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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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Berengar von Tours. 115

Auffassung neigte, aber hinsichtlich der von ihm verfochtenen Wahrheitseine Gegner scharf und rücksichtslos angriff. Er fußte mit seiner Ansichtauf den Werken der Kirchenväter und verfocht mit allen Hilfsmitteln derDialektik die Meinung, daß die herrschende Auffassung der Abendmahlslehremit der der Väter nicht vereinbar sei. 1 ) Ein Gegner nach dem andern trat ihmauf dem Kampfplatz gegenüber, eine Synode nach der andern suchte ihnmundtot zu machen. Schließlich scheint es doch nichts anderes als die Furchtvor dem sicheren Tode gewesen zu sein, was ihn zum Schweigen gebracht hat.Er selbst hat nicht eben viel Schriftliches hinterlassen, da wohl die meistenseiner Werke vernichtet worden sind. Und so liegt ein großer Teil seinerBedeutung auf literarischem Gebiete darin, daß er anderen den Mund öffnete,indem sie die herrschende Auffassung mehr oder weniger glücklich ver-teidigten. Und darüber muß hier noch ein kurzer Überblick gegeben werden.

Zuerst war es sein älterer Mitschüler Adel mann, der um 1047 einenherzlich gehaltenen Brief an ihn richtete, um seine Sinnesweise zu ändern.Er erinnert ihn an die alten Zeiten bei Fulbert in Chartres und an diedortigen Zusammenkünfte im Gärtchen bei der Kapelle, da der vortreff-liche Lehrer sie beschworen habe, nicht dereinst in Versuchung und Ärgerniszu verfallen. Und als er gehört habe, daß der Freund aus der Studienzeitüber das Abendmahl anders lehre als die Kirche, habe er vor zwei Jahrenden Paulinus, Primicerius von Metz, an ihn mit einem Briefe geschickt, umvon ihm selbst darüber Sicherheit zu erlangen. Paulinus habe aber dieBotschaft vernachlässigt, doch sei von Seiten des Freundes Bruder G. er-schienen, der ihm allerdings keine schriftliche Mitteilung, wie sie unterFreunden nach so langer Zeit doch üblich sei, wohl aber aufgetrageneGrüße überbracht habe. Und so benutze er die Gelegenheit, diesen Botenmit den Briefen an ihn zurückzusenden und ihn beim Andenken Fulbertszu beschwören, der Kirche den Frieden zu erhalten. Die Ketzer seien ver-gangen, aber ihre Unterdrücker, die Kirchenväter Ambrosius, Augustin undHieronymus, lebten heute noch. Und auch die heidnischen Philosophenhätten viel Torheiten ausgesagt, z. B. daß der Himmel und die Gestirne fest-stünden und daß sich in deren Mitte die Erde mit rasender Geschwindig-keit bewege. Dann kommt Adelmann auf das Abendmahl zu sprechen,dessen Bedeutung er aus Matth. 26 erklärt und mit Aufwand einer großenMenge von biblischen Autoritäten erhärtet. Endlich verweist er auf dieTaufe und hält die Ähnlichkeit dieses Sakraments mit dem AbendmahlBerengar mit sehr nachdrücklichen Worten vor.

Weiter wandte sich Hugo, Bischof von Langres, in einer kurzen Schriftüber den Leib und das Blut Christi im Jahre 1049 gegen Berengar. Hugowar früher Kanonikus in Chartres und war nach der Chronik des hl. Benignuszu Dijon achtzehn Jahre Bischof in Langres, wurde aber dann wegen seinesanstößigen Lebenswandels und wegen seiner Grausamkeit abgesetzt. ImEingange seiner Schrift, die kurz vor seiner Absetzung verfaßt ist, greifter Berengar an, weil dieser Leib und Blut Christi im Abendmahl zwar alskörperlich vorhanden glaube, aber als unkörperlich verstanden wissen wolle.

] ) Vgl. M. Grabmann, Gesch. d.scholast. | z. Gesch. d. frühmittelalterl.Philosophie(1915)Methode 1,219 f. 222. J. A. Endres, Forsch, j S.42ff.