132 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
kennen gelernt habe, weil er zu jener Zeit mit den mönchischen Disziplinenbeschäftigt gewesen sei und weil er aus Italien stamme. Nun ist es jeden-falls sonderbar, daß Johannes im 3. Kapitel 1 ) des 1. Buches — er teiltesein Werk in drei Bücher — eine summarische Übersicht über Odos Lebenbis zu seiner Erhebung zum Abte gibt und hier auch einige Zeitangabenmacht, die sich später nicht finden. Denn die wirkliche Biographie strebtganz anderen Zielen zu als der stetig fortschreitenden Entwicklung desHelden. Eine solche findet man nur in 1, 5—9 und zwar ist sie hier ausder persönlichen Kunde hervorgegangen, die Johannes von Odo erhielt.Er erzählt hier nämlich von dem oben schon berichteten Zusammentreffenmit Odo in Rom und von dessen bestimmendem Einfluß auf seine Zukunftund berichtet, daß er ihn nach seiner Abstammung und nach seinem Leben zufragen gewagt habe. Darauf habe ihm Odo hierüber Mitteilungen bis zu derZeit gemacht, da er sich dem Dienste des hl. Martin geweiht hatte, d. h. bisin sein 19. Lebensjahr. Hiermit schließt die eigentlich chronologische Er-zählung, durch das ganze Werk aber zieht sich wie ein roter Faden dieengste Hingebung Odos an St. Martin, 2 ) die sich auch noch in seiner Todes-stunde bemerkbar macht. Sonst ist das ganze Werk mit Ausnahme derSchlußkapitel — in ihnen wird die Reformtätigkeit Odos gegenüber Fleuryund anderen Klöstern geschildert und daran schließt sich der Bericht überseinen Tod — ein zeitlich und örtlich wirres Durcheinander von Erzählungenüber Odos Leben und Wirken. Allerdings läßt sich für die zwei erstenBücher insofern ein gewisser Plan aufstellen, als im ersten Buche vor-nehmlich die patientia des Helden in allen möglichen Beziehungen gepriesenwird, während im zweiten Buche seine misericordia und dann seine humilitas,letztere in Verbindung mit der den Cluniacensern besonders auferlegtenPflicht des Schweigens, gerühmt wird. Das dritte Buch handelt hauptsäch-lich von der Lehre, die von Odo ausging und sich in Unterweisung auchauf Johannes erstreckte; hier werden besonders mönchische Pflichten be-züglich der Kleidung und der Enthaltsamkeit von Fleisch dargelegt, bisdann Kap. 8 ff. die Reformierung von Fleury durch Odo erzählt wird. Mansieht hieraus, daß es dem Verfasser hauptsächlich auf die Hervorhebungder mönchischen Tugenden bei seinem Heiligen und auf das Beispiel an-kommt, das dieser durch sein Leben künftigen Generationen geben konnte.Und es ist dem Italiener, 3 ) der nie in Cluni selbst war und Odo doch fernerstand, wohl zu verzeihen, wenn er in seiner Biographie die strenge Zeit-folge mehr oder weniger außer acht ließ. Dabei berücksichtigt er aber,ziemlich eingehend die Verhältnisse in-CIunis Schwesterkloster Baume, dessenVorgeschichte 4 ) episodenhaft eingeschaltet wird, um den Weggang Odosnach Baume zu motivieren. Und auch sonst finden sich mehrfach Exkurse,
') Bei der folgenden Kapitelzählung sind ! 3 ) Er tritt 1,16 p. 154 besonders gegen-
aber stets die zwei Abschnitte der Vorrede I über den Franken hervor in den Worten
mit eingerechnet (nach der Ausgabe vonMabillon a. a. 0. 7,148—183).
2 ) Besonders bezeichnend ist hierfür 1, 21,wo von der Gewalt Odos über die Macht deshl. Martin an dem Beispiel des gerettetenGrafen Fulco erzählt wird.
atque quod est contra naturam Franconwiperraro potu.
4 ) 1 Kap. 22 die Konversion des Adhe-grinus und 23 die Vorschriften Benedikts vonAniane, vgl. 25 f.