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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
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Gerhard von Soissons. 495

83. Gerhard von Soissons.

Gerhard war wahrscheinlich Dekan des Medardusklosters zu Soissonsin der Mitte des 10. Jahrhunderts. Er scheint 949 durch Erzbisehof Hugo II.von Rouen aufgefordert worden zu sein, ein Leben des hl. Romanus, desPatrons von Rouen, zu verfassen. Aber erst gegen Ende des Jahres 950kam er dazu, dessen Wunsch zu erfüllen. Er sandte nämlich seinem Gönnerdas Leben des Romanus in Prosa und in Poesie und schrieb ihm dazueinen Brief, worin er den Tatbestand auseinandersetzt. Der Inhalt diesesBriefes aber wird erst durch die Form jenes Gedichts verständlich. ImBriefe heißt es nämlich, daß er dem Wunsche Hugos erst jetzt nachkomme,da in diesem Jahre schwere Zeiten über seine Gegend eingebrochen seien.Jetzt aber sende er ihm ein altes Leben des Romanus in Versen, damit ererkenne, daß er ihm keinen Lügenbericht zuschicke. Das alte Leben inProsa behalte er wegen zu hohen Alters bei sich, doch sende er ihm einezeitgemäße Überarbeitung zu. In den Besitz dieses Prosalebens sei er aberdadurch gelangt, daß diese Schrift mit vielen anderen Büchern in Brainadas damals dem Erzbistum Rouen gehörte, verloren gegangen, aber vondem Auffinder an einen Kleriker aus Soissons verkauft worden sei. Dieserhabe sie seiner Gerhards Nichte geschenkt und von der Nichte habeer sie nach kurzer Zeit erhalten. Hugo möge aber dem Überbringer desWerkes dadurch Dank abstatten, daß er ihm Reliquien vom Leibe deshl. Romanus mitgebe, wie er ihm früher versprochen habe. Zugleich bitteer darum, daß er seinen Klerus sowie die Mönche des Audoenusklostersanweise, für ihn zu beten, da er sich in großer Schwäche befinde undtäglich seine letzte Stunde erwarte. Da nun im poetischen Leben des Romanusder Leoninus eine große Rolle spielt und die Verse sonst paarweise oderzu dritt durch einfachen oder zweisilbigen Endreim gebunden werden, so istnatürlich an hohes Alter des Gedichts nicht zu denken, sondern Gerhard hathöchst wahrscheinlich die alte Vita Romani stilistisch umgearbeitet undaußerdem die poetische selbst verfaßt; denn eine solche Ausdehnung nochdazu des zweisilbigen Reims gehört erst dem 10. Jahrhundert an. DieUnterschiebung des poetischen Lebens auf frühere Zeit sollte jedenfalls demGedicht höhere Autorität verleihen. Nun ist das von Gerhard an Hugo ge-sandte Leben in Prosa sehr kurz und wesentlich ärmer an Inhalt als dasGedicht, und man hat daher von seiten der Bollandisten vermutet, 1 ) daßes nur in verkürzter Gestalt vorliege. Ich glaube aber eher, daß Gerhardvielleicht nach Hörensagen die poetische Vita um einige Züge bereicherthat, denn er fürchtet nach dem Briefe an Hugo, dieser könne an Erdich-tung von seiner Seite glauben. Das Prosaleben beschränkt sich fast nurauf des Romanus Geburt, Jugendbildung, Bischofserhebung.Versuchung durchden Teufel in Gestalt eines frierenden Weibes und den Tod. Je weniger aberdarin erzählt wird, mit um so stärkerem Wortschwall wird der Leser über-gössen. So gleicht diese Schrift einem mageren, aber ungemein wortreichenExzerpt aus dem Leben in Versen.

') Acta SS. Octob. 10, 75 c. 4.