirchlichen Herrschaft zur Welt-lichkeit ergeben. Das Gedicht ist geradezu ein kirchenpolitisches Programm,eingekleidet in die Form eines heftigen Ausfalls gegen die Neuerungen.Und zwar geht dies Programm aus von einem Bischöfe, der in hohemMaße indigniert ist über seine Hintansetzung und seine Ausschließung vonden Geschäften am Hofe und der infolgedessen angeblich hinter dem Pflugehergehen muß. Fern von der Regierung gibt er in dem Gedicht ein all-gemeines Bild von den Zeitverhältnissen und von den zeitgenössischenSitten. Er spricht hier in seiner Stellung zum Könige als Freund und Rat-geber, wie das ja auch Fulbert von Chartres in seinen Briefen tat. Dabeigreift er den Abt Odilo von Cluni heftig an 1 ) und wendet sich haßerfülltgegen die Vorherrschaft dieses Klosters, und man findet daher in demGedicht ein Gegenbild zu Abbos Apologeticum und zu seinen Canones. AmSchluß des Gedichts legt Adalbero dem Könige die Geneigtheit zu Reformenin den Mund, freilich der König will solche einführen, „wenn die Loiredurch die Gefilde Kalabriens und der Tigris durch Spanien fließen wird,wenn der Aetna Rosen und ein Sumpf Lilien erzeugen wird". Vom Zustanddes Staates entwirft Adalbero Vs. 64—70 ein trauriges Bild; hier wird derUntergang der öffentlichen Sittlichkeit besonders dem Stellvertreter desKönigs zugeschoben, und Adalbero denkt hier an den Pfalzgrafen Hugovon Beauvais oder an den Architriclinus Landricus von Nevers, gegendessen habsüchtiges Wesen sich auch eine zeitgenössische Satire inRhythmen 2 ) gewendet hat. In der Kirche aber herrscht die Willkür, dennkrasse Ignoranten von niederer Herkunft werden jetzt zu geistlichen Ober-hirten erwählt. Im Orden von Cluni erscheint Odilo als König, der abervöllig von Rom abhängig ist. Eine schärfere satirische Beleuchtung desberühmten Abtes kann es nicht geben, und dies Gemälde steht natürlichweit ab von der verherrlichenden Darstellung des Mannes in der VitaOdilonis, die seine christlichen Tugenden besonders preist. Das Gedichtist als Zeit- und Kulturbild von Wert, aber man muß sich natürlich hüten,dem boshaften und giftigen Verfasser etwa in allem zu trauen; Treu undGlauben hat Adalbero nie verdient. Formal teilt die Satire die Schwächendes vorigen Gedichts, nur daß sie noch um vieles dunkler und unverständ-licher erscheint; denn stellenweise ist ihre Einkleidung kaum noch zu ver-stehen. Man sieht aber,'daß doch schon gegen den Anfang des 11. Jahr-hunderts die satirische Betrachtung der Zeitverhältnisse anhebt und daß
') Ueber die Satire, in der er sich gegenCluni wendet, vgl. Sackur, Die Cluniacenser1,95—98.
2 ) Hrsg. unter dem Titel Rythmus satiricusvon Hückel, Bibl. de la Faculte des Lettres
de Paris 13, 82—86 (Einführung p. 69-82).Vgl. außerdem Mabillon, Vetera anal. 3,533und Bouquet, Recueil des bist, des Gaules10, 93 f.