506 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
Umstand die besondere Vorliebe Walthers für seltene Wörter und Wort-formen; er bevorzugt namentlich das Griechische, 1 ) dem er mancherlei denzeitgenössischen lateinischen Schriftstellern unbekannte Ausdrücke entlehntdie er zuweilen in ganz eigne Formen zwängt. 2 ) Aber auch in der Latinitäthat er sich nach ungewöhnlichen Wörtern umgesehen und hierzu jeden-falls als Unterlage ein Glossar benutzt. 3 ) Dadurch erhält das Gedicht häufigeinen gelehrten Anstrich. In der Prosa hingegen fallen diese Sonderbar-keiten fast sämtlich hinweg, sie war unmittelbar, wie die meisten hagio-graphischen Schriften, zum Vorlesen bestimmt und hatte der Erbauung zudienen, und daher verbot sich hier der rhetorische Aufputz von selbst.Natürlich ist Walther in seiner Dichtung von Vorbildern abhängig, die aberviel weniger die christliche als die antike Poesie betreffen.
Mit der Untersuchung über die Abhängigkeit Walthers im Gedicht hatte W. Harsterin den Noten zu seiner Ausgabe den Anfang gemacht. Er wies nach, daß besonders Vergilbenutzt worden ist, daneben Persius, Juvenal. Lucan, Ovid und Horaz, außerdem Sedulius-weiteres boten Bursian (s. oben), Pannenborg und Schönbach, die besonders auf dieKenntnis des Prudentius aufmerksam machten, vgl. Gott. gel. Anzeigen 1879 Bd. 2, 638 ff.und Anz. f. deutsch. Altert. 6,169 S. 4 ) Baß der Reim ungemein häufig bei Walther auftritt,wies Harster in seiner Ausgabe p. IV —VI nach, während Schönbach (Anzeiger f. deutsch.Alt. 6,171 f.) auf den Reim in der Prosa aufmerksam machte. Ueber sprachliche Binge hatW. Harster (Walther von Speier S. 55 — 60) mehr im allgemeinen sich ausgelassen, währender in den Noten zur Ausgabe viel Material vorlegt, das freilich nicht immer in richtigenBezug zum Bichter gesetzt ist: zur Sprache vgl. auch K.Richter S. 14 —16. Trotz alledemist aber die Hauptarbeit, besonders in bezug auf die Vorbilder, erst noch zu leisten. — EinzigeHs. Monac. 14798 s. X f. 1—70; über Schreibfehler in der Hs. s. W. Harster, Walther vonSpeier S. 8. Ausgaben: Pez, Thesaur. anecd. noviss. 2, 3, 29—122; W. Harster, UualtheriSpirensis Vita et Passio s. Christophori martvris, Speier 1878, rezensiert von Bursian.Jaliresb. f. kl. Phil. T5.3,104 f. (1878), von Pannenborg, Gott. gel. Anz. 1879 Bd. 1,633-640.von Nolte, Ztschr. f. östeir. Gymn.30,617—629; von Schönbach, Anz. f. deutsch. Alt. 6,169—172. Auszüge bei Fil. Ermini, Poeti epici latini del sec. X (fiom 1920) p.76—93.Hauptschrift: W. Harster, Walther von Speier. ein Bichter des 10. Jahrhunderts, Speier 1877;s. hierzu besonders K. Richter, Ber deutsche S. Christoph S. 1—34 in Acta Germanica,hrsg. von R. Henning und J. Hoffory, Bd. 5 Heft 1. — Ebert 3,333. Hauck 3, 325 f.Bresslau, Jahrb. d. Beutsch. Reichs unter Konrad IL, Bd. 1,465 f.
86. Gedicht auf Konstantin von Fleury.
Aus einigen Briefen Gerberts ist dessen begabter und gelehrter FreundKonstantin bekannt, der im 92. Stück (986) von ihm als Lehrer in Fleurybezeichnet wird. In einem andern Briefe aus demselben Jahre (N. 86) bitteter ihn, eine Anzahl Schriften Ciceros mitzunehmen, und anderwärts nennter ihn dulcissime frater. Er widmete ihm seinen Libellus de numerorumdivisione, da er ihn als tüchtigen Mathematiker kennt; dies Werk 5 ) kenntRicher von St. Remi und bezeichnet es als dem Grammatiker Konstantingewidmet. 6 ) Zu St. Remi aber hatte Konstantin selbst Beziehungen, er hatsich dort eine Zeitlang aufgehalten. Später wurde er durch Bischof Arnulfvon Orleans, den Freund Gerberts, dem Kloster St. Mesmin de Micy als Abt
1 ) Vgl. 1. 40. 42. 77. 145. 177. 186. 188.192. 193.
2 ) Vgl. 1,186. 192.
3 ) Vgl. 1,11. 144.
*) Bankenswert ist hier der reichlicheNachweis biblischer Stellen in der Prosa, ab-zuweisen aber ist die Kenntnis des Silius und
der Silven des Statius. Ich bemerke, daß6, 11 auf Beda de die iudicii 1 zurückgeht.
5 ) Gerbertioperaed. Ollerisp. 349; Gerb,op. mathem. ed. Bubnov p. 6 ff.
6 ) Richeri hist. libri IUI ed. Waitz p. 104(3, 54). Auch Wilhelm von Malmesbury er-wähnt die Schrift Gesta reg. Angl. 2,168.