238 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
fremden Versen ausschmückte. Das gleiche Verfahren hat er dann bei einergroßen Anzahl der einzelnen Kapitel angewendet und sie mit Heiricversengeschlossen. Und wenn man dann von der schon erwähnten Erweiterungim Anfang des ersten Buches absieht, so decken sich beide Werke fastganz und gar, nur daß zuweilen ein Wort ausgelassen oder hinzugesetztoder ein Ausdruck verändert ist.
3. Aber auch des Majolus Nachfolger Odilo hat eine Biographie seinesVorgängers geschrieben und zwar ging er erst im Jahre 1033 ans Werk,als er sich zu Romainmoutier aufhielt und eine schlaflos verbrachte Nachtihm seinen Vorgänger deutlich in Erinnerung brachte. Gewidmet hat Odiloseine'Schrift dem Hugo, vermutlich seinem Nachfolger in der Abtswürde,und dem Mönch Almannus, der auch im Planctus des Jotsald erwähntwird; 1 ) am Ende der Vorrede scheint er freilich seine Schrift an die Mönchevon Cluni überhaupt zu richten. Odilo hat den Majolus erst in dessen Alterkennen lernen können und er mußte sich daher in seiner Biographie anVorgänger anlehnen; es steht fest, daß er des Majolus Leben von Syrusbenutzt hat 5 ) und auf ihm seine eigne Schrift aufbaute. Aber er ist dochselbständig zu Werke gegangen, denn er bietet viel mehr eine eigentlicheBiographie als seine Quelle. Er entwickelt nämlich zunächst die Herkunftdes Mönchtums, das er in letzter Linie von Elias und Johannes Baptistaableitet. Dann kommt er auf Cluni zu sprechen, erzählt von Berno, Odound Heymard und erst von 1, 5 ab berichtet er von Majolus, seiner Her-kunft, seinem Eintritt ins Kloster und von seiner Wahl zum Abte. Bevorer aber sein persönliches Wesen näher berührt, vergleicht er sich in be-scheidenster Weise mit Alchvine, dessen Bearbeitung der Vita Martini erhoch erhebt: wie dieser es mit der Vita Martini getan, so wolle er es imKleinen mit der Vita Maioli halten. Er hat nämlich vorher 1, 8 des Werkesvon Syrus gedacht und sagt dort, daß er in ärmlichem Stile und in kurzenZügen darüber schreiben wolle, was vor ihm in hervorragender Rede überAbstammung, Leben, Sitten, Wunder und Tod des Heiligen dargestelltworden sei. Und später, bevor er zu den Wundern kommt, bemerkt er,daß diese von gelehrten Männern 3 ) in katholischem Sinne und mit Aufwandvon rhetorischer Beredsamkeit und an manchen Stellen im daktylischenVersmaße dargestellt worden seien. Hier im zweiten Abschnitt erzähltOdilo vom Wandel des Majolus, von seinen Wundern und von seiner Wert-schätzung durch Kaiser, Könige und Fürsten und endlich von seinem Tode.Die Schrift war schon abgeschlossen,' als dem Odilo die Erwähnung vonder Gefangenschaft des Majolus bei den Sarazenen und von seiner Befreiungwertvoll erschien. Er stellte sie daher in einem Anhang dar und knüpftedaran eine andere Erzählung, wie nämlich des Majolus Vater Folcheriuseinen Wolf lebendig fing; und er kann es sich nicht versagen, die zu jenerZeit in der Provence aufgetretene Wolfsplage mystisch auf den Einbruch
M Vgl. Sackur, Neues Archiv 15, 122 arbeitung kennen; dem würde aber der Aus-
(Planctus Vs. 4). | druck metro dactylico variata widersprechen,
2 ) Vgl. W. Schultze, Forsch, z. deutsch. da Aldebald auch andre von Heine angewandte
Gesch. 24,163. Versmaße bringt.. 3 ) Odilo könnte daher auch Aldebalds Be-