Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
496
Einzelbild herunterladen
 

496

Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

Vita S. Romani metrica. Das Werk stellt ein Gedicht in 591 ge-reimten Hexametern dar und kann aus diesem Grunde unmöglich in ältereZeiten, besonders aber nicht in die Nähe der Lebenszeit des Heiligen hinauf-gerüekt werden, wie die Bollandisten wollen. 1 ) Die Taten des Heiligensind hier bereichert um die Darstellung vom Sturze der heidnischen Götter-bilder, von der Zerstörung des Heidentums und von der wunderbaren Wieder-gewinnung heiligen Öls nach dem Zerbrechen der Flasche. Aber auch dieSprache und der Ausdruck des Gedichts lassen die frühe Abfassung nichtzu, denn beides richtet sich nach den feststehenden Normen des 10. Jahr-hunderts. Die für gewisse Dinge in der poetischen Hagiographie typischenAusdrücke kehren hier getreulich wieder und sind ein deutliches Zeichenfür die spätere Abfassung. Die Erzählung ist oft in hohem Grade wort-reich und bedient sich häufig des seit Fortunatus in der Poesie beliebtenAsyndetons. Gerhard hat sich des öftern alttestamentlicher Anspielungenbedient, gleichsam um die Autorität seines Helden zu erhöhen. Besondersbreit wird seine Darstellung, wenn es gilt, die Künste und die Macht desTeufels auszumalen. Aber er hat sich auch in der alten Dichtung umgesehenund öfters von dorther Farben zur Ausschmückung entlehnt. 2 ) Wenn ernun Vs. 570 den hl. Audoenus als Nachfolger des ßomanus erwähnt undVs. 581 sagt, daß es ein Leben dieses Heiligen in Prosa und Poesie gebeund er daher dem Schlüsse zueile, so meint er mit der poetischen Vitawohl das vielleicht von Ansbert auf Audoenus verfaßte Gedicht, da dasmetrische Leben von Theodorich von St. Ouen ihm natürlich nicht bekanntsein konnte. Und aus diesem Schlußstücke geht hervor, daß Gerhard auchhier einen Zusatz zu dem alten Leben gab, denn in der prosaischen Vitawird Audoen nicht erwähnt. Sonst ist an dieser Versifizierung, die alsoganz im üblichen hagiographischen Stile gehalten ist, nichts Besondereshervorzuheben.

Zeugnisse. Gerhard nennt sich in der Widmung an Hugo (Migne 138,171A) Gerardusgratia dei venerabilis pater coenobitarum und da er später seine Nichte zu Soissons imMarienkloster erwähnt und seit dem 9. Jahrhundert das Medarduskloster in besonderer Ver-ehrung gegen den hl. Romanus stand (vgl. Mabillon, Vetera analecta p. 429), es aber zur ZeitErzbischofs Hugo II. von Rouen keinen Abt Gerhard dort gab, so hat Mabillon wohl richtiggeschlossen, daß Gerhard Propst oder Dekan in St. Medard gewesen ist. Es kann sich nurum Hugo IL handeln, denn in der Widmung steht (col. 171B) in Braina ergo potestatisvestrae loco, denn unter Hugo III. gehörte Braine-sur-Vesle (Depart. Aisne, Arrondiss. Soissons)den dortigen Grafen, vgl. Mabillon p. 429. Da nun Erzbischof Hugo II. von 942989regierte (Gallia Christiana 11,25), so wird der Verlust von Büchern dort mit dem EinfallRagenolds im Jahre 950 zusammentreffen, vgl. Flodoardi Annal. 950 (MG. SS. 3,400,10)Homines Iiagenolcli comltis qiiandam munitionem Bodomensis ecclesiae super fluvium Vidulamsitam quam vocant Brainam furtivo capiunt ingressu, kann also nicht auf die frühere Be-setzung durch Hugo bezogen werden (Flodoardi Annal. 931). Dagegen wird die Beunruhigungder Gegend durch den Feind, von der Gerhard spricht ob adversitatum videlicet incom-

') Acta SS. Octob. 10, 75 c. 5.

2 ) Mit 160 Stygiale profundum vgl. Verg.Cir. 374; 205 primuni repetens ab origineGeorg 4, 286; 257 priscae vestigia fraudisEcl. 4,31; 443 gelidus totos pavor occupatortus Aen. 7,446; 500 evanuit unibra perauras Aen. 4, 278; 589 Scillaeosque canesAen. 1. 200. 123 regina pecunia Horat. Ep. 1,6,37; 218 pleno ridet sibi copia cornu.~B.oi:

Ep. 1,12, 29. 174 lutulenta libido Prudent.Psych. 87. 43 rutilis ardens diadema berillisFortunati Carm. 8,3, 263. Seltene Worte sind277 archipolites und 479 contectalis (auch imRuodlieb), ob aus Glossen? Die Prosodie desGedichts ist äußerst fehlerhaft, besonders infast allen Fremdworten; auch hierin zeigtsich deutlich der Verfall, wie er in spätererZeit eintrat.