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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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Bernhard von Angers. 461

74, Bernhard von Angers.

Bernhard stammte vielleicht aus Anjou und wurde Schüler des berühm-ten Pulbert in Chaitres. Wenigstens hat er sich dort lange Zeit aufgehaltenund näheren Verkehr mit Fulbert gehabt. In dieser Zeit begab er sich öfterszu einer nahe gelegenen Kapelle der hl. Fides, deren Leib im Kloster zuConques ruhte, und sprach auch mit Fulbert über die beinahe unglaublichenWunder, die die Heilige wirkte. Schließlich faßte er den Plan, selbst nachConques zu gehen. Aber er mußte die Reise aufschieben, da ihn der Bi-schof von Angers bat, zu ihm überzusiedeln; wahrscheinlich sollte er dieSchule in Angers leiten, nachdem er den Unterricht Fulberts so lange ge-nossen hatte. Sein Aufenthalt in Angers währte fast drei Jahre und gewährteihm, wenn man seinen Worten glauben darf, keinerlei Befriedigung. Endlichriß er sich gewaltsam los und ging nach Conques, wo er auf seine Fragenmit einer Flut von Wundern der hl. Fides überschüttet wurde. Da er selbsteinen Menschen, dem das Augenlicht durch eine Gewalttat geraubt wordenwar und der es durch die Heilige wiedergewonnen, kennen gelernt hatte,so nahm er diese Tatsache als Ausgangspunkt für die Wundererzählung,die er mit einer schwülstig breiten Vorrede dem Fulbert widmete. Jeneerste Erzählung l ) schmückt Bernhard in einer geradezu außerordentlichenWeise aus die Augen des Unglücklichen werden von einer Taube odereiner Elster nach Conques gebracht, so daß sie sich wie eine stellen-weise hübsch ausgedachte Novelle liest, bei der die Phantasie stark beteiligtist. Ähnlich phantasievoll ist das zweite Wunder, das die Heilige an einem Maul-tier verrichtete! Das Tier war schon getötet und es waren Schnitte inseine Haut gemacht, aber mit Hilfe der Heiligen wurde es zum Lebenerweckt. Bezeichnend ist die Nutzanwendung, die Bernhard daran knüpft:Wer wagt es nun noch, an der künftigen Wiederauferstehung der Menschenzu zweifeln, da doch sogar jetzt schon Tiere auferstehen?" Aber auch dieweiteren Abschnitte lassen erkennen, daß Bernhard ein nicht gewöhnlichesErzählertalent besaß. Er mag sich im allgemeinen, wie er auch öfters selbstangibt, 2 ) auf mündlichen Bericht der durch die Wunder Begnadeten ver-lassen haben, aber seine Erzählungen sind doch so gehalten, daß man un-streitig eigne Ausschmückung annehmen muß. Die Wunderberichte sindnämlich merkwürdig ausführlich gegeben und gehen in alle möglichen Einzel-heiten ein, sie spinnen die ursprüngliche Erzählung stets in eine kleineNovelle aus. Um die Lebendigkeit der Darstellung zu erhöhen, greift Bern-hard auch zuweilen zu Versen, wie in c. 18, wo er Distichen und Hexameter mitAnlehnung an Vergilstellen 3 ) bringt. Viele von den Wundern mögen frühererZeit entstammen, doch wird N. 20 als aus der Jetztzeit angeführt und in N. 19

') c 1 (Migne 141,133C) gladiatorio . ..<inimo aus Terenz Phorm. 964; 134 A cernerefontinuo niveam meruere columbam ist Hexa-meter, wie c. 5 (col. 139C) Sancta Fides egosunt, noli dubitare virago. Juvenal wird be-nutzt c. 12 (146 C) pensilis pluma Sardana-palUm fovit: Sat. 10.362.

*) Vgl. c.5 col. 139B, 10 col. 142 D; 12 col.

148D läßt auf Bericht von Seiten des Kleruszu Conques schließen, c 21 (col 162C) wirdals Berichterstatter.für eine Bruchheilung derAbt Rodbert von Chanteuil angeführt.

3 ) c. 18 col. 155 D Vs. 9 Credofides Aen.4,12; 11 measola voluptas Aen.8.581; 15 si...questibus idlis Flecteris Aen. 2, 689.