Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
130
Einzelbild herunterladen
 

130 a Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

biographie. Rom war auf lange Zeit nicht die Stätte für die Literaturgewesen und war sie auch jetzt nicht. Von der Kurie war in dieser Be-ziehung nichts zu erwarten, denn in ihr bereitete sich seit der Mitte des11. Jahrhunders die Weltherrschaft vor, seitdem sie das Abendland unterdas von ihr ausgehende Recht gebeugt hatte. Man fand hier für die historischeDarstellung keine Zeit und man begnügte sich mit der Fortsetzung desoffiziellen Liber pontificalis, in dem die Papstleben weitergeführt wurden.So ist es in unserm ganzen Zeitraum nur Leo IX. gewesen, ein Deutscher,der von einem Deutschen, dem Touler Archidiakon Wibert, eine Biographieerhielt, die allerdings dem vielseitigen Wirken des großen Kirchenfürstennicht gerecht geworden ist.

Ansätze zur Universalgeschichte endlich sind in unserem Zeitraum mehr-mals gemacht worden, aber sie sind im Versuch meist stecken geblieben.Allerdings war es damals nicht leicht, eine Weltgeschichte zu schreiben,da wegen der großen Verschiedenartigkeit der alten Quellen und wegender lockeren Zeitbestimmungen z. B. der biblischen historischen Werke diesynchronistische Einordnung des Stoffes auf die größten Schwierigkeitenstieß. Den ersten gelungenen Versuch machte Hermann von Reichenau,der die Geschichte seit Christi Geburt bis zur Gegenwart in einem umfäng-lichen Werke behandelte, wobei er allerdings für die älteren Zeiten einewohl in Reichenau selbst schon entstandene Weltchronik benutzte. Mit ihrerHilfe gelang es ihm, die großen Schwierigkeiten, die die Chronologie bot,zu besiegen und eine vergleichsweise richtige Zeitfolge der Ereignisse zugewinnen. Auf seiner Arbeit fußen fast alle späteren ähnlichen Werke ausSüddeutschland. Noch weiter ging der Ire Marianus zurück, der seinechronologischen Studien in Fulda begann und dann in Mainz eine umfäng-liche Weltchronik schrieb, nachdem er ausfindig gemacht hatte, daß sichDionysius Exiguus bei der Ansetzung von Christi Geburt um 22 Jahregeirrt habe, so daß man den Inkarnationsjahren diese Zahl stets hinzufügenmüsse. Während nun aber der Hauptwert von Hermanns Werk für unsin seinem Bericht über die Gegenwart besteht, läßt Marian, dessen Chronikkeinen bedeutenden Einfluß auf die spätere Zeit ausübte, die Gegenwartfast geflissentlich aus dem Spiele und legt den Schwerpunkt seiner Arbeitdurchaus auf die Gewinnung einer festen Chronologie. Auf diese Weisewurden auf den verschiedenen Gebieten der Geschichtschreibung Anfänge ge-macht, die besonders auf dem Felde der Universalgeschichte in der späterenZeit sehr wichtige Fortsetzungen erhielten.

12. Die Lebensbeschreibungen der Cluniacenseräbte.

I. Johannis vita s. Odonis und Ableitungen. Johannes stammtewohl aus Rom und mag um 910 geboren sein. Im Jahre 938 J ) wurde Odoin Rom auf ihn aufmerksam, als er noch der Welt angehörte, und Odo,der damals im 60. Jahre stand,, brachte den jungen Mann ins Petersklosterzu Pavia und dann zu dem Propst Hildebrand von Cluni, der damals wohl

o

') Zum Jahre vgl. E. Sackur, Die Cluniacenser 1, 36L