434 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
Moutier-la-Celle, dessen Abt Odo ihn hierzu aufgefordert hatte. Adso leitetdies Leben mit 27 Distichen ein, in denen er eine gedrängte Übersicht desInhalts der Vita gibt; 1 ) die Verse sind übrigens gut gebaut und zeugen vonsorgfältiger prosodischer Schulung. Das Leben selbst erzählt die Taten desHeiligen, berichtet ausführlich über die Wunder nach seinem Tode 2 ) undschließt mit den Feierlichkeiten der Erhebung. Übrigens ist die ArbeitAdsos im wesentlichen stilistisch, denn einem so ausführlichen Bericht mußteeine geschriebene Vorlage zugrunde liegen. Daß es eine solche gab — undman hat sie ihm sicher zugesandt —, sagt Adso selbst im 26. Kapitel, woer von Prudentius von Troyes berichtet: „Nämlich das Leben des Heiligenhatte er weder gelesen, noch überhaupt bis dahin etwas darüber erfahren."So hat er also die jedenfalls barbarisch geschriebene alte Vita nur neu be-arbeitet und am Ende mit einigen Zusätzen versehen, und zwar in einemeinfachen Stile.
Auf den Wunsch des Bischofs Gerhard von Toul übernahm dann Adsodie Darstellung vom Leben und den Wundern des hl. Mansuetus, der derÜberlieferung nach durch Petrus nach Gallien geschickt worden war und inToul das Christentum begründet hatte. Die Schrift, die nach dem letztenKapitel später als 974 fällt, ist wichtiger als die vorhergehende, da sichliterarische Fragen an sie knüpfen. Zunächst nämlich hat es nach demVorwort 3 ) an Gerhard den Anschein, als ob Adso keine Hilfsmittel zu Ge-bote gestanden hätten, was bei einem so ausführlichen Leben natürlichunmöglich ist; und Adso räumt die geschriebene Vorlage im Kap. 11 auchohne weiteres ein, wenn er sagt, daß der wißbegierige Leser sich über dieTätigkeit des Heiligen leicht in dessen vor sehr langer Zeit geschriebenen„Gesta" unterrichten könne. So hat es also früher alte „Gesta Mansueti"gegeben, die wohl infolge der besser stilisierten und bis in die Gegenwartfortgeführten Arbeit Adsos verloren gingen. Wichtiger aber ist eine andreFrage. Adso erzählt Dämlich Kap. 14, daß nach dem Tode des MansuetusAmon dessen Nachfolger geworden sei, sicut in gestis praecedentium Leu-corum urbis antistitum invenitür; und die Benutzung desselben Werkesscheint sich Kap. 15, am Anfang von Kap. 16 und ebenso am Ende von 19und Anfang 20 zu ergeben, wo Adso von den Bischöfen Drogo. Gauzlinund Gerhard erzählt. Unsere heutigen Gesta episcoporum Tullensium 4 ) sindaber erst am Anfang des 12. Jahrhunderts verfaßt worden 5 ) und die dortüber Mansuetus (Kap. 2 p. 632 f.) und Amon (c.3 p. 633, 33—36) gegebenenBerichte scheinen durchaus mit Benutzung von Adso geschrieben zu sein.Und es ist nicht anzunehmen, daß Adso Kap. 14 etwa eine spätere Inter-polation aus den heutigen Ges*ta darstellt, da diese viel weniger bieten alsAdso. Diese Schwierigkeit, die Waitz bei seiner Ausgabe entgangen ist,läßt sich auf folgende Weise lösen. Zur Zeit Adsos hat es ein Werk Gestaepiscoporum Tullensium gegeben, das jetzt verloren ist, aber von Adso und
') Sie sind in der gewohnten Weise über- : 3 ) Migne 137,619B quia sicut decursis
trieben paränetisch. j spatiis temporum obscura est notitia prae-
2 ) Kap 26 (Migne 137, 613 CD) Bericht ' terilorum.
über die von Prudentius von Troyes "gebaute *) Hrsg. von Waitz, MG. SS.8,631— 648.
neue Kirche zu Ehren des Heiligen. •■) Vgl. Wattenbach 2,128f.