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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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514 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

kümmere dich nicht ums Vergangene und sei in Zukunft vorsichtig. Undschicke mir doch das wunderbare Maultier und den kostbaren Zaum undden herrlichen Teppich, worum ich dich schon vor sechs Jahren bat." Wasfür ein Tier gemeint war, ergibt sich aus Wilhelms Antwort, die auf LeosScherz eingeht und in der es heißt:In unsern Gegenden gibt es keinsolches Maultier, wie du eines willst, nämlich mit Hörnern und drei Schwänzenund fünf Beinen oder ein ähnliches Wundertier." Und Leo ist es gewesen,dem Konrad die italienische Krone verdankte, der ihm alle Hindernisseaus dem Wege geräumt hat. So hat Leo während fast drei Jahrzehntendie deutsche Herrschaft mit aller Kraft in der Lombardei aufrecht gehaltenund drei deutschen Königen hat er Italien bewahrt. Seine Kaisertreue gaber deutlich dadurch zu erkennen, daß er seine Stellung als Bischof imSinne' Ottos I. als die eines Reichsbeamten auffaßte, denn in einer Urkundevom April 1001 nennt er sich episcopus imperii. Als dann Konrad imFrühjahr 1026 nach Italien kam, feierte er das Osterfest in Vercelli beiseinem treuen Bischöfe. Das war die letzte Freude Leos, denn noch in derOsterwoche ist er plötzlich gestorben. Nur weniges hat sich von ihm er-halten und das hat meist erst nach eingehender Untersuchung als seinEigentum erkannt werden können. Sein frühestes poetisches Werk ist viel-leicht eine kurze Elegie auf den Bischof Petrus von Vercelli, seinen drittenVorgänger; sie hat aber nur eigentlich dadurch einen gewissen Wert, 1 ) daßsie zur Nachforschung für die Entdeckung weiterer Gedichte gedient hat.Dazu rechnet außer den schon oben besprochenen höchst wahrscheinlichein längeres Gedicht in adonischen Versen, in dem sich leider viele Lückenfinden, so daß der Sinn, dessen Klarheit schon durch das Metrum beein-trächtigt wird, oft nicht zu erkennen ist. Das Gedicht ist an einen Ugogerichtet und enthält als Hauptteil eine aus mehreren Einzelfabeln zusammen-gesetzte Hauptfabel; ihr Eingang ist die Erzählung vom Esel in der Löwen-haut, die aus Avian Nr. 5 dem Mittelalter bekannt gewesen ist. Die Ein-leitung aber und der Schluß des Ganzen besteht aus persönlichen Schick-salen des Verfassers, deren Realität freilich mit dem uns bekannten LebenLeos nur schwer in Einklang zu setzen ist. Ich möchte daher annehmen,daß wir es mit einer mehr oder weniger humorvollen 2 ) Dichtung zu tunhaben, in der die vom Dichter beklagten widrigen Schicksale wesentlichübertrieben sind. Sehr bedeutend aber muß die Korrespondenz des hoch-stehenden und vielbeschäftigten Mannes gewesen sein, und es ist zu be-dauern, daß sie nicht, planmäßig gesammelt, erhalten geblieben ist, nurzufällig haben sich kleine Reste aus ihr gerettet. Am meisten noch läßtsich sein Wirken als Staatsmann aus den von ihm verfaßten Aktenstückenund Urkunden erkennen: unablässig für die Macht des deutschen Königstätig und gesonnen, die Macht des eignen Bistums dabei zu heben, ist er.hierbei vielleicht nicht einmal vor Fälschungen zurückgeschreckt. 3 ) In denAugen des reformierten Mönchtums galt natürlich ein solcher Bischof, der

*) Vgl. den Abdruck von H, Bloch, Neues in Leos Brief an Wilhelm von Aquitanien.

Archiv 22,109 (Fragment) und vollständig da- 3 ) Vgl. H. Bloch a. a. 0. S. 7376 bezüg-

selbst 27, 753. j lieh einer von Karl III. an Bischof Liutwaid

2 ) Einen ähnlichen Ton fanden wir oben | von Vercelli gegebenen Urkunde.