Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
502
Einzelbild herunterladen
 

502 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

zeit Schatzmeisterin im Kloster Quedlinburg wurde und mit ihrem früherenLehrer in enger Verbindung blieb. Denn sie sandte ihm, nachdem er viel-leicht schon das Lehramt mit der bischöflichen Stellung in Speier ver-tauscht hatte, vor 980 ein Gedicht über den hl. Christophorus zu und batihn, ihr Werk der verbessernden Durchsicht zu unterziehen. Als er aberdaran gehen wollte, war das Gedicht durch die Unachtsamkeit des SpeiererBibliothekars verloren gegangen, und Balderich wünschte nun dafür Ersatzzu schaffen. Er wandte sich an seinen früheren Schüler Walther, damalsSubdiakonus zu Speier, der seine ganze Schulzeit unter Balderichs Lehramtzugebracht zu haben scheint und während dieser Zeit Hazecha kennen undverehren gelernt hatte. Balderich stellte nun um 982 an Walther die Bitte,das Leben des Christophorus in Poesie und Prosa zu behandeln, 1 ) undWalther kam diesem Wunsche nach. Er verfaßte wohl im Alter von acht-zehn Jahren das Gedicht und die Prosa angeblich in zwei Monaten 2 ) undwidmete sein Werk mit einem in äußerst schwülstiger und dunkler Sprachegeschriebenen Briefe dem Balderich, an den er aber außerdem noch einkurzes Gedicht voranstellte, wo er Balderich mit hohem Lobe bedachte unddie Städte Speier und Säkkingen Balderichs Geburtsort wegen einessolchen Patrons glücklich pries. Aber auch ein Gedicht an den Leser hatWalther vorausgeschickt, in dem er sich wegen der für seine Jugend fastzu großen Schwierigkeit in der übernommenen Aufgabe entschuldigt, wobeier in ziemlich langer und gesucht gelehrter Auseinandersetzung des Schick-sals von Regulus gedenkt und hier die Parther an die Stelle der Karthager(vielleicht nach Horaz Carm. 3,5) setzt. Dem Werke selbst, das Balderichin sechs Bücher teilte, hing Walther drei Verse an und bemerkt hier, daßer es beim Regierungsantritt Ottos III. also 983 geschrieben habe, fallsdiese drei Verse wirklich von Walther selbst stammen. Außer diesem poeti-schen Werk übersandte Walther an Balderich aber auch eine Bearbeitungder Legende in Prosa, und da beide Darstellungen in der Erzählung über-einstimmen, so hat ihm unzweifelhaft schon eine Bearbeitung des Lebensvon Christophorus vorgelegen, die er für beide Fassungen zugrunde legte. 3 )Auch der Prosabearbeitung, die er in 29 Kapitel einteilte, ließ er einenWidmungsbrief an Balderich vorausgehen, und während die eigentlicheErzählung in verhältnismäßig einfachem und ungeschmückten Stile ver-faßt ist, bietet der Brief durchaus die schon oben berührte überladeneund prunkvolle Schreibweise. Denn hier galt es aufs neue das Lob desBischofs zu singen und der vielfachen Verdienste desselben um den Ver-fasser zu gedenken.

Jedenfalls erregte das ganze Werk in den Walther nahestehenden Kreisennicht nur wegen des Stoffes, sondern auch wegen der zur Schau getragenen

') Prol. p. 105 (ed. Harster) iuxta Ma- | germanica 5, 1 S. 13) läßt die Angabe gelten.

ronis in versibtis disciplinam sive Ciceronis in 3 ) Vgl. hierüber die richtigen Auseinander-

prosa. Mehr wahrscheinlich aber ist das Vor Setzungen A. Schönbachs im Anzeiger f.

bild von Prosper, Sedulius und Aldhelm. dtsch. Altert. 6,158.159.165 gegenüber Har-

2 ) Ob das richtig ist, sei dahingestellt, ster, Walther von Speier, ein Dichter des

denn die Worte Prol. p. 107 (ed. Harster) X.Jahrhunderts (Speier 1877) S. 53; s. auch

quicquid in utroque scribendi geriere in- die Prosa c. 2 (p. 109 ed. Harster) Quod

volabam können auch nur auf die Exzerpieiung autem hunc de terra Chananaea oriundum

der Quellen bezogen werden. K.Richter (Acta , narrat historia.