HO Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
haben, daß Berengar die hl. Schriften richtig auslegt." Mit einem Appellan Roms Ruhm und an die bedeutende Stellung Hildebrands,' die durch Be-günstigung der Irrlehren von Berengars Gegnern nur leiden könne, schließtdieser merkwürdige Brief, der in jeder Weise das Ehrgefühl des Kardinals inbezug auf sein einstiges Verhalten in der Sache Berengars wachrufen sollte.In Rom trat nun Berengar mit dem Papste in Verhandlungen, dieser wiesihn aber an Hildebrand, doch sind beide zu keinem Einvernehmen gekommen,sondern Berengar wurde vor die Lateransynode im April 1059 vorgeladen.Das Haupt der Gegenpartei, der Kardinal Humbert, legte ihm hier eine Formelvor, welche in klaren Worten die herrschende Auffassung des Abendmahlsin der Kirche verkündete. Berengar war über diesen Ausgang in hohemGrade bestürzt und da er für sein Leben fürchten mußte, entschloß ersich, auf den Befehl seiner Feinde die Rechtfertigungsschrift, die er mit-gebracht hatte, dem Feuer zu überliefern und das von Humbert aufgesetzteBekenntnis anzunehmen. Als er nach Frankreich zurückgekehrt war, starbsein Beschützer Gaufrid, dessen Neffe keineswegs die gleichen Anschau-ungen wie sein Oheim hegte. Und auch der Bischof Eusebius änderte seineAuffassung gegenüber Berengar und schrieb ihm einen sehr dringlichen,beinahe herzlichen Brief, worin er ihn aufforderte, des Friedens wegen dasfür wahr zu halten, was der Allmacht Gottes gemäß sei; zugleich verboter ausdrücklich jedes weitere Theologengespräch über die Angelegenheit.Und es scheint, als habe Berengar dann äußerlich eine längere Zeit Ruhegehalten, und Papst Alesander nahm sich sogar seiner gegen den äußerstgewalttätigen Grafen Gaufrid Barbatus nachdrücklich an. Aber innerlichblieb er von der Richtigkeit seiner Lehre überzeugt und trat schließlichum 1068 mit einer Schrift an die Öffentlichkeit, in der er seinem Unmutüber Kardinal Humbert sowie über die Stellung des Papstes und derrömischen Synode zu seiner Lehre auf das heftigste Luft machte. Sie istnicht erhalten, sondern nur noch in Bruchstücken erkennbar, die seinGegner Lanfranc in seine Gegenschrift De corpore etsanguine dominiadversus Berengarium Turonensem aufnahm; diese ist im Jahre 1069erschienen und bald darauf dem Papst Alexander II. übersandt worden,nachdem ihr Verfasser Erzbischof von Canterbury geworden war.
Lanfranc spricht in diesem Buche viel weniger als Gelehrter, sondernvon dem hohen geistlichen Standpunkte, den er bald darauf einnahm. Ernimmt sich doch nicht die Mühe, die angeblichen Irrtümer des Gegners intiefgehender Untersuchung zu widerlegen, und kommt ihm in' dialektischerGewandtheit keineswegs gleich. Er häuft Beschuldigung auf Beschuldigungund zeiht seinen Gegner sogar der offenbaren Fälschung der Väterschriften.Und in bezug auf seinen Standpunkt zum Papsttum und der Kurie be-zeichnet er ihn als den ärgsten aller Häretiker. Die gegen Berengar ge-richtete Widerlegung von dessen Häresien begründet er nur mit demherrschenden Glauben der Kirche und kommt in dieser Beziehung nichtweiter als die Gedanken, die Radbert einst ausgesprochen hatte.
Dieses mehr verdammende als wissenschaftliche Werk zu widerlegenwar für Berengar nicht schwer, der ja seit Jahrzehnten Zeit gehabt hatte,seine Auffassung zu begründen und zu vertiefen und der hinsichtlich dia-
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