416 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
eine Schrift De virtutibus s. Eugenii, Eugenius' I. von Toledo. Ein Mönchin Corbie überarbeitete und verkürzte Radberts Leben des hl. Adalhard undversah es mit Wundern. Die Übertragung des hl. Epiphanius nach Hildesheimverfaßte Thangmar und die angebliche Übertragung des hl. Dionysius nachRegensburg stellte Otloh dar.
Im Kloster Gorze wurden um 965 die Miracula Gorgonii beschrieben.Sigehard, Mönch in St. Maximin zu Trier, gab ein zweites Buch von Wunderndes hl. Maximin heraus. Letald von St. Mesmin zu Micy verfaßte ein Werküber die Wunder des Stifters, des hl. Maximin, mit dem er eine Geschichtedes Klosters verband. Ein Hornbacher Mönch stellte um 1012 die Wunderdes hl. Pirminius dar. Bernhard von Angers widmete dem Bischof Fulbertvon Chartres die von ihm verfaßten Miracula Fidis. Gonzo, der spätere Abtvon Florennes, stellte die Wunder des hl. Gengulf zusammen und in Fleurywurden die Wunder des hl. Benedikt durch Aimoin und Andreas beschrieben.
Man kann nun nicht behaupten, daß man sich einem erquicklichenStoffe nähert. Leidet doch die hagiographische Literatur nicht nur meistan einer nicht wegzuleugnenden inneren Unwahrscheinlichkeit sondern auchzugleich an einer übergroßen Breite. Besonders die erstere wird aber vonder volkstümlichen Art der Darstellung in gewisser Weise überdeckt, undwir möchten doch diese Darstellungen nicht missen. Denn mehr als sonstin der mittelalterlichen Literatur offenbaren sich in ihnen eine Menge Zügeaus dem Volksleben und auf diese Weise erhalten sie öfters einen nichtgeringen kulturhistorischen Wert. Mit der Selbständigkeit bezüglich derDarstellung steht es freilich oft schlimm genug, denn mehr als sonst kopierthier ein Autor den andern; namentlich schimmern Vorbilder wie SulpiciusSeverus' Schriften über den hl. Martin aus vielen dieser Darstellungendeutlich hervor. Außerdem zeigt sich in diesen Erdichtungen, die haupt-sächlich für die Erbauung bestimmt waren, ein mehr als naiver Ton, unddie einzelnen Erzählungen in ihnen bewegen sich oft im Gebiete der Hell-seherei und vergleichen sich mit den heutigen Wundern des Spiritismus.
61. Liber de virtutibus s. Eugenii.
Im Jahre 914 gelangten die Überreste des hl. Eugenius (I.) von Toledovon St. Denis in das vor kurzem gegründete Kloster Brogne bei Namur,wo Gerhard als erster Abt waltete. Der Heilige verrichtete dort vieleWunder, und schließlich bat Gerhard anscheinend einen früheren Lehrerseines Klosters, der aber nicht mehr in Brogne weilte, einen Bericht vonder Übertragung des Heiligen und von seinen Wundern zusammenzustellen.Das geschah erst nach dem Jahre 928 J ) und W. Schultze hat aus derErwähnung des Ungarneinfalls nach Lothringen in Kap. 34 geschlossen, 2 )daß die Schrift zwischen 935 und 937 verfaßt ist; daß aber Lietald, derspätere Abt von Tin und Mouzon, ihr Verfasser war, wie Schultze auseiner Stelle der Vita Gerhardi erschließen zu können glaubte, ist durchL. v. Heinemann als unrichtig abgelehnt worden. 3 ) Der Verfasser hat
') Vgl. MG. SS. 15,650 n. 11. I 3 ) MG. SS. 15,646 n.5.
'-) Forschungen z. deutsch. Gesch. 25,269 ff.