460 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
lieh die ganze Erzählung macht einen wenig vertrauenswürdigen Eindruckund somit der Mainzer Schriftstellern keine Ehre. Gleich die erste Aussage,daß Pippin der Bruder Karl Martells gewesen sei, ist falsch, und wenn inKap. 8 Bonifatius dem Papst Stephan III. wegen der Weihe des MetzerBischofs Chrodegang entgegentritt und König Pippin beide versöhnt, so istdas ebenfalls ganz ungeschichtlich. 1 ) Nach diesen und ähnlichen Verstößendürfte es schwer sein, an die Wahrheit irgendeiner Nachricht zu glauben,die der Verfasser ohne sonstige Beglaubigung vorbringt. Das kleine Buchbeginnt mit einer fabelhaften Darstellung über die Bischöfe Gerold undGewelib von Mainz und über die Kämpfe zwischen Sachsen und Thüringernzur Zeit Karl Martells. Gewelib verfällt in geistliche Strafe von Seiten desBonifatius für die Tötung seines Vaters, und von dieser Zeit an ist BonifazBischof von Mainz. Man hört dann von der Bezwingung eines Ketzers durchden Heiligen und von Frauenklöstern und Bistümern, die der Heilige an-legte. Es folgen Wunder und Prophezeiungen, die. Einsetzung Luis als'Nachfolger, der Streit mit Papst Stephan und der Tod des Heiligen. Dannerzählt der Verfasser von Wundern, die sich an seinem Grabe zutrugenund von der Übertragung seines Leibes nach Fulda und berichtet über dieAbfassung des alten Lebens durch Willibald in St. Victor sowie, nach einemweiteren Wunder, über die Begründung eines Kanonikerstiftes zu St. Victordurch Willigis. Mit der Weihe der neuen Kirche des Stiftes und einemkaiserlichen Gnadenakte Ottos III. schließt die kleine Schrift, die auch hin-sichtlich der Form recht tief steht. Denn erstens ist der Stoff mehr zufälligzusammengestellt als fest disponiert, und dann ist die Schreibweise sehrunvollkommen und erinnert viel mehr an das 8. als an das 11. Jahrhundert.Der Verfasser hat sein Latein recht schlecht gelernt, er kennt oft nichtdie wirkliche Bedeutung der Worte und die richtige Wortstellung im Satzebleibt ihm vielfach verborgen. Jedenfalls machte der Klerus des 11. Jahr-hunderts an eine hagiographische Schrift größere Ansprüche, als sie hierirgendwie erfüllt werden.
Zeugnisse. Die Abfassung der Schrift erfolgte wohl nicht lange nach Willigis'Tode(1011), da es c. 12 (p. 105, 10 ed Levison) von ihm heißt Willigisus autem beatae memoriae■pater, da die Schrift mit einem Datum von 997 schließt und in Otlohs Vita Bonifatii (10B6)benutzt ist. Den Ort der Abfassung ergibt mit großer Wahrscheinlichkeit die ausführlicheDarstellung über das Stift von St. Victor c. 13 p. 104 f., vgl. Levison p. LIX. Zu den Quellenvgl. Levison p. LX und die Noten zu seiner Ausgabe, zum Titel vgl. dort p 90, zur Be-urteilung p. LIX f. Zur ersten Aussage (Titel und) c. 1 p. 90, 8 Karoli qui senior dicitur etPippini fratris eins. Zum Streit mit dem Papst c. 8 p. 100, 1 Bonifatius in faciem ei restitit etc.Zu den vielfachen Fehlern vgl. Levison p. LIX und in den Noten. Besondere Sprachfoimensind p. 93, 19 tortitudo (haeretica), p. 101, 5 semicalciatus und p. 104, 9 vulgarice. Merkwüidigist das Wort des Bonifatius, daß der Papst seinen Sitz nicht verlassen und die GrenzenRoms nicht überschreiten dürfe c. 8 p. 100, 2 ei non Heere suam sedem de'relinquere et ter-niinos patrum transgredi — mindestens für das 8. Jahrhundert.
Ueberlief eruug. Benutzt ist die Schrift durch Otloh (Levison p. LTX n. 2), viel-leicht von Lampert von Hersfeld 4 ) und ausgeschrieben vom Verfasser einer späten FulderKompilation, vgl. Levison p. LXXXI f. Handschriften: Trevir. civ. 1151 s. X11I f. 160 (ausSt. Maximin); Mus. Brit. Addit. Nr. 36737 s. XIII f. 122 (aus Himmelrode). Ausgaben vonPertz, MG. SS. 2, 353, von Jaffe, Bibl. rer. Germanicarum 3.471—482 und besonders vonW. Levison, Vitae s. Bonifatii archiep. Moguntini p. 90—106. Vgl. Wattenbach 2, 111 undLevison a. a. O. p. LVIII—LX1I.
') Vgl.hierzu die Bemerkung bei W. Le vi son, Vitae s. Bonifatii (Hannover 1905) p.LX n.5.2 ) Vgl. Levison p. LXI und n. 1.