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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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Berengar von Tours. 113

Abendmahlslehre noch in hohem Ansehen stand und daß man in Rom trotzseiner gegen Lanfranc gerichteten Invektiven sich doch scheute, ihn ganzzu vernichten. Jedenfalls übte er sein Lehramt mit großem Erfolge weiteraus und wußte den Anschlägen seiner Feinde geschickt zu entgehen. Aberdie Entscheidung in seiner Sache nahte, der Papst antwortete auf eineAnfrage des Abts Hugo von Cluni unter dem 7. Mai 1078, daß französischeBischöfe, die eben aus Rom zurückkehrten, seinen Willen kundtun würden:Berengar wurde nach Rom geladen. Und er ist ohne Zweifel gern nachRom gegangen, da er im Papst einen alten Fürsprecher sah, der ihm nütz-lich sein konnte. Ueber seine Vernehmung zu Rom, die zu Allerheiligen 1078erfolgte, hat er selbst ein Schriftstück hinterlassen, dessen Inhalt vielleichtein wenig zu seinen Gunsten gefärbt ist, aber den Gang der Ereignisse imganzen wohl richtig darstellt. Danach hatte er im Beisein der Bischöfeeine Glaubensformel zu beschwören und der Papst verfügte, daß es damitsein Bewenden haben solle, sowie daß Berengar kein Häretiker sei, wasden versammelten Bischöfen aus den Schriften der Väter nachgewiesenwurde. Aber es wurden bald andre Stimmen laut und Berengars Feindebestürmten den Papst, jenen bis zur Fastensynode in Rom zu halten, um dortmit ihrer Meinung durchzudringen. Jedenfalls blieb er in Rom und warschließlich bereit, sein Gelöbnis durch das glühende Eisen des Gottesurteilszu bekräftigen. Schon stärkte er sich hierzu durch ein an Christus ge-richtetes Gebet in fast rhythmischer Form, das sich erhalten hat.

Es beginnt mit der üblichen Doxologie und lautet folgendermaßenweiter:Du bist Fleisch geworden und dein Leiden bewahre mich in jederGefahr. Deine Tugend stehe mir gegen meine Feinde bei und beschützemich vor gewaltsamem Tode. Du hast mit deiner Rechten die Pforten derHölle gebrochen, zerbrich auch meine Feinde. Höre mich, Christus, inmeinem Elend, laß meine Feinde untergehen und sei mein Schild und meinSchutz. Sende den hl. Geist vom Himmel und erleuchte mein Herz, deinKreuzeszeichen lasse mich den Sieg erringen und meine Feinde zuschandenwerden, erbarme dich meiner in meinen Sünden." Das Gedicht besteht auszwölf Strophen von je sechs Versen, die abwechselnd volle und katalektischetrochäische Dimeter darstellen, von denen die letzteren gereimt sind. DieVerse sind nämlich ein Mittelding zwischen Rhythmen und metrischen Ge-bilden; im letzten Falle würden sie viel prosodische Fehler aufweisen.

Zum Gottesgerichte selbst aber kam es nicht, da der Papst seine Ab-haltung untersagte. Am 11. Februar 1079 wurde die Fastensynode eröffnet,und als man drei Tage disputiert hatte, wurde dem Berengar eine Glaubens-formel vorgelegt, in der die Transsubstantiation nach der herrschendenAuffassung der Kirche vollkommen klar ausgesprochen war. Jetzt konnteer seinen Feinden kaum mehr entrinnen, aber er fügte seiner Erklärung,die Formel so annehmen zu wollen, die Auslegung hinzu, daß die Wesens-verwandlung eintrete unbeschadet des eigentlichen Wesens des Brotes undWeines. Doch damit gaben sich die Bischöfe nicht zufrieden und der Papstzwang ihn zu dem Bekenntnis, daß er in seinem bisherigen Leugnen derWesensverwandlung geirrt habe. Berengar sprach dies Bekenntnis, um sichdadurch von lebenslänglicher Haft zu lösen, die der Papst über ihn ver-

Manitius, Lateinische Literatur des Mittelalters. II 8