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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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114 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

hängen wollte, und Gregor nötigte ihn dazu, um selbst jedem Verdachteder Ketzerei zu entgehen. Fast ein Jahr hatte Berengar in Rom geweiltund Gregor sandte ihn dann mit einem Schutzbrief in die Heimat zurück.Dort angekommen widerrief er aber das ihm aberzwungene Bekenntnis undbedauerte, dies gegen sein besseres Wissen gegeben zu haben. Noch einmalwurde er zu Bordeaux vor eine Synode gefordert, dann war er des Kampfesmüde und schwieg, d. h. er kam dem Befehl der römischen Synode nach,keine Vorträge und Disputationen über die Abendmahlslehre mehr zu halten.Bevor er sich aber auf die Einsamkeit der bei Tours gelegenen Insel St. Cos-mas zurückzog, schien es, als ob sich alle seine früheren Wünsche undErwartungen mit einemmal erfüllen sollten. Nämlich 1080 war Gregor VII.von den königstreuen deutschen Bischöfen abgesetzt und Erzbischof Wibertvon Ravenna als Clemens III. zum Papst erhoben worden. Doch auch BischofOdo von Bayeux machte sich starke Hoffnung auf die päpstliche Würde,da er gewaltige Mittel besaß, mit denen er die Römer bestach. Aber derehrgeizige Kirchenfürst verschmähte auch andre Mittel nicht, um zu all-gemeiner Geltung zu gelangen. Er lebte mit Lanfranc in bittoror Feind-schaft, und da dieser in ähnlichem Verhältnis zu Berengar stand, so wandteer sich brieflich, bevor er zur See nach Italien gehen wollte, an diesenund versprach ihm die Wiederherstellung seiner Angelegenheiten, worinwohl zunächst die Wiedereinsetzung in seine frühere Lehrfreiheit zu ver-stehen ist. Aber Berengar lehnte dies in seinem Antwortschreiben ab, daer sich ganz in die Schönheit der Natur zurückziehen wolle; auch unter-ließ er nicht, Odo zu ermahnen, von seinem unsitttlichen Lebenswandel ab-zulassen, was dieser jetzt um so eher tun müsse, da ihn Gott über seineFeinde habe triumphieren lassen. Odos hochfliegende Pläne stürzten frei-lich kurz darauf zusammen, denn als er sich nach Rom begeben wollte,wurde er durch seinen Bruder gefangen genommen. Seit dieser Zeit scheintsich Berengar in Schweigen gehüllt zu haben, der Streit hatte ein Endegenommen und die Ruhe des Alters kam über ihn. Das geht namentlichaus seinem letzten erhaltenen Schreiben hervor, das an Erzbischof Joscelinvon Bordeaux gerichtet ist. Soeben war Gregor VII. gestorben und der Toddieses großen Papstes, auf dessen Unterstützung er anfänglich gerechnetund der ihn schließlich zum Schweigen verurteilt hatte, beschäftigte Berengarin hohem Grade. Doch läßt er sich über ihn in aller Ruhe und ohne Bitter-keit in dem Briefe aus und er ist sicher, daß Gregor des ewigen Heilesteilhaftig ist. Allerdings kann er nicht umhin in Frage zu ziehen, ob derPapst seine Macht zu binden und zu lösen richtig gebraucht habe. Ermacht ihm freilich keinen unmittelbaren Vorwurf, aber er scheint sich dochgegen die Gültigkeit von Gregors Machtspruch zu verwahren.

Die letzten Jahre seines Lebens brachte Berengar unangefochten zu.Stets hatte er nach dem Sinne der Zeit untadelig gelebt und jetzt wurdesein Lebenswandel geradezu als heilig betrachtet; hochbetagt starb er am6. Januar 1088, im Martinskloster zu Tours wurde er bestattet. In ihmstarb ein Mann, der eine nicht geringe Bewegung in der wissenschaft-lichen Welt seiner Zeit verursacht hatte. Wir erkennen in ihm einen Geist-lichen, der sonst mehr zu einer gewissen Ruhe und Sanftheit und milder