108 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
eingehend über den Begriff der Ketzerei und über deren Arten unter-richten wollte.
Nämlich Heinrich I. hatte für den 16. Oktober 1051 eine Synode nachParis ausgeschrieben, wo der gallische Klerus zu Gericht über Berengarsitzen sollte. Diese Aufforderung, die wohl von den Feinden des Neuerersausgegangen war, blieb allerdings nicht unwidersprochen, denn BischofDietwin von Lüttich riet in einem Schreiben dem französischen Könige davonab, gegen Bruno (Eusebius) von Angers und Berengar von Tours auf einerSynode vorzugehen, da dieser Weg nicht gesetzmäßig sei und nicht zumZiele führen könne. Doch die Synode fand statt und ihr Gang wurde durchBerengars Antwort auf das Schreiben des Paulus von Metz beeinflußt.Sein Brief war nämlich abgefangen worden und wurde in der Versammlungvorgelesen. Da Berengar selbst nicht erschienen war, wurden er, seineAnhänger und auch das Werk des Johannes Scotus verdammt und derBeschluß gefaßt, gegen die Ketzer mit Waffengewalt vorzugehen, falls sienicht widerriefen. Daß die Drohung nicht ausgeführt wurde, lag wohlan dem mächtigen Schutze, den Graf Gaufrid dem Berengar gewährte, undes scheint sogar, daß sich dessen Lehre in den nächsten Jahren beimgallischen Klerus weiter ausbreitete. Sein Freund Drogo war allerdingswankend geworden. Wahrscheinlich hatte ihm Berengar, wie dem Paulin,eine Begründung seiner Auffassung mitgeteilt, und Drogo hatte ihm seineAnsicht darüber geschrieben und bemerkt, daß er sich mit dem Bischofvon Chartres ins Einvernehmen gesetzt habe und die Meinung hege, daßAugustin eine besondere Ansicht über das Abendmahl äußere. Hieraufschrieb ihm Berengar zurück, er hätte ihm trotz seiner vielen unangenehmenGeschäfte ausführlicher geantwortet, wenn er nicht gehofft hätte, ihn baldpersönlich zu sehen; er könne ihn aber heilig versichern, daß Augustinüber das Abendmahl'dasselbe gesagt habe, was die andern Kirchenväterdarüber geäußert hätten.
Zur Beilegung des Streites, der jedenfalls die meisten wissenschaft-lichen Theologen Frankreichs in sich zog, sandte Papst Leo IX. im Jahre 1054den gewandtesten und geschäftskundigsten unter den Kardinälen, Hilde-brand, nach Tours, mit dem Berengar alsbald in ein persönliches Verhältnistrat. Das Benehmen Hildebrands scheint nun so gewesen zu sein, daßBerengar Vertrauen zu dem kenntnisreichen Manne faßte und ihn überseine persönliche Stellung aufklärte. Dann wurde in Tours eine Synodeabgehalten, auf der Berengar schließlich die schriftliche Erklärung abgab:„Brot und Wein sind nach ihrer Weihe auf dem Altar Leib und Blut Christi.Ich beschwöre es mit einem Eide, daß ich es so auch im Herzen glaube,wie ich es mit dem Munde bekenne." Er hatte aber vorher eingewilligt,mit Hildebrand nach Rom zu reisen, da dieser ihm zusagte, daß der Papstihn bei einem solchen Bekenntnis gegen seine Feinde schützen werde.Doch bald traf die Nachricht in Tours ein, daß Leo IX. gestorben war,und Berengar gab daher zunächst die Reise nach Rom auf. Die FeindeBerengars konnten mit ihrem Erfolge in Tours zufrieden sein, aber aucher selbst, denn sein Eid hatte ihm vorläufig Ruhe verschafft und er ließwohl jetzt kaum eine Gelegenheit vorübergehen, neue Anhänger zu werben.