Wulstan von Winchester. 443
Malmesbury richtig ist, das Amt eines Kantors oder Vorsängers. Und dasist nicht unwahrscheinlich, wenn man die literarischen Produktionen desMannes bedenkt, die sämtlich mit seinem Aufenthalt im Swithunkloster undmit jener Stellung zusammenhängen. In dem Prolog zu seinem Leben deshl. Swithun, der an Älfheah (Elfeg) gerichtet ist, heißt es Vs. 12 UltimusAnglorum servulus hymnicimtm. 1 ) Es ist nun Cl. Blume geglückt, vier Hym-nen zu entdecken, die höchstwahrscheinlich von Wulstan verfaßt sind. Allevier zeigen die gleiche Form, nämlich den epanaleptischen Abecedarius von23 Distichen mit vier Distichen als Nachwort, wobei die Hexameter meistleoninisch gereimt oder assoniert sind. Der erste Hymnus ist ein Lob- undBittgedicht auf den hl. Ethelwold ohne jeden persönlichen Inhalt, der zweiteerzählt die Herkunft und die Mission des Bischofs Birinus von Dorchesterund ist sonst lediglich paränetisch; das dritte Gedicht geht auf den hl. Swi-thun, an den Lob und Bitten ohne jede persönliche Anspielung gerichtetwerden. Allen drei Gedichten eigen ist ein gewisser Glanz der Diktion, dersich ganz im Stile der Lobgedichte Fortunats auf Geistliche hält. Und auchdas vierte Gedicht wendet sich an Swithun und ist bei stai-k aufgetragenemLobe völlig inhaltslos. Von diesen Hymnen sind übrigens drei durch Or-dericus von Atcham (Vitalis) überarbeitet worden, wie Cl. Blume nach-gewiesen hat, denn sie stehen hinter den Texten Wulstans in einer Hand-schrift, die das Autograph jenes berühmten Geschichtschreibers darstellt.Ist nun aber Wulstan als Hymnendichter erwiesen, so könnte er auch ein-zelne Tropen in den beiden Winchester Tropers zu Oxford und Cambridgeverfaßt haben, besonders die Sequenzen auf Ethelwold (Analecta Hymnica40 N. 204 f.), auf Birinus (N. 171), auf Swithun (Anal. Hymn. 37 N. 306und 40 N. 337) und auf Birin und Swithun (Anal. Hymn. 37 N. 153). Zudieser Tätigkeit als Kantor und als Hymnendichter würde es stimmen, daßWulstan eine Schrift über die Harmonie der Töne verfaßt hätte, wie Wil-helm von Malmesbury berichtet; dieses Werk, setzt er hinzu, sei sehr nütz-lich und verrate einen Angelsachsen von hoher Bildung als Verfasser.
Jedenfalls verfaßte Wulstan das Leben seines Lehrers Ethelwold. Erknüpft im Vorwort zu dieser Schrift an Christus an, der nach seiner Er-höhung in den Himmel eine Menge Missionare ausgesendet habe, unterdie auch Ethelwold gehöre, über dessen Geburt, Leben und Tod er einigeszu schreiben gedenke, nämlich was er mit eignen Augen gesehen und waser von glaubwürdigen alten Leuten gehört habe. Die Schrift selbst beginntmit einem bei Heiligenleben häufig erzählten visionären Traume, den dieMutter des Heiligen vor der Geburt des Sohnes angeblich hatte, und mitdessen weitschweifiger mystischer Auslegung durch den Verfasser, wobei Isidorfür die Etymologie von aquila benutzt wird. Über die Jugend des Hei-ligen wird sehr schnell hinweggegangen, doch wird sein Fleiß in kirchlicherWissenschaft rühmend hervorgehoben und erzählt, daß er ins Frankenreichhabe reisen wollen, 2 ) um seine kirchliche und mönchische Ausbildung zuvervollkommnen. Auf die künftige hohe Geltung des Mannes weist aberschon ein Wunder hin, das sich in seiner ersten Kinderzeit zutrug, 3 ) sowie
M Migne 137,107. I marinas adire partes.
2 J Kap.lO(Mignel37,88B decrevit ultra- \ 3 ) Kap. 5 col.85D.