494 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
des Lehrers im Dienste der Küche. Völlig unbekannt dagegen ist derInhalt von Wipos verlornem satirischen Gedicht Gallinarius. Die Allegoriewird zunächst von Leo von Vercelli vertreten, der im Metrum Leonis dieUntreue der Italiener in einer kräftigen und humorvollen Allegorie vorAugen stellt, die mit einigen Tierfabeln durchsetzt ist. Warnerius von Baselgab in seinem Synodicus eine Nachahmung von Theoduls Ekloge, da hierSzenen aus dem Alten und Neuen Testament typologisch einander gegenüber-gestellt werden. Die bedeutendste Dichtung dieser Art aber schuf Eupo-lemius in seiner Messiade, wohl der ältesten unter ähnlichen Dichtungen.Sie stellt die Befreiung des jüdischen Volkes aus unglücklicher Gefangen-schaft dar und zwar wird sie zuerst durch Moses versucht und dann wirk-lich vollbracht durch den Messias, der sich dem Tode weiht; auch hierist Theodul reichlich benutzt.
Dieser geistlichen Poesie gegenüber steht die weltliche Dichtung, zuder freilich viele Brücken von der geistlichen Dichtung hinüberführen, dasie ja auch noch in den Händen des Klerus liegt. Zunächst sind hier Ge-dichte persönlichen Inhalts, Gelegenheitsgedichte, poetische Briefe u. dgl.zu nennen. So ein Ruhm- und Preisgedicht auf Konstantin von Fleury undein weiteres an einen Mönch Bovo, sowie das Huldigungsgedicht Gerhardsvon Seeon an Heinrich II. Besonders aber gehören hierher die vielenkleinen Poesien eines Froumund von Tegernsee, die allerhand Gelegenheits-gedichte, Begrüßungen, witzige Anreden und epigrammatische Gedichteenthalten und deutlich zeigen, wie beliebt diese Form geworden war. Ge-legenheitsgedichte haben sich ferner erhalten von Ademar von Chabannes.Einen wegen seines Inhalts berühmten Rhythmus schrieb Adelmann vonLüttich auf seine Mitschüler bei Fulbert in Chartres, und eine Menge Ge-dichte persönlichen Inhalts haben sich von Alphanus erhalten. Dann sinddie Dichtungen auf geschichtliche Ereignisse und hervorragende Männer,wie Fürsten und Bischöfe, sowie auf geistliche Stifter zu erwähnen. Attoverfaßte kurze Dichtungen auf Otto III. und Gregor V. und auf den Tod desKaisers und den Regierungsantritt Heinrichs IL, Purchard schrieb ein Ge-dicht auf das Kloster Reichenau zur Zeit des Abtes Witigowo; ein Mönchvon St. Bertin besang den Brand, der 1052 im Kloster ausgebrochen war,und die werktätige Hilfe des hl. Vincentius, Giselbeit von St. Amand be-schrieb in einein Gedichte das Brandunglück, das sein Kloster im Jahre 1066betroffen, Wipo dichtete ein Epos über den Slavenkrieg Konrads II. von 1033und 1035, das aber verloren ist. Gauz abseits aber steht Embrichos vonMainz Vita Machometi, ein Gedicht, in dem die im Abendland über Mohamedlaufenden Sagen gesammelt und vom christlichen Standpunkte aus beleuchtetwerden. — Die eigentlich weltliche Dichtung wird hingegen nur durchden Ruodlieb vertreten, den lateinischen Vorläufer des mittelalterlichenritterlichen Epos. Die Dichtung erzählt, obwohl sie von einem TegernseerMönch verfaßt ist, das Leben eines Ritters, wobei es gilt, zwölf Lehrender Lebensklugheit als wahr zu erproben.