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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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474 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

gangs beraubt sei, und es komme ihm vor, als lebe er jetzt in einer Einöde-es fehle ihm allerdings nicht an reichlichem Umgang und an Schülernaber er habe niemand, in dessen Schoß er Haupt und Geist so weich nieder-legen könne. Und er würde, wenn es die Umstände zuließen, Gott un-aufhörlich darum bitten, ihm den alten Verkehr mit ihm zu gewähren.Wohl schenke ihm das goldene Mainz, das Haupt des Reiches, von seinemÜberfluß und habe ihn in seinem erlauchten Senate auf den kurdischenStuhl erhoben, 1 ) aber vor allen Winkeln der Erde lache ihn doch das mütter-liche Lüttich an, 2 ) dessen Lage darauf kurz beschrieben wird, wie Gozechinauch der Maas ein längeres Loblied singt, deren Überschwemmungen erfreilich in einer sehr gezierten und gekünstelten Darstellung 3 ) lebhaftbedauert, wobei er hinzufügt, daß der Strom zu solchen Zeiten ihm undseinen Dienern feindselig genug entgegengetreten sei. Und Lüttich, dieBlüte Galliens, das zweite Athen, stehe in den Geisteswissenschaften sohoch, daß es von der Akademie Piatos und vom Rom Leos nichts bedürfe.Wer Lüttich schmähe und es nicht liebe, den möge, volkstümlich aus-gedrückt, Gottes Zorn treffen. 4 ) Daher seien alle seine Wünsche nach Lüttichgerichtet, und während er anderwärts wohne, sei er im Geiste stets beiihm. Und Walcher möge ihn nicht des Leichtsinns zeihen, daß er so spreche,während er doch Mainz gewählt und Lüttich den Scheidebrief gegebenhabe und in Lüttich nach Mainz seufze und, in Mainz reich geworden, imGeiste nach Lüttich zurückschweife. Diesem Vorwurf begegnet er mit denHorazversen Ep. 1, 11,27 und 1,14,13. Während nun der ganze erste Teildes Briefes, wie man sieht, sich mit den Beteuerungen lauterster Freund-schaft für Walcher und mit der Entkräftung von dessen Vorwürfen be-schäftigt und zwar in einer stark rhetorisch gehaltenen Weise, so daß mansich bei seiner Apologetik den Kunststückchen eines alten Rhetors gegen-über sieht, enthält der folgende Teil eine lange Auseinandersetzung überden Horazvers Ep. 1,11,27. Gozechin bekennt sich zu dem Grundsatze,daß der Weise alle Lebensbeziehungen nach den Umständen ermessen müsseund nicht die Gleichgültigkeit eines Diogenes zur Schau tragen dürfe undgibt dann unter Benutzung von Hör. Carm. 1, 7, 21 ff. einen Auszug aus Cic.Tusc. 5,107.108. Von den alten vaterlandslosen Philosophen kommt er aufdie Apostel zu sprechen, die auch kein Vaterland gekannt hätten, und erzieht allerhand Abliegendes wie Sterne und Vögel in seine Beweisführung.Schließlich weist er Walcher mit seinem Horaz zurück und verweist ihnauf den Psalter: Excute ergo de manibus cum caelo tuo Flaccum et psalteriumarripe mecum; doch ist er fortwährend auf Einwände gefaßt, indem erselbst solche fingiert und mit rhetorischer Geschicklichkeit abweist. Dabeisticht er sogar ein Wort des alten stoischen Philosophen Musonius auf:Ammum remitiere amittere est, sucht aber den heidnischen Eindruck alsbald

') Bezieht sich nach Holder-Egger auf 4 ) p.439 sapientem oportet omnes vitae

seine Stellung als Domherr.

2 ) MitdenWortenvonHorazCaim.2,6,13f.

3 ) Er sagt hierbei (Mabil Ion ,Vetera ana-lecta p. 438) ut venia tua satyrice licet sinemetro ludam. Ib. p. 439 ut rustice loquar,habeat dei odium.

rationes pro loco et tempore metiri nee iuxtalevieulum (Cic. Tusc. 5, 103) Diogenem omniain medio haberi. Vorher steht wieder eineStelle aus Horaz ut obliti quid deceat quidnon Itacensis Vlixei vitiosum fiamus remigium= Ep. 1,6, 62 f.