Leo von Vercelli. 513
denn er habe den Herrn Silvester, seinen Lehrer, aus Liebe zum hl. Petruszum Papste erwählt, bestimmt und erhoben. Die Urkunde ist mit besondererSorgfalt hergestellt und zeigt auf der einen Seite den erhabenen StolzOttos III., während die Schenkung selbst die schwankende Haltung bezeugt,der sich jener Kaiser leider stets hingab. Aus dem Wortlaute erkennt manaber nicht nur die Hingebung, mit der Leo am Kaiser hing, sondern esspricht aus ihm auch der vertraute Kenner der kaiserlichen Politik. Demwar auch in Leos Stellung Ausdruck verliehen worden, denn nachdem erfrüher der Vertreter des kaiserlichen Kanzlers Heribert von Köln gewesenwar, ist er jedenfalls seit dem Jahre 1000 dessen Nachfolger geworden.Daher erklärt sich das tiefempfundene Klagelied, das er nach dem früh-zeitigen Tode des Herrschers dichtete und das mit Jeremias 9. 1 beginnt. 1 )Freilich fand sich der kaisertreue Bischof sehr bald bei Heinrich IL zui*echt,und das auf Ottos III. Tod verfaßte Klagelied erhielt gegen Ende desJahres 1002 eine Fortsetzung, die auf einen ganz andern Ton gestimmt ist:die einzelnen Länder Deutschlands haben sich dem neuen Herrn unter-worfen, und Italien erwartet ihn; alles ist gespannt auf ihn und Leo selbstwird Bayern als sein Vaterland ansehen. Aber, heißt es am Schluß, niemöge Heinrich glücklich werden, wenn er nicht den Bischof Leo gehörigbereichert und dessen Feinde mit dem Gesetz unterwirft. Jedenfalls bliebauch Leo in seiner hochangesehenen Stellung bei Heinrich IL, denn erverfaßte nicht nur auch in der Folge wichtige Urkunden, sondern er warnach wie vor das Haupt der kaisertreuen Partei in Italien und schriebz.B. im Jahre 1016 2 ) vier Briefe an Heinrich IL, in denen er ihm genauenEinblick in die politische Lage des Landes gewährt und sein Eingreifenwünscht; daher konnte ihn auch der spätere Dichter Benzo mit Recht denBezwinger Arduins nennen. Und wie er im Dezember 1021 Beisitzer imKönigsgericht zu Verona war, so hat er wohl 1022 den Kaiser bei seinemZuge in Unteritalien stets begleitet, und auf der so wichtigen Synode vonPavia (1022), wo es sich besonders um die Priesterehen handelte, hat erdie Reden des Kaisers und des Papstes Benedikt VIII. verfaßt und dieGesetze beider redigiert. So ist er der Urheber der Beschlüsse über Priester-ehen, über die Verschleuderung der Kirchengüter und über den Stand derKinder unfreier Kleriker gewesen. Und als dann Heinrich II. 1024 ge-storben war, finden wir Leo wieder ganz in kaisertreuem Sinne tätig. Dieitalienischen Großen hatten nämlich die Krone des Landes dem HerzogWilhelm von Aquitanien angeboten, der sie für sich zwar ausschlug, aber,um sie für seinen Sohn Manfred zu gewinnen, sich brieflich an Leo wandteund ihn um seine Unterstützung bat und ihm große Versprechungen machte.Aber die Sache ging nicht nach seinem Wunsche, denn die Forderung derItaliener, alle deutschgesinnten Bischöfe abzusetzen, erschien ihm ruchlos.Leo schrieb ihm nach dieser Niederlage einen Brief, der mit Spott undHumor gewürzt ist: „Tröste dich, teurer Freund, daß dich die Langobardenso hintergingen. Ich will dir aber den guten Rat geben: Sei stark und
') Also wie der Anfang derVitaHeinricilV. | 2 ) Zur Abfassungszeit dieser Briefe vgl.
(ed. Eberhard p. 9,1 f.). | H. Bloch, Neues Archiv 22, 34-43.
Manitius, Lateinische Literatur des Mittelalters. IL 33