Liber de virtutibus s. Eugenii. — Berners Vita et translatio Hunegundis. 417
wohl viel von dem, was er erzählt, selbst gesehen, er bedient sich aberauch mehrerer Zeugen für seinen Bericht. Fast die Hälfte der ganzen Dar-stellung nimmt die Übertragung des Heiligen ein, dann erst beginnen dieWunder, die sich besonders häufig auf das Heilen von Erblindung beziehen;hierbei werden Ereignisse aus neuester Zeit erzählt und Personen angeführt,die noch am Leben waren, wie in Kap. 25 der Presbyter Engeramnus. Zu-weilen setzt der Verfasser seinen Berichten kleine predigtähnliche Stückehinzu, 1 ) wie er auch sonst Einschiebungen macht, wie in Kap. 20 über diehohe Wichtigkeit der Priester und Kap. 23 über die mystische Bedeutungeines zu Brogne gegrabenen Brunnens. 2 ) Übrigens sagt er, daß er vieleWunder nicht dargestellt habe, um beim Leser keinen Widerwillen zu er-wecken. Der Bericht hat sein Ende mit Kap. 33 gefunden, wo am Schlußdie hierfür übliche doxologische Phrase gebraucht wird. 3 ) Aber der Ver-fasser hat später und zwar frühestens 937 ein weiteres Kapitel angehängtund in Kap. 35 liest man eine Art von neuem Prolog, der wegen seinesausgesuchten Wortreichtums schwer verständlich ist und die Einführungdes in den beiden Schlußkapiteln erzählten Wunders bildet, deren letztesnicht vollständig überliefert ist. Benutzt wurde die Schrift im 11. Jahr-hundert 4 ) von dem Verfasser der in Brogne geschriebenen Überarbeitungdes Lebens des hl. Gerhard von Brogne.
Zeugnisse. Zur Uebertragung nach Brogne vgl. c. 1—7 (Anal. Bolland. 3. 30—34).Auftrag zur Abfassung in der Widmung Anal. Boll. 3, 29, 3 Cum plures vestra habectt pa-ternüas diclascalos, o amplectende'abbas Gerarde, quibus valetis imperare . .. opera . . . (30, 6lIubetis ergo egregii martyris Eugenii stilo compreliendere ... coelica facta. Daß der Ver-fasser früher in Brogne weilte, ergibt sich aus c. 10 p. 37, 10 nos illud vidimus in refectorioeiusdem coenobii und aus der Widmung p. 30, 7 quae gessit penes vestrum locum coelica facta.Zur Autopsie vgl. c. 10 p. 37, 10 ff., zur Benutzung mündlicher Quellen 1 p. 31, 19 ff. und 12p. 38, 26 ff. Er hat angeblich nicht alles dargestellt, vgl. 27 p. 49, 14 Multa equidem suntmiracula, quae ob fastidium lectoris non habentur scripta. Der Stil entspricht ganz demhagiographischen Wortveichtum und die Sprache zeigt stellenweise die Reimprosa. Die Sprachezeichnet sich aber durch ungewöhnlich viel seltene Wörter aus, von denen ich notiere c. 4p. 33, 3 capicerius, 5 p. 33, 30 und 32 p. 53, 5 crociaf) 15 p. 40, 1 bronia, e ) 16 p. 40, 20comcdo lupus (vgl. Priscian 4,2,7), 18 p. 42, 1 titio. 26 p. 49, 6 ossella (von os, ossis), 29p. 50, 32 androna, 34 p. 55, 10 ex cacumine falisiae. Ueberlieferung: Bruxell. 1821 — 1827s. X (aus Stablo) und 8942 s. XVII. Ausgabe: Analecta Bollandiana 3, 29—57: Exzerptevon L. v. Heinemann, MG. SS. 15, 646 — 652. Vgl. im allgemeinen W. Schultze. Forsch,z. deutsch. Gesch. 25, 268—271 und L. v. Heinemann, MG. SS. 15, 646; Anal. Bolland. 3, 29.
62. Berners Vita et translatio Hunegundis.
Berner war Mönch zu St. Remi in Reims und wurde. Abt zu Hum-blieres in Vermandois. Hier war am Ende des 7. Jahrhunderts die hl. Hune-gundis gestorben, die Begründerin des Klosters. Sie war in ihrer Jugendmit einem vornehmen jungen Manne namens Eudaldus verlobt worden,widersetzte sich aber der Verbindung und reiste schließlich mit dem Bräuti-gam nach Rom, wo sie sich an den Papst wandte, ihm ihre Geschichte
') Vgl. besonders c. 30 (Analecta Bollan- ' durch die übliche Phrase sichergestellt wird.
diana 3, 51,14 ff).
2 ) Vgl. Anal. Bolland. 3. 43. 12-21 undp. 45 f.
3 ) W. Schultze, Forschungen z. deutsch.Gesch. 25,268 läßt das Ende schon mit p. 54,4(laetitia) eintreten, statt mit p. 54,19. wo es
) Außerdem im 13. Jahrhundert von Aegi-dius von Orval, vgl. MG. SS. 25,51 f.
5 ) c. 32 pandis fustibus quos rustice crociasvocamus.
6 ) c. 15 Bronia enim est lorica, quae estvestis ferrea.
Mnnitins, Lateinische Literatur des Mittelalters. TL 27