Die Dichtung. 493
Weiter ist das Lehrgedicht zu erwähnen, das schon im späteren Alter-tum sehr beliebt war, im vorigen Zeitraum nur wenig geübt wurde, aberjetzt zu einem sehr häufigen Ausdrucksmittel der Poesie wurde. Vielfachhat es dogmatischen oder moralischen Inhalt, auch will es pädagogischwirken und zuweilen bemächtigt es sich volkstümlicher Stoffe; auf derandern Seite aber bewegt es sich im Gebiet der freien Künste und willhier sachlich belehrend auftreten. Mit dem Lehrgedicht in Verbindung stehtdie Satire und die Allegorie und diese beiden Dichtarten sind wie das Lehr-gedicht in mehreren sehr bedeutenden Werken vertreten. Odo von Clunischrieb seine moralisch-dogmatische Occupatio in sieben Büchern. Der IreIsrael, der Lehrer Brunos von Köln, verfaßte ein Gedicht De arte metricasuper nomen et verbum. Egbert von Lüttich schrieb ein Lehrgedicht vonSprüchen und Sentenzen Fecunda ratis. Fulbert von Chartres dichtete Dedivisione librae et partibus eius und über den Komputus. Odo von Meungverfaßte ein umfängliches botanisch-medizinisches Gedicht De viribus her-barum. Manfred von Magdeburg gab ein komputistisches Gedicht heraus.Wipo verfaßte zur Belehrung des jungen Heinrich III. den Tetralogus undseine Proverbia. Ekkehart IV. von St. Gallen dichtete für die verschiedenstenGelegenheiten im Kloster seine Benedictiones. Der französische KlerikerArnulf richtete an Heinrich III. eine große Spruchsammlung Deliciae cleri.Der Abt Williram von Ebersberg brachte das Hohelied Salomonis nichtnur ins Deutsche, sondern auch in ein hexametrisches Gedicht, in das vieleErklärungen und Erweiterungen eingefügt sind, und in ähnlicher Art dichteteHeinrich von Augsburg über den Schöpfungsbericht in seinem PlanctusEvae. 1 ) Hermann von Reichenau verfaßte ein größeres Lehrgedicht überdie acht Hauptsünden in einem von der Antike reichlich durchsetzten alle-gorischen Rahmen und hat vielleicht noch ein zweites Conflictus ovis etlini geschrieben, das über die Zubereitung der Wolle und des Leinens undüber deren Bedeutung für die christliche Welt handelt. In seinem GedichtDe doctrina spirituali wollte Otloh den Leser auf die Vorstufe christlicherErkenntnis heben und durch seine Proverbia wollte er Avian und CatosDistichen für den Unterricht entbehrlich machen. Für die satirische Dich-tung kommt das Gedicht Adalberts von Laon an König Robert zuerst inBetracht, das eine scharfe Satire auf die Cluniacenserreform vom Stand-punkt des Kirchenfürsten aus enthält. 2 ) Fast völlig in den Geist von Horazist Amarcius eingedrungen, der in seinen vier Büchern Sermones die frivolenSitten der weltlichen Großen, die Habsucht der Geistlichkeit und die Lasterder Menschen überhaupt geißelt und sich dabei auch gegen die fremdenAbenteurer am deutschen Hofe wendet. Das Gedicht des Winrich beklagtdie Verweltlichung des Trierer Klerus und geißelt namentlich die Verwendung
*) Nach den Angaben der Hist. litt. 7,229 | beißende Satire, die im Paris. 8121A erhaltendiehtetelsraelvonLimogesfvgl.hierzuLabbe, und von H. Omont (Annuaire Bulletin de laBibl. nova mscr. 2, 569 und Gallia christiana2,551) zu Anfang des 11. Jahrhunderts einCarmen de vita Christi in der Volkssprache,also französisch.
ä ) Warnerius von St. Ouen richtete gegenseinen Widersacher Moriuht eine scharfe und
Soc. d'hist. de France Bd. 31; mir leider nichtzugänglich) gedruckt ist. Dort und in Paris.8319 ein anderes Gedicht an Erzbischof Robertvon Rouen (ungedruckt). Vgl. Wattenbach1,471 n.3.